Bern - Von eingekerkerten Pfaffendirnen zum Weltkulturerbe

Reisebericht

Bern - Von eingekerkerten Pfaffendirnen zum Weltkulturerbe

Reisebericht: Bern - Von eingekerkerten Pfaffendirnen zum Weltkulturerbe

Bern - Von eingekerkerten Pfaffendirnen zum Weltkulturerbe

Hotel Bellevue Palace in Bern,...

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Der ideale Rundgang durch Bern beginnt für mich an diesem verlängerten Wochenende nach einem ausgezeichneten Mittagstisch im Hotel Bellevue Palace, in dem in glanzvollen Zeiten Kaiser und Könige abgestiegen sind. Im dortigen stilvollen Restaurant La Terrasse habe ich mir die fein angerichteten exquisiten Gaumenfreuden der außergewöhnlich hohen Kochkunst dieses Hauses gegönnt.

Um mir danach erst einmal einen grandiosen Überblick über die Altstadt von Bern zu verschaffen, die 1798 größter Stadtstaat nördlich der Alpen war, gehe ich nur ein paar Schritte hinüber zum gotischen Berner Münster. Überwinde meinen inneren Schweinehund und steige über 254 enge Wendelstufen hinauf zur Aussichtsterrasse und weitere 90 zum Turm. Oben dann muss ich erst einmal Dampf ablassen, bevor ich die Geschlossenheit dieses Stadtbildes genießen kann, das vor 25 Jahren in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen worden ist. Da wird dieses einmalige Altstadtensemble von den grünen, glasklaren Fluten der Aare in einer mächtigen Flussschleife umschlungen. Dahinter schließt sich ein Grüngürtel mit unauffälliger Bebauung an, die den 128.000 Einwohnern dieser Schweizer Bundeshauptstadt Platz bietet. Da schaue ich aber auch lange auf eine Altstadt mit geschlossenen Gassenzügen, Laubengängen, Plätzen und Brunnen hinunter. Beim großen Flächenbrand im Jahre 1405 gingen sechshundert Holzhäuser in Flammen auf. Weitsichtig baute man sie danach mit örtlichem Sandstein im spätgotischen Stil wieder auf. Die spätere barocke Überformung der Fassaden ist heute das, was die Stadt prägt und mich beeindruckt.




Beim Abstieg aus luftiger Höhe des Berner Münst...

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Beim Abstieg aus dieser luftigen Höhe kann ich mich auf den engen Wendelstufen nur in eine Nische flüchten, da mir eine Horde junger Halbwüchsige im Nacken sitzt und ich lieber in aller Ruhe absteigen und die Sicht durch die schmalen Fensterschächte nach draußen genießen möchte.



Das „jüngste Gericht“ über dem Portal des Berne...

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Unten angekommen stehe ich am Hauptportal des Münsters, bestaune über dem Portal das „jüngste Gericht“. Dass es damals beim Bildersturm in diesem Gotteshaus überlebt hat, versucht man heute damit zu erklären, dass man neben vielen anderen eine nackte Figur mit der Papstkrone auf dem Kopf sieht, die kopfüber im Fegefeuer gelandet ist. Vielleicht, so denke ich in diesem Moment, hat man damit seinerzeit wohl unter anderem die Reformation gerechtfertigt, was kunsthistorisch aber nicht belegbar ist.



Bern bei Nacht



Nur eine Gasse weiter steh ich vor der „Zytglogge,“ dem Zeitglockenturm aus dem 13. Jahrhundert. Bei Vergrößerung der Stadt verlor der ehemalige Schalenturm mit offener Stadtseite ein Jahrhundert später an Bedeutung und man machte ein Gefängnis aus ihm. Eingekerkert waren darin Pfaffendirnen, Haushälterinnen von katholischen Pfarrern, die den armen Kerl verführt hatten. Sie wurden dort von ihm abgeliefert, wenn das kirchliche und weltliche Oberhaupt seiner Haushälterin überdrüssig geworden war, damit dieser sich eine neue nehmen konnte. Beim Stadtbrand sollen damals sieben angekettete Pfaffendirnen elendig verbrannt sein.

Heute werden keine Haushälterinnen im Turm mehr eingesperrt. Da setzt ein kompliziertes astronomisch/chronologisches Uhrwerk vor jeder vollen Stunde ein Spektakel in Gang mit Bärenreigen, Hahnenschrei und dem markanten Glockenschlag des lebensgroßen vergoldeten Stundenschlägers Hans von Thann.

Nach den Glockenschlägen drehe ich mich um und blicke auf die Schatten spendenden Laubengänge rechts und links der Straße mit ihren netten kleinen Geschäften. Noch vor sechzig oder siebzig Jahren warteten hier auf diesem Platz, dem damaligen „Herrenstand“ die Burschen und schauten den jungen Damen nach, die auf der rechten Seite hinunter bis zum Ende der Aarehalbinsel unter den Lauben flanierten. Verheirateten Frauen war die linke Straßenseite mit ihren Arkaden zugeteilt, was auch streng eingehalten wurde.



Interessante Geschäfte in der Berner Altstadt



Frei von Brautschau schlendere auch ich auf der rechten Straßenseite unter den Arkaden entlang und genieße die Auslagen der vielen kleinen, interessanten Geschäfte, die ein gänzlich anderes Warenangebot bieten als unsere gewohnten, sterilen Einkaufszentren, die in allen größeren Städten austauschbar sind.

Und irgendwo, mitten drin das kleine Haus, in dem Albert Einstein von 1903 bis 1905 mit seiner Familie gelebt und die Relativitätstheorie kreiert hat.



Im Historischen Museum, in der großen, modern g...

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Später, im Historischen Museum, in der großen, modern gestalteten Einsteinausstellung auf der anderen Aareseite, wird mein Bild über dieses Genie etwas zurecht gerückt. Da erfahre ich, dass Einstein seiner Frau, die er mit ihren Kindern verlassen hat, aus Deutschland einen Brief in die Schweiz geschrieben hat. Und darin teilt er ihr mit, dass er sich vorstellen könnte, auch der Kinder wegen zu ihr zurück zu kommen. Dies aber nur unter drei Bedingungen: Er möchte jeden Tag ein frisch gebügeltes Hemd vorfinden, drei warme Mahlzeiten am Tag vorgesetzt bekommen und nur dann angesprochen werden, wenn er das möchte.

Nun, da bevorzuge ich doch eher die Briefe von Goethe. In einem dieser schwärmte er von der Kramgasse, die für ihn die schönste Straße der Welt sei. Für mich ist sie heute auch noch genau so attraktiv.



Berner Altstadt bei Nacht



Und da sich ein leerer Magen bei mir in der Zwischenzeit bemerkbar macht, gehe ich an diesem frühen Abend hinüber zur Gerechtigkeitsgasse und steige über eine Außentreppe in die Tiefen des rustikalen Klötzlikellers. Und während mir der schelmische Restaurantbesitzer Beat Trüb leckeres Schweizer Fondue auf den Tisch seines traditionsreichen Lokals vorsetzt, kommt er ins Erzählen. Spricht mit funkelnden Augen von einem seiner Vorbesitzer, dem Konditormeister Klötzli, dessen Töchter eine Ära der weiblichen Vorherrschaft hier in diesen Gewölben tief unter der Erde begonnen haben. Danach sollen nur blonde, ledige Frauen hier unten den Laden geschmissen haben. Die berühmteste unter den Wirtinnen war die blonde Labella Isabella. Von ihr weiß Beat Trüb, dass sie nach Kneipenschluss um halb zwei nachts den schweren Kellerdeckel schloss, um dann mit ihren Gästen noch munter weiter zu feiern. Oft hat man nach so einer durchzechten Nacht den damaligen Stadtpräsidenten gesehen, der morgens um sieben zu seinem Büro zum Regieren hinüber gewankt ist. Aber dass, so lacht der lustige Wirt, wäre heute nicht mehr möglich. Seit acht Jahren hat er die Vorherrschaft der Frauen durchbrochen und sagt von seinem Traditionskeller, dass sich nichts geändert haben soll. Ich nehms ihm ab und wanke hinüber ins Hotel zum seligen Nachtschlaf.

Gerd Krauskopf



Infos:

Anreise:
Ich bin mit Swiss von Düsseldorf bis Zürich in 50 Minuten geflogen, von dort mit dem Zug etwa 1 Stunde bis Bern gefahren.



Blick auf die untere Altstadt und den sie umspa...

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Weltkulturerbe:
Bern wurde 1983 in die UNESCO Liste des Welterbes aufgenommen als herausragendes Beispiel der gesamten Altstadt.



Schweizer Bundeshaus in Bern



Bundeshaus:
Das 1902 vollendete Bundeshaus ist der Sitz der Schweizer Regierung. Bundesplatz, www.parlament.ch



Sehenswürdigkeiten:
Zentrum Paul Klee, Monument im Fruchtland 3, Tel: +41 31 359 01 01, www.zpk.org



Einstein Museum in Bern



Historisches Museum, Einstein Museum, Helvetiaplatz 5, Tel: +41 31 350 77 11, www.bhm.ch
Einstein Haus, Kramgasse 49, +41 31 312 00 91, www.einstein-bern.ch



Konzert im Berner Münster mit der Forschungsorg...

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Berner Münster, das größte Gotteshaus der Schweiz aus dem 15. Jh. liegt mitten in der Altstadt mit einer beeindruckenden Darstellung des Jüngsten Gerichts über dem Portal. Die Klettertour zur Plattform und weiter zum Turm lohnt. Das Konzert mit der Forschungsorgel und dem dazugehörigen Lichtspiel im Chor ist einmalig.

Shopping:
Die Altstadt von Bern mit ihren 6 km Laubengängen und den überaus interessanten Geschäften laden zu einem Einkaufsbummel ein.
Das Kanalnetz der Stadt Bern weist ein paar hoch interessante Stellen auf, wie etwa den Rathauskanal, der bis Anfang des letzten Jahrhunderts den Regierungsmitgliedern als Fluchtweg zur Verfügung stand.

Übernachtung:
Bern hat viele gute Hotels wie z.B. das Hotel Belle Epoque, Gerechtigkeitsgasse 18, Tel: +41 31 311 43 36 und viele preiswerte Pensionen. Exquisit wohnt man im einzigen 5 Sterne Hotel Bellevue Palace, Kochergasse 3-5, Tel: +41 31 320 45 45

Einkehren:
Viele gute Cafes und Restaurants kann Bern aufweisen. Mir hat es gut gefallen im
Restaurant Klötzlikeller, Gerechtigkeitsgasse 62, Tel: +41 31 311 74 56 und im
Restaurant La Terrasse, Kochergasse 3-5, Tel: +41 31 320 45 45 sowie im



Restaurant Kornhauskeller in Bern

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Kornhauskeller, Kornhausplatz 18, Tel: +41 31 327 72 72


Weitere Informationen:
Schweiz Tourismus, Postfach 160754, 60070 Frankfurt, Telefon 00800 100 200 30 (gebührenfrei), Telefax 00800 100 200 31, E-mail: info@myswitzerland.com, Internet: www.MySwitzerland.com


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Kommentare

  • philduck72 (RP)

    großartige Bilder zu einem wirklich informativen und eindrucksvollen Bericht.

    Gruß,

    Philip

  • schwirre1948

    Wie immer - klasse Fotos bei Gerd Kraukopf!!!
    Das kleine aber augenscheinlich feine Bern ist wohl eine Reise wert.

  • astrid

    Ein toller Bericht garniert mit erstklassigen Fotos.

  • ugro

    In diesem Bericht finde ich meine Geburtsstadt trefflich beschrieben und vorzüglich
    illustriert - sollte wohl wieder einmal das Münster und dann den Kornhauskeller besuchen, in dieser Reihenfolge ...

  • flytime (RP)

    kraukopf - ein berner verneigt sich - gratuliere.

    ps. die altstadt gilt bei den stadt bernern als grösste einkaufszenter (laubengaenge)der welt.....

  • monjur

    Super Bericht über Bern, dass macht sogar einem Einheimischen Lust auf einen Ferien Tag in der Heimatstadt. ...

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