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Novemberrevolution Als die Matrosen den Monarchen verjagten

Als im Sommer 1918 der Kampf militärisch aussichtslos wird, hat der Kaiser seinen Nimbus verspielt. Im Herbst entzündet der Kieler Matrosenaufstand die Novemberrevolution, kurz darauf demonstrieren in den Städten Zehntausende für Frieden und Demokratie. Schließlich wird das Morden in den Schützengräben beendet – und die Monarchie bricht zusammen
Kiel 1918

Die Führer der SPD wollen die Demokratie, fürchten aber revolutionäres Chaos. Ihr Marinereferent Gustav Noske spricht im November 1918 in Kiel zu meuternden Matrosen und beschwört sie, ihre Waffen abzugeben

Die Männer haben es eilig, der Admiral hat überraschend um eine Unterredung gebeten. Sie besorgen sich ein Auto, befestigen dort die rote Fahne von einem Torpedoboot und machen sich auf den Weg. Die Fahne ist größer als der Wagen, und als er auf das Gebäude der Stationskommandantur zufährt, sieht es aus, als hätten die Insassen ein riesiges Segel gesetzt. Alle tragen die Matrosenuniform der kaiserlichen Kriegsmarine.

Admiral Wilhelm Souchon, 54, ist erst seit wenigen Tagen Chef der Ma­rinestation Ostsee und Gouverneur in Kiel. Er begrüßt die Matrosen in seinem Büro ungewohnt konziliant: „Ich danke Ihnen, dass Sie die Courage aufgebracht haben herzukommen.“ Doch es ist ihm anzumerken, dass er sich zwingt, nicht die Beherrschung zu verlieren – noch am Tag zuvor hätte er die gleichen Männer wohl am liebsten verhaften lassen.

Mit dem Matrosenaufstand beginnt die Novemberrevolution

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Es ist der 4. November 1918. Rund 70 Stunden zuvor haben Matrosen des III. Geschwaders der kaiserlichen Ma­rine in Kiel eine Protestversammlung organisiert. Binnen Tagen ist daraus eine Massenaktion geworden – und schließlich eine offene Revolte.

Ihr Wortführer, der Oberheizer Karl Artelt, sitzt jetzt Souchon gegenüber. Er ist vor wenigen Stunden zum Vorsitzenden des gerade gebildeten Soldatenrates gewählt worden, dem die große Mehrheit der Matrosen in Kiel folgt – und in diesem Moment mächtiger als der Admiral.

Er eröffnet das Gespräch mit einer Warnung: Falls Souchon vorhabe, „Land­truppen gegen die revolutionären Matrosen einzusetzen, hat das III. Geschwader die Anweisung, das Offiziersvillenviertel Düsternbrook unter Feuer zu nehmen und alles in Schutt und Asche zu legen“. Eilig versichert der Offizier, „keine auswärtigen Truppen heranzuziehen und die schon auf dem Transport befindlichen zurückzuschicken“.

Ein erster Erfolg für die Matrosen. Obwohl sie massive politische Forderungen haben, darunter die Abschaffung der Monarchie und das Wahlrecht für Frauen, schlägt Artelt dem Admiral nun vor, „zunächst die Fragen zu klären, die in Ihrem Machtbereich liegen“.

Berlin 1918

Viele revolutionär gesinnte Matrosen haben in Kiel ihre Schiffe verlassen und sind in ihre Heimat gefahren. Sie tragen die Revolte auch in andere Städte. In Berlin etwa patrouillieren im November 1918 bewaffnete Seeleute gemeinsam mit Arbeitern der großen Fabriken

Die Unterhändler fordern die Freilassung eingesperrter Kameraden, eine Zusage, dass die Flotte nicht mehr zu einem Angriff auslaufen wird, sowie die Bestrafung derjenigen Offiziere, die am Vortag befohlen haben, auf Demonstranten zu schießen – aber mehr auch nicht.

Souchon sichert der Delegation die Freilassung eines Teils der inhaftierten Matrosen zu. Die übrigen Forderungen sollen sie mit dem Reichstagsabgeordneten Gustav Noske von der SPD besprechen, der abends in Kiel eintreffen wird.

Damit geben sich die Aufständischen zufrieden und kehren zu ihren Kameraden zurück. Doch obwohl sie sich so schnell mit dem Admiral geeinigt haben, werden die Ereignisse von Kiel zum Auftakt einer Revolution.

Denn in jenem Herbst 1918 fällt den Soldaten und Arbeitern fast kampflos die Macht zu. Anders als in Russland sind es nicht Berufsrevolutionäre, die die militärischen und politischen Strukturen zerschlagen – sondern das Reich zerbricht am spontanen Widerstand kriegsmüder Männer und Frauen. Die Aufständischen haben Hunger, und sie sind des alten, morschen Systems überdrüssig.

Und so stürzen die Meuterer binnen Tagen jahrhundertealte Dynastien, zerschmettern ein 47 Jahre altes Kaiserreich und setzen ohne politische Führung Arbeiter- und Soldatenräte an die Stelle der zusammengebrochenen Institutionen.

Von der Räterepublik träumen manche, doch eine proletarische Revolution wie in Russland will fast niemand.

„Frieden und Brot“: Die Hungerunruhen

Drei Jahre zuvor: Der Krieg dauert etwas mehr als ein Jahr an, als die Stimmung in Deutschland umzuschlagen ­beginnt. Kriegstrunkenheit weicht der Ernüchterung. Der Waffengang dauert bereits länger, als von Kaiser und Oberster Heeresleitung vorgesehen; auf so einen Feldzug aber ist niemand eingestellt.

Es gibt keine Pläne zur Versorgung der Bevölkerung, vor allem in den Städten werden die Nahrungsmittel knapp. Und so verdoppeln sich bis 1916 die Preise von 1914 – und steigen in den folgenden 14 Monaten um weitere 70 Prozent an.

Viele Menschen können sich Brot und Kartoffeln nun nicht mehr leisten. Schon seit Februar 1915 ist Brot rationiert; bald darauf sind auch andere Grundnahrungsmittel nur noch auf Bezugschein zu bekommen.

In Berlin entlädt sich der Unmut im Oktober 1915 in Demonstrationen. „Frieden und Brot“ skandieren die Menschen, sie plündern Geschäfte und Marktstände.

Bald kommt es überall im Reich zu Hungerunruhen. In Aachen, Köln, Hamburg, Leipzig und anderen Städten ziehen Frauen, Kinder und Jugendliche vor Rat­häuser und Lebensmittelämter. Alarmiert schickt der preußische Innenminister einen Brief an Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg: „Die einmütige patriotische Stimmung, mit der die gesamte Bevölkerung diesen Krieg auf sich nahm, ist im Begriff, einer empfindlichen Störung, wenn nicht völliger Zerstörung entgegenzugehen.“

Hunger als Waffe

Hunger als Waffe: Britische Schiffe blockieren bereits kurz nach Ausbruch des Krieges den Fernhandel des Deutschen Reiches, weshalb schon bald Nahrungsmittel fehlen. Die Menschen hungern. Ihre Not ist so groß, dass selbst ein auf der Straße verendetes Pferd von Passanten zerteilt wird, wie hier in München

In den folgenden Wintermonaten stellen sich Schulkinder für etwas Geld nächtelang bei Schneetreiben für Erwachsene in die Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften. Mit dem Hunger nimmt die Verbitterung zu. Die Warteschlangen, so wettert der Preußische Staatskommissar für Volksernährung, seien „Brutstätten der Verhetzung und der Auflehnung“. In Münster kommt es im Februar 1916 zu einer Straßenschlacht um ein paar holländische Heringe.

Pferdefleisch, vor dem Krieg verpönt, liegt nun in den Auslagen. Doch selbst das bleibt für viele unerschwinglich.

In Berlin beobachtet die Schauspielerin Asta Nielsen, was geschieht, als ein Pferd auf der Straße verendet: „Im Nu, als hätte man darauf gelauert, stürmten die Frauen, mit langen Küchenmessern bewaffnet, aus den umliegenden Häusern auf den Kadaver. Man schrie und schlug sich um die besten Stücke. Andere ausgehungerte Gestalten kamen vorüber und fingen in Näpfen und Tassen das warme Blut auf, von dem das Pflaster rot gefärbt war. Erst als das Pferd, wie ein Skelett in der Wüste abgenagt, dalag, zerstreute sich die Menge, die eroberten Fleischklumpen ängstlich an die platten Brüste gepresst.“

Seelenqualen, ärztliche Folter und tausendfacher Selbstmord

Auch an der Front verwandelt sich Siegesstimmung zusehends in Hoffnungslosigkeit. „Alles ist uns zuwider, und man lebt sehr stumpfsinnig wie ein Vieh in den Tag hinein“, schreibt ein Landwehrmann nach Hause, „nichts hat mehr ein Interesse für mich, nur noch der eine Gedanke, Friede, Friede, Friede.“

Tausende suchen ihr Heil in der Flucht. Etwa 20000 Soldaten desertieren in die Schweiz, nach Dänemark und die Niederlande, zumeist Mannschaftsdienstgrade, dazu eine ähnlich große Zahl junger Zivilisten, die auf diese Weise der Einberufung entgehen. Rund 150000 Soldaten werden während des Krieges wegen Desertion oder unerlaubter Entfernung von der Truppe verurteilt.

Wer nicht flieht, der leidet oft Seelenqualen. Der Nervenarzt Robert Gaupp beobachtet, dass „nach heftigen Sturm­angriffen, nach langem Trommelfeuer, nach gehäuften Ex­plo­sio­nen schwerer Granaten, Minen oder Fliegerbomben ganze Truppenkörper das seelische Gleichgewicht verloren, Zittern, kopf­lose Erregung, Wein- und Lachkrämpfe, Erbrechen usw. aufwiesen“. 

Das „Kriegszittern“ entwickelt sich zum verbreiteten Krankheitsbild. Rund 200000 „Kriegsneurotiker“ erleben in den Lazaretten oft schreckliche Quälereien: Ärzte versetzen Verstummte durch Einführen einer „Kehlkopfkugel“ in Erstickungsangst. Kriegszitterer behandeln sie stundenlang mit schmerzhaften elektrischen Strömen zur „Sofortheilung“. 

Andere werden tagelang in nasse Tücher gewickelt oder in Dauerbäder ge­legt. Robert Gaupp resümiert klinisch kühl: „Je länger der Krieg dauert, desto mehr wird die Zahl der nervös und hysterisch gewordenen Mannschaften anwachsen, desto dringender wird sich die Forderung erheben, sie statt als kostspielige Lazarettinsassen als am richtigen Ort noch brauchbare Kräfte im militärischen Organismus zu verwenden.“ 

Für einige der gemütskranken Soldaten kommt es dazu nicht mehr – sie sterben unter der ärztlichen Folter. Tausende begehen Selbstmord.

Auf die Güterwagen, in denen bei Kriegsbeginn das kaiserliche Heer zum „Blitzkrieg“ an die Westfront rollte, hatten die Männer anfangs mit Kreide „Ausflug nach Paris“ geschrieben und „Auf Wiedersehen auf dem Boulevard“. 

Jetzt steht dort in großen Lettern: „Schlachtvieh nach Flandern“.

Die USPD vereint: Der Krieg muss enden

Fritz Haber
Giftgas
Wie Fritz Haber den Tod aus dem Labor erfand
Im April 1915 kommt es zum ersten Großeinsatz von Chlorgas. Die Deutschen töten damit 1200 gegnerische Soldaten im belgischen Nordwesten. Erfinder der teuflischen Waffe: Fritz Haber

Der Winter 1916/17 ist lang und streng. Von Mitte November bis Mitte März schneit es fast täglich, und nur selten steigt die Quecksilbersäule über zehn Grad minus. Überall fehlt es an Heizmaterial, vor allem aber an Nahrungsmitteln. 

Die Ernte im Herbst ist nicht gut gewesen, aus dem Ausland kommen fast keine Lebensmittelimporte. Offiziell stehen jedem Deutschen pro Tag unter anderem 710 Gramm Kartoffeln, 18 Gramm Butter, 70 Gramm Fleisch und 0,3 Eier zu – tatsächlich aber erhalten die Menschen in den Städten oft nur die Hälfte; das sind kaum mehr als 1000 Kalorien.

Statt Kartoffeln gibt es jetzt Steckrüben, statt Brot Backwerk aus Kleie, „die sonst die Schweine bekamen“, wie der Publizist Maximilian Harden notiert: „Fahl, dürr, morsch sind die Männer, schlaff und faltig, wie ungefettete Treib­riemen, ist die Haut der müden Frauen.“

Insgesamt werden während des Krieges in Deutschland fast 800000 Menschen an den Folgen schlechter Ernährung sterben. Die Reichsregierung in Berlin bittet in einem Aufruf von 1917, auf das Tragen von Trauerkleidung zu verzichten, da sich der Anblick negativ auf die „Volksstimmung“ auswirke.

In vielen Städten brechen in jenem Jahr erneut Unruhen aus, und jetzt demonstrieren auch die Arbeiter kriegswichtiger Industriebetriebe. In den Waffen- und Munitionsfabriken sinken die Produktionszahlen, Stahl- und Berg­arbeiter drohen mit Streiks – so auch im westfälischen Hagen. 

„Nachdem am 17. Januar über 2000 Menschen am Rathaus vorstellig und ab­ge­fertigt worden waren“, heißt es in einem Polizeibericht, „fand sich am Morgen des 18. Januar eine noch größere Menge vor dem Rathaus ein und forderte stürmisch Ersatz für die fehlenden Kartoffeln. Von verschiedenen Fabriken wurde telefoniert, dass die Arbeiter die Arbeit einstellen und sich zum Zuge nach dem Rathaus ordnen wollten.“ 

Also werden eilig Brot und Suppenmehl an die hungrigen Menschen verteilt. Es herrscht, so erinnert sich ein Beamter, „ein ungeheurer Andrang, bei welchem zum Teil die Tische der Verkaufsstellen umgeworfen wurden“. Immerhin aber sei es dadurch gelungen, „die Arbeiterschaft einstweilen zu beruhigen“.

Einstweilen. Denn von nun an wird es bis zum Ende des Krieges immer wieder zu Unruhen kommen. Auch ein Versuch der Obersten Heeresleitung (OHL), die Zivilbevölkerung durch Lebensmittelzuteilungen aus Militärbeständen zu beruhigen, kommt zu spät. 

Zudem vergrößert die Heeresverwaltung durch Herabsetzung der Truppenverpflegungssätze die Not in den Schützengräben. Bald sind unter den zur Armee eingezogenen Arbeitern oft Männer, die daheim an Streiks und Demonstrationen beteiligt gewesen sind. Viele folgen der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die im April 1917 aus Protest gegen den anhaltenden Kriegskurs der SPD gegründet worden ist und sofort in vielen Betrieben mit der Agitation begonnen hat.

Zwar ist die USPD kaum mehr als ein Sammelbecken der von der SPD-­Politik tief enttäuschten Linken – von der radikalsozialistischen Spartakusgruppe bis zu den ausgleichenden Pazifisten. Einigkeit aber herrscht darin, dass der Krieg sofort beendet werden müsse.

Die Matrosen wollen Frieden und endlich nach Hause

August 1917. Überall in Europa haben Menschen den Krieg satt. In Russland hat die Frühjahrsrevolution den Zaren hinweggefegt, in Frankreich haben Tausende Soldaten gemeutert, in Deutschland gab es weitere Streiks gegen die schlechte Versorgungslage.Auch bei den Matrosen der deutschen Hochseeflotte, die vor Wilhelmshaven dümpelt, nimmt die Unzufriedenheit zu. Der Dienst ist hart, die Verpflegung miserabel. Und die Offiziere behandeln die Mannschaften schlecht. 

Am 1. August verweigern die Heizer auf dem Panzerschiff „Prinzregent Luitpold“ die Befehle und gehen von Bord. Tags darauf verlassen weitere 400 Mann das Schiff. Ihr Anführer ist der 24-jäh­rige Albin Köbis. Nun kommt es auch auf an­deren Schiffen zu massenhafter Befehlsverweigerung: Die Matrosen wollen Frieden und endlich nach Hause.

Doch die Aktion ist ungenügend vorbereitet, loyale Soldaten schlagen sie schnell nieder. Köbis und 77 weitere Meuterer werden verhaftet. Schon am 28. August ergehen die Urteile. Albin Köbis und ein Matrose werden wegen „kriegsverräterischer Aufstandserregung“ zum Tode verurteilt und hingerichtet. 

Doch kaum ein halbes Jahr später streiken allein in Berlin eine halbe Million Arbeiter für den Frieden.

Der 1. Oktober 1918 ist ein Dienstag. Vor kaum einer Woche haben die Alliierten an der Westfront eine wichtige ­Stellung überrannt. Die kriegsmüden und hungrigen Soldaten des deutschen Feldheeres desertieren in Scharen, vielerorts bricht die Kommandostruktur zusammen. 

An diesem Tag, dem 1520. des Krieges, übermittelt Oberst Wilhelm Heye, Chef der Operationsabteilung der OHL, der Seekriegsleitung eine ernste Lage­beurteilung. Der Krieg sei verloren, es müsse Frieden geschlossen werden, je schneller, desto besser. Voraussetzung für einen Waffenstillstand aber sei die Einstellung des U-Boot-Krieges, wie von US-­Präsident Woodrow Wilson gefordert. 

Bereits Ende September hat die Oberste Heeresleitung unter dem Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und dem Ersten Generalquartiermeister Erich Ludendorff vom Kaiser sowie dem Reichskanzler gefordert, „ohne jeden Verzug“ einen Waffenstillstand herbeizuführen (siehe Seite 116).

Berlin 1918

Berlin, November 1918: Die Nachricht von meuternden Matrosen hat die Hauptstadt erreicht. Am Potsdamer Platz und andernorts fordern nun auch hier Soldaten, Arbeiter und Hausfrauen Frieden, Brot und Demokratie

Als daraufhin der Kanzler zurück­trat, verlangte Ludendorff vom Kaiser, „jetzt auch diejenigen Kreise an der Regierung zu beteiligen, denen wir es zu verdanken haben, dass wir so weit gekommen sind“ – ein strategischer Schachzug: So soll in der Öffentlichkeit nicht die OHL für die Kapitulation und ihre Folgen verantwortlich gemacht werden, sondern die neue Zivilregierung.

Am 4. Oktober erfahren die Deutschen aus der Zeitung, dass ihr Reich über Nacht eine parlamentarische Regierung bekommen hat. Es ist ein politischer Umsturz – aber einer von oben: eine Verzweiflungstat, inszeniert in einem kleinen Kreis von Politikern und Militärs.

Reichskanzler ist der liberale Prinz Max von Baden, der sich schon lange für einen Verständigungsfrieden einsetzt. Der SPD-Politiker Philipp Scheidemann wird Staatssekretär ohne Geschäftsbereich – zum ersten Mal ist ein Sozialdemokrat Mitglied einer Reichsregierung. Die richtet sofort ein Waffenstillstandsgesuch an US-Präsident Wilson.

Kurz darauf empfiehlt Konteradmiral Adolf von Trotha, der Stabschef des Hochseekommandos, einen „Vorstoß der gesamten Hochseestreitkräfte“ gegen die Engländer, „falls der U-Boot-Krieg völlig aufgegeben wird oder unsere Flotte einem schmachvollen Ende entgegengeht“. Er verlangt den „Schlusskampf als höchstes Ziel, auch wenn er ein Todeskampf wird“. 

Daraufhin fasst die Seekriegsleitung folgenden Beschluss: „Die Marine hat ­keinen Waffenstillstand nötig. Sie muss eingesetzt werden. Wenn auch nicht zu erwarten ist, dass hierdurch der Lauf der Dinge eine entscheidende Wendung ­erfährt, so ist es doch eine Ehren- und Existenzfrage der Marine, im letzten Kampf ihr Äußerstes getan zu haben.“

„Arbeiter, demonstriert in Massen“: USPD Flugblätter rufen zum Aufstand auf

Am 30. Oktober 1918 sollen die Anker gelichtet und Tausende in einem letzten Gefecht geopfert werden. Doch trotz strengster Geheimhaltung verbreiten sich unter den Marinesoldaten rasch Gerüchte über eine bevorstehende „Todesfahrt“.

Am Abend vor dem geplanten Auslaufen versammeln sich die Chefs der Kampfverbände gegen 20 Uhr beim Flottenchef und besprechen ihre Pläne. Gegen 22 Uhr vermeldet ein Funker Beunruhigendes: Meuterei auf drei von fünf Schiffen des III. Geschwaders. Flugblätter gehen an Bord der Schiffe von Hand zu Hand: „Schmeißt die Arbeit nieder! Wir wollen Frieden. Oder sollen wir unseren Kameraden an der Westfront entgegenarbeiten? Nieder mit dem Krieg!“

Die Offiziere auf dem Flaggschiff sind ratlos. Gegen Mitternacht sagen sie den eigenmächtigen Seekrieg schließlich ab. Der Friede unter den Matrosen aber lässt sich damit nicht wiederherstellen. 

Daher befiehlt der Flottenchef die Verlegung des III. Geschwaders nach Kiel. Noch während der Fahrt durch den Nordostseekanal werden 47 Matrosen als Rädelsführer festgenommen und später in Arrestanstalten gesteckt.

In der Nacht zum 1. November läuft das Geschwader in Kiel ein – an Bord 5000 aufgebrachte Matrosen. Um sie zu beruhigen, erhalten sie Landgang. Noch am selben Abend treffen sich 250 Ma­ri­ne­soldaten im Kieler Gewerkschaftshaus; sie fordern die Freilassung der inhaftierten Kameraden und beschließen für den kommenden Tag eine Kundgebung. 

Am 2. November sind es schon fast 600 Mann, die dort zusammenkommen. Doch das Gewerkschaftshaus ist von der Polizei abgesperrt. Also ziehen die Ma­trosen zum Exerzierplatz nahe dem Zen­trum – unter ihnen der Oberheizer Karl Artelt, ein USPD-Mann. Früher war er Arbeiter auf der Germaniawerft, 1917 wurde er wegen Aufwiegelung zum Streik zu sechs Monaten Haft verurteilt. 

Er ergreift jetzt das Wort, verlangt die Freilassung der gefangenen Meuterer. Und geht noch einen Schritt weiter: Als erster Redner fordert Artelt die „Niederkämpfung des Militarismus“ und die „Be­seitigung der herrschenden Klassen“. 

Zum Schluss ruft er für den nächsten Tag zu einer großen Volksversammlung auf dem Exerzierplatz auf.

Noch in der Nacht drucken Aktivis­ten der USPD Flugblätter: „Kameraden, schießt nicht auf Eure Brüder! Arbeiter, demonstriert in Massen, lasst die Soldaten nicht im Stich!“ 

Sie verteilen die Blätter am Morgen in der Stadt und bei einer Veranstaltung der SPD im Gewerkschaftshaus.

Etwa zwei Stunden vor der Kund­gebung lässt Admiral Wilhelm Souchon, der neue Gouverneur in Kiel, Stadtalarm auslösen: Alle Soldaten sofort in die Kasernen oder auf die Schiffe! Tatsächlich aber schließen sich immer mehr Matrosen der Kriegsmarine den Protestlern an, auch viele Arbeiter.

Am späten Nachmittag stehen mehr als 5000 Menschen auf dem Exerzierplatz, zum großen Teil Matrosen, einige sind bewaffnet. Unter dem Beifall der Menge fordern Redner „die Beendigung des Krieges, Frieden, Freiheit und Brot“. 

Dann formiert sich ein Demonstrationszug in Richtung Innenstadt. Im fahlen Licht der Gaslaternen schlagen die Protestler den Weg zum Gefängnis ein, um die wegen der Meuterei inhaftierten Kameraden zu befreien.

Admiral Souchon ist über den Gang der Ereignisse unterrichtet. Eilig lässt er einen Trupp loyaler Rekruten und Offiziersanwärter zusammenstel- len, das Kommando überträgt er einem Leut­nant der Reserve. Souchon ordnet an, den Demonstranten „mit allen Mitteln entgegenzutreten“ und dabei „rücksichtslos von der Waffe Gebrauch zu machen“. In der Karlstraße stellt sich der Leutnant mit seinen Leuten der Demonstration in den Weg. Die erste Salve geht über die Köpfe hinweg, die zweite mitten in die herandrängenden Menschen. Die Matrosen schießen zurück. 

Acht Menschen sterben, 29 werden verletzt. Dann flüchtet die Menge.

Dieser Beitrag stammt aus GEO Epoche Kollektion

Auf fast allen Schiffen der kaiserlichen Flotte weht jetzt die rote Fahne der Revolution

Tags darauf flammen die Proteste erneut auf. Die Torpedo-Division wählt einen Soldatenrat mit Karl Artelt als Vorsitzendem; die Männer der Werft-Division bewaffnen sich. Schnell springt der Funke von Schiff zu Schiff, von Kaserne zu Kaserne. Die Rebellen stürmen Waffenkammern, entwaffnen Offiziere. Am Mittag verfügen die Aufständischen über 20000 Gewehre, am Abend zählen sie insgesamt 40000 Mann. 

Ihre Forderungen: „1. Abdankung des Hauses Hohenzollern. 2. Aufhebung des Belagerungszustandes. 3. Freilassung unserer gemaßregelten Kameraden. 4. Freilassung aller im Zuchthaus sitzenden Kameraden von der Matrosenerhebung 1917. 5. Freilassung sämtlicher politischer Gefangenen. 6. Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts für beide Geschlechter.“

Auf fast allen Schiffen der kaiserlichen Flotte weht jetzt die rote Fahne der Revolution. Und für Admiral Souchon wird die Lage langsam gefährlich.

Am Tag zuvor hat er in einem Telegramm nach Berlin die Entwicklung ­geschildert. Der Bericht endete mit den Worten: „Bitte, wenn irgend möglich, hervorragenden sozialdemokratischen Abgeordneten herzuschicken, um im ­Sinne der Vermeidung von Revolution zu sprechen.“ Zugleich hat er Infanterie angefordert, um mit deren Hilfe den Aufstand niederzuwerfen.

Doch noch ist er ein Kommandeur ohne Truppen und muss vor allem Zeit gewinnen. Und so lässt er am 4. November die gerade gewählten Vertrauens­leute der Matrosen zur Unterredung bitten.

In der Zwischenzeit hat die neue Regierung unter Max von Baden den Sozialdemokraten Gustav Noske nach Kiel geschickt, um die Aufständischen zu beruhigen. Noske, 50, gelernter Korb­macher, genießt, so Prinz Max, „als Marinereferent der Sozialdemokratischen Partei bei den Matrosen große Achtung“, ist aber wie die meisten führenden Sozial­demokraten strikt gegen jede Revolution. 

Er kommt am 4. November gegen 19.30 Uhr am Kieler Bahnhof an. Alle öffentlichen und militärischen Gebäude der Fördestadt sind zu diesem Zeitpunkt von den Aufständischen besetzt, die inhaftierten Meuterer befreit. 

Noske wird von einer Abordnung der revolutionären Matrosen empfangen und auf dem Wilhelmsplatz von einer großen Menschenmenge begrüßt. Er hält eine kurze Ansprache und schließt sie mit der Aufforderung, Ordnung zu bewahren. 

Die Menge jubelt. Sie glaubt, der Abgeordnete werde der Revolution die richtige Richtung geben.

Erster Weltkrieg
Sir Christopher Clark
"Es hätte nicht unbedingt zu einem Weltkrieg kommen müssen"
Europas politische Klasse war mit der Julikrise von 1914 überfordert: Diesen Schluss zieht der australische Historiker Sir Christopher Clark, Professor an der Universität Cambridge. Schuld am Ersten Weltkrieg trage nicht allein Deutschland, sondern eine europäische Kultur, die geprägt war von Männlichkeitswahn, Provokation und Imponiergehabe. Ein Interview mit dem Autor von "Die Schlafwandler"

In norddeutschen Städten entstehen Arbeiter- und Soldatenräte

In der Nacht bildet sich in Kiel ein Arbeiterrat. Etwa zur gleichen Zeit lässt Artelts Soldatenrat ein Flugblatt drucken. Es beginnt mit den Worten: „Kameraden! Der gestrige Tag wird in der Geschichte Deutschlands ewig denkwürdig sein. Zum ersten Mal ist die politische Macht in die Hände der Soldaten gelegt.“ 

Am Morgen will Noske weitere Gespräche mit dem Soldatenrat führen. Als er kein Mitglied des Rates finden kann, ruft er für 13.00 Uhr eine Versammlung des Gremiums ein, auf der er sich selbst zum Vorsitzenden wählen lässt. 

In den Tagen darauf besucht er jede Kaserne, jedes Schiff, um „der Meuterei, die ich persönlich aufs Schärfste ver­urteile, ein Ende zu machen“ – oder zumindest auf Kiel zu beschränken. 

Doch längst haben viele Züge die Fördestadt verlassen, mit Hunderten ­Matrosen auf dem Weg in den selbst gewährten Heimaturlaub. Auf diese Weise verbreitet sich der revolutionäre Funke von Kiel aus im Takt der Fahrpläne.

Noch am 5. November entsteht in Lübeck ein Soldatenrat unter Führung von Seeleuten des III. Geschwaders. Widerstand gibt es dort nicht. 

In Hamburg treten am selben Tag Werftarbeiter in einen Sympathiestreik für die Kieler Matrosen. Nachmittags fordert eine Versammlung von 200 Betriebsdelegierten die Abdankung der Hohenzollern, eine umfassende Demokratisierung im Deutschen Reich und die Freilassung aller politischen Gefangenen. 

Am folgenden Tag, so beschließt eine USPD-Versammlung, soll in der Hansestadt die Arbeit ruhen.

Mitten in der Nacht erreicht eine Gruppe Kieler Matrosen Hamburg – und erzwingt auch hier den Umsturz. Konsequenter als an der Förde nehmen die See­leute in Hamburg kaisertreue Offiziere der im Hafen liegenden Kriegsschiffe fest, besetzen den Elbtunnel, überwältigen die Zollwache am Freihafen, bringen den Hauptbahnhof in ihre Gewalt und richten im Gewerkschaftshaus ein durch Barrikaden gesichertes Hauptquartier ein. 

Dort bilden sie einen provisorischen Arbeiter- und Soldatenrat, der in den Mittagsstunden vor 40000 Arbeitern, Matrosen und Soldaten verkündet, er habe „den größten Teil der politischen Macht in die Hand genommen“. Selbst Se­nat und Bürgerschaft stellen sich nun „in den Dienst der neuen Zeit“. Das versichert zumindest Hamburgs Bürgermeis­ter Werner von Melle den Umstürzlern. Die militärischen Autoritäten fliehen bald nach Beginn des Aufstandes. 

Auch in anderen norddeutschen Städten entstehen Arbeiter- und Soldatenräte, etwa in Wismar und Schwerin. Einen Tag später tragen Seeleute die Rebellion ins Binnenland. Fast überall verläuft der Umsturz so, wie es die „Weser Zeitung“ für Braunschweig beschreibt: „Matrosen besetzten den Bahnhof, begaben sich in die Kasernen, rissen sämtliche hier garnisonierenden Truppen­regimenter mit sich fort und bewogen auch die Polizei zur Übergabe.“ Überall fordern die Räte Frieden, die Abdankung des Kaisers und Demokratie, bald aber auch „den acht­stündigen Arbeitstag“ und „Für­sorge­maßnahmen für Not Leidende“.

Arbeiter- und Soldatenräte bestimmen die deutschen Städte: Die alte Ordnung fällt in sich zusammen

In München endet die 738 Jahre alte Herrschaft der Wittelsbacher unter dem Ansturm der Revolution. Der bayerische König stiehlt sich samt Familie aus der Stadt. Doch weicht er nicht vor Soldaten, sondern vor den eigenen durch Hunger demoralisierten Untertanen, zu deren Sprecher der Schriftsteller Kurt Eisner wird, ein Mitbegründer der USPD. 

Mit 2000 Anhängern übernimmt Eisner kampflos die Kasernen der Stadt und proklamiert die Republik Bayern. Dann erreicht die Revolution Franken, Württemberg, Hessen und Sachsen.

Bald gibt es kaum noch eine deutsche Stadt, in der nicht Arbeiter- und Soldatenräte die Dinge bestimmen. Und die regierenden Fürsten, eben noch die Stütze des Kaiserreiches, danken ab, sobald nur eine rote Fahne zu sehen ist. Die alte Ordnung fällt in sich zusammen. 

Doch rasch zeigt sich, dass die Aufständischen nicht wissen, wie sie ihre Ziele umsetzen sollen. Deshalb tun sie sich vielerorts mit Vertretern der SPD zusammen, die sich zwar ebenfalls für Demokratisierung und soziale Reformen stark machen, aber gegen die Revolution sind. Und so geht es am Ende fast überall aus wie in Kiel: Dort hat sich Noske zum Gouverneur wählen lassen – und sofort die Abgabe aller Waffen angeordnet. An der Förde ist der Aufstand vorbei.

In der Reichshauptstadt aber steht er erst noch bevor.

Am 7. November, einem Donnerstag, stellt die SPD Reichskanzler Max von Baden ein Ultimatum: Sollte der Kaiser nicht bis zum 8. November zurücktreten, Polizei und Militär nicht zu äußers- ter Zurückhaltung angehalten und der so­zial­demokratische Einfluss auf die Reichsregierung nicht ausgebaut werden, verlässt sie die Regierung. 

SPD-Chef Friedrich Ebert und Staatssekretär Philipp Scheidemann haben dem Kanzler ihre Gründe erläutert, und in ihren Worten, so Max von Baden, war „nichts von Drohung oder Trotz. Sie waren in Wahrheit von jähem Schrecken überwältigt über die ihnen und ihrer ­Partei entgleitende Macht.“ 

Am Tag darauf beginnen im französischen Compiègne Waffenstillstandsgespräche, und die SPD-Führung gibt in einem Flugblatt bekannt, ihr Ultimatum sei erfüllt worden – bis auf die Abdankung des Kaisers. Aber gerade diese Forderung bewegt die Massen, nachdem der Frieden greifbar geworden ist und Kurt Eisner in München bereits die Bayerische Republik proklamiert hat. 

An diesem Freitagabend zieht das IV. Jägerregiment in Berlin ein, eine als besonders zuverlässig bekannte Truppe; jetzt soll sie auf Anordnung des preußischen Kriegsministers Heinrich Scheüch in der Hauptstadt Generalstreik und Aufstand verhindern. Doch kaum sind die Jäger in die Kaserne eingerückt, begin- nen die Diskussionen: Was man denn in Berlin solle, wo doch jeder vom Ende des Krieges rede? Ob es womöglich gegen die neue Regierung gehe, der jetzt die Sozial­demokraten angehören? 

Die Offiziere versuchen zu beschwichtigen, aber die Mannschaften verlangen Aufklärung. Am Morgen schicken sie eine Abordnung zum Büro der SPD- Parteizeitung „Vorwärts“.

„Auf zum Kampf für Frieden, Freiheit und Brot“

Schwer bewaffnet, platzen die Jäger dort um 7.00 Uhr in eine Sitzung der SPD-Betriebsvertrauensleute. Sofort solle einer mitkommen in die Kaserne, verlangen die Männer: Man wolle endlich wissen, worum es eigentlich gehe. Der SPD-Reichstagsabgeordnete Otto Wels geht mit. 

In der Kaserne erklimmt er einen Pferdewagen und beginnt zu sprechen: vom Ende des Krieges, vom Starrsinn des Kaisers, vom Frieden. Er endet mit den Worten: „Es ist eure Pflicht, den Bürgerkrieg zu verhindern! Ein Hoch auf den freien Volksstaat!“ Applaus bricht los. Die Jäger stellen einen Trupp ab, um fortan den „Vorwärts“ zu schützen. Und Otto Wels hat begriffen: Den Gang der Dinge bestimmt, wer die Soldaten auf seine Seite ziehen kann. Sofort macht er sich auf zur nächsten Kaserne. 

Der 9. November 1918 ist ein trüber Tag und für die Jahreszeit zu warm. Noch am Morgen hat es geregnet. Der Kaiser, fernab der Hauptstadt im Großen Hauptquartier im belgischen Spa, hat noch nicht auf den Thron verzichtet. Die Stimmung in den Groß- und Rüstungsbetrieben ist explosiv. Flug­blätter gehen um. „Auf zum Kampf für Frieden, Freiheit und Brot“, fordert darin eine Gruppe „Revolutionärer Obleute“, die bereits im Januar 1918 in Berliner ­Unternehmen auf eigene Faust Friedensstreiks organisiert hat und seither im Untergrund arbeitet. 

Nach der Frühstückspause formieren sich in den Industrievierteln an der Peripherie elf Arbeiterkolonnen und marschieren in Richtung Stadtzentrum. Es sind Hunderttausende, hungrig und abgemagert, die nun die Abdankung des Kaisers erzwingen wollen. Im Zentrum stehen Tausende Soldaten zur Sicherung des Regierungsviertels und strategisch wichtiger Punkte. Sie sind mit Maschinengewehren bewaffnet, mit Kanonen und Panzerkampfwagen.

Dann treffen die ersten Demons­tra­tionszüge ein, an der Spitze bewaffnete Arbeiter, hinter ihnen Frauen und Kinder mit roten Fähnchen. Vor einer Kaserne schießt ein kaisertreuer Offizier in die Menge. Er tötet drei Arbeiter (insgesamt gibt es an diesem Tag in Berlin 15 Tote).

Meist jedoch verbrüdern sich die Soldaten mit den Aufständischen. Das Zeitungsviertel wird besetzt und das Haupttelegraphenamt. Die Arbeiterräte triumphieren – die Revolution steht in der Reichshauptstadt vor ihrem Sieg. 

Kurz vor Mittag fasst Reichskanzler Prinz Max von Baden daher zwei folgenschwere Entschlüsse: Zunächst verkündet er im Alleingang die Abdankung des Kaisers. Gegen 12.00 Uhr kabelt eine Nachrichtenagentur die (Falsch-)Meldung in alle Redaktionen: „Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Thron zu entsagen.“ Der ahnungslose Wilhelm hat da gerade mit einem seiner Söhne einen Spaziergang in Spa beendet.

Dann lässt Baden die SPD- Spitze zu sich bitten: „Wenn überhaupt jemand in der Lage ist, jetzt unser Vaterland vor dem Schlimmsten zu bewahren, ist es Ihre Partei“, befindet er und wendet sich an Ebert: „Übernehmen Sie das Reichskanzleramt.“ Der Sohn eines Schneidermeisters zögert kurz. Dann schlägt er ein.

"Die neue Regierung wird eine Volksregierung sein."

Ebert hat sein Ziel erreicht: In Deutschland stellt die SPD den Reichskanzler. Sofort schickt er Emissäre zur USPD-Fraktion, um mit ihr über den Eintritt in die Regierung zu verhandeln.

Wenig später erlässt er einen Aufruf. Darin heißt es: „Die neue Regierung wird eine Volksregierung sein. Die politische Umwälzung darf die Ernährung der Bevölkerung nicht stören. Es muss die erste Pflicht aller bleiben, die Produktion von Nahrungsmitteln zu fördern. Ich bitte euch alle dringend: Verlasst die Straßen! Sorgt für Ruhe und Ordnung!“ 

Doch kaum jemand nimmt davon Notiz. Während Ebert und Scheidemann gegen 14.00 Uhr im Reichstag eine Kartoffelsuppe essen, sammelt sich draußen eine Menschenmenge. „Nieder mit dem Kaiser, nieder mit dem Krieg!“, skandieren die Leute und „Hoch die Republik!“. 

Ebert löffelt weiter seine Suppe. Scheidemann aber steht auf und eilt durch die Korridore des Reichstagsgebäudes, tritt an ein Fenster – und überblickt ein Meer von roten Fahnen.

So ist es Eingebung, kein Plan, dass Scheidemann das Fenster öffnet, an die Balustrade tritt und über die Menschenmenge hinweg ausruft: „Der Kaiser hat abgedankt. Er und seine Freunde sind verschwunden, über sie hat das deutsche Volk auf ganzer Linie gesiegt. Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue. Es lebe die Deutsche Republik.“

Scheidemann

Am 9. November 1918 ruft der SPD-Politiker Philipp Scheidemann von einem Fenster des Reichstages die »Deutsche Republik« aus. Manche seiner Genossen sind gegen diese Aktion – schafft sie doch Tat- ­sachen, ehe eine verfassung­- gebende Nationalversammlung zusammentreten kann

Die Menschen jubeln ihm zu. Doch als Scheidemann zu Ebert zurückkehrt, ist der rot vor Wut. „Du hast kein Recht, die Republik auszurufen!“, fährt er seinen Partei­freund an: „Was aus Deutschland wird, das entscheidet eine Konstituante!“, eine verfassunggebende Versammlung. 

Ebert hat im Verlauf der zurück­liegenden Jahre seinen Frieden mit der Monarchie gemacht, und vielleicht hofft er im Stillen auch jetzt noch, sie in ihrer konstitutionellen Form retten zu können – nicht ahnend, dass Wilhelm II. noch gar nicht abgedankt hat.

Und womöglich wäre alles anders gekommen, hätte der Monarch im fernen Spa gewusst, dass ausgerechnet der SPD-Chef sein heimlicher Verbündeter in der Reichsregierung ist. So aber erfährt er beim Mittagskaffee von seiner angeblichen Abdankung und empört sich lautstark: „Verrat, schamloser Verrat!“ 

Es hilft nichts. Denn inzwischen hat ihm General Wilhelm Groener von der OHL klargemacht, dass er ein Monarch ohne Armee ist: „Das Heer wird unter seinen Generälen geschlossen in die Heimat zurückmarschieren, aber nicht unter Führung Eurer Majestät.“

Die Revolution scheitert – ohne dass die Revolutionäre es überhaupt merken

Zwei Stunden später tritt der Spartakistenführer Karl Liebknecht, der erst zwei Wochen zuvor aus dem Zuchthaus entlassen worden ist, auf einen Balkon des Berliner Schlosses. Auch er blickt auf rote Fahnen, auch er weiß, dass er schnell handeln muss: „Wer von euch die freie sozia­listische Republik Deutschland und die Weltrevolution erfüllt sehen will, erhebe seine Hand zum Schwur“, ruft er aus. 

Alle, die unten stehen, heben die Hand, darunter etliche, die noch kurz zuvor Philipp Scheidemann zugejubelt hatten. Über tatsächliche Macht verfügt Liebknecht aber nicht. 

So gibt es in Deutschland nun plötzlich zwei Republiken. Doch keine von beiden ist wirklich existent.

Und noch eine dritte Kraft greift an diesem Tag nach dem Staat: die Gruppe der Revolutionären Obleute. An diesem Abend besetzen sie mit ein paar Hundert Anhängern den Plenarsaal des Reichs­tages und halten eine Versammlung ab. 

Und dieses Revolutionsparlament beschließt, am nächsten Tag in allen Berliner Fabriken und Kasernen nach einem festgesetzten Schlüssel Arbeiter- und Sol­datenräte wählen zu lassen.

Friedrich Ebert, eilig alarmiert, will die Räterepublik auf jeden Fall verhindern. Und so fasst er einen Entschluss: Will er die Revolution jetzt noch aufhalten, muss er selbst an ihre Spitze treten. 

Sonntag, der 10. November, ist ein strahlender Spätherbsttag. Zeitungen berichten, dass sich Wilhelm II. ins niederländische Exil abgesetzt hat. Um elf Uhr ist wie immer Renntag auf der Trabrennbahn Karlshorst, sieben Wettfahrten stehen auf dem Programm. „Die Bürger gingen wie gewöhnlich im Grune­wald spazieren“, so ein Berliner, „manche wohl absichtlich einfach angezogen.“ Im­mer­hin ist Revolution. Aber „Trambahnen und Untergrundbahnen gingen wie sonst. Auf allen Gesichtern stand geschrieben: Die Gehälter werden weiterbezahlt.“

Die Revolutionären Obleute haben es tatsächlich geschafft, die Arbeiter und Soldaten zu mobilisieren: Am Vormittag werden in Fabriken und Kasernen Räte gewählt. Aber auch Eberts Gefolgsleute waren offenbar nicht untätig: Kaum sind die Räte gewählt, stellt sich heraus, dass die meisten der SPD angehören.

Parallel dazu hat sich die SPD in der Frühe mit der USPD über eine Regierungsbildung geeinigt. Die Kompromissformel lautet: Die politische Gewalt wird in die Hände der Arbeiter- und Soldatenräte gelegt, eine Nationalversammlung tritt erst zusammen, wenn sich die „durch die Revolution geschaffenen Zustände“ gefestigt haben.

Um 17 Uhr finden sich rund 3000 Arbeiter- und Soldatenräte im Zirkus Busch am Spreeufer ein. Ein Anführer der Obleute eröffnet die Versammlung: „Deutschland ist eine Republik geworden, eine sozialistische Republik.“ Nach ihm tritt Friedrich Ebert auf und verkündet dem überraschten Publikum, SPD und USPD hätten sich auf eine gemeinsame Regierung geeinigt. „Kein Bruderkampf!“, ruft er aus. Tosender Beifall. 

Die Obleute sind überrumpelt. Gegen deren Willen bestätigt die Versammlung nun die neue Regierung mit Ebert und dem USPD-Führer Hugo Haase an der Spitze und gibt ihr nach russischem Vorbild den Namen „Rat der Volksbeauftragten“. Ein Vollzugsrat, in dem die SPD die Mehrheit hat, soll die Regierung kontrollieren. So wird aus dem Reichskanzler unversehens ein Revolutionsführer. Ebert will diese Rolle nicht, aber derzeit hat er keine andere Wahl. 

An diesem Abend im Zirkus Busch scheitert die Revolution – ohne dass die Revolutionäre es überhaupt merken.

Die Novemberrevolution endet

Heiligabend 1918

Heiligabend 1918: Friedrich Ebert hat Truppen befohlen, Aufstände von Linksradikalen niederzuwerfen. Daraufhin feuern regierungstreue Soldaten auf Matrosen der Volks­marinedivision, die sich im Berliner Stadtschloss verschanzt haben

Als Ebert nach der Versammlung zurück in sein Büro kommt, klingelt das Telefon. Am anderen Ende ist General Groener von der OHL. Der Offizier bietet Ebert loyale Zusammen­arbeit an, fordert im Gegenzug Beendigung des „Räteunwesens“ und Wiederherstellung „geord­neter Verhältnisse“. Ebert nimmt dankend an. Von da an telefonieren die beiden täglich.

Am Tag darauf, dem 11. November, unterzeichnet Matthias Erzberger, der Staatssekretär ohne Geschäftsbereich, den noch Prinz Max entsandt hat, für Deutschland morgens um fünf in einem Eisenbahnwaggon das Waffenstillstandsabkommen mit den Alliierten. 

Schon am Tag vor der Unterzeichnung wütet die konservative „Deutsche Tageszeitung“: „Das Werk, das unsere Väter mit ihrem kostbaren Blut erkämpft – weggewischt durch Verrat aus den Reihen des eigenen Volkes! Die deutschen Sozialisten wussten, dass es nur noch gelte, wochen-, vielleicht nur tagelang dem Frieden eine geschlossene Front zu ziehen, um ihm erträgliche Bedingungen abzuringen. Das ist eine Schuld, die nie vergeben wird.“

Die Lüge von der unbesiegten Armee, die durch den „Dolchstoß“ demokratischer und linker Kräfte in der Heimat um den Sieg, wenigstens aber um einen ehrenvollen Frieden gebracht worden sei, wird von nun an alle politischen Vertreter und Anhänger der entstehenden Weimarer Republik verfolgen.

Am Montag, dem 16. Dezember, treffen sich in Berlin Vertreter aller deutschen Arbeiter- und Soldatenräte. Eine Woche lang diskutieren sie die Vor- und Nachteile des Rätesystems und der parlamentarischen Demokratie. Am Ende optiert die Mehrheit für Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung – und damit für das parlamentarische System. Damit ist die Revolution eigentlich beendet. 

Doch nicht alle akzeptieren diesen Beschluss. Vor allem die Ultralinken um Karl Liebknecht, Rosa Luxem­burg und deren Anhänger im Spartakusbund – die radikalsten, die einzig wirklichen Revolutionäre in dieser Revolution – wollen ein Sowjetsystem nach Lenins Vorbild. Sie ermuntern ihre Anhänger zum Umsturz.

Daher kommt es bis zum März 1919 in Berlin, aber auch in anderen Städten zu Aufstandsversuchen. Und wieder ist es Gustav Noske, nunmehr Volksbeauftragter für Heer und Marine, der den Revolutionären entgegentritt. Doch jetzt nicht mit List und Diplomatie, sondern gestützt auf Polizei, Militär und rechtsradikale Freikorps, die jeden Umsturzversuch mit großer Brutalität ersticken. Noskes Motto: „Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“

Und so gilt die neue Republik schon nach wenigen Wochen den Rechtsextremen und Deutsch­nationalen als ehrloses Regime der „Novemberverbrecher“ und „Volksverräter“, das nur geduldet werden müsse, weil die siegreichen Alliierten eine rechte Regierung in Berlin durch einen Einmarsch beenden würden. 

Eines der Opfer der Hetzkampagnen ist Matthias Erzberger, jener Mann, der den Waffenstillstand unterzeichnet hat. Am 26. August 1921 wird er bei einem Spaziergang erschossen. Seine Mörder sind zwei frühere Offiziere der kaiserlichen Kriegsmarine.

Und auf der anderen Seite sehen linke Sozialisten und Kommunisten in Friedrich Ebert und dessen Mitstreitern „Verräter“ an der Revolution. 

Dies ist die Hypothek, die die junge Weimarer Republik schwer belastet. 

Und die schließlich zu ihrem Scheitern beitragen wird.

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