Demografie Löwen vor dem Sprung?

Auf sieben Milliarden Menschen ist die Weltbevölkerung nun angestiegen. Und besonders in Afrika wird dieses Wachstum nicht stoppen. Aber gerade dem "Krisenkontinent" könnten sich auch neue Chancen eröffnen. Einige Staaten sind schon dabei, dem Vorbild der asiatischen "Tiger" zu folgen

Es war ein ungewohnt stiller Geburtstag, als die Welt am 31. Oktober 2011 laut UN-Projektion sieben Milliarden Menschen zählte. Früher, bei sechs Milliarden (1999), fünf (1987) und auch schon bei vier (1974), detonierte stets das Wort "Bevölkerungsbombe" mit seiner apokalyptischen Wucht: Das Menschen-Mehr, so hieß es, zerstöre seine eigenen Lebensgrundlagen, führe zu Rohstoffknappheit, Umwelt- und Hungerkatastrophen. Und heute? Beklagt die westliche Welt Kindermangel und Überalterung, ergraut selbst der Gigant China. Seit Indiens Wirtschaft boomt, ist auch dort Bevölkerungswachstum kaum noch ein Thema: Im Schnitt bekommt eine Inderin deutlich weniger als drei Kinder, ähnlich wie Frauen in weiten Teilen Lateinamerikas. In Brasilien und Chile ist die Zahl schon unter 2,0 gesunken.

Anders das Bild auf dem afrikanischen Kontinent: Dessen Bevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten fünfmal schneller als jene Asiens wachsen und sich voraussichtlich bis 2050 auf rund zwei Milliarden Menschen verdoppeln. Mehr als ein Fünftel der Weltbevölkerung wird dann in Afrika leben. Ein Untergangsszenario, nach der alten Denkweise. Und doch urteilt die Zeitschrift "Economist": "Menschen sind Afrikas wichtigstes Kapital". Zumindest, wenn die Staatsoberhäupter jetzt die richtigen Entscheidungen fällen. Tun sie es?

Löwen vor dem Sprung?

Weniger Konflikte, mehr Wachstum: Die Unternehmensberatung McKinsey glaubt, wer jetzt nicht in Afrika investiert, werde es später bereuen

Kofi Annan: "Afrika ist das neue Asien"

Jedenfalls häufen sich bereits ungewohnte Nachrichten über den "Krisenkontinent": Im Mittel der vergangenen Dekade lagen sechs der zehn weltweit am schnellsten wachsenden Ökonomien südlich der Sahara - also ausgerechnet in jener Region, die wie keine andere mit Hunger, Krankheiten und Konflikten verbunden wird. Doch gerade viele ärmere Länder haben sich hier rasch von der Weltwirtschaftskrise erholt und dürften laut Internationalem Währungsfonds 2011 im Schnitt mit einem Wirtschaftswachstum von 5,5 Prozent rechnen: eine Rate, die nur von China und Indien übertroffen wird.

Angetrieben durch den Rückgang an Konflikten, durch Entschuldungen, vor allem aber durch den Rohstoff-Boom, erlebt Afrika seit der Jahrtausendwende das schnellste Wirtschaftswachstum seit Jahrzehnten: Wie ein "Hochgeschwindigkeitszug" eile Schwarzafrika dem Wohlstand entgegen, so der frühere Direktor der französischen Entwicklungsagentur Jean-Michel Severino in seinem viel beachteten Buch "Le Temps de l’Afrique" (Afrikas Zeitalter).

Friedensnobelpreisträger Kofi Annan sieht in dem Kontinent schon "das neue Asien". Und die Unternehmensberatung McKinsey warnt, wer jetzt nicht investiere, werde es vermutlich später bereuen. Die Firma nannte ihre einflussreiche Afrika-Studie aus dem Sommer 2010 denn auch: "Die Löwen brechen auf". Die "Löwen" sind eine Anspielung auf Singapur, Südkorea, Hongkong und Taiwan, die "Tiger", die in kürzester Zeit einen kraftvollen Sprung gemacht haben. Denn noch vor 30 Jahren lebten knapp 80 Prozent der Menschen in Ostasien von weniger als 1,25 Dollar am Tag. Die Region war damals die ärmste der Welt. Nicht etwa Afrika.

Steht nun der Schwarze Kontinent an einem ähnlichen Punkt in seiner Geschichte? Könnten die Löwen tatsächlich dem Vorbild der Tiger folgen? Die Frage führt zurück zur Demografie. Bäuerlich geprägte Gesellschaften können sich nur dann zu modernen Staaten entwickeln, wenn ihre hohen Fruchtbarkeitsraten deutlich fallen; das zeigt die aktuelle Studie "Afrikas demografische Herausforderung" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Dessen Wissenschaftler haben untersucht, wie sich die Zahl der Kinder pro Frau in 103 Ländern seit 1950 verändert hat: Wo bis heute viele Kinder geboren werden, kommt ein Land nicht voran; sinkende Fertilitätsraten und wirtschaftliche Entwicklung bedingen einander also.

Wenn der Wohlstand steigt, bekommen die Menschen in der Regel weniger Nachwuchs - diese Beobachtung ist den meisten längst vertraut. Inzwischen jedoch gibt es gute Belege, dass umgekehrt das Gleiche gilt: Sinkende Geburtenraten treiben die Entwicklung voran, können sogar deren Initialzündung sein. Der Funke entspringt einer sich verändernden Altersstruktur der Bevölkerung: Bei sinkenden Kinderzahlen wächst nämlich zeitweilig der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter (15-64 Jahre), während die Zahl der älteren Menschen vorläufig noch niedrig bleibt. In einer solchen Phase, in der eine Gesellschaft vergleichsweise wenige Kinder und Alte zu versorgen hat, kann sie ihre Kräfte viel stärker als sonst auf Produktion, Konsum sowie eine bessere Ausbildung des Nachwuchses konzentrieren. Dieses einmalige Zeitfenster wird "demografischer Bonus" genannt, dessen erfolgreiche Einlösung "demografische Dividende".

Afrikas größtes Kapital: junge Menschen

Löwen vor dem Sprung?

Mehr Wohlstand bedeutet weniger Nachwuchs, wissen Demografen. Im Schnitt bekommt eine Frau südlich der Sahara allerdings immer noch fast fünf Kinder

Die Tigerstaaten haben diese Chance einst ergriffen: Im Nachkriegs-Südkorea der 1960er Jahre etwa gebar eine Frau im Durchschnitt noch sechs Kinder. Dann investierte die Regierung gezielt in Gesundheitsversorgung, Familienplanung und Bildung; die Fertilitätsrate sank im Rekordtempo; etwas später setzte ein Wirtschaftswachstum ein, das Südkorea in eine der wohlhabendsten Nationen der Erde verwandelte. Heute bekommen Südkoreanerinnen im Schnitt nur noch 1,2 Kinder. Es heißt, dass etwa ein Drittel des ost- und südostasiatischen Wirtschaftswachstums der vergangenen 30 Jahre auf den demografischen Bonus zurückgeht.

Auch in Afrika bekommen Frauen heute fast überall weniger Nachwuchs als ihre eigenen Mütter, vor allem im Norden: In Algerien stürzte die Fertilität von knapp sieben Kindern pro Frau im Jahr 1980 auf heute 2,3; in Tunesien liegt sie sogar bei 2,0. Südlich der Sahara zeichnet sich neben den wirtschaftlichen Vorreitern Südafrika und Mauritius bereits in Ländern wie Ghana, Kamerun oder Namibia ein demografischer Bonus ab.

Doch die meisten Staaten stehen noch am Anfang dieser Entwicklung: Im Schnitt bekommt eine Frau in Subsahara-Afrika noch immer knapp fünf Kinder; 42 Prozent der Menschen dort sind jünger als 15 Jahre, was einen Großteil der Energie der erwerbsfähigen Bevölkerung bindet. Und vor allem in Krisengebieten wie Niger, Tschad oder Somalia ist die Fertilität hoch. Grundsätzlich könnten jedoch gerade die vielen jungen Menschen Afrikas eine besondere Chance darstellen: 2040 werden sie die größte erwerbsfähige Bevölkerung der Welt bilden - vor China und Indien, deren Bonus dann weitgehend abgelaufen sein wird.

An die Stelle vieler Erwerbsfähiger werden dort dann Alte getreten sein, die von einer immer dünneren Basis versorgt werden müssen - ähnlich wie im "nekrotischen Europa" ("Economist"). In Afrika dagegen wird der Anteil der produktiven Menschen an der Gesamtbevölkerung einem Maximum entgegensteuern. "Der demografische Wandel macht Jugendliche im internationalen Wettbewerb zur größten Ressource der Region", urteilt Weltbank-Ökonom Jorge Arbache, Spezialist für Afrika und Demografie. Dazu kommen weitere zukunftsweisende Ressourcen, die bisher kaum erschlossen sind: fast 40 Prozent aller weltweiten Rohstoffe, viel brachliegendes Land, Wasserkraft, Sonnenenergie. Aber was muss geschehen, um diese historische Chance zu nutzen? Analysiert man die Erfolgsgeschichten der Tiger- und anderer Staaten, die den Absprung vom Entwicklungsland-Status geschafft haben, findet sich ein gemeinsamer "Bausatz, den auch Afrika anwenden sollte", so Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts.

  • Die Fruchtbarkeitsrate muss weiter gesenkt werden,
  • denn sonst kann der Ausbau der Infrastruktur
  • nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten.
  • Das Bildungssystem muss ausgebaut werden, damit
  • sich langfristig genug Menschen für höhere ökonomische
  • Entwicklungsstufen qualifizieren.
  • Arbeitsplätze müssen geschaffen werden, um der
  • wachsenden Zahl Erwerbsfähiger eine produktive Beschäftigung
  • zu ermöglichen.

Aber auf dem Weg, die erste dieser drei Hürden zu überspringen, ist bereits kostbare Zeit verschenkt worden. War Familienplanung in den 1960er Jahren für die asiatischen Regierungen ein drängendes Thema, wurde 20 Jahre später auf internationalen Bevölkerungskonferenzen weitgehend Entwarnung gegeben: Es reiche, in Wirtschaftswachstum zu investieren, die Geburtenraten fielen dann von allein - so die damals vorherrschende Meinung der Experten. Entsprechend wenig Priorität hat Familienplanung noch heute für die meisten afrikanischen Politiker.

Dazu kommen ethnische Interessen, der Widerstand der Kirchen gegen eine systematische Geburtenkontrolle und der Rückzug der Geberländer - nicht zuletzt unter dem Druck der konservativen Reaganund Bush-Regierungen. Allein zwischen 1997 und 2006 sanken die ausländischen Mittel für Aufklärung und Verhütung in Afrika um etwa 40 Prozent. In die "Millenniumsziele" der Vereinten Nationen wurde das Recht auf Familienplanung erst mit fünfjähriger Verspätung 2005 aufgenommen. Mit der Folge, dass in manchen Ländern die Fruchtbarkeit nicht weiter sank. Obwohl sich Umfragen zufolge viele Frauen weniger Kinder oder einen größeren Abstand zwischen zwei Geburten wünschen, verhütet südlich der Sahara nur jede Vierte.

Ruanda: Weniger Nachwuchs, mehr Bildung

Doch zum Beispiel in Ruanda, 1994 Schauplatz eines bestialischen Völkermords, der von dem Evolutionsbiologen Jared Diamond auch auf die extrem dichte Bevölkerung zurückgeführt wird, hat sich die Anwendung moderner Verhütungsmethoden allein in den vergangenen fünf Jahren mehr als vervierfacht, die Fertilität sank um 1,5 Kinder. Weniger Nachwuchs, mehr Bildung - nach diesem Prinzip investiert Ruanda außerdem massiv in Schulen und digitale Vernetzung. Das rohstoffarme Binnenland will zum IT-Zentrum des Kontinents aufsteigen. Nach Ansicht von Paul Collier, Leiter des Zentrums für afrikanische Ökonomien an der University of Oxford, ist es mit seiner Politik derzeit der erfolgreichste Staat Afrikas.

Löwen vor dem Sprung?

In ganz Afrika ist in den vergangenen 30 Jahren die Zahl der Kinder pro Frau gesunken: am stärksten im weiter entwickelten Norden und Süden, am geringsten in Krisengebieten, aber auch in Ölstaaten. Ein Zeichen, dass dort der Wirtschaftsboom kaum die breite Bevölkerung erreicht

Dort aber, wo die Fruchtbarkeitsrate kaum sinkt, lässt sich auch die zweite Hürde - eine bessere Ausbildung - kaum nehmen: Nur 62 Prozent der Kinder südlich der Sahara schließen die Grundschule ab, nur zwei Drittel von ihnen besuchen danach die Sekundarstufe. Der Bau neuer Schulen und die Ausbildung von Lehrern können mit den steigenden Schülerzahlen mancherorts kaum Schritt halten. Kinder in Namibia oder Malawi lesen heute schlechter als einige Jahre zuvor; in Kamerun, Madagaskar und Burkina Faso fällt ihnen das Rechnen schwerer. In Ghana und Tunesien konnten sie dagegen ihre Leistungen in Wissenschaft und Mathematik so schnell steigern wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. Dort bildet sich also bereits ein Potenzial an jungen Leuten, die in der Lage wären, einen demografischen Bonus in wirtschaftliche Entwicklung umzumünzen.

Bleibt die Frage, ob sie später auch wirklich Arbeit als Laboranten oder Ingenieure finden. Denn wer die beiden ersten Hürden überwunden hat, nimmt nicht automatisch auch die dritte. In Nordafrika etwa gibt es heute nicht genügend Stellen für die vielen gut Ausgebildeten. "Statt in produktive Arbeitsplätze zu investieren, haben die Regierungen parasitäre Bereiche wie Militär, Geheimdienste und Behörden aufgeblasen", so Klingholz. Der Unmut des perspektivlosen Nachwuchses entlud sich auf den Straßen, stürzte Regierungen.

Arbeitsplätze für gut ausgebildeten Nachwuchs

Ländern, denen es nicht gelingt, für die wachsende Zahl von Erwerbsfähigen ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen, droht anstelle der demografischen Dividende eine "demografische Strafe", so das Fazit einer Harvard-Studie über Afrika. Der Wandel der Altersstruktur habe nur dort einen positiven Effekt, wo es auch gute Institutionen gibt. Institutionen - das Wort fällt immer wieder, egal ob die Experten in Harvard, Oxford, Berlin oder in Washington sitzen. Denn sie sind der Schlüssel, um Politiker zu kontrollieren, Steuern einzutreiben, Handelsbedingungen zu verbessern, Investitionsanreize zu schaffen, Reformen durchzusetzen, den Wohlstand umzuverteilen.

Für die Qualität wirtschaftlicher und politischer Institutionen vergibt die Weltbank regelmäßig Noten: Nach ihrem CPIA-Index lagen 1997 nur fünf afrikanische Länder im oder über dem internationalen Durchschnitt, 20 Jahre später waren es schon 17. Grund war allerdings vor allem eine verbesserte Wirtschaftspolitik, während die Bewertungen für Transparenz, Verwaltung, Institutionen und Korruption fast stagnierten. Auf der Liste der Worldwide Governance Indicators, dem Maß für gute Staatsführung, fielen die Werte rohstoffreicher Länder sogar, insbesondere in Wachstumsphasen. Das nährt das alte Bild, wonach Afrikas Despoten den Wohlstand nicht teilen wollen: Wo sie Wachstum auch ohne sozioökonomischen Fortschritt bekommen, investieren sie oft wenig in die Entwicklung der Bevölkerung. Das spiegelt sich auch darin wider, dass in Ölländern wie Angola oder Äquatorialguinea trotz Booms die Fertilitätsrate kaum gesunken ist. Sollten allerdings eines Tages die Rohstoffpreise wieder fallen, haben diese Staaten keine Basis für eine andere Wertschöpfung geschaffen. Ökonomen sprechen von einem "Ressourcenfluch".

In diese Falle sind viele afrikanische Staaten bereits während früherer Rohstoff-Booms geraten. Ausgerechnet das aber macht Paul Collier vorsichtig optimistisch: "Viele Afrikaner sagen: 'Nie wieder!' Sie wollen nicht ihre Rohstoffe plündern, sondern in die Zukunft investieren." Ob ihnen das gelingt, müsse sich in den nächsten Jahren zeigen. Sonst verpufft das Wirtschaftswachstum wie in früheren Superzyklen - und die Bevölkerungszahl wird zwischenzeitlich um viele weitere Millionen Menschen gestiegen sein, die kaum Chancen auf eine Lebensverbesserung haben. Ölförderung und Mineralienabbau schaffen kaum Arbeitsplätze. Das größte Potenzial für Afrika sieht Jorge Arbache von der Weltbank deshalb in der Landwirtschaft und einer weiterverarbeitenden Nahrungsmittelindustrie. Ein Gedanke, der angesichts der Hungerkatastrophe in Ostafrika irritieren mag. Doch andernorts liegt auf dem Kontinent viel Land brach. Anders als in den 1960er Jahren geht es heute nicht mehr um die Frage, ob sich alle Menschen ernähren lassen - sondern darum, wie die Ernten einer immer produktiveren Landwirtschaft auf der Welt verteilt werden; und zu welchen Preisen.

Asien hatte seine grüne Revolution, und auch in Arbaches Heimat Brasilien ist es gelungen, auf marginalen Böden gute Ernten einzufahren. Um die modernen Farmen herum sind dort in den vergangenen Jahren Service-Zentren gewachsen, mit zahlreichen Arbeitsplätzen in anderen Branchen. In Afrika fehlt es noch an so Grundsätzlichem wie Infrastruktur und Landbesitztiteln. "Wir werden die Antworten nicht über Nacht finden", sagt Arbache. "Aber wir müssen die Abwanderung ungebildeter Menschen in die Städte abbremsen oder ihnen zumindest genug Bildung mitgeben, damit sie dort Arbeit finden oder sich selbstständig machen können."

In den Metropolen wächst die Bevölkerung mehr als doppelt so schnell wie auf dem Land. Bis 2050 werden vermutlich 63 Prozent der Afrikaner in Städten leben. Und noch fehlen die Fabriken dort. Denn arbeitsintensive Branchen wie Textilindustrie oder Lederverarbeitung spielen in Afrika kaum eine Rolle. Der Anteil von Industrie und Fertigung an der Gesamtwirtschaft sinkt seit 1990 sogar, wie UN-Entwicklungsorganisationen beklagen. Gerade die Massenfertigung wäre ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur demografischen Dividende: Sie schafft Arbeitsplätze für die vielen Menschen, die nicht länger bäuerlich leben wollen, aber bisher kaum gebildet sind.

Die Wirtschaft wächst rasant

So war es einst in Europa. So war es kürzlich in Asien. Aber Asien hatte nicht Asien als Konkurrenten. Und im Wettbewerb mit den Billiglohnländern in Fernost besteht Afrika nicht. "Noch nicht", glaubt Paul Collier. "In der nächsten Dekade werden die Lohnkosten in China steigen, dann hat Afrika die Chance, Massenfertigungen an sich zu ziehen." Vorausgesetzt, die Infrastruktur der Küstenstädte werde deutlich verbessert. Noch baut zum Beispiel China in Afrika vor allem Straßen, die zu den Rohstoffen führen - und errichtet seine neuen Fabriken lieber in Vietnam. Immerhin: Auch wenn Afrikaner noch vieles "Made in China" kaufen - der Konsum ist stark gestiegen.

Überall entstehen Banken, Fast-Food-Ketten, Internetcafés, in Uganda hat ein Shoppingcenter aufgemacht, in Ghana gar ein Showroom von Porsche. Jeder Dritte hat ein Handy, jeder Zehnte benutzt das Internet. Und die Afrikanische Entwicklungsbank beobachtet, dass zwischen Arm und Reich eine neue Klasse wächst: die "Mittelschicht". Ein Wort, das die Fantasie beflügelt: Eigenheim, Auto, Fernreisen. Allerdings beginnt die afrikanische Mittelschicht nach Definition der Entwicklungsbank erst einmal dort, wo andere die Armutsgrenze ziehen: bei einem Budget von zwei Dollar pro Person am Tag. Wer mehr als 20 Dollar täglich ausgeben kann, gilt schon als reich. Demnach zählt bereits ein Drittel der Bevölkerung Afrikas zur Mittelschicht. Rechnet man ab vier Dollar täglich, schrumpft der Anteil auf gut ein Zehntel.

Zumindest steigt die Zahl jener, deren Lebensbedingungen sich verbessern, die gebildet und vernetzt sind, die etwas Geld ausgeben können - die etwas zu verlieren haben. "Es geht nicht nur um eine Veränderung der Einkommensstruktur", sagt Paul Collier. "Die Menschen in der Stadt haben die Zukunft gesehen." Sie haben sich von der fatalistisch geprägten Vergangenheit verabschiedet und eine Vorstellung davon, wie das Leben sein könnte, sein sollte. Die Afrikanische Entwicklungsbank setzt daher darauf, dass mit der wachsenden Mittelschicht der Ruf nach besseren Regierungen lauter wird, nach geregelten Besitzrechten, öffentlichen Diensten - nach guten Institutionen. So könnte mancherorts tatsächlich eine neue, kraftvolle Generation zu einem Löwensprung ansetzen. Wo dieser aber der Weg mit den alten Hürden versperrt bleibt, droht den Machthabern noch immer die Explosion einer "Bevölkerungsbombe", wenn auch mit ganz neuen Bedeutungen: Arbeitslosigkeit, Aufstand, Gewalt.

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