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Attentat vom 20. Juli Verschwörer in Uniform: Rekonstruktion eines gescheiterten Putsches

»Wolfsschanze«, 20. Juli 1944, 12.42 Uhr: Eine gewaltige Explosion erschüttert Hitlers Hauptquartier in den Wäldern Ostpreußens. Monatelang hat ein Kreis von Widerstandskämpfern diesen Moment geplant - und mit ihm die kühne Mechanik eines Staatsstreichs
Stauffenberg Attentat

Claus von Stauffenberg (links) und Adolf Hitler am Führerhauptquartier Wolfsschanze am 15. Juli 1944 - wenige Tage vor dem Attentat

Claus Graf von Stauffenberg bleiben vielleicht nur 14 Minuten.

So viel Zeit hat er, um die Aktentasche mit dem Sprengsatz zu deponieren und zu fliehen. Adolf Hitler hat den jungen Generalstabsoffizier vor zwei Tagen zu einer Besprechung in sein Hauptquartier "Wolfsschanze" befohlen, einen Komplex aus etwa 100 Bunkern, Baracken und Schreibstuben, tief verborgen in den Wäldern Ostpreußens.

Es ist der 20. Juli 1944, gegen 12.30 Uhr. Trotz seiner Eile wirkt Stauffenberg nicht gehetzt. Auf dem Weg zur Lagebaracke unterhält er sich lebhaft mit seinen zwei Begleitern. Vor dem "Führersperrkreis", dem innersten Zirkel des Hauptquartiers, passieren sie die Wache, alles läuft reibungslos. Kurz vor dem Gebäude drückt Stauffenberg einem Adjutanten seine schwere Aktentasche in die Hand. "Könnten Sie mich möglichst nahe beim Führer platzieren?", bittet er.

GEO EPOCHE Nr. 44 - 08/10 - Der Zweite Weltkrieg - Teil 2
GEO EPOCHE Nr. 44
Der Zweite Weltkrieg - Teil 2
Von der Ostfront bis Nagasaki: Wie die Katastrophe endete (1943-45)

"Damit ich alles mitbekomme." Als Stauffenberg den Vorraum betritt, ist die Besprechung bereits im Gang.

Das ist perfekt, Verzögerungen kann es nun nicht mehr geben. Rasch hängen die drei Nachzügler ihre Mützen und die Uniformgürtel mit den Pistolen an die Garderobe - im Besprechungszimmer sind Waffen nicht erwünscht.

Die Baracke ist ein grau gestrichener Bau aus Holz und Backstein. In der Mitte steht ein etwa sechs Meter langer Eichentisch, auf dem militärische Lagekarten ausgebreitet sind. Anspannung liegt in der Luft. Die Häufung schlechter Nachrichten, inzwischen tägliche Routine, kann bei Hitler unvermittelt zu Wutausbrüchen führen.

Der Diktator steht mit dem Rücken zur Tür, den Oberkörper weit über den Kartentisch gebeugt. Er trägt eine Brille mit Goldrand, ohne die er den Frontverlauf nicht genau studieren kann.

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, bemerkt den Neuankömmling und meldet ihn bei Hitler. Stauffenberg grüßt. Hitler fixiert ihn wortlos, reicht ihm kurz die Hand. Der Adjutant bittet einen Konteradmiral, der rechts von Hitler steht, seinen Platz für Stauffenberg freizugeben, und stellt dessen Tasche mit dem Sprengstoff auf den Boden.

Entschlossen drängt sich Stauffenberg an den Tisch, um die Aktentasche möglichst nah an Hitler heranzuschieben.

Er kommt nur bis zur rechten Ecke, und auch dort nur bis an die Außenseite jenes schweren Sockels, der den Tisch hier trägt. Diese Position ist nicht perfekt, zwischen Hitler und der Bombe liegt noch das massive Holz des Tischfußes - aber besser ist es nicht zu machen.

Stauffenberg murmelt etwas, signalisiert, dass er die Tasche kurz stehen lassen muss und gleich wieder zurück sein wird, und schiebt sich rückwärts in Richtung Tür. Er gibt Keitels Adjutant ein Zeichen, dass der ihn auf den Flur begleiten soll. Dort erklärt Stauffenberg, er müsse noch kurz einen Anruf erledigen, und bittet den Telefonisten im Vorraum um eine Verbindung.

Doch als Keitels Adjutant wieder im Lageraum ist, legt der Attentäter den Hörer einfach weg - ohne gesprochen zu haben. Mit schnellen Schritten verlässt er das Gebäude. Seinen Gürtel und seine Mütze lässt er an der Garderobe zurück.

Es soll alles so aussehen, als käme er jeden Moment wieder.

Mehr als 30 Attentatsversuche vor Stauffenberg

Stauffenberg will an diesem Tag vollbringen, was bei mehr als 30 Attentatsversuchen zuvor nicht gelungen ist.

Kein Verschwörer kommt seinem Ziel so nah wie der junge schwäbische Adelige, kein Anschlag hat so große Aussicht auf Erfolg. Erdacht haben das Attentat Männer aus der deutschen Elite. Männer, die Hitler lange Zeit bewundert und beraten haben. Männer, deren Handwerk das Töten ist: Offiziere der Wehrmacht.

Ihr Stratege ist Henning von Tresckow, ein Generalstabsoffizier der Heeresgruppe Mitte. Wie alle deutschen Soldaten hat er einen Eid auf Hitler abgelegt, doch seine Ideale darüber nicht vergessen: Tresckow ist gläubiger Christ und stammt aus einer alten preußischen Offiziersfamilie. In Russland erlebt er die Massenerschießungen hinter der Front - und fühlt sich fortan von seinem Eid entbunden. "Man muss Hitler totschlagen wie einen tollwütigen Hund, der die Menschheit gefährdet!", vertraut er 1943 einem Freund an.

Im Sommer 1941 beginnt Tresckow, Gleichgesinnte um sich zu scharen, darunter hochrangige, aber nicht mehr aktive Offiziere wie den ehemaligen Generalstabschef Ludwig Beck, der 1938 aus Protest gegen Hitlers Kriegspläne zurückgetreten ist, sowie Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben, der sein letztes Kommando 1942 verliert. Hitlers Gerede vom "Endsieg" erkennen sie als gefährlichen Wahn. Die Verschwörer wollen den Diktator noch vor dem drohenden Zusammenbruch beseitigen und mit den westlichen Alliierten verhandeln.

Einen Frieden im Osten lehnen die konservativen Offiziere freilich ab.

Obwohl es lebensbedrohlich ist, sich gegen das Regime zu stellen, gewinnen die Widerständler schnell weitere Helfer.

Sie spüren genau, wen sie in ihre Pläne einweihen können. Oft bürgen Verwandte, Freunde oder Kameraden für einen neuen Mann, und besonders der Adel, der im Offizierskorps stark vertreten ist, bildet ein zuverlässiges Netz. Man kennt sich untereinander und weiß, wer vertrauenswürdig ist.

Vor allem hochrangige Militärs lassen sich von der Propaganda nicht täuschen:

Sie haben die Informationen und den Sachverstand, um die katastrophale Lage realistisch zu beurteilen. Wer im Generalstab arbeitet, erlebt jeden Tag die militärisch unsinnigen Befehle Hitlers und dessen Gleichgültigkeit gegenüber dem millionenfachen Leiden, das er verursacht.

Viele konservative Offiziere haben Aufrüstung und Diktatur lange befürwortet, doch nun, da sie sich im Namen einer mörderischen Ideologie missbraucht sehen, entscheiden sich manche zum Widerstand. Auch weil der Vernichtungskrieg ihr Gewissen belastet.

Bald schon sitzen Verbindungsmänner der mehr als 150 Widerständler überall: im Allgemeinen Heeresamt, in Hitlers Hauptquartier und sogar in Paris.

Mitverschwörer schreiben Einsatzpläne heimlich um

Die Blaupause für den Staatsstreich hat ihnen das NS-Regime geliefert: Weil Hitler einen Angriff mit Fallschirmjägern oder einen Aufstand der Zwangsarbeiter fürchtet, hat die Wehrmacht für den Notfall geheime Weisungen an all jene Einheiten erlassen, die nicht an der Front stationiert sind. Diese Befehle liegen in den Panzerschränken der Wehrkreiskommandos bereit und regeln den Einsatz bei inneren Unruhen.

Henning von Tresckow und seine Mitverschwörer schreiben diese Einsatzpläne jedoch heimlich um, sodass sie sich nun gegen SS und NSDAP richten.

Im Ernstfall sollen die Truppen des Heimatheeres das Berliner Regierungsviertel absperren, Minister und Parteiführer verhaften, SS-Verbände entwaffnen und den Rundfunk unter ihre Kontrolle bringen. Die Kommandeure der alarmierten Einheiten sollen dabei glauben, dass sie einen Putsch verräterischer Funktionäre vereiteln.

Aber solange Hitler persönlich eingreifen kann, wollen die Widerständler nicht losschlagen. Trotz aller Niederlagen glauben viele Deutsche noch immer an den Mythos des "Führers". Sollte er jedoch ums Leben kommen, würde das Codewort fallen, die Panzerschränke könnten geöffnet werden: Es lautet "Walküre", inspiriert von den Jungfern der nordischen Mythologie, die die toten Krieger in die Ruhmeshalle des Göttervaters geleiten.

Die Verschwörer haben sehr unterschiedliche Vorstellungen, was nach dem erfolgreichen Staatsstreich und einem Friedensschluss mit den Alliierten geschehen soll. Sicher ist, dass Beck als "Reichsverweser" sofort für ein Ende der Verbrechen sorgen will, indem er etwa die Konzentrationslager auflösen lässt. Für das Amt des Übergangskanzlers ist Carl Friedrich Goerdeler vorgesehen, ein konservativer Jurist und ehemaliger Oberbürgermeister von Leipzig. In einem vorbereiteten Aufruf an das deutsche Volk fordern die Verschwörer, wieder "Ehre und Würde, Freiheit und Leben anderer" zu achten. Demokraten sind sie trotzdem nicht.

Zwar geloben sie, alle Deutschen zu "Trägern des Staates" zu machen, auch die Arbeiterbewegung soll an der Regierung beteiligt werden. Eine Rückkehr zum Parlamentarismus der verhassten Weimarer Republik aber lehnen sie ab.

Die "Neue Ordnung" müsse die "naturgegebenen Ränge" anerkennen, erklärt Stauffenberg. Statt Parteien sollen die alten Eliten den Staat führen.

Stauffenberg treibt die "Operation Walküre" voran

Claus Schenk Graf von Stauffenberg wird 1907 als Sohn einer schwäbischen Adelsfamilie geboren. Obwohl er sich als Jugendlicher vor allem für Kunst, Musik und Gedichte interessiert, schlägt er nach dem Abitur die Offizierslaufbahn ein.

Sein Tatendurst und die Überzeugung, dem Vaterland zu dienen, treiben ihn zu dieser Entscheidung. Schnell zeigt er ein erstaunliches Talent, Menschen zu führen, die Abschlussprüfung legt er als Jahrgangsbester ab. Der junge Offizier ist konservativ; von den Nationalsozialisten erhofft er sich einen "nationalen Umbruch", der den Parlamentarismus beseitigt, den Vertrag von Versailles auflöst und das Militär stärkt.

Als der Krieg beginnt, ist Stauffenberg von Hitlers Erfolgen zunächst beeindruckt, auch an der Ausbeutung der eroberten Gebiete stört er sich nicht.

Sein innerer Widerstand gegen das NS-Regime nimmt erst allmählich zu: im Generalstab des Heeres, wo er seit Mai 1940 arbeitet. Hier erfährt er von der Ermordung Zehntausender Juden, vom Leid der Zivilisten und sowjetischer Kriegsgefangener. Zudem erlebt er, wie die Wehrmacht nach der Niederlage vor Moskau ganze Armeen an der Ostfront in einen sinnlosen Kampf schickt.

Spätestens im April 1942 ist er davon überzeugt, dass nur ein Mordanschlag auf Hitler die Lage noch retten kann. In der Pflicht sieht er jedoch nicht sich selbst, sondern die höchsten Generäle der Wehrmacht.

Im Frühjahr 1943 wird Stauffenberg zum Deutschen Afrikakorps versetzt - und kehrt wenige Wochen später als Kriegsinvalide zurück. Tiefflieger haben ihn schwer verletzt. Seine rechte Hand und zwei Finger der linken müssen amputiert werden. Das linke Auge ist zerschossen. Stauffenberg verdeckt die leere Höhle mit einer Augenklappe.

Nach seiner teilweisen Genesung arbeitet Stauffenberg im Allgemeinen Heeresamt, das im Bendlerblock untergebracht ist, einem Militärkomplex am Berliner Landwehrkanal. Er hat einen Entschluss gefasst: Statt auf andere zu warten, will er nun selbst handeln.

Als Stauffenberg seine neue Stelle antritt, gelangt er in das Zentrum des Widerstands: Im Allgemeinen Heeresamt haben die Verschwörer ihr Hauptquartier eingerichtet. Stauffenberg arbeitet im zweiten Stock, direkt neben General Friedrich Olbricht, der zum Kern der Widerstandsgruppe gehört.

Olbricht kennt Stauffenberg seit drei Jahren, er schätzt dessen Organisationstalent und weiß, dass der Offizier Hitlers Herrschaft ablehnt. Es war Olbrichts Idee, den Kriegsinvaliden zu seinem Stabschef zu ernennen.

Am 10. August 1943 beordert Olbricht Stauffenberg in seine Berliner Villa am Grunewald. Hier weihen ihn die Verschwörer in ihre Pläne ein. Endlich habe man einen Mann gefunden, der nicht alles "in tausend Kanälen versickern lässt", jubelt Tresckow.

Von diesem Tag an treibt Stauffenberg die "Operation Walküre" voran; als Tresckow im Herbst an die Ostfront zurückkehrt, übernimmt er gemeinsam mit Olbricht die Führung bei der Planung.

Stauffenbergs Sorge gilt vor allem der Suche nach einem geeigneten Attentäter, der Hitler nahe kommen kann.

Nach der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie droht die Zeit knapp zu werden, die Niederlage erscheint unausweichlich. Aber die Invasion eröffnet auch eine neue Chance: Denn Hitler fordert frische Truppen, um die Fronten zu stabilisieren - auch im Osten. Dafür braucht er das Wissen des Rekrutierungsexperten Stauffenberg.

Stauffenberg offenbart sich Fromm

Schon am Tag nach der Invasion hält der junge Mann einen Vortrag vor Hitler, für die nächsten Wochen sind weitere geplant. Damit hat Stauffenberg die Lösung: Er selbst wird die Bombe in der Nähe des Diktators platzieren.

Zwei Wochen vor dem ersten Versuch wird Stauffenberg nochmals befördert: zum Stabschef von Friedrich Fromm, dem Befehlshaber des Heimatheeres.

Der Generaloberst sitzt im Bendlerblock an einer Schlüsselposition: Denn außer Hitler ist nur der Befehlshaber des Heimatheeres berechtigt, den Walküre- Alarm auszulösen. Doch wie Fromm sich nach einem Attentat verhalten würde, wissen die Verschwörer nicht.

Als Stauffenberg merkt, dass auch Fromm das Regime verabscheut, offenbart er sich. Details über den Plan der Verschwörer gibt er aber nicht preis.

Fromm hört schweigend zu, bedankt sich für die Offenheit und befiehlt dem jungen Oberst, an die Arbeit zu gehen.

Was Stauffenberg nicht weiß: Fromm hofft selbst, mit seinem Ersatzheer die Macht zu übernehmen - aber erst, wenn die Alliierten die Reichsgrenzen überschreiten. Auch ein Attentat auf Hitler hält er für falsch: Der Zusammenbruch muss für alle Welt offensichtlich stattfinden, damit der "Führer" endlich seinen Rückhalt im Volk verliert.

Für die Umsetzung seiner Pläne aber könnte ihm Stauffenberg noch sehr nützlich werden. In der Zwischenzeit glaubt Fromm, seinen Stabschef bändigen zu können. Ein Irrtum.

Am 15. Juli 1944 reist Stauffenberg zur "Wolfsschanze". Doch es vergeht zu viel Zeit, bis ihm die Verschwörer in Berlin telefonisch die Erlaubnis zum Attentat geben. Der Plan sieht vor, bei dem Anschlag auch Heinrich Himmler zu töten. Da der nicht erscheint, sind die Widerständler verunsichert. Und noch ehe Stauffenberg die Bombe präparieren und in die Besprechung zurückkehren kann, ist die bereits beendet.

Stauffenberg lernt daraus. Beim nächsten Versuch will er eigenmächtig handeln, ob Himmler anwesend ist oder nicht. Und er will den Raum betreten, sobald die Besprechung begonnen hat - mit der scharfen Bombe unter dem Arm. Die Gelegenheit dazu kommt fünf Tage später.

20. Juli 1944, "Wolfsschanze", 12.40 Uhr: Wenige Minuten, nachdem Stauffenberg die Lagebaracke verlassen hat, erreicht er das Büro des Nachrichtenoffiziers. Davor steht sein Wagen samt Fahrer - alles ist bereit.

Aktentasche mit rund einem Kilo Sprengstoff

Stauffenbergs Adjutant Werner von Haeften und General Erich Fellgiebel, ein weiterer Mitverschwörer, begrüßen Stauffenberg erleichtert.

Der General, ein Fernmeldespezialist, hat kurz zuvor die codierte Meldung durchgegeben, dass das Attentat nun tatsächlich stattfindet. Eingeweihte Offiziere in den Vermittlungszentralen der Wehrmacht stellen jetzt keine Anrufe zur "Wolfsschanze" durch und lassen auch keine mehr hinaus.

Die Verschwörer wollen Hitlers Hauptquartier isolieren, um in Berlin freie Hand zu haben. Nur die Telefonverbindungen der SS können sie nicht unterbrechen. Erwartungsvoll blickt Stauffenberg auf die Uhr.

12.42 Uhr: In der Lagebesprechung erklärt Hitler, dass "der Russe" niemals einen Fuß nach Ostpreußen setzen werde. "Vielleicht ist Ostpreußen gar nicht das Ziel", antwortet ihm der Chef der Operationsabteilung. "Vielleicht will er zunächst die Heeresgruppe Nord vernichten." Um die Position der Heeresgruppe Nord zu studieren, müssen sich Hitler und der vortragende General weit über den Tisch lehnen. Ihre Körper ruhen nun fast vollständig auf der Eichenholzplatte.

Unter dem Tisch steht Stauffenbergs Aktentasche mit rund einem Kilo Sprengstoff. Eigentlich wollte der Attentäter die doppelte Menge einsetzen, doch in der kurzen Zeit konnte er nur eine Ladung scharf machen. Ihre beiden chemischen Zünder können nun jeden Moment die Explosion auslösen.

"Das hat sie sich selbst zuzuschreiben", faucht Hitler. "Wenn jetzt nicht endlich die Heeresgruppe vom Peipus- See zurückgenommen wird, dann werden wir eine Katastrophe .. ." In diesem Moment erschüttert eine gewaltige Detonation die Baracke.

Draußen zuckt Stauffenberg zusammen. Erkennen kann er nichts.

Drinnen wird die Tischplatte nach oben gerissen - mitsamt dem darübergebeugten Hitler. Sie zerbricht in der Mitte, kracht zu Boden. Stichflammen schießen hoch, die Lagekarte fliegt brennend durch die Luft. Haare gehen in Flammen auf, Glasscherben regnen herab, Menschen stürzen zu Boden. Mitten im Chaos hört man als Erstes die Stimme Keitels: "Wo ist der Führer?" 12.43 Uhr: Stauffenberg steigt vorn neben dem Fahrer in seinen Wagen, Haeften setzt sich in den Fond. Fellgiebel bleibt zurück. Als es losgehen soll, bemerkt der Fahrer, der Herr Oberst habe Mütze und Gürtel vergessen.

Barsch fährt Stauffenberg an, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern.

Die Straße führt direkt am Explosionsort entlang. Im Vorbeifahren können Stauffenberg und Haeften erkennen, dass eine große Rauchwolke aufsteigt. Verkohlte Papiere wirbeln durch die Luft, Sanitäter eilen heran. Die beiden Verschwörer gehen davon aus, dass Hitler ums Leben gekommen ist.

Im Inneren der Lagebaracke kommen Offiziere und Stenographen nach und nach zu Bewusstsein. Sie schleppen sich ins Freie. Zwei haben ihre Beine verloren, ein General ist von einem Holzstück durchbohrt worden, vier Verletzte werden nicht überleben. Tapeten hängen in Fetzen von der Wand, die Fensterrahmen sind zerbrochen, Stühle zertrümmert. Wo die Aktentasche stand, klafft im Boden nun ein tiefes Loch.

Mittendrin ist Hitler. Er wankt, von Keitel und weiteren Helfern gestützt, mit angesengter Kleidung in Richtung seines Wohnbunkers. Seine Hose hängt in Streifen von seinen Beinen, beide Trommelfelle sind geplatzt. Am rechten Ellenbogen hat er einen Bluterguss, an den Beinen sind die Haare versengt, Hunderte Holzsplitter stecken in seinem Körper.

Aber tot ist er nicht, nicht einmal gefährlich verletzt.

Hitler bleibt nahezu unverletzt

12.44 Uhr: Als Stauffenberg und Haeften an der Wache ankommen, die den "Sperrkreis I" abriegelt, ist der zuständige Leutnant bereits alarmiert. Er hat zwar nur die Explosion gehört und noch keinerlei Informationen, aber er hält den Schlagbaum unten und verlangt Erklärungen. Stauffenberg antwortet mit großer Entschiedenheit, dass er sofort zum Flugplatz müsse. Nach kurzem Wortwechsel darf er passieren.

Gegen 12.55 Uhr: General Fellgiebel späht durch die Bäume: Da steht, in Fleisch und Blut, in frischen Hosen und neuem Uniformrock - und offenbar fast unverletzt: Adolf Hitler. Erregt redet der Diktator auf seinen Diener ein. Längst habe er gewusst, dass in seiner Umgebung Verräter seien, sagt er immer wieder.

Nun werde er die ganze Verschwörung "ausheben". Außerdem spricht er mit Bedauern von seiner Hose. Die sei schließlich ganz neu gewesen.

Fellgiebel verlangt nun, trotz der Nachrichtensperre, eine Verbindung nach Berlin. Der General kann weiterhin jeden erreichen, da ihn die Offiziere in der Telefonzentrale als Mitverschwörer kennen - und sofort durchstellen. Sein Gesprächspartner ist Generalleutnant Fritz Thiele im Bendlerblock: der Nachrichtenchef im Zentrum der Verschwörung.

Fellgiebel meldet ihm, dass Hitler zwar lebe, die Nachrichtensperre aber in Kraft gesetzt sei und die Operation Walküre dennoch anlaufen müsse.

Kurz vor 13.00 Uhr: Stauffenberg und Haeften stehen mit ihrem Wagen am äußeren Zaun der "Wolfsschanze" vor der Wache Süd. Hier ist inzwischen Alarm ausgelöst worden, Spanische Reiter und ein Panzerabwehrgeschütz versperren den Weg. Der Oberfeldwebel an der Wache hat Anweisung, niemanden mehr passieren zu lassen. Stauffenberg versucht auch diesmal, seine Durchfahrt zu erzwingen, aber der Wachhabende lässt sich nicht einschüchtern. Stauffenberg erklärt daraufhin, er wolle telefonieren, was ihm im Wachhäuschen neben dem Schlagbaum sofort ermöglicht wird.

Er verlangt den Kommandanten des Hauptquartiers. Das ist geradezu tollkühn.

Denn mit dem ist Stauffenberg eigentlich zum Mittagessen in der "Wolfsschanze" verabredet; der Anruf aus der Wache Süd wäre unter diesen Umständen wahrscheinlich sofort verdächtig.

Doch am Telefon ist ein anderer Offizier, ein flüchtiger Bekannter Stauffenbergs.

Er meldet, der Kommandant sei zum "Führer" geeilt. Stauffenberg sagt, man müsse ihm sofort das Verlassen des Sperrbezirks ermöglichen. Der Offizier weiß weder von dem geplanten Mittagessen, noch hat er eine Ahnung, weshalb Alarm gegeben wurde. In klarer Überschreitung seiner Kompetenzen lässt er sich den Leiter der Wache geben und befiehlt, den Oberst passieren zu lassen.

13.15 Uhr: Stauffenberg und Haeften erreichen das Flugfeld und laufen zur bereitstehenden Maschine, einer schnellen, zweimotorigen Heinkel He 111. Als das Flugzeug startet, bläst kühler Fahrtwind durch die offenen MG-Stände.

Jetzt, da Stauffenberg unterwegs ist, ruht der Erfolg der Operation Walküre auf anderen Schultern.

Zur gleichen Zeit irrt im Umkreis der Lagebaracke jener Telefonist umher, der Stauffenberg beim Hinausgehen gesehen hat. Er will mehreren Offizieren seine Beobachtungen mitteilen, aber die weisen ihn barsch zurecht und wollen von einem Verdacht gegen einen so hoch angesehenen Oberst nichts hören.

Der Unteroffizier spricht schließlich Martin Bormann an, den "Sekretär des Führers". Der hört endlich zu, und der Telefonist erklärt aufgeregt, Stauffenberg müsse der Attentäter gewesen sein, weil er sich ohne seine Aktentasche und ohne Mütze und Gürtel sehr eilig aus der Lagebaracke entfernt habe. Bormann bringt den Mann direkt zu Hitler.

Wenig später stellt sich der Verdacht als richtig heraus, Stauffenberg ist tatsächlich geflohen. Der Telefonist bekommt 20 000 Reichsmark Belohnung zugesprochen - und ein Haus.

Berlin, Bendlerblock, zwischen 13.00 und 14.00 Uhr: Die Eingeweihten warten auf Nachrichten aus der "Wolfsschanze", darunter Friedrich Olbricht und Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, ein enger Vertrauter Stauffenbergs.

Nebenan sitzt nichts ahnend General oberst Fromm, der Einzige, der den Walküre-Alarm auslösen darf.

Der Plan der Attentäter hängt bereits Stunden hinter dem idealen Szenario zurück - und Olbricht und Mertz haben noch keine Nachricht aus der "Wolfsschanze" erhalten. Sie ahnen, dass etwas nicht stimmt - aber sie wissen nicht, dass ihr Problem in diesem Moment nur ein paar Zimmer entfernt sitzt. Dort zögert und zaudert der Mann, der bereits über alles Bescheid weiß. Es ist Generalleutnant Thiele, den Fellgiebel persönlich aus der "Wolfsschanze" alarmiert hat - und der die Nachricht jetzt nur überbringen müsste.

Genau das aber tut er nicht. Er tut gar nichts. Ganz offensichtlich hat er den Kopf verloren und glaubt nicht mehr an den Erfolg des Staatsstreichs. Er sagt, er müsse spazieren gehen, und verlässt fluchtartig seine Dienststelle - ohne sein Wissen mit jemandem geteilt zu haben.

Bei Olbricht und Mertz lässt irgendwann die Anspannung nach. Die Tatsache, dass sie nichts gehört haben, lässt im Grunde nur eine Deutung zu: Die Zündung der Bombe ist Stauffenberg wieder nicht gelungen. Olbricht trifft in dieser Situation eine verständliche, angesichts der wirklichen Lage aber geradezu absurde Entscheidung: Er geht erst einmal in Ruhe Mittag essen.

"Wolfsschanze", kurz nach 14.00 Uhr: Himmler gibt den Befehl, Stauffenberg in der Luft abzuschießen oder an dem Ort festzunehmen, den er als Ziel angegeben hat: Rangsdorf bei Berlin.

Blitzgespräch in der "Wolfsschanze"

Berlin, ca. 15.40 Uhr: Stauffenberg landet.

Er hat Himmlers Schachzug vorausgesehen und die Maschine, die ihm ein Mitverschwörer zur Verfügung gestellt hat, wahrscheinlich zu einem anderen Flugplatz umgelenkt, vermutlich Tempelhof oder Gatow.

Im örtlichen Büro der Luftwaffe gelingt es Haeften, im Bendlerblock anzurufen.

Er erreicht Olbricht, der mittlerweile vom Essen zurückgekehrt ist und ihn fragt, was eigentlich los sei, was wiederum Haeften stark irritiert: Ist nicht die Meldung eingegangen, dass die Bombe explodiert ist und Hitler getötet hat?

Die Nachricht sei in Berlin nicht angekommen, berichtet Olbricht. Das bedeutet, es wurden bisher keinerlei Walküre-Maßnahmen ausgelöst.

Eine Erkenntnis, die beide schockiert. Kostbare Stunden sind verloren.

Olbricht und Mertz reagieren unverzüglich: Operation Walküre muss sofort anlaufen. Sie nehmen die vorbereiteten Befehle aus dem Panzerschrank in ihrem Büro und rufen die leitenden Generalstabsoffiziere des Allgemeinen Heeresamts zusammen.

Hitler sei einem Attentat zum Opfer gefallen, erklären sie, die Wehrmacht habe unter dem Oberbefehl des verdienten Generalfeldmarschalls von Witzleben die Macht übernommen, um Ruhe und Ordnung zu erhalten und den Kampf an der Front fortzuführen; die Regierungsverantwortung liege bei General oberst a. D. Beck.

Niemand zweifelt an ihren Worten. Ein Major erhält die Order, die ersten Walküre-Befehle an die Dienststellen in Berlin und Umgebung durchzugeben.

Besonders wichtig ist die Stadtkommandantur, die Befehlszentrale für die Wehrmacht innerhalb Berlins. Ihr Befehlshaber, Generalleutnant Paul von Hase, steht fest auf der Seite des Widerstands.

Jedem ist klar, dass der Aufstand zwar von Paris bis Prag stattfinden soll, dass über Erfolg oder Misslingen am Ende aber Berlin entscheiden wird: Hier muss die Entwaffnung der SS und die Verhaftung der wichtigsten Nationalsozialisten bis zum Abend gelingen - oder die Operation Walküre ist gescheitert.

Hase alarmiert sofort seine Truppen.

Wolfschanze

Das ehemalige Führerhauptquartier Wolfsschanze im heutigen Polen: Ein deutscher Schicksalsort der in der Gegenwart als Touristenmagnet gilt

"Wolfsschanze", gegen 16.00 Uhr: Hitler erwartet seinen italienischen Verbündeten Benito Mussolini am Waldbahnhof Görlitz zu einem lange geplanten Besuch. Er legt größten Wert auf ein gefasstes Erscheinungsbild. Den Einwand einer Sekretärin, er könne doch jetzt nicht Mussolini empfangen, wischt er beiseite: Was würde sonst die Weltpresse schreiben? Außerdem ist der Reichspressechef gerufen worden, der nun eine kurze Meldung über das Attentat abfasst, die in ganz Deutschland über Rundfunk verbreitet werden soll.

Berlin, kurz nach 16.00 Uhr: Olbricht meldet Fromm, dass Hitler einem Attentat zum Opfer gefallen sei. "Von wem wissen Sie das?" Olbricht antwortet, die Nachricht stamme direkt aus Hitlers Hauptquartier, und drängt Fromm, das Stichwort Walküre auszugeben.

Der erwidert, einen solchen Befehl könne er nur geben, wenn er sich persönlich von Hitlers Tod überzeugt habe. Olbricht verlangt daraufhin ein Blitzgespräch mit Generalfeldmarschall Keitel in der "Wolfsschanze" - Keitel meldet sich und versichert Fromm, dass das Attentat fehlgeschlagen sei und Hitler nur unwesentlich verletzt wurde.

Unter den gegebenen Umständen, sagt Fromm, sei er auf keinen Fall bereit, Walküre auszulösen. Olbricht ist zum ersten Mal unsicher, was in der "Wolfsschanze" wirklich geschehen ist.

Gegen 16.30 Uhr: Der Kommandeur des Wachbataillons "Großdeutschland", Major Otto Ernst Remer, erreicht die Stadtkommandantur Unter den Linden.

Remer, ein junger Offizier, sieht sich als eine Art Musterknabe, sein Engagement geht stets weit über das geforderte Maß hinaus. Er meldet sich bei seinem Chef, Generalleutnant Hase, und wird sofort vorgelassen.

"Der Führer ist tödlich verunglückt!", sagt Hase. "Innere Unruhen sind ausgebrochen.

Die Vollzugsgewalt übernimmt das Heer!" Remer ist erschüttert. Bis zu dieser Sekunde hat er fest an den versprochenen "Endsieg" geglaubt. Er erhält einen Stadtplan mit Anweisungen, wie er mit seinem Bataillon das Regierungsviertel zwischen den Bezirken Berlin-Mitte und Tiergarten abzusperren hat.

Er fährt zu seinem Regiment zurück. Überlegt. Möglicherweise sind offene Machtkämpfe um Hitlers Nachfolge ausgebrochen. Als Kommandeur des Wachbataillons ist er eine entscheidende Figur, das weiß er. Remer könnte belogen, von der falschen Seite ausgenutzt, in tödliche Verwirrungen verstrickt werden. Seine Besorgnis wächst.

Mertz von Quirnheim entscheidet sich in seinem Büro im Bendlerblock, nicht länger auf Fromm und Olbricht zu warten.

Er nimmt den Entwurf für das heikelste aller Walküre-Fernschreiben zur Hand sowie eine Liste der 20 wichtigsten Wehrmachtsdienststellen, an die es gesendet werden soll. Beides gibt er einem zuverlässigen Hauptmann. Sofort absetzen, lautet sein Befehl.

Eigentlich darf das nur Fromm, aber Mertz setzt sich bewusst über den Generaloberst hinweg. Er hofft, dass hinterher niemand mehr nach den korrekten Befehlswegen fragen wird.

Wegen eines Missverständnisses werden die Fernschreiben allerdings mit der höchsten Geheimhaltungsstufe verschickt - ein Fehler. Denn dafür sind Geräte nötig, die eine komplizierte Verschlüsselung verwenden und sehr langsam arbeiten. Die Übertragung zieht sich bis in die Abendstunden hin, einige Fernschreiben werden schließlich ungesendet zurückbleiben.

Die wichtigsten Adressaten der Walküre- Fernschreiben sind die 21 Wehrkreis- Kommandos - von Königsberg bis Paris, von Hamburg bis Prag.

Zur Begründung der Walküre-Maßnahmen haben die Verschwörer einen Putsch der Partei konstruiert: "Eine gewissenlose Clique frontfremder Parteiführer" habe den Tod des "Führers" ausgenutzt und versucht, "die Macht zu eigennützigen Zwecken an sich zu reißen", heißt es in der ersten Mitteilung.

Die Wehrmacht habe deshalb die Entwaffnung der Waffen-SS, des Reichsarbeitsdienstes, aller öffentlichen Behörden, der Polizei, der NSDAP und all ihrer Parteigliederungen befohlen.

Darunter steht die Unterschrift des Generalfeldmarschalls a. D. von Witzleben. Der Widerstandskämpfer wird jeden Moment im Bendlerblock erwartet.

Durch eine geheime Schaltung der Nachrichtenverbindungen, die den Verschwörern nicht bekannt ist, landen diese Fernschreiben jedoch auch in der "Wolfsschanze". Dort lösen sie höchsten Alarm aus: In Berlin läuft offensichtlich ein Staatsstreich.

Himmler bringt diese Nachricht sofort zu Hitler und schlägt vor, die Wehrmachtsoffiziere zu verhaften. Er selbst werde die Befehlsgewalt über das Ersatzheer übernehmen. Hitler stimmt zu.

Gleichzeitig schickt Keitel einen Blitzfunkspruch an die Wehrkreise: "Der Führer lebt! Völlig gesund! Befehle von Generaloberst Fromm, Feldmarschall von Witzleben nicht ausführen!" Diese Entwicklung, von der die Widerständler anfangs nichts ahnen, ist eine Katastrophe. Nicht nur kommt die Gegenaktion aus der "Wolfsschanze" viel früher als erwartet, sie läuft auch nicht über die langsamen Geheim-Fernschreiber, sondern über den schnellen militärischen Funkverkehr.

"Graf Stauffenberg, das Attentat ist missglückt"

Gegen 16.45 Uhr: Stauffenberg und Haeften kommen im Bendlerblock an.

Gemeinsam mit seinem Adjutanten und einem weiteren Helfer betritt Stauffenberg das Büro seines Vorgesetzten Generaloberst Fromm. Er könne Hitlers Tod nun definitiv bestätigen, sagt er knapp. Walküre laufe bereits an, und Fromm solle sich den notwendigen Maßnahmen nicht länger in den Weg stellen.

"Das ist doch unmöglich, Keitel hat mir das Gegenteil versichert." "Der Feldmarschall Keitel lügt wie immer. Ich habe selbst gesehen, wie man Hitler tot hinausgetragen hat. Ich habe die Bombe selbst während der Besprechung bei Hitler gezündet." Fromm bleibt unbeeindruckt: "Graf Stauffenberg, das Attentat ist missglückt. Sie müssen sich sofort erschießen." "Das werde ich keinesfalls tun." "Dann erkläre ich Sie hiermit für verhaftet", schreit Fromm.

"Wenn hier jemand verhaftet wird, dann sind Sie es!", sagt Stauffenberg kühl. In diesem Augenblick springt Fromm erregt auf und stürzt mit erhobenen Fäusten auf den Oberst zu.

Stauffenbergs Begleiter ziehen ihre Pistolen und treten Fromm in den Weg.

Als der den Druck einer Waffe in seinem Bauch spürt, dreht er um und sinkt hinter dem Schreibtisch zusammen. Wenig später wird Fromm mit seinem Adjutanten in das eigene Vorzimmer gedrängt und unter Bewachung gestellt.

Gegen 17.00 Uhr: Major Remer verkündet seinen Offizieren in der Kaserne des Wachbataillons den Tod Hitlers. Ein Leutnant schöpft Verdacht: Immerhin soll auch Joseph Goebbels zu den "Abgesperrten" gehören. Er sagt zu Remer, dass hier etwas nicht stimmen könne.

Der teilt diese Ansicht nicht, willigt aber ein, den Leutnant so schnell wie möglich zu Goebbels zu schicken - um nachzufragen, was eigentlich im Gange sei. Dann ordnet er die Verladung seiner Kompanien auf Lastwagen an. Die Abriegelung des Regierungsviertels beginnt.

17.25 Uhr: Der misstrauische Leutnant erreicht das Wohnpalais des Propagandaministers.

Goebbels residiert feudal in Sichtweite von Reichstag und Brandenburger Tor. Zunächst will er die Geschichte nicht glauben - ein Staatsstreich von diesem Ausmaß erscheint ihm unvorstellbar. Daraufhin bittet ihn der Leutnant ans Fenster und zeigt ihm Lastwagen voller Soldaten des Wachbataillons, die gerade an dem Haus vorbeifahren.

Schlagartig wird Goebbels das Ausmaß der Operation Walküre klar. Er ordnet an, Remer herzubringen. In diesem Moment ruft Hitler bei Goebbels an. Er drängt darauf, seine Stimme so bald wie möglich über den Rundfunk hören zu lassen.

Goebbels wartet ungeduldig auf Major Remer. "Von diesem Major hängt alles ab", sagt er. "Wenn er sich auf unsere Seite stellt, werden wir den Aufstand niederschlagen." Dann geht er in sein Schlafzimmer und steckt sich zwei Ampullen mit Zyankali in die Tasche.

18.45 Uhr: Mit entsicherter Pistole in der Hand nähert sich Major Remer der Villa des Propagandaministers. Er weiß nicht, ob er Goebbels trauen kann. Wer hier gerade nach dem Willen des "Führers" handelt und wer nicht, ist für ihn nicht mehr zu erkennen.

Goebbels fragt, was der Herr Major zu tun gedenke. Remer antwortet, er fühle sich an seinen Eid gebunden, auch wenn Hitler nicht mehr lebe.

Damit hat Goebbels nicht gerechnet. Er blickt Remer erstaunt an. "Wieso?", fragt er. "Der Führer lebt doch. Ich habe gerade mit ihm gesprochen.

Das Attentat ist misslungen!" Remer kann es zunächst kaum glauben.

Goebbels fragt ihn, ob er Nationalsozialist sei. Remer bejaht. Im Gegenzug verlangt der Major ein Ehrenwort, dass Goebbels bedingungslos hinter Hitler stehe. Statt einer Antwort lässt Goebbels ein Gespräch mit der "Wolfsschanze" herstellen. Nach einer Minute kommt Hitler ans Telefon. Goebbels erklärt kurz die Lage, dann übergibt er den Hörer.

Hitler spricht Remer mit Namen an: "Major Remer, hören Sie mich, erkennen Sie meine Stimme?" "Jawohl." "Wie Sie sich also überzeugen können, lebe ich. Das Attentat ist misslungen, die Vorsehung hat es nicht gewollt.

Eine kleine Clique ehrgeiziger, treuloser und verräterischer Offiziere wollte mich umbringen. Wir werden mit dieser verräterischen Pest kurzen Prozess machen. Sie, Major Remer, erhalten von mir in diesem Augenblick alle Vollmachten für Berlin." Als das Gespräch beendet ist, hat Remer keine Zweifel mehr: Er handelt jetzt in Hitlers direktem Auftrag.

Er richtet in der Goebbels-Villa einen Gefechtsstand ein und beginnt sofort, Offiziere loszuschicken, um die vorrückenden Truppen abzufangen. Sie werden Hitlers Botschaft weitergeben und die Befehle der Verschwörer für ungültig erklären. Die Operation Walküre hat einen schweren, im Grunde tödlichen Schlag erlitten.

Bendlerblock, gegen 19.00 Uhr: Stauffenberg gibt zum ersten Mal zu, dass er nicht mehr daran glaubt, Hitler erledigt zu haben: "Der Kerl ist nicht tot, aber der Laden läuft ja." Den Kommandeur des Wehrkreises, der Berlin und Brandenburg umfasst - einen Nationalsozialisten - haben die Verschwörer gefangen genommen. Doch die wichtigsten Ziele auf ihrer Liste, das Hauptquartier der Gestapo und das Führungsamt der SS, bleiben unbesetzt.

Dem Widerstand fehlen die nötigen Truppen. In Stauffenbergs Büro herrscht ständiges Kommen und Gehen. Pausenlos klingelt das Telefon mit Rückfragen aus den Wehrkreisen. Eine Sekretärin bringt kalte Platten. Längst haben sich auch die anderen Verschwörer um Generaloberst a. D. Ludwig Beck eingefunden.

Wohl etwa zur gleichen Zeit wird eine Meldung aus der "Wolfsschanze" im Radio gesendet und ständig wiederholt: Hitler lebt und ist nur leicht verletzt. Kurz nach 19.00 Uhr: Stauffenberg lässt sich von den Rundfunkmeldungen nicht beirren. Er diktiert einer Sekretärin ein neues Fernschreiben an alle Wehrkreise und Heeresdienststellen.

Standgerichte stehen bereit

"Das Kommuniqué trifft nicht zu", formuliert er. "Der Führer ist tot. Die angeordneten Maßnahmen sind mit höchster Beschleunigung durchzuführen." Ein Verschwörer, der auf Kundschaft geschickt wird, findet die Lage noch ganz im Sinne der Widerständler vor. Nahe dem Brandenburger Tor sieht er die Männer der "Leibstandarte Adolf Hitler" herumstehen, entwaffnet.

Immer wieder läutet in Stauffenbergs Büro das Telefon. Der Oberst kämpft um jeden Verbündeten. Und doch muss er in diesem Moment spüren, dass seine Mühen vergeblich sein werden. In 13 der 21 Wehrkreise hat es keine klare Reaktion auf die Walküre-Befehle gegeben.

Die Funksprüche aus der Wolfsschanze sowie die Tatsache, dass von Witzleben die Anweisungen unterschrieben hat und nicht Fromm, haben das Misstrauen vieler Kommandeure geweckt.

Nur Paris macht Stauffenberg Hoffnung: Hier wird die Verhaftung der SS- und Polizeiverbände vorbereitet. Standgerichte stehen bereit: Im Hof der École Militaire werden Sandsäcke für die Erschießungskommandos aufgestapelt.

In der Goebbels-Villa nimmt Major Remer laufend Ergebenheitsadressen der Truppenführer entgegen. Die Nachricht von Hitlers Überleben ist nun überall. Selbst jene Offiziere, die sich Stunden zuvor über die Todesmeldung gefreut haben, erkennen die Sinnlosigkeit weiterer Putschaktionen.

Gegen 20.00 Uhr: Generalfeldmarschall von Witzleben, der designierte Oberbefehlshaber, kommt im Bendlerblock an. Mit grimmiger Miene strebt er auf Stauffenberg zu und verlangt eine sofortige Meldung. Stauffenberg schildert die Lage.

Mit einer derart aussichtslosen Sache will Witzleben nichts mehr zu tun haben. Er steht auf, verlässt zornig den Raum und erklärt, er werde nach Hause fahren und nicht wiederkommen.

Gegen 21.00 Uhr: Fromm, den die Verschwörer noch immer gefangen halten, bittet, sich in seine Dienstwohnung im dritten Stockwerk zurückziehen zu dürfen, und verspricht, nicht zu fliehen. Man lässt ihn gehen.

22.30 Uhr: Major Remer erfährt, dass die Verschwörer im Bendlerblock sitzen. Goebbels befiehlt, den Komplex zu besetzen.

Die Soldaten des Wachbataillons rücken aus. Unterdessen ist auch Stadtkommandant von Hase in der Goebbels-Villa eingetroffen - und beteuert, er habe von dem Putsch nichts gewusst.

Doch der Propagandaminister glaubt ihm nicht: Später am Abend wird er ihn von der Gestapo abholen lassen.

Nach 22.30 Uhr: Im Bendlerblock stürmt ein Trupp regimetreuer Offiziere in das Büro von Olbricht und stellt ihn zur Rede. Lebt Hitler, oder lebt er nicht? Richten sich die befohlenen Maßnahmen gegen den "Führer"? Olbricht antwortet, es gebe widersprüchliche Meldungen, mehr könne er nicht sagen.

Daraufhin wird der Anführer der Gruppe, Oberstleutnant Franz Herber, scharf: Olbricht dürfe das Zimmer nicht mehr verlassen, und er verlange sofort, mit Generaloberst Fromm zu sprechen.

Stauffenberg brüllt ein Hoch auf ein besseres Deutschland heraus

In diesem Moment platzen Mertz und Stauffenberg ins Zimmer. Herber versucht, sie ebenfalls festzusetzen.

Stauffenberg stürzt zur Tür, Herber und ein Major verfolgen ihn. Stauffenberg gelingt es, auf den Gang zu entkommen, die anderen stürmen hinterher. Auf dem Flur fallen Schüsse, Stauffenberg klemmt seine belgische Armeepistole unter seinen Armstumpf, lädt sie mit der linken Hand durch, schießt ebenfalls.

Dann wird er am linken Arm getroffen. Im Gang breitet sich eine Blutlache aus. Der Schusswechsel ist schnell beendet.

Niemand will die Sache im Nahkampf ausfechten. Stauffenberg wird in Ruhe gelassen. Herber schickt einen Hauptmann los, um Fromm aus seiner Dienstwohnung zu holen.

Stauffenberg blutet stark und hat sich in Fromms Vorzimmer hingesetzt. Die schwarze Klappe, die sein rechtes Auge bedeckt, hat er abgelegt. Die umstehenden Mitverschwörer erschrecken über den Anblick der leeren Augenhöhle. Er lässt sich noch einmal mit Paris verbinden.

Die Nachrichten klingen noch immer gut: SS- und Polizeitruppen sind tatsächlich verhaftet. Stauffenberg aber hat den Glauben verloren. "Draußen lärmen schon die Schergen auf dem Flur", erklärt er. Dann legt er auf.

Herber lässt die Verschwörer in Fromms Büro zusammenführen. Draußen fahren Remers Männer vor. Als sie ins Innere vordringen, stellen sie fest, dass Herber dort bereits die Kontrolle übernommen hat.

Gegen 23.00 Uhr: Fromm ist in sein Büro zurückkehrt. In den umliegenden Räumen drängen sich Dutzende von Offizieren, um durch die offenen Türen das dramatische Geschehen zu verfolgen.

Bendlerblock, 21. Juli 1944. 0.15 Uhr. Als die vier auf den Hof hinaustreten, starren sie in zahllose Autoscheinwerfer, die auf das Gebäude gerichtet sind.

Sie werden zu einem Sandhaufen geführt, der bei Bauarbeiten im vorderen Teil des Hofes aufgeschüttet wurde. Einzeln müssen sie vortreten. Als Erster General Olbricht. Eine Salve, er fällt rückwärts in den Sand.

Dann kommt Stauffenberg. Er ruft einen Satz, der über den Hof hallt und von vielen Umstehenden gehört wird. "Es lebe das heilige Deutschland", glauben drei Zeugen vernommen zu haben.

Andere hören: "Es lebe das geheime Deutschland". Sicher ist nur, dass Stauffenberg ein Hoch auf ein besseres Deutschland herausbrüllt.

Als die Schüsse fallen, wirft sich von Haeften vor Stauffenberg und wird von den Kugeln getroffen. Stauffenberg steht immer noch. Erst die nächste Salve streckt ihn nieder. Als Letzter stirbt Mertz von Quirnheim.

Die Verhafteten selbst sind ruhig, die Stunde des Kampfes ist vorüber. "So, meine Herren", sagt Fromm. "Sie werden jetzt Ihre Waffen abgeben und des Hochverrats angeklagt werden. Sie sind auf frischer Tat ertappt worden. Wir werden Sie standgerichtlich verurteilen." Jeder im Raum kennt die Strafe für Verrat: Tod durch Erschießen.

Dazu fehlt Fromm jegliche rechtliche Grundlage. Zwar gibt es Bestimmungen für Standgerichte, die bei "tätlichem Angriff auf den Vorgesetzten" und "Meuterei" in Aktion treten können. Aber die sind für die Front gedacht, bei Gefahr im Verzug, und selbst hier muss ein "Spruchkörper", gebildet aus mehreren Offizieren, ein Schnellverfahren abhalten.

Doch darauf verzichtet Fromm. Da stehen sie also und legen ihre Waffen ab: Claus Graf Stauffenberg, ungebrochen.

Ritter Mertz von Quirnheim, in schweigender Verachtung. Friedrich Olbricht, vom schweren Kampf um die Macht gezeichnet. Werner von Haeften, trotzig und kampflustig. Als auch Beck aufgefordert wird, seine Waffe abzugeben, bittet er, die Pistole zum "privaten Gebrauch" behalten zu dürfen. Das erlaubt Fromm. Dann schickt er bis auf zwei Offiziere alle Männer aus dem Raum und lässt die Türen schließen.

Beck setzt sich abseits in einen Sessel, hebt die Pistole an den Kopf. Dann drückt er ab, schwankt, Blut rinnt von seiner Schläfe, aber er ist nicht tödlich getroffen. Stauffenberg geht zu ihm und stützt ihn. Beck hebt die Pistole, mühsam, ein zweites Mal, und schießt wieder.

Dann bricht er zusammen, die Waffe fällt ihm aus der Hand. Er wird hinausgetragen, ist aber immer noch nicht tot.

Olbricht fragt, ob er einige Zeilen an seine Frau schreiben dürfe. Fromm gewährt ihm diesen Wunsch. Dann verlässt er den Raum. Draußen befiehlt er einem Offizier des Wachbataillons, ein Erschießungskommando aus zehn Unteroffizieren zu bilden und im Hof Aufstellung zu nehmen. Es schlägt Mitternacht.

Als Fromm wenige Minuten später zurückkommt, beginnt er in einem harschen formalen Ton zu reden.

"Im Namen des Führers hat ein von mir bestelltes Standgericht das Urteil gesprochen: Es werden der Oberst im Generalstab von Mertz, General Olbricht, der Oberst, den ich mit Namen nicht nennen will, und der Oberleutnant von Haeften zum Tode verurteilt." Stille im Raum. Schon die Ankündigung, ein Standgericht abzuhalten, muss den Zeugen als überhastet erscheinen - mit einer Übergabe der Verschwörer an das Wachbataillon hätte Fromm alle Regeln eingehalten. Jetzt handelt er vorschriftswidrig, irrational, rachsüchtig.

Fromm will die Verschwörer offenbar schnell und ohne rechtliche Grundlage erschießen lassen. Weshalb? Sein Verhalten in diesen Minuten ist widersprüchlich. Übergangslos wechselt er zwischen Rachsucht und Milde. Vielleicht kommt in diesem "Urteil" nun sogar beides zusammen: das Gefühl, dass er in diesen Minuten eine persönliche Schmach tilgen muss - und die Gewissheit, dass auch den ehemaligen Kameraden nichts daran liegen kann, Himmlers Schergen in die Hände zu fallen.

Stauffenberg hat bisher zornig geschwiegen. Nun sagt er, dass er die alleinige Verantwortung für den Staatsstreich trage. Fromm tritt demonstrativ zur Seite. Die vier "Verurteilten" gehen schweigend aus dem Raum. Sie werden von Soldaten eskortiert, steigen langsam das Treppenhaus zum Hof hinab.

Von Haeften bäumt sich noch einmal auf. Er wird festgehalten, versucht für einen kurzen Moment, sich loszureißen. Fromm folgt den Männern nicht.

Die Folgen des Attentats vom 20. Juli

Kurz darauf kommt Fromm in den Hof und befiehlt die rasche Beerdigung der Getöteten. Generaloberst Beck, der in den Diensträumen noch immer mit dem Tod ringt, lässt er den Gnadenschuss geben.

Dann wird auch Becks Leichnam die Treppe heruntergeschleift, mit den anderen zu einem Friedhof in Berlin-Schöneberg gebracht und dort verscharrt.

Wenige Minuten später trifft Major Remer ein - zu spät, um die Erschießungen noch zu verhindern. Goebbels hatte ihn beauftragt, die Verschwörer lebendig zu ergreifen.

Ostpreussen, gegen 1.00 Uhr: Im Sender Königsberg wird jene Schallplatte aufgelegt, die Hitler am Abend in der "Wolfsschanze" aufgezeichnet hat.

"Wenn ich heute zu Ihnen spreche, dann geschieht es aus zwei Gründen. Erstens: damit Sie meine Stimme hören und wissen, dass ich unverletzt und gesund bin. Zweitens: damit Sie aber auch das Nähere erfahren über ein Verbrechen, das in der deutschen Geschichte seinesgleichen sucht." Im Morgengrauen beginnt die Rache des NS-Regimes: Auf Himmlers Befehl werden die Toten ausgegraben, fotografiert und anschließend verbrannt. Damit den Widerstandskämpfern kein Ort der letzten Ruhe bleibt, verstreut die SS ihre Asche über den Rieselfeldern der Stadt - Wiesen, in denen die Abwässer der Metropole versickern.

Wer von den Verschwörern noch am Leben ist, wird von der Gestapo verhaftet. Mehr als 400 Kriminalbeamte enttarnen das weit verzweigte Netz des Widerstands. Manchmal geben Gefangene weitere Namen preis, manchmal findet die Gestapo neue Spuren in beschlagnahmten Tagebüchern und Briefen.

Auf Haft und Folter folgen schließlich Schauprozesse vor dem Volksgerichtshof.

Nach teils wochenlangem Verhör werden Erich Fellgiebel, Erwin von Witzleben, Fritz Thiele sowie 86 weitere Verschwörer im Gefängnis Plötzensee gehenkt: mit einem Klavierdraht an Fleischerhaken, so wie es Hitler angeordnet hat. Rund 200 Männer werden als Mitverschwörer hingerichtet.

Um seine Freunde zu schützen, sprengt sich Henning von Tresckow am 21. Juli mit einer Granate in die Luft.

Als Hitler erfährt, dass auch Feldmarschall Erwin Rommel mit den Widerständlern sympathisiert hat, zwingt er ihn im Oktober 1944 zum Selbstmord.

Selbst Friedrich Fromm kann sich nicht retten: Da ihm keine direkte Beteiligung am Attentat nachgewiesen werden kann, lässt ihn Hitler im März 1945 wegen "Feigheit vor dem Feind" verurteilen und erschießen.

Doch nicht nur Widerständler werden eingesperrt und hingerichtet, sondern auch ihre oft nicht einmal eingeweihten Frauen, Kinder, Eltern, Geschwister. Stauffenbergs schwangere Frau Nina etwa wird in das KZ Ravensbrück deportiert. Ihre vier Kinder werden unter falschen Namen in einem NS-Kinderheim versteckt. Erst nach Kriegsende wird sie sie wiedersehen.

Es waren Zufälle, Fehler und Missverständnisse, die Hitler am 20. Juli 1944 das Leben gerettet haben. Aber selbst wenn es den Verschwörern gelungen wäre, den Diktator zu töten und die Macht zu übernehmen, hätten sie die totale Niederlage nicht mehr abgewendet: Die Alliierten forderten längst die bedingungslose Kapitulation, zu Verhandlungen waren der britische Premier Churchill und US-Präsident Roosevelt nicht bereit. Den deutschen Widerstand ignorierten sie.

Doch so unwahrscheinlich ein Friedensschluss im Juli 1944 auch gewesen wäre, ein gelungenes Attentat hätte vermutlich eine schnelle Kapitulation zur Folge gehabt. Selbstverständlich ist es reine Spekulation, aber möglicherweise hätten dann 1,7 Millionen Rot armisten, Zehntausende Soldaten der Westalliierten und 2,5 Millionen deutsche Soldaten den Krieg überlebt; wären Hunderttausende Juden den Lagern und den Todesmärschen entkommen; wären Braunschweig, Pforzheim und Dresden nicht im Feuersturm versunken.

Doch so konnte Adolf Hitler noch neun Monate weiterwüten - und dabei allein in Deutschland fünf Mal so viele Zivilisten in den Tod reißen wie in den viereinhalb Kriegsjahren zuvor.

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