Fridays for Future "Wirtschaftswachstum ist nicht das, worauf alles gründet - sondern ein intakter Planet"

Seit Wochen halten Schüler und Studenten die Politik mit ihren Forderungen nach effektivem Klimaschutz auf Trab. Im Interview erläutern die Aktivistinnen Luisa Neubauer und Carla Reemtsma, wie sich Wirtschaft und Gesellschaft verändern müssen
Luisa Neubauer und Carla Reemtsma

Schlagkräftiges Trio: Luisa Neubauer (l.) und Carla Reemtsma (m.) mit ihrem Vorbild Greta Thunberg

Die Schüler- und Studentenbewegung Fridays for Future hat die Debatte über den Klimaschutz neu entfacht - und jüngst auch den Ausgang der Europawahl beeinflusst. Die Forderung der jungen Klima-Aktivisten ist klar: 1,5 Grad Celsius Erwärmung - und nicht mehr. Aber wie soll das gehen? Das wollten wir von den beiden Aktivistinnen Luisa Neubauer und Carla Reemtsma wissen.

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Luisa Neubauer: Wir sind uns bewusst, dass wir Deutschland technologisch und wirtschaftlich vor große Transformationen stellen. Klar ist aber, dass die kommen müssen. Der Klimawandel ist auch eine gesellschaftspolitische Herausforderung, da müssen Mittel und Wege gefunden werden. Es zeigt sich immer wieder, dass es möglich ist, solche Konflikte zu lösen, mit hoher Partizipation, mit viel Transparenz und Kreativität. Wenn wir es wollen, ist alles machbar.

Seit Jahrzehnten streiten Ökonomen und Klimaschützer, wie sich effektiver Klimaschutz realisieren lässt: mit technologiegetriebenem "grünem Wachstum" oder durch eine radikale Reduktion von Verbräuchen und einen gesellschaftlichen Wertewandel. Wo positionieren Sie sich?

Carla Reemtsma: Das wird in der Bewegung kontrovers diskutiert. Aber es ist klar, dass wir es nicht dabei belassen können, dass Einzelpersonen ihren Konsum reduzieren. Es muss politisch eingegriffen, es müssen Strukturen verändert werden. Wie radikal dieser Wandel ausfällt, die müssen wir gesamtgesellschaftlich beantworten.

Glauben Sie denn, dass wir mit unserer Art zu wirtschaften und unserer Fixierung auf das Wirtschaftswachstum die notwendige Reduktion hinbekommen?

Carla Reemtsma: Es ist ganz klar, dass die Art und Weise, wie wir wirtschaften, uns in diese Krise geführt hat. Ob wir das Wirtschaftssystem aber komplett neu denken müssen, das ergibt sich aus der Frage, welche Maßnahmen wir treffen müssen, um unsere Klimaziele einzuhalten - und wie sich diese Maßnahmen auswirken. Das kann man nicht für die nächsten 30 Jahre durchspielen.

Luisa Neubauer: Bisher hat es kein Land geschafft, wirtschaftliches Wachstum und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Wir sollten uns auf keinen Fall darauf verlassen, dass das funktioniert. Und natürlich müssen wir unser Wachstumsparadigma in aller Härte und Radikalität hinterfragen. Es geht darum, so schnell wie möglich Emissionen zu reduzieren, und das so gerecht und nachhaltig wie möglich, in Richtung eines guten Lebens innerhalb der ökologischen Grenzen. Auf dem Weg dahin, das wäre meine Vermutung, werden wir feststellen, ob das innerhalb eines kapitalistischen Wachstumsparadigmas möglich ist.

Carla Reemtsma: Diese Frage darf ja gar nicht gestellt werden, weil man dann gleich als zu extrem gilt. Ich studiere Wirtschaftswissenschaften, und nach sechs Semestern kann mir immer noch niemand erklären, warum wir unbedingt ein Zwei-Prozent-Wachstum brauchen. Oder warum wir überhaupt Wachstum brauchen. Es ist eben nicht das, worauf alles gründet – sondern, dass wir einen intakten Planeten haben. Dass wir Ressourcen zukunftsfähig nutzen und nicht die planetaren Grenzen sprengen.

Carla, Sie haben einmal gesagt: "Wir jungen Leute allein werden die Regierungen nicht überzeugen können. Wir brauchen auch die Omas und Opas, die Dreißigjährigen, die Eltern“. Nun sind genau die mit ihrem Lebensstil an der Misere Schuld – und können kaum ein Interesse daran haben, dass sich etwas ändert ...

Carla Reemtsma: Das ist sehr unterschiedlich. Ich kenne Leute, die haben ein Interesse daran. Ich kenne aber auch Leute, die sagen: Meine Kreuzfahrt, mein Auto, mein Urlaub - weiter denke ich nicht. Gesellschaft und Politik müssen Verantwortung gegenüber der jungen Generation übernehmen. Gerechtigkeit bedeutet auch immer Zukunftsgerechtigkeit und Generationengerechtigkeit. Beim Thema Rente steht das ja auch im Vordergrund. Genauso müssen wir auch über die Klimakrise sprechen.

Angela Merkel findet es richtig, dass "die jungen Leute" Politikern "Dampf machen". Freuen Sie sich über solche Aussagen?

Luisa Neubauer: Nein, das ist ein Armutszeugnis. Wieso braucht die Kanzlerin ein paar junge Leute, die auf die Straße gehen und Plakate hochhalten? Sie ist diejenige, die in den Neunzigern die erste Klimakonferenz eröffnet hat. Sie wurde mal "Klimakanzlerin" genannt. Dass es jetzt uns braucht, zeigt uns, wie sehr die Kanzlerin und die Politik insgesamt versagt haben.

Manche Beobachter vergleichen Fridays for Future mit der 68er-Bewegung und halten Sie für zu zahm, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Wollen Sie bissiger werden?

Carla Reemtsma: Wir haben schon etwas erreicht. Viele Leute sagen, der Klimawandel sei eines der drängendsten Probleme unserer Zeit. Die politische Debatte wird viel öfter beherrscht von Fragen wie CO2-Bepreisung, Emissionshandel oder Kohleausstieg. Seit 20 Wochen streiken wir jeden Freitag, was schon recht radikal und gar nicht zahm ist. Und wir hören auch nicht auf, nur weil jemand sagt: Stimmt, das ist wichtig, und wir machen jetzt ein bisschen Klimaschutz. Mit jeder weiteren Woche, in der wir das Gefühl haben, es läuft nicht so richtig, passiert noch mehr. Der Druck nimmt eher zu, als dass er nachlässt.

Luisa Neubauer: Ich denke schon, dass wir radikaler werden müssen. Aber nicht in dem Sinn, dass wir uns im Ende-Gelände-Style in die Gruben stürzen. Sondern dass wir andere Bevölkerungsgruppen an unsere Seite holen. Es reicht nicht, zu sagen, die jungen Menschen machen das schon. Das ist keine Aufgabe für eine Generation, sondern für die Menschheit. Alle sind in der Pflicht, ihren Teil beizutragen und aus ihrer Komfortzone herauszukommen. Das klarzumachen, ist die Radikalität, die wir brauchen.