Fiji Time

Reisebericht

Fiji Time

Reisebericht: Fiji Time

Unabhängig von Wochentagen oder Tageszeiten ticken auf Fiji die Uhren immer langsamer als anderswo. Der gemächliche fijianische Lebensstil gepaart mit dem berühmten „Sega na leqa“ (sprich Senga na lenga = no worries), führt zur offiziell anerkannten „Fiji-Time“: In der darf alles ein bißchen langsamer gehen.

Von November bis März herrscht Regenzeit in der Südsee. Die Temperatur klettert auf über 35 Grad und die Luft ist stickig und schwül. Es ist auch die Zeit der Zyklone, der tropischen Wirbelstürme. Sie gehören zur Südsee wie Sonne, Strand und Meer. Zyklone sind schwächer als Hurricans und verursachen auf den kleinen Inseln im Pazifik meist keine schlimmen Schäden. Doch „Tomas“ war anders. Er war der stärkste Zyklon seit über 30 Jahren, hatte die Kraft von Hurricane Kathrina und fegte mit weit mehr als 270 Stundenkilometern über Taveuni, die drittgrößte Insel Fijis, und die Dolphin Bay – also genau über unser Tauchurlaubsgebiet! Und das grad mal zwei Wochen vor unserer Anreise!

Als wir mit dem kleinen „Schiffernackl“ in der Dolphin Bay ankommen, bleibt uns erst mal der Mund offen. So schaut also ein Südsee-Paradies nach einem Zyklon aus. Der Sturm hat viele Palmen geknickt oder abgebrochen. Einige liegen entwurzelt in der Gegend herum. Und so gut wie alle Palmen sind vollkommen „entblättert“. Sie ragen wie nackte Totempfähle in den Himmel. Bis zu einem Jahr soll es dauern, bis sich die Palmen vollkommen regeneriert haben werden.

Eigentlich sollte alles grün sein und in voller Blüte stehen. Stattdessen dominiert die Farbe Braun. Und die kleine Bucht macht einen trostlosen, verlassenen Eindruck. „Wir sind alle ok“, hatte uns Viola, die Betreiberin der Dolphin Bay, noch in Neuseeland per Mail Entwarnung gegeben. „Niemand ist verletzt oder zu Schaden gekommen. Nur aufräumen müssen wir jetzt.“ Und diese Aufräumungsarbeiten gestalten sich als sehr mühsam, denn der Sturm hat die ganze Bucht in ein undurchdringliches Dickicht verwandelt. Die ersten Tage gab es kein Durchkommen durch das dichte Gestrüpp aus entwurzelten Büschen, Palmen und zusammengefallenen Hütten. Mittlerweile sind die wichtigsten Wege wieder geräumt und wir können gemütlich zu unserer Bure spazieren.

„Diese sch... Sandflies!“, beschwert sich Roland, Viola's Freund, und zündet wieder eine neue Moskitocoal an. Der Rauch soll die Biester abhalten. Wir merken allerdings nichts davon. Moskitos, Sandflies und Fliegen treten in Scharen auf. Beim Frühstück machen uns die Fliegen verrückt, untertags die Mossies und abends die Sandflies. Sogar beim Abendessen sitzen wir schwitzend mit langer Hose und Socken am Tisch. „Der fehlende Schatten ist Schuld daran“, erklärt Roland. „Wir hatten hier noch nie Probleme mit diesen Viechern.“ Und er hofft instädig, dass die Palmenblätter doch kein Jahr brauchen werden, um nachzuwachsen.

"Gerupfte" Palmen hin oder her: die Sonnenaufgänge der Südsee sind einfach ... unbeschreiblich!



Morgenrot



„Ja, wir sind gewarnt worden“, erzählt Viola. „Aber die außergewöhnliche Stärke von Tomas mußte ich mir selber anhand von Internetberichten zusammenreimen. Unsere einheimischen Arbeiter wollten mir erst gar nicht glauben, dass das ein ganz schlimmer Sturm wird.“ Am Donnerstag konnten sie noch die letzten Gäste nach Taveuni bringen und ausfliegen. Am Freitag war schon keine Boots-Überfahrt mehr möglich und von Samstag an tobte der Sturm bis Montag früh. Ein ganzes Wochenende lang! Wir hängen an Violas Lippen, wenn sie erzählt, wie sie und zwei Angestellte die Dächer beschwert, die Fenster mit Tischen zugenagelt und sich selber bestmöglich gesichert und versteckt haben.

Sie erzählt auch von den Folgeproblemen. Die Dolphin Bay bezieht den Großteil der Nahrungsmittel von der Nachbarinsel Taveuni. Aber seit dem Zyklon ist dort alles Mangelware. Tomas hat einen Grossteil der Ernte zerstört. Bis sich der Nachschub normalisiert, müssen viele Dinge von der Hauptinsel Viti Levu herangeschafft werden – und die ist eine lange Tagesreise entfernt. Der Ausfall der Ernte bedroht nun viele Familien auf Taveuni. Viola befürchtet, dass bald die ersten Mädchen nicht mehr zur Schule gehen werden können, und in weiterer Folge auch viele Jungs statt die Schulbank zu drücken auf den Farmen arbeiten müssen. Die Eltern können sich ganz einfach die Schulgebühren nicht mehr leisten.

Trotz all der Probleme entpuppen sind die Fijianer als ein äußerst lustiges, fröhliches und lebensfrohes Volk. Auch hier in der Dolphin Bay sind es die Einheimischen, die das Herz des Resorts ausmachen. Sie sind freundlich, sympathisch und herzlich. Sie haben immer einen guten Spruch und ein Lächeln auf den Lippen. Da ist Apex, der Kapitän der Dolphin Bay, ein riesiger Brummbär mit sieben Kindern und einem ganz weichen Herz. Seine nicht minder voluminöse Frau Risi, die die besten Cookies der Welt macht. Manasa, der supergeniale Tauchguide und natürlich Nia, einer von weit über zehntausend Transvestiten auf Fiji. Nia will als „she“ angesprochen werden. Lieber heute als morgen würde sie sich zu einer Frau umoperieren lassen. Aber dazu fehlt ihr das Geld. Sie hat einen grossen Traum: Sie möchte nach Sydney und dort am Kings Cross (Rotlichtviertel) als Stripperin arbeiten. „I like to be naughty!“, haucht sie uns mit rauchiger Stimme und einem Augenaufschlag á la Marlene Dietrich zu.

Bei aller Einfachheit genießen wir diese abgeschiedene kleine Bucht. Sie liegt an der Ostseite von Vanua Levu und kann daher keine spektakulären Sonnenuntergänge bieten. Dafür jedoch Ruhe, Abgeschiedenheit und die kürzeste Anfahrt zum Rainbow-Reef, einem der berühmtesten und besten Tauchreviere in Fiji. Von dieser idyllischen Bucht aus sind es nur wenige Bootsminuten zu Haien, Rochen und farbenprächtigen Korallenwänden.



Fading Daylight



„Taki!“ – eine Runde geht noch! Und wieder macht die halbe Kokosnuss-Schale, gefüllt mit Kava, dem fijianischen Nationalgetränk, die Runde. Das Protokoll ist seit Jahrhunderten das Selbe: einmal in die hohle Hand klatschen, die offerierte Schale mit einem lauten „Bula“ in Empfang nehmen, die braun-graue, spülwasserartige Flüssigkeit in einem Zug runterschütten und dann wieder dreimal klatschen.

Warum sich bei den Fijianern alles um Kava dreht, ist uns trotz umfangreicher Feldexperimente absolut unklar. Gewonnen wird es aus der Wurzel des Pfefferbaumes, dann zu Pulver verrieben und in Wasser aufgelöst. Es riecht komisch, schmeckt nicht gut und hat außer einem Taubheitsgefühl auf Zunge und Lippen keinen Effekt für uns. Nur der Klodrang wird mit zunehmender Anzahl der „Takis“ (Runden) immer penetranter. Die Einheimischen sind jedoch verrückt nach diesem Gesöff. Bei jeder nur erdenklichen Möglichkeit wird Kava getrunken, meist bis in die frühen Morgenstunden hinein.

„Kava makes a good lover“, behaupten die Jungs mit einem Augenzwinkern. Inwieweit jedoch die Libido nach einer echten Kava-Session mit weit über 5 Litern Flüssigkeit pro Person angeregt werden soll, ist uns unklar: Zwar stellt sich mit der Menge ein gewisses Betäubungsgefühl ein, der enorme Wasserbauch und der permantente Harndrang sind jedoch definitiv kontraproduktiv für das Liebesleben. Außerdem macht Kava müde, extrem müde sogar! Nach einer Kava-Night verschlafen die meisten Fijianer sowieso den nächsten Tag.
Diese extreme Vorliebe für Kava-Zeremonien gepaart mit „Sega na leqa“ (sprich: senga na lenga = no worries) führt zur offiziell anerkannten „Fiji Time“. Alles geht einen gemütlichen Weg hier in der Südsee. Nach dem Motto: Was du heute kannst besorgen, verschieb ruhig auch einmal auf Morgen. Oder sogar übermorgen.



Fiji Time



Dass die Fijianer nicht die eifrigsten und verlässlichsten Arbeiter sind, erkannten schon die Engländer vor 200 Jahren und brachten scharenweise geschäftstüchtige Inder ins Land. Mittlerweile sind knapp 50% der 800.000 Einwohner indischer Abstammung und das Land ist tief gespalten: Die Fijianer besitzen zwar Grund und Boden, die Inder aber haben das Geld und die Geschäfte. Die Interessen dieser beiden Gruppen sind nicht unter einen Hut zu bringen. Außerdem gibt es auch noch den „Rat der Chiefs“, der Stammeshäuptlinge. Nach wie vor sind sie es, die in täglichen Dingen die Entscheidungen treffen, völlig unbeeindruckt davon, was irgendeine Regierung in der Hauptstadt Suva an Gesetzen erläßt. So überrascht es nicht, dass Wahlen zu Komödien zwischen Parteien mit so pragmatischen Namen wie Ananas-, Bananen- oder auch Kokosnusspartei mutieren und politische Stabilität auf Fiji ein Ding der Unmöglichkeit ist. Europäische Expats sind einhellig der Meinung, dass Fiji für eine Demokratie noch lange nicht bereit sei. Kein Wunder, dass das Land nach wie vor in der Hand des Militärs ist.

Commodore Frank Bainimarama bezeichnet sich selbst zwar als Premierminister, agiert aber de facto wie ein Diktator. Wenn auch ein “freundlicher“ und ein „guter“ – so empfinden es zumindest die Eimheimischen, mit denen wir darüber gesprochen haben. Wir konnten den „freundlichen Frank“ sogar aus nächster Nähe unter die Lupe nehmen, als er kurzfristig mit seinem Militärboot vor der kleinen Insel Maturiki vor Anker ging.

Die Bewohner von Maturiki hatten ihr Eiland für den hohen Besuch noch schnell herausgeputzt. Die Sandwege wurden gefegt, der Müll hinter den Häusern versteckt und das Versammlungshaus mit Blumengirlanden und Palmwedeln geschmückt. Nur auf eines hatten sie in der Hektik vergessen: Direkt am Stand, wo das Schlauchboot mit Commodore Frank anlegte, hing noch die Wäsche an der Leine. Doch als „Mann des Volkes“ nahm es der Premierminister gelassen und trotz tief hängender Unterhosen ging er erhobenen Hauptes an Land.



Bula



Wir müssen zugeben: Als wir auf Fiji gelandet sind, hatten wir von dem Land nicht den blassesten Schimmer. Militärdiktatur? Pressezensur? Armut? Wir hatten ja nicht mal einen Reiseführer dabei. Vor unserem geistigen Auge sahen wir uns schon in schönen Bungalows an weißen Sandstränden mit türkisblauem Meer. Aber gerade das mit den Unterkünften entpuppte sich als Wunschdenken. Alles, was auch nur annähernd europäischem 3-Sterne-Niveau entspricht, kostet hier ein mittelgroßes Vermögen. Unterkunft und Essen sind hier teurer als in Neuseeland! Selbst günstige Backpacker-Quartiere sind unverhältnismäßig teuer und zudem qualitativ schwerstens bedenklich. Meist entpuppt sich eine toll angepriesene „traditionelle Bure“ nur als Bretterverschlag mit einem Loch als Fenster und einem durchgelegen, muffigen Bett als einzigem Möbelstück. Stromversorgung ist auf Fiji keine Selbstverständlichkeit. Irgendwelche Uralt-Generatoren produzieren für ein paar Stunden am Tag Strom. Wenn sie denn tatsächlich funktionieren...

Dass hier fast ein Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt und das Land generell so wenig weit entwickelt ist, hat uns überrascht. „Das Geld der Touristen bleibt in den Hotels hängen“, klagt Ben, unser Taxifahrer. „Ein Arbeiter verdient durchschnittlich knapp FJ$ 100 (ca. €40) pro Woche. Aber die Mieten für eine Zweizimmer-Wohnung liegen bei FJ$ 200 pro Monat.“ Die Armut ist offensichtlich, wenn man mit offenen Augen durch das Land reist. Viele Dörfer haben überhaupt keinen Strom. Viele Fijianer leben noch ganz traditionell, ohne Fernseher und ohne Kühlschrank.

Aber genau die Menschen sind es, die dieses Land so liebenswert machen. Die Fijianer sind ein lebensfrohes Volk. Ohne einem herzlichen „Bula“ (Hallo) und einem Lächeln kommen wir hier an niemandem vorbei. Sie sind nicht aufdringlich, wollen uns nichts verkaufen. Und wenn mal irgendwas nicht so funktioniert wie es sollte, dann schenken sie uns ein entwaffnendes Lächeln und ein „Sorry for this, but you know: it’s Fiji time, hihi“.



Bath in the Sunset


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Kommentare

  • Schili

    Haha...."spülwasserartige Substanz" - das trifft den Nagel exakt auf den Kopf...:-) Das Ballyhoo, das um dieses Kava-Gesöff auf Fiji gemacht wird, hat sich mir auch nie erschlossen....Sandflies blieben mir damals dort gottlob erspart; ich hatte sie zuvor in NZ allerdings zu hassen gelernt....
    Schöner Bericht mit hinreißenden Bildern.

    Gruß aus Köln.

  • karinchen

    Wunderbarer Bericht, sag mal, ward ihr dan auch noch Tauchen?
    Tauche selbst, daher würde es mich interessieren.
    Grüße aus Bayern

  • u18y9s26

    Danke für deinen Interessanten, ungeschminkten Reisebericht aus einer fernen fremden hierzulande als Traumreiseregion geltenden Inselarchipel!
    LG Ursula

  • moho

    Gratultion zur Startleiste.
    Wohlverdient!!
    LG Moni

  • fhaid

    Vielen lieben Dank an Euch alle! @Karin: Natürlich waren wir auch Tauchen. Zwischen Taveuni und Vanua Levu liegt das berühmte Rainbow-Reef, eines der bekanntesten Tauchreviere auf Fiji. Und unserer bescheidenen Meinung nach: grenzgenial! Wenn Du mal dort bist, unbedingt auch "Stickstoff-Saugen"! Von der Dolphin Bay aus nur 10 Minuten Bootsfahrt... GLG Florian

  • karinchen

    OK, schau mal wie ich es Einrichten kann, Natürlich Stickstoff, Saug ich nur! Grins, grins...
    Hoffentlich weiss jeder was wir mit Stickstoff - Saugen meinen.
    LG. Karin

  • RELDATS

    Sehr schöner Bericht ! Ich verbinde Fiji leider immer mit einem Hundebiss,weniger mit sandflies. Ansonsten hat es mir damals auf Viti Levu recht gut gefallen.
    Nette Grüße von Josef

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  • Schili

    Ich verkläre Fiji noch immer ein wenig, weil es seinerzeit ein Teil meiner Hochzeitsreise war. Enttäuscht war ich tatsächlich von den Tauchgründen. Wobei ich nicht ausschließen möchte, dass ich da Pech hatte (Octopus Resort auf Waya). Es gibt ja Leute, die schwärmen von Fijis Tauchgründen, die können ja nicht alle irren. Spontan fallen mir allerdings ne ganze Menge Tauchspots ein, die ich als deutlich reizvoller empfand...und auch tatsächlich ist Fiji eine Destination, die ich für einen 2. Besuch nicht auf der Agenda habe....natürlich! ist es schön. Aber denk´ich zum Beispiel an Sansibar, die Malediven oder Roatan, fand ich es dort deutlich schöner...:-) Aber das ist natürlich! Geschmacks- und Ansichtssache. Gruß aus Köln.

  • fhaid

    Hi Thomas, ich bin grundsätzlich bei Dir. Die Tauchspots rund um die Hauptinsel Viti Levu sind "abgetaucht". Leider auch auf den Mamanukas oder weiter draußen auf den Yasawas. Ich habe 3 Jahre als Tauchlehrer auf den Malediven gearbeitet - still the best. Aber das abgelegenere Rainbowreef zwischen Taveuni und Vanua Levu war schon geil. Und wie beschrieben: die Menschen auf Fiji sind ein Hit! LG

  • Schili

    Hi. GANZ heißer Tauchtipp: der winzige Teil des Roten Meers in Jordanien. Vom Massentauchtourismus wie in Ägypten z.B. Noch komplett verschont, offenbart sich Tauchern dort noch die gesamte Schönheit dieses Meeres.....:-) Auf den Malediven hab ich seinerzeit ne Tauchsafari gemacht...jeden Tag zu anderen Spots der verschiedenen Inselgruppen....das war bislang mein beeindruckendstes Taucherlebnis...Gruß aus Köln. :-)

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