Arzneimittel in der Umwelt "Lifestyle-Medikamente sind ein Problem"

In Deutschland werden jedes Jahr rund 30.000 Tonnen Arzneimittel verkauft. 8100 Tonnen davon sind Stoffe, die Organismen und ganze Ökosysteme schädigen können, wenn sie in die Umwelt gelangen. Über das Problem sprachen wir mit der Umwelttechnikerin Dr. Claudia Thierbach vom Umweltbundesamt (UBA)
Arzneimittel

Ob sie nun eingenommen wurden oder nicht - Rückstände von Medikamenten landen auf verschiedenen Wegen in der Umwelt

GEO.de: Frau Dr. Thierbach, wie kommen Arzneimittel eigentlich in die Umwelt?

Dr. Claudia Thierbach: Über die Toilette. Viele Wirkstoffe von Arzneimitteln wandern durch den Körper und werden unverändert ausgeschieden. Teilweise können sie die Kläranlage passieren, weil viele der Anlagen nicht dafür ausgelegt sind, jeden Wirkstoff zurückzuhalten. Es kommt sehr auf die jeweiligen Stoffeigenschaften an.

Auch Wirkstoffe aus der Antibabypille wurden schon gefunden ...

Ja, zum Beispiel Ethinylestradiol, ein Östrogen-Wirkstoff, der in fast jeder Pille enthalten ist. Prinzipiell sind alle hormonell wirksamen Arzneimittel problematisch. Sie wirken schon bei wesentlich geringeren Konzentrationen auf Organismen als beispielsweise das viel diskutierte Bisphenol A.

Was ist das Gefährliche daran?

Solche Stoffe können ganze Ökosysteme verändern. Es gibt zum Beispiel Fischarten, bei denen das Geschlecht nicht von vornherein festgelegt ist. Es wird von Umweltfaktoren bestimmt. Wenn nun Stoffe der Pille in Gewässer gelangen, kann es zur Verweiblichung ganzer Fischpopulationen kommen. Das ist bei Östrogenen der Fall. In einem Freiland-Versuch haben kanadische Forscher einen See mit solchen Substanzen versetzt. Daraufhin brach die ganze Fischpopulation zusammen, weil die Männchen fehlten.

Was findet man denn noch so in Gewässern?

Schmerzmittel werden regelmäßig gefunden. Aber auch Arzneien gegen Epilepsie, Antibiotika, Blutdrucksenker, Betablocker, Antidepressiva und vieles mehr. Wenn man gezielt nach etwas sucht, findet man es meistens.

Und was richten diese Stoffe in der Umwelt an?

Dazu muss man sich jeden Wirkstoff einzeln ansehen. Schmerzmittel etwa verursachen bei Menschen Nierenschäden, und das tun sie bei Fischen auch. Die Wirkmechanismen bei einer Alge oder einem Wasserfloh sind aber vollkommen andere.

Experten fürchten, dass das Problem mit der Alterung der Gesellschaft wächst ...

Nicht nur der demografische Wandel ist ein Problem, sondern auch unser Konsum- und Ernährungsverhalten. Es werden immer mehr Antidiabetika eingenommen. Gleichzeitig sind 50 Prozent der Frauen und 60 Prozent der Männer übergewichtig. Herz-Kreislauf-Erkrankungen nehmen auch in Folge falscher Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel zu. Aber statt ihr Verhalten zu ändern, nehmen viele Menschen lieber eine Tablette.

Arzneimittel-Wirkstoffe wurden auch schon im Trinkwasser nachgewiesen ...

Ja, aber die Konzentrationen waren weit unterhalb der therapeutischen Dosis.

Können nicht auch schon geringe Dosen schädlich sein?

Das ist eher unwahrscheinlich, da die Konzentrationen extrem gering sind. Allerdings kann man auch kaum wissenschaftlich solide klären, was passiert, wenn man jahrzehntelang jeden Tag mehrere Liter Leitungswasser trinkt, das mit einer sehr geringen Konzentration eines Wirkstoffs belastet ist. Deshalb ist das UBA aus Vorsorge dafür, Wirkstoffe grundsätzlich aus Trinkwasser fernzuhalten.

Was kann jeder Einzelne tun, damit möglichst wenig in die Umwelt gelangt?

Die Prävention von Krankheiten ist das einfachste Mittel, um Einträge von Arzneimitteln zu vermeiden. Wer nicht krank zur Arbeit geht, sondern sich auskuriert, verhindert, dass sich zehn weitere Menschen anstecken. Auch muss nicht jede Erkältung mit Medikamenten behandelt werden. Ein weiteres Problem sind Lifestyle-Medikamente. Ein Beispiel: Es gibt Menschen, die prophylaktisch eine Ibuprofen einwerfen, um einen Marathon schmerzfrei laufen zu können. Das ist eigentlich unnötig.

Wohin gehören eigentlich Reste von Medikamenten?

Leider wurde bei der Einführung des gelben Sacks die Regelung aufgegeben, dass man Medikamente einfach in der Apotheke wieder abgeben kann. Man kann sich aber auf der Seite Arzneimittelentsorgung richtig gemacht! erkundigen, wie es in der eigenen Kommune aussieht. Die Bundesregierung geht zwar davon aus, dass Arzneimittel im Hausmüll, also in der grauen Tonne, richtig entsorgt sind, weil deren Inhalt überwiegend verbrannt wird. Das Umweltbundesamt empfiehlt aber, sie zu den Schadstoff-Sammelstellen zu bringen. Auf keinen Fall gehören Arzneimittel in die Spüle oder in die Toilette – auch nicht der Hustensaft.

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