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Vietnamkrieg Warum das Massaker von My Lai so grausam war

Mehr als 200 Kriegsverbrechen begehen die Amerikaner in Vietnam. Am bekanntesten wird das Massaker von My Lai. Am 16. März 2018 jährt sich die Bluttat zum 50. Mal
Vietnam 1972

Leid der Zivilisten: Die neunjährige Kim Phuc (3. v. l.) überlebt einen südvietnamesischen Napalmangriff schwer verletzt

Am 16. März 1968 verüben GIs in den Weilern von Son My das vielleicht schrecklichste Massaker des Vietnamkrieges. Als „My Lai (4)“, benannt nach dem benachbarten Gemeindeteil, bezeichnet die US Army die beiden eng beieinanderliegenden Dörfer Xom Lang und Binh Tay in Südvietnam. Dort werden bis zu 250 Vietcong vermutet (tatsächlich verbergen sich dort weniger als zehn Rebellen). An jenem Tag erreichen 99 mit Hubschraubern eingeflogene GIs die Dörfer. Die Einheit unter Captain Ernest Medina ist in drei Platoons aufgeteilt, das erste führt Lieutenant William L. Calley, Jr.

Schon zuvor haben US- und mit ihnen verbündete südkoreanische Verbände in der Region Gräueltaten verübt. Im Januar 1968 beklagt etwa ein General in einem Memorandum „Vergewaltigungen, Plünderungen und Brutalitäten“.Konsequenzen hat das aber nicht.

Medina befiehlt, alle Häuser zu zerstören, Nutztiere zu töten, Brunnen umzustürzen. Morde an Zivilisten ordnet er nicht ausdrücklich an, doch fast allen Anwesenden ist klar, dass er genau dies erwartet. So gibt es beispielsweise, anders als üblich, keine Anweisungen, wie Gefangene abtransportiert werden sollen.

Früh morgens beginnt das Massaker

Das Massaker beginnt um 7.25 Uhr mit Artilleriefeuer und Beschuss aus Hubschraubern. Die Soldaten feuern mit ihren Gewehren, noch ehe sie überhaupt die erste Hütte erreicht haben. Die Operation ist von der ersten Sekunde an ein wahlloses Morden: Kinder, Frauen, Greise – die GIs drücken, oft aus kürzester Distanz, auf alles ab, was sich bewegt.

Viele Taten werden vom ersten Platoon verübt. Dessen Anführer Calley ist von Medina schon mehrfach gedemütigt worden (er nennt ihn „Schätzchen“), den meisten seiner untergebenen Soldaten gilt er als „Niete“. Nun entfesselt Calley, erniedrigt und überfordert, die Gewalt, erschießt persönlich Frauen und Kinder und droht einem GI, der sich nicht beteiligen will, mit dem Kriegsgericht. Auch Medina beteiligt sich an Morden.

Die meisten Soldaten töten systematisch und kaltblütig. Dorfbewohner werden in Bunker getrieben und anschließend in die Luft gesprengt, Frauen vor ihrer Erschießung vergewaltigt, Leichen verstümmelt und skalpiert. In Xom Lang sterben etwa 350 Zivilisten, in Binh Tay 50. In einer der umliegenden Gemeinden verübt eine weitere Einheit zeitgleich ebenfalls ein Massaker. Insgesamt kommen an jenem Morgen etwa 500 Unschuldige ums Leben.

Als Hugh Thompson, der Pilot eines Helikopters, der zur Beobachtung über den Weilern kreist, das Morden beobachtet, ist er schockiert. Er landet den Hubschrauber zwischen einer Gruppe versteckter Dorfbewohner und angreifender GIs, lässt die Zivilisten in zwei Helikopter einsteigen, um sie in Sicherheit zu bringen – und befiehlt seinem Bordschützen, auf die eigenen Soldaten zu feuern, sollten die weiter töten.

Doch erst als immer mehr Hubschrauberpiloten über Funk von einem „Blutbad“ berichten, lässt Captain Medina etwa um 10.30 Uhr das Feuer einstellen: „Die Party ist vorbei.“

Das Morden wird vertuscht, offiziell melden die Einheiten, es habe sich bei den Toten um 128 Vietcongkämpfer gehandelt. Erst im März 1969 beschreibt ein an dem Geschehen nicht beteiligter GI den Exzess, von dem er Soldaten hat reden hören. Im November 1969 schließlich wird er publik – ein Skandal, der das furchtbare Antlitz des Krieges vollends zu offenbaren scheint.

Und tatsächlich ist das Massaker kein Einzelfall, sondern Beispiel für den auf beiden Seiten brutalisierten Konflikt. Mehr als 200 Gräueltaten und Kriegsverbrechen der Amerikaner sind dokumentiert, viele weitere werden vermutet. Die ständige Bedrohung durch tödliche Guerillaattacken, die Frustration und Wut über einen nicht fassbaren, sich unter die Bevölkerung mischenden Feind, gepaart mit einem Hasstraining in der Ausbildung sowie Rassismus gegenüber den Vietnamesen führen zu Gewalt und Verrohung. Allerdings sind die Überfälle der kommunistischen Soldaten kaum weniger brutal.

Im Fall von My Lai ermittelt nach der Veröffentlichung die Army und stellt fest, dass 44 Mann verdächtig sind, Morde und Vergewaltigungen begangen zu haben. Sie klagt aber nur vier Offiziere an (von denen drei freigesprochen werden, darunter Captain Medina) und zwei Sergeants. Am Ende wird nur Calley, der rangniedrigste Offizier, zu lebenslanger Haft verurteilt. 1974 lässt ihn Präsident Nixon jedoch bereits nach 44 Monaten Hausarrest wieder frei.

Am 6. März 1998 erhalten der Hubschrauberpilot Thompson und seine beiden damaligen Besatzungsmitglieder für ihren Rettungseinsatz in My Lai die Soldatenmedaille der US Army – 30 Jahre nach dem Massaker.

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