Kommunikation Diese Vögel können etwas, was sonst nur Menschen können

Ein Wissenschaftler-Team hat erstmals nachgewiesen, dass Vögel sich zum Mitkommen auffordern - und nachhelfen, wenn es nicht gleich klappt. Bislang galt dieses sozial komplexe Verhalten als ein exklusiv menschliches
Graudrosslinge

Zusammenhalten, um zu überleben: Graudrosslinge ziehen ihre Jungen gemeinsam auf

„Komm mal mit, ich muss dir was zeigen. – Hey, du trödelst ja! Nun komm schon!" So ungefähr könnte eine Unterhaltung zwischen zwei Vögeln ablaufen – natürlich ohne Worte.

Was auf den ersten Blick einem Kinderbuch entnommen zu sein scheint, haben Forscher tatsächlich beobachtet. Und zwar an Graudrosslingen, etwa amselgroßen Singvögeln, die auf der Arabischen Halbinsel und im Nahen Osten zu Hause sind. Was die Beobachtung der Wissenschaftler so erstaunlich macht: Dieses sozial komplexe Verhalten war bislang nur von Menschen bekannt

Um das Verhalten der Vögel zu analysieren, haben sich für gleich zwei Studien Forscher des Max-Planck-Instituts (MPI) für Ornithologie Seewiesen, des MPIs für Anthropologie in Leipzig und der Universität Osnabrück zusammengeschlossen. Probanden waren 80 Vögel aus zwölf wild lebenden Gruppen im israelischen Naturreservat Shezaf.

Yitzchak Ben Mocha, Forscher des Max-Planck-Instituts, vergleicht das Verhalten der Tiere mit dem Verhalten seines 18 Monate alten Sohnes: „Er ruft mich oder winkt mit der Hand, wenn er möchte, dass ich ihm folge“, sagt der Erstautor der beiden Studien. „Er bewegt sich in die gewünschte Richtung und dreht sich häufig um, um mein Verhalten zu prüfen. Wenn ich zu faul bin oder unaufmerksam, unterstreicht er seine Bitte und drängt mich erneut mitzukommen.”

Graudrosslinge kommunizieren raffiniert – weil sie sozial leben

Nichts anderes tun offenbar die Graudrosslinge. Zu diesem Ergebnis kommt das multidisziplinäre Team aus Ornithologen, Primatologen und Psychologen. „Erwachsene Vögel rufen Jungtiere und flattern auffällig mit ihren Flügeln, um sie aufzufordern, ihnen zu folgen,“ sagt Ben Mocha. „Und sie zeigen Geschlechtspartnern Objekte und bringen sie so dazu, ihnen zu folgen, um sich versteckt vor den anderen heimlich zu paaren.“ Dabei prüfen sie unterwegs immer wieder mit einem Schulterblick, was der Partner gerade macht. Und fordern ihn, wenn nötig, noch einmal auf, zu folgen.

Die Kognitionswissenschaftlerin Simone Pika, die beide Studien betreut hat, vermutet, dass für diese erstaunliche Fähigkeit die Lebensweise der Vögel verantwortlich ist. Graudrosslinge helfen sich nämlich gegenseitig bei der Aufzucht der Jungen. Offenbar ist dieses soziale Verhalten in der Gruppe eine Bedingung dafür, dass eine so komplexe Kommunikation entstehen konnte – und das auch ohne ein menschenähnliches Gehirn.

Simone Pika hält es für möglich, dass zukünftig ein solches Verhalten auch bei anderen sozial lebenden Tieren nachgewiesen werden kann, etwa bei Schimpansen, Hunden oder Delfinen.