Kleine Welt Kennt man wirklich über sechs Ecken die Welt?

Blogger Christoph Karrasch hat es ausprobiert und sich eine Zielperson vorgenommen, die er über sechs Ecken persönlich treffen wollte. Ob und wie das funktionieren kann, erzählt er im Interview
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Christoph Karrasch landete pünktlich zum Holi-Festival in Kathmandu, wo er statt seine erste Kontaktperson zu treffen, erstmal mit Farbe um sich schmiss

GEO.de: Kannst Du ganz kurz erklären, worum es bei deinem Projekt "Kleine Welt" geht?

Christoph Karrasch: Es geht um die Theorie "Six Degrees of Seperation", zu der in den 20er und 60er Jahren eine wissenschaftliche Untersuchung durchgeführt wurde. Diese Theorie besagt, dass jeder Mensch mit jedem anderen beliebigen Menschen auf der Welt über maximal sechs Ecken persönlich bekannt ist. Ich fand die Idee einfach sehr interessant herauszufinden, ob das wirklich stimmt, indem ich von einer zufälligen Startperson eine Menschenkette zu einer vordefinierten Zielperson herstelle und schaue, ob ich wirklich über sechs Ecken dort ankomme.

GEO.de: Wissen die Zielpersonen von deinem Vorhaben?

Christoph Karrasch: Die wissen selbstverständlich davon, denn es wäre nicht sehr förderlich, wenn wir eine Sendung um eine Person stricken, die dann nachher sagt: "Ich will aber gar nicht mitmachen". Die Zielpersonen wissen also, dass wir bei ihnen aufschlagen werden, sie wissen nur nicht wann, denn unser Weg ist einfach nicht vorhersehbar.

GEO.de: Wonach suchst Du deine Zielpersonen aus?

Christoph Karrasch: Ich bin grundsätzlich an Menschen interessiert, die an exponierten Orten leben oder mir eine besondere Geschichte zu erzählen haben. In der ersten Folge sollte es mitten im Winter in den Norden gehen. Es gab Gedankenspiele rund um das Nordkap bis uns dann der nördlichste Festland-Leuchtturm der Welt in die Arme fiel, der auch noch bewirtet wird. Damit war mit dem Leuchtturm-Wärter Torstein die erste Zielperson gefunden, die dann auch noch sofort Lust hatte mitzumachen. Ähnlich lief es jetzt bei der zweiten Zielperson Ishita, Indiens erster professionellen Surferin. Auch sie war nach meiner ersten Mail sofort von dem Projekt begeistert und hat zugesagt. Sie gibt nicht nur ein schönes Bild ab, sie ist in Indien auch gesellschaftlich etwas Besonderes. Denn sie geht einfach ihren Weg, der anderen Mädchen in Indien verwehrt bleibt. Es ist in dem Subkontinent eigentlich vorgesehen, dass Mädchen sich um die Familie und später ihren Mann kümmern, anstatt ihre Zeit im Wasser auf dem Surfbrett zu verschwenden. Dieser gesellschaftlichen Norm hat sich Ishita wiedersetzt und das sehr erfolgreich, inzwischen führt sie mit ihrem Freund an der indischen Westküste eine Surfschule.

 

GEO.de: Jetzt die spannende Frage: Hast Du es denn geschafft die beiden über sechs Ecken zu treffen?

Christoph Karrasch: Also bei Torstein kann ich es ja verraten, aber wie es mit Ishita gelaufen ist, schaut Ihr euch besser selbst an. Zum norwegischen Leuchtturmwärter habe ich mein Ziel knapp verpasst und leider sieben Ecken benötigt, da mir eine Kontaktperson spontan abgesprungen ist. Ganz grundsätzlich muss ich auch hinzufügen: Wir machen eine reine Stichprobe, wir liefern mit unserem Projekt nicht den Beweis, ob es tatsächlich funktioniert. Denn ich glaube nach wie vor daran, dass zwischen Louis, den ich in Berlin auf der Straße angesprochen habe, und Torstein eine Verbindung über sechs oder gar weniger Ecken besteht, aber es ist natürlich sehr unwahrscheinlich, dass wir genau diese eine Menschenkette dann auch wirklich finden. Zu der Indien-Reise kann ich jedenfalls verraten, dass ich zwischenzeitlich sogar gedacht habe, dass wir es über vier Ecken schaffen, da ich echt gut Strecke gemacht habe.

GEO.de: Wie hart sind die Regeln, dürfte ein Helfer auch einen Kontakt seiner Mutter weitergeben, oder nicht?

Christoph Karrasch: Das würde nur gehen, wenn der Kontakt der Mutter denjenigen auch persönlich kennt, ansonsten wäre die Mutter eine weitere Ecke. Es geht also wirklich um den persönlichen Kontakt. Ich definiere das immer so: es müssen beide von der Existenz des anderen wissen. Ich kann zum Beispiel nicht sagen, ich kenne Barack Obama, also ist das eine Ecke, denn er wird nicht von meiner Existenz wissen.

GEO.de: Hast du bevor du es ausprobiert hast, daran geglaubt, dass du über sechs Ecken einen Dir unbekannten Menschen treffen wirst?

Christoph Karrasch: Ich war vor allem selbst sehr gespannt, ob das klappen wird, aber hatte durchaus den Glauben daran. Jetzt hole ich zwar etwas aus, aber in den Anfangszeiten von StudiVZ fand ich es schon so irre, welche Verbindungen einem da plötzlich angezeigt wurden. So wurden mir zum Beispiel eine alte Schulfreundin und Eine, die ich während meines Praktikums bei delta Radio kennengelernt hatte, als gemeinsame Bekannte angezeigt, obwohl sie aus ganz verschiedenen Ecken kamen und augenscheinlich keine Verbindung festzustellen war. Und deswegen glaube ich schon daran, dass wir viel enger miteinander verzahnt sind, als man das auf den ersten Blick vermuten würde.

GEO.de: Wenn die letzte wissenschaftliche Studie zu "Six Degrees of Seperation" in den 60er Jahren durchgeführt wurde, als es weniger Menschen auf der Welt, keine sozialen Netzwerke und weniger Möglichkeiten zu reisen gab, müssten es dann nicht heute weniger Ecken sein?

Christoph Karrasch: Witzigerweise hat Facebook kurz vor unserer ersten Reise eine Studie veröffentlicht, die besagt, dass es über Facebook nur noch dreieinhalb Ecken wären. Allerdings kennt man nicht alle Facebook-Kontakte persönlich und das würde bei unserem Projekt nicht gelten. Aber klar, eigentlich müsste man diese Studie nochmal in diesem Jahrtausend aufsetzen. Ich denke, dass sich die gestiegene Weltbevölkerung, die eigentlich zu mehr Ecken führen müsste, und die Vernetzung über soziale Medien sowie die gestiegenen Möglichkeiten unterwegs zu sein, sich gegenseitig aufheben und man vielleicht deswegen immer noch von sechs Ecken ausgehen kann.

GEO.de: Gab es schon Situationen, in denen du gedacht hast, du kommst nicht weiter?

Christoph Karrasch: Bei der ersten Folge, gleich am Anfang. Ich hatte den jungen Franzosen Louis in Berlin auf der Straße angesprochen, der mir von einem Freund in Finnland erzählte. Den hat er dann auch gleich angeschrieben und er wusste genau worum es geht, dass wir von Helsinki am Ende weiter nördlich eine weitere Person brauchen, die uns näher ans Ziel bringt. Als ich Taneli dann in Helsinki traf, war mit das erste, was er sagte, dass er eigentlich keine Menschen im Norden kenne. Da sah ich das Projekt schon scheitern. Am Ende kam ihm dann eine Freundin in Helsinki in den Sinn, die ursprünglich aus dem Norden kommt und vielleicht helfen könne. Das war natürlich ärgerlich gleich am Anfang eine Ecke in Helsinki zu verlieren. Und der Kontakt, den Helena uns dann nannte, sprang dann auch noch spontan ab. Da habe ich dann gemerkt, dass das, was in der Theorie so schön klingt, wirklich einzig und allein von dem Willen und der Lust anderer Menschen mitzumachen, abhängig ist.

GEO.de: Ist Dir das so schon mal irgendwo auf der Welt jemand begegnet mit dem du nicht gerechnet hast?

Christoph Karrasch: So in der Art, ja. Ich war mal auf Recherche in New York und habe dort bei einem Bekannten übernachtet. Mit ihm war ich dann öfter abends unterwegs, unter anderem in einem Studentenwohnheim, wo auch deutsche Mädels untergebracht waren. Mit einer, Ina, habe ich nur ein paar Worte gewechselt. Ein dreiviertel Jahr später, war ich beim Straßenkarneval in Panama-Stadt und mich tippt jemand auf die Schulter – das war Ina, die inzwischen ihr Praktikum beendet hatte und noch ein bisschen gereist ist. Das war schon ziemlich kurios.

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Ishita Malaviya ist die erste weibliche professionelle Surferin Indiens und war Christophs zweite Zielperson bei seinem Projekt "Kleine Welt"

Infos und Mediathek

Alle Infos rund um die Sendung sowie die Möglichkeit Folge zwei komplette zu schauen, gibt es bei N24

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