Geflügelwirtschaft Ausstieg aus dem Kükenschreddern bis 2021: Warum ich Ministerin Klöckner nicht glaube

Landwirtschaftministerin Julia Klöckner hat angekündigt, aus dem Kükentöten auszusteigen. Die Rhetorik hat eine grausam lange Tradition
Küken

Jeden Tag werden in Deutschland etwa hunderttausend männliche Küken getötet - weil sie nicht gebraucht werden

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Frankreich, so war kürzlich zu lesen, will bis 2021 aus dem Kükenschreddern aussteigen. Was Tierschützer aufhorchen lässt, nimmt die deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CSU) zum Anlass, eine Tradition ihres Ministeriums fortzusetzen. "Wir haben verabredet, bis Ende 2021 definitiv aus dem Kükentöten auszusteigen", sagte Klöckner auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit ihrem französischen Amtskollegen.

Klingt nach einer guten Sache. Das Problem liegt in dem Wort "definitiv". Julia Klöckner weiß nämlich selbst, dass Ankündigungen in Sachen Tierwohl aus ihrem Haus bei Tierschützern und kritischen Verbrauchern den Ruf genießen, folgenlos zu bleiben.

Begründet hatte diese Tradition ihr Vorgänger im Amt, Christian Schmidt, ebenfalls CSU. Der hatte zwar immer ein Verbot des massenhaften Kükenvernichtens ausgeschlossen, aber schon 2015 neuartige Maschinen zur Geschlechtserkennung des Embyos angekündigt, die im folgenden Jahr zur Verfügung stehen sollten. Geändert hat sich nichts. Es wurde weiter getötet, rund 45 Millionen frisch geschlüpfte männliche Küken wurden weiterhin jedes Jahr mit CO2 erstickt oder lebendig geschreddert. Als Schmidt sich im Jahr 2017 eine neue Methode zur Geschlechtsbestimmung vorführen ließ, jubelte er: "Was wir heute sehen, ist der Einstieg in den Ausstieg aus der Praxis des Tötens männlicher Eintagsküken". Doch der Einstieg blieb aus, der Ausstieg auch.

Koalitionsvertrag: Ende des Kükentötens bis 2019

Weil sich der systematische Tierschutz-Skandal der Billig-Ei-Industrie inzwischen bei Verbraucherinnen und Verbrauchern herumgesprochen hatte, schaffte es der Ausstieg aus dem Kükentöten sogar in den Koalitionsvertrag: "Das Töten von Eintagsküken werden wir bis zur Mitte der Legislaturperiode beenden", tönten CDU/CSU und SPD. Doch 2019 ist vorbei. Hat wieder nicht geklappt.

Dass Klöckners Vorschlag an die Geflügelindustrie, stufenweise und freiwillig bis Ende 2021 auszusteigen, fruchtet, darf bezweifelt werden. Denn die will sich nur darauf einlassen, "im Verlauf des Jahres 2022 die Zahl der getöteten Hahnenküken um mindestens 50 Prozent zu verringern". Das geht aus einem Schreiben des Zentralverbands der deutschen Geflügelwirtschaft hervor.

Der Ausstieg wird also weiter verschleppt werden. Und Schuld daran sind nicht nur die Bundesregierung und die Geflügelwirtschaft.

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
In seiner Kolumne schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

Wirtschaftliche Interessen wichtiger als Tierschutz

Als Nordrhein-Westfalen im Jahr 2013 mit einem Verbot des Kükentötens vorangehen wollte, wurde es 2015 erst vom Verwaltungsgericht Minden, 2016 vom Oberverwaltungsgericht Münster, dann 2019 vom Bundesverwaltungsgericht ausgebremst. Die Argumentation: Der "vernünftige Grund" für das Töten von Tieren, den das Tierschutzgesetz fordert, sei durch die Interessen der Brütereien zwar nicht gegeben. Bis Alternativen zur Verfügung stünden, sei die Fortsetzung der Praxis aber noch rechtmäßig.

Auch im vergangenen Jahr wurden laut Landwirtschaftministerium wieder 32 bis 40 Millionen Küken getötet. Acht Millionen mehr oder weniger - wer weiß das schon so genau. Dabei gibt es längst eine Alternative: Den Ausstieg aus der Turbo-Mast von Rassen, die entweder auf Fleischansatz oder auf hohe Legeleistung gezüchtet sind - mit den entsprechenden Gesundheitsproblemen. Den Abschied von einer Strategie, die auf maximale Effizienz bei minimalem Tierschutz setzt.

Jüngst appellierte das Landwirtschaftsministerium mit einer Plakat-Kampagne an das Gewissen der Konsumenten: "Du hast die Wahl", war etwa auf einem Plakat mit einem Huhn zu lesen. Stimmt. Und ihr habt die Pflicht. Denn Tierschutz ist Aufgabe des Staates.