Interview Die Alpen - Eine Bestandsaufnahme

Werner Bätzing ist Deutschlands führender Alpenexperte. Zu seiner Emeritierung zieht er ein Fazit aus drei Jahrzehnten Forschung: Wie geht es den Alpen und wo soll es hingehen?
Die Alpen - Eine Bestandsaufnahme

40 Prozent der Alpengemeinden bemühen sich bis heute nicht um Gäste, haben kein touristisches Angebot

GEO: Sie haben 30 Jahre als Kulturgeograph die Alpen erforscht. Was ist für Sie das Besondere an diesem Hochgebirge?

Werner Bätzing: Mir gefällt die verwilderte Kulturlandschaft in den Alpen, es faszinieren mich diese Relikte des alten Natur-Mensch-Verhältnisses, das die Alpen über Jahrtausende geprägt hat. Auch in Gebieten, die auf den ersten Blick sehr wild erscheinen, lassen sich immer wieder Spuren der vergangenen menschlichen Nutzung finden.

GEO: Wo entdecken Sie diese Spuren noch?

Werner Bätzing: Im Süden des Piemont zum Beispiel, das ist bis heute meine Lieblingsregion. Dort zieht sich der Mensch großflächig aus den Alpen zurück, und die Landschaft verwildert Stück für Stück. Das Gasteinertal im Salzburger Land ist auch interessant. Hier hat man Zugang zu alten Goldabbau-Stätten, die kaum ein Mensch kennt und die touristisch wenig vermarktet werden. Obwohl das Tourismusgebiet direkt um die Ecke liegt, eröffnet sich hier eine Welt, wo die Natur langsam die Spuren der Menschheit verwischt, und so etwas finde ich sehr faszinierend.

GEO: Eigentlich würde man denken, alles in den Alpen wird vermarktet, und der Tourismus spielt überall die Hauptrolle.

Werner Bätzing: Im Gegenteil. Mitte der Siebzigerjahre waren die Alpen zwar noch hoch modisch, und der Tourismus wuchs bis weit in die Achtzigerjahre sehr stark. Dann aber folgte eine lange Zeit der Stagnation. Erst in den vergangenen zehn Jahren hat der Tourismus wieder leicht zugenommen, insgesamt vielleicht fünf bis sechs Prozent. Das jedoch ist im Vergleich zum Tourismuswachstum weltweit verschwindend wenig.

GEO: Wie erklären Sie sich das?

Werner Bätzing: Mit Fun, Events und austauschbaren Angeboten haben die Alpen auf dem Tourismusmarkt eben keine Chance. Stattdessen muss, finde ich, die besondere Natur- und Kulturlandschaft ins Zentrum des Alpentourismus gestellt werden, das Originale.

GEO: Geschieht mit den Milliardeninvestitionen in neue Gondeln, Hotels und Pisten nicht gerade das Gegenteil?

Werner Bätzing: Der Investitionswettbewerb führt dazu, dass sich der Tourismus auf wenige große Zentren konzentriert. Damit findet er immer mehr im Ghetto statt und verliert den Bezug zur alpinen Natur und Kultur sowie zu den Einheimischen. Früher haben die Gäste bei den Bergbewohnern gelebt, heute wohnen sie in Resorts, wo sie nur andere Touristen treffen.

Die Alpen - Eine Bestandsaufnahme

Werner Bätzing hält sich privat am liebsten im Piemont auf

GEO.de: Wo liegen diese Zentren, die Sie als Ghettos bezeichnen?

Werner Bätzing: Die größten haben wir in den französischen Alpen, Les Trois Vallées etwa. Da konzentrieren sich Unterkünfte mit bis zu 50 000 Betten, dicht gefolgt von Projekten in Italien und der Schweiz, wie etwa dem "Chedi" in Andermatt. Auch in Österreich wachsen Orte wie Saalbach-Hinterglemm, Sölden oder das Kleinwalsertal in einer Größenordnung, die den Retortenstationen in Italien oder Frankreich gleichkommt.

GEO.de:Das klingt eher pessimistisch. Hat sich in den Alpen während Ihrer Forscherzeit auch etwas positiv entwickelt?

Werner Bätzing: Das stark gewachsene kulturelle Bewusstsein. In vielen abgelegenen Tälern leben die Menschen heute ihre lokale Tradition selbstbewusst aus. So haben junge Musikgruppen Erfolg, die im lokalen Dialekt singen, früher undenkbar. Auch Ladinisch oder Rätoromanisch werden nicht mehr als minderwertige Dialekte angesehen, sondern als eigene Sprachen, die wichtige Ereignisse der Vergangenheit transportieren. Diese kulturelle Aufwertung gibt mir die Hoffnung, dass der Alpenraum seine Zukunft besser bewerkstelligen kann als noch vor einigen Jahren.

GEO.de:Welche Orte würden Sie Reisenden empfehlen, die solche Ursprünglichkeit im europäischen Hochgebirge suchen?

Werner Bätzing: Nun, etwa das Valle Stura di Demonte mit dem Ort Sambuco, dort im Piemont gibt es hervorragende regionale Küche und tolle Wandermöglichkeiten. Ebenso die piemontesische Seite des Nationalparks Gran Paradiso mit einsamen Tälern und viel Kultur. Auch den Versuch des österreichischen Alpenvereins, mit den sogenannten "Bergsteigerdörfern" einen Tourismus zu etablieren, der nicht auf technische Aufrüstung setzt, sondern umwelt- und sozialverträglich ist, finde ich spannend. Darunter fallen auch Sellrain in Tirol und das Krakau-Hochtal.

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