Island Feiern Sie den Winter - in Reykjavík

Mit Freibädern, feiner nordischer Küche und Festivals feiern die Isländer den Winter. Eines bringt Licht in die dunkle Jahreszeit – und die Hauptstadt zum Leuchten
Reykjavik

Vor winterlicher Kulisse erstrahlen die bunten hausfassen noch etwas intensiver

Poolpartys im Winter

Im Winter ins Freibad! Zwei Grad Lufttemperatur signalisiert die digitale Anzeige im Laugardalslaug-Bad – für isländische Verhältnisse ein lauer Februar-Abend. Schwimmer ziehen im 50-Meter-Becken ruhig ihre Bahnen. Im kleineren Bassin mit der Rutsche hocken Familien im etwa 29 Grad warmen Wasser. Erdwärme sichert das winterliche Badevergnügen, Flutlicht illuminiert die dampfende Szene (Sundlaugavegur 30, www.reykjavik.is/stadir/laugardalslaug). Noch stimmungsvoller wäre es, wenn Nordlichter ihre grünvioletten Schlieren über die Stadt ziehen würden. Doch davor sind gerade Wolken. Gut 210 000 Einwohner teilen sich in der Metropolregion Reykjavík 17 öffentliche beheizte Bäder. Fast scheint es, als seien an diesem Abend alle im Wasser: Es ist »Sundlauganótt«, kostenlose Pool-Nacht im Rahmen des Winter Lights Festivals. An manchen Becken spielen Bands oder DJs, an anderen lesen Dichter aus ihren Werken. Islands Hauptstadt trotzt so der kalten und dunklen Jahreszeit (www.winterlightsfestival.is, 1.–4.2. 2018).

Kreativ durch die Kälte

»Die Dunkelheit weckt unsere Kreativität«, findet Herdís Anna Þorvaldsdóttir. Sie ist Ratsfrau in Reykjavík, Managerin eines Helikopter-Services, Mutter von drei Kindern, in jeder Hinsicht eine Power-Frau. Ich treffe sie während einer Tanzübung für die Nacht der Museen im Reykjavík Art Museum Hafnarhús (Tryggvagata17, www.artmuseum.is), einem weiteren Höhepunkt des Winterlights Festivals. Das sorgt jede Nacht für einen anderen Lichtblick: Scheinwerfer projizieren orange-rot glühende Farben eines Vulkanausbruchs auf die Hallgrímskirkja, deren Kirchturm wie eine Rakete in den Himmel ragt (Hallgrímstorg, www.hallgrimskirkja.is). Die von Ólafur Elíasson entworfene wabenförmige Glasfassade der Kongress- und Konzerthalle HARPA 2 (Austurbakki 2, www.harpa.is) ließ sich im letzten Jahr sogar per App vom Smartphone aus illuminieren – mal violett, mal orange oder grün. Und überhaupt jagt gerade ein Festival das andere – Dark Music Days, Stockfish Film Festival oder Sónar Reykjavík (www.visitreykjavik.is).

Kongress- und Konzerthalle HARPA

Zentraler Punkt der Nacht der Museen ist die Konzert- und Kongresshalle Harpa

Islands Natur kompakt erleben

Pack Island in den Tank, so könnte das Motto von Reykjavíks neuester Attraktion lauten. Aus sechs riesigen Tanks, die einst vier Millionen Liter heißes Wasser für die Hauptstadt speicherten, entsteht PERLAN, das
Museum der isländischen Naturwunder (Öskjuhlíd, www.perlanmuseum.is). Überspannt von einer gläsernen Kuppel, thront das ehemalige Wasserreservoir gleich einem außerirdischen Raumschiff auf einem Hügel in City-Nähe. Als mich Projektmanagerin Helga Vidarsdóttir durch Perlan führt, wird an manchen Tanks noch gearbeitet: »Bald wird man hier sehr geballt alle Aspekte der isländischen Natur erleben können.« Seit Sommer 2017 gibt im ersten Tank ein 70 Meter langer Eistunnel bei minus 10 Grad Einblick in das Innenleben eines Gletschers. Ab Herbst 2018 kommt ein Planetarium in der Kuppel dazu; Flora und Fauna ziehen in weitere Tanks ein. Atemberaubend ist der Rundgang über die Aussichtsplattform: Unten grenzt die Stadt an den weiten Atlantik, in der Ferne ragen schneebedeckte Gipfel empor, grün schimmern bemooste Lavalandschaften im nahen Naturpark Heiđmörk – Island live und unplugged.

Shoppen gegen winterliche Tristesse

Kleine Geschäfte prägen die zentrale Einkaufsmeile Laugavegur. Nur wenige Häuser haben mehr als zwei Stockwerke, Ochsenblutrot wechselt an den Fassaden mit hellem Blau, dazwischen Bars und Cafés, eine entspannte Atmosphäre, auch weil internationale Handelsketten Einkaufszentren am Stadtrand bevorzugen. Der Uhrmacher Gilbert O. Guðjónsson schraubt in der Hinterstube seines Ladens einzigartige Chronometer zusammen,
Stars wie Ben Stiller oder Ian Anderson von Jethro Tull gehören zu seinen Kunden (Nr. 62, www.jswatch.com). Die Herzen von Vinyl-Fans schlagen höher im Bad Taste Recordstore (Nr. 35, http://smekkleysa.net/), natürlich sind dort auch Björk, Sigur Rós und andere isländische Künstler vertreten. Ausgefallene Mode isländischer Designer präsentiert Kiosk (Ingolfsstræti 6, www.kioskreykjavik.com/), das beste Brot der Stadt geht beim Bäcker Sandholt (Nr. 36, www.sandholt.is) über die Theke. Nur eines muss man nicht kaufen: Mineralwasser. Das Leitungswasser ist reinstes Quellwasser.

Neue isländische Küche probieren

Dass der Gammelhai HákaRl eine Delikatesse sei, mag glauben, wer will. Bis zu zwölf Wochen modert ein ausgenommener Grönlandhai in Kisten, dann wird er in der Luft getrocknet. Das kleine Stück, das ich im Bryggjan Brugghus (Grandagardur 8, www.bryggjanbrugghus.is) probiere, riecht scharf nach Ammoniak und lässt sich nur mit einem Brennivín, einem Kartoffelschnaps, hinunterspülen. Wohlschmeckend dagegen die neue isländische Küche, etwa serviert im aufstrebenden Hafenviertel Grandi. Das Restaurant Matur og Drykkur entwickelt aus alten Rezepten überraschen- de Kompositionen: köstlich die über Schafsdung geräucherten hauchdünnen Lammscheiben, aromatisch die Heilbuttsuppe mit grünen Äpfeln, einfach umwerfend der riesige Dorschkopf, in Hühnerbrühe gekocht und anschließend flambiert (Grandagardur 2, www.maturogdrykkur.is/en). Neu interpretierte Spezialitäten hat auch das Messinn: Hier wird plokkfiskur, das traditionelle Fischragout mit Kartoffeln und Zwiebeln, nicht, wie üblich, in einer weißen Soße aufgetischt, sondern durch Limetten und Weißwein verfeinert (Lækjargata 6b, www.messinn.com). Lange Schlangen vor der Eisdiele Valdis dokumentieren, dass die kühlen Kreationen einfach fantastisch sind (Grandagardur 21).

Reykjavik

Die Hallgrímskirkja überwacht das winterliche Treiben in der schmucken Innenstadt Reykjavíks

Warme Betten im isländischen Winter

Doch, man kann auch schlafen in der ehemaligen Keksfabrik unweit vom Meer. Allerdings ist die Versuchung groß, an der Bar, im Restaurant oder bei einem Jazzkonzert hängen zu bleiben oder beim Bierfestival. Das Hostel Kex ist nicht nur Treffpunkt für Backpacker, es kombiniert Industrial Vintage mit feinstem Sperrmüll. Der größte Komfort ist die gute Stimmung, die stählernen Stockbetten in den Schlafsälen eignen sich nur für kurze Nächte (Skúlagata 28, www.kexhostel.is, Bett im Schlafsaal ab ca. 35 €, DZ ab ca. 80 €). Wer die Nähe zu Elfen und dem kleinen Inlandsflughafen sucht, ist im Hotel Reykjaviík Natura gut untergebracht. Jüngst modernisiert, profiliert es sich als »grünes Hotel« mit eigenem Spa-Bereich – und angeblich einer Elfen-Kolonie im Gestein vor der Haustür (Nauthólsvegur 52, www.icelandairhotels.com, DZ/F ab ca. 125 €). Kuschelige Haussocken und Fahrräder inklusive bietet das neue Canopy by Hilton: Aus sechs Häusern, in denen einst Möbelschreiner sägten, entstand ein etwas verwinkeltes, dadurch intimes Lifestyle-Hotel mit Loungezonen, Café und Restaurant. Das warme nordische Design und die absolut zentrale Lage sind weitere Pluspunkte (Smidjustígur 4, www.canopybyhilton.com, DZ/F ab ca. 270 €).

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