Report In zehn Jahren könnte jedes zweite Stück Fleisch aus dem Drucker stammen

Kalifornische Zukunftsforscher prognostizieren einen rasanten Anstieg der biotechnologischen Eiweißproduktion. Ist das der Durchbruch für den Tier- und Klimaschutz?
Kunstfleisch

Fleisch aus der Retorte könnte die herkömmliche Tierproduktion überflüssig machen

Fleisch aus der Retorte – Zukunftsmusik von Tier- und Klimaschützern? Nein, sagt ein kalifornisches Thinktank. Schon in zehn Jahren, glauben die Zukunftsforscher von RethinkX, werden mikrobiologisch oder aus Pflanzen hergestellte Fleisch- und Milch-Ersatzprodukte den Markt komplett umgekrempelt haben. Laut ihrem jetzt veröffentlichten Report könnte sich die Zahl der Rinder in den USA bis 2030 halbieren - und die Umsätze der Fleisch- und Milchbranche ebenso.

„Die schnellste und folgenreichste Veränderung der Geschichte in den Bereichen Ernährung und Landwirtschaft ist in vollem Gange, angetrieben von Technologie und neuen Geschäftsmodellen“, heißt es in einer Pressemitteilung dazu.

Als wichtigsten Grund für diesen radikalen Wandel nennen die Autoren technologische Fortschritte bei der Lebensmittelproduktion. Verfahren wie "precision fermentation" (exakte Fermentation) oder „Food-as-Software“ würden die Kosten für die künstliche Herstellung von eiweißhaltigen Lebensmitteln immer einfacher und kostengünstiger machen.

Bei der precision fermentation werden eigens gezüchtete Mikroorganismen eingesetzt, die fast beliebige organische Moleküle herstellen können. Unter Food-as-Software verstehen die Autoren das Know-how zum Bau der für ein bestimmtes Produkt benötigte Moleküle. Dieses Wissen sollte, so die Autoren, in globalen Datenbanken zugänglich gemacht werden.

Zehnmal effizienter als echtes Fleisch dank Biotechnologie

Eiweiße aus diesen neuartigen Verfahren könnten bis zum Jahr 2030 fünfmal, bis 2035 zehnmal billiger sein als Proteine aus der herkömmlichen Tierproduktion, glauben die Forscher. Auch in Bezug auf Ressourcen- und Energieverbrauch seien solche Produkte zehnmal effizienter als heutige Fleisch- und Milchprodukte. Doch nicht nur das: Die neuen Produkte werden auch gesünder, leckerer und abwechslungsreicher sein als die heutige Produktpalette.

Zustimmung erhalten die Forscher von der Wissenschaftlerin Liz Specht vom Good Food Institute in Los Angeles. Die aus künstlich hergestellten Inhaltsstoffen zusammengebauten Produkte, so Specht, könnten ihren „echten“ Pendants sogar überlegen sein.

Skeptisch ist die Wissenschaftlerin allerdings, ob der Wandel so schnell kommt, wie von den Kaliforniern vorhergesagt. Denn es sei unklar, ob und wie schnell Verbraucher die neuartigen Produkte akzeptieren. Auch könne es beim Aufbau der Produktionskapazitäten zu Engpässen kommen. Als ein weiteres Hemmnis könnte sich die Unterstützung der herkömmlichen Tierproduktion durch die Politik erweisen.

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Kunst-Fleisch aus dem Weltall

Auch wenn es Uneinigkeit über den Zeithorizont gibt, in dem die neuen Biotech-Lebensmittel die Märkte erobern: Zahlreiche Unternehmen stehen in den Startlöchern, und die Forschung geht teils unkonventionelle Wege. Soeben haben Astronauten an Bord der Internationalen Raumstation ISS erstmals „Fleisch“ in einem 3-D-Drucker hergestellt. In der Schwerelosigkeit, so die beteiligten Unternehmen, verbinden sich die „gedruckten“ Muskelzellen leichter zu einem kompakten Stück „Muskelfleisch“. Von dem Experiment erhoffen sich die Forscher Erkenntnisse für eine ganz irdische Massenproduktion.

Ob die Astronauten das Stück „Fleisch“ gekostet haben, ist nicht bekannt.