Un "Belize" able

Reisebericht

Un "Belize" able

Reisebericht: Un "Belize" able

Eingeklemmt zwischen Mexiko und Guatemala liegt Belize an der türkisfarbenen Karibik. Doch es wirkt nicht mittelamerikanisch und trotz der englischen Amtssprache auch nicht britisch-europäisch oder nordamerikanisch. Mit einer einfachen Beschreibung dieses Landes tun wir uns schwer. Der Schmuggel blüht, Taxifahrer verdienen mehr als Ärzte und der Dunst der Drogen hängt wie ein Tiefdruckgebiet über dem kleinen Land. Deutschstämmige Mennoniten stellen die Nahrungsmittelversorgung sicher, Chinesen betreiben so gut wie alle Supermärkte und die Belizianer ... geniessen das karibische Leben.

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Bewaffnet mit Spanisch-Wörterbuch, Grammatik-Fibel und viel Enthusiasmus stürmen wir aus dem Flughafengebäude im mexikanischen Cancun. Es ist acht Uhr abends, drückend schwül und wir wollen so schnell wie möglich weiter nach Playa del Carmen. Bepackt mit unseren schweren Rucksäcken, joggen wir schwitzend und keuchend im Laufschritt zur Bushaltestelle, um den nächstbesten Mexikaner mit unserem mühsam auswendig gelernten, ersten Satz auf Spanisch nach einem Bus zu fragen. Worauf dieser leicht ratlos, dafür aber in wunderschönem Englisch antwortet: „Where do you wanna go?“ Vermutlich haben wir etwas ähnlich Intelligentes von uns gegeben, wie die beiden Inder in der Paulaner-Bier-Werbung („Ich möchte diesen Teppich nicht kaufen, bitte!“). Als uns in Playa der Kellner beim Abendessen im Restaurant seine Auswahl an Drogen feilbietet, dämmert uns schön langsam, wie touristisch verdorben die Yucatan-Halbinsel wirklich ist. Quintana Roo (die Ostseite der Yucatan-Halbinsel) ist definitiv das Mallorca der Amerikaner. ¡Bienvenido a Mexico!

Vor den Touristenmassen flüchten wir über Tulum und Mahahual immer weiter nach Süden und stehen nach nicht einmal 10 Tagen Mexiko vor der Grenze zu Belize - einem Land, das wir überhaupt nie auf unserem Reiseplan hatten.

Corozal heisst unser erster Stop gleich hinter der Grenze. Nur wenige Touristen bleiben in diesem Städtchen hängen. Dafür aber umso mehr Expats aus Nordamerika und England. So wie der Waliser Gwyn, der Besitzer des Sea Breeze-Hostels, in dem wir uns einquartieren. In seinem früheren Leben jettete er als Tourmanager für Rocklegenden wie Police und The Who auf einer Geld- und Drogenwolke um den Globus.

Mit seinen Geschichten könnte er Bände füllen, so wie er täglich seinen Bauch literweise mit dem einzig offiziell erhältlichen Monopolbier Belikin füllt. Das gibt’s zwar in drei verschiedenen Variationen (Standard, Lager und Premium), für uns sind sie im schlechten Geschmack trotzdem nicht voneinander zu unterscheiden. Von „gutem illegalem“ Bier aus Mexico oder Europa läßt Gwyn als Hotelbetreiber lieber die Finger. Die Strafen liegen bei einem drakonischen 300fachen Wert der Fundmenge. Während der karibischen Regenzeit mit ihrer enormen Hitze (morgens um 9 Uhr bereits über 30 Grad) und ihrer unmenschlichen Schwüle (gefühlte 120% Luftfeuchtigkeit) führt also auch für uns kein Weg an diesem Gebräu vorbei.



Easy Going



Gwyn hat es verstanden, seine Sea Breeze Bar zu einem Treffpunkt der Expat-Kommune von Corozal zu machen. Nicht selten treffen sich abends bis zu 20 Auswanderer auf seiner Veranda, um bei einer guten Flasche Belikin Bier und Schwärmen von Moskitos gemütlich zu plaudern.

Viele von ihnen sind nur auf der Suche nach einem Stück Paradies in der Karibik, wo sie ihre Pension verbringen oder mit Grundstücken spekulieren können. Das Land und ihre Menschen sind meist nicht der Grund ihres Aufenthaltes. Kein Wunder, daß die einheimische Bevölkerung nicht gut auf Amerikaner zu sprechen ist. Auch wir werden anfangs misstrauisch beäugt und bemustert. Am liebsten würden wir mit einem grossen Schild vor der Brust rumlaufen: "Wir sind Europäer - keine Amis!!" Sobald die Belizianer aber erkennen, dass wir Europäer sind, weicht das Misstrauen und die Menschen lächeln und öffnen sich.



Das kanadische Pärchen Ed und Jill hilft uns Einblicke in dieses Land zu verschaffen. Sie wohnen in einem Wohnwagen auf dem Grundstück eines befreundeten Belizianers. Ihre zwei Kinder gehen hier zur Schule und sie haben bereits beste Kontakte zur einheimischen Bevölkerung. Spontan laden sie uns zu einem Ausflug auf die andere Seite der Bucht, zur Pyramide von Cerros ein. Nur ein paar „Besorgungen“ müssen sie für die Ausfahrt noch schnell machen. Im Hinterhof eines halb verfallenen Hauses wird eingeparkt. Eine betagte Dame verhandelt aus der Hängematte lautstark Menge und Preis und schon kommt ihr Sohn mit zwei Kanistern gelaufen und tankt das Auto mit günstigem Benzin voll. Weiter geht’s hinter das Haus des Nachbarn. „Wieviel möchtest du“, kommt die Frage durch ein nur halb geöffnetes Fenster. „Fünfzehn“, läßt Ed wissen. Und wenige Minuten später verschwindet ein Sack voll mit mexikanischem Corona Bier auf der Ladefläche seines Pick Up. Nur Zigaretten besorgt er heute keine mehr. Er hat noch genug.

Und wie für Benzin und Alkohol so gibt es auch bei Zigaretten ein strenges Monopol. Colonial heisst die Marke – das stinkende, urstarke Kraut gibt’s in Rot oder Blau. Die letzte Packung Tabak zum Selberdrehen wird wertvoller als Gold ... und sorgt für überraschende Missverständnisse. Noch während des Drehens werden wir von zwielichtigen Gestalten umringt. Ob sie den Tabak probieren können? Ob wir Drogen kaufen wollen? Will, der am Steg sein Fischernetz auswirft, klärt uns auf. In Belize kennt niemand Tabak zum Selberdrehen. Wenn hier jemand irgendetwas dreht, dann sind das immer Drogen. Will ist Lehrer und erzählt von Belize und seinen Menschen. „Das Mischmasch ist das Schöne“, meint er, „aber auch das Problem“. Denn trotz der nur etwas mehr als 300.000 Einwohner weist Belize ein buntes Sammelsurium an Bevölkerungsgruppen auf. Im Norden die mexikanischen und im Süden die honduranischen Mayas, dazwischen die Garifuna mit ihrer eigenständigen afrikanischen Kultur. Im ganzen Land verstreut Mestizen und Kreolen. Dann die Farmen und Kommunen der weissen Mennoniten und neuerdings eben immer mehr Einwanderer aus Nordamerika. Und zum Drüberstreuen auch noch die Chinesen. Auf die sind die Belizianer gar nicht gut zu sprechen. „Die Chinesen betreiben die ganzen Supermärkte und machen bei uns das Geld ihres Lebens“, beklagt sich Will. Aber sie beschäftigen keine Einheimischen sondern nur ihre eigenen Landsleute. Sie integrieren sich nicht, bleiben streng unter sich und schaffen das ganze Geld ins Ausland. Auf unsere Frage, warum die Chinesen so erfolgreich so viele Supermärkte betreiben, kommen jedoch nur ausweichende und unklare Erklärungen.



Cloudy Sunrise



„Wißt ihr, wie ein einheimischer Supermarkt funktionieren würde?“, witzelt Gwyn etwas später. „Gar nicht! Weil die Belizianer keinen Sinn für langfristige Geschäfte haben.“ In solchen Dingen bricht dann doch ihre mittelamerikanische Lebensweise durch. Ein Belizianer, der einen Tag lang ein gutes Geschäft macht, sperrt am nächsten nicht mehr auf. Oder er macht den Laden schon am Nachmittag dicht. Und am Wochenende wird sowieso nicht gearbeitet. Im Gegensatz dazu sind die Supermärkte und Restaurants der Chinesen verlässlich sieben Tage die Woche von frühmorgens bis spätabends offen - egal ob viel oder wenig Geschäft ist!

Und ganz ehrlich: die chinesische Speisekarte ist eine echte Abwechslung zu den beiden typischen Mahlzeiten in Belize. Bei den Einheimischen gibt es entweder Reis mit Bohnen oder Bohnen mit Reise. Uns wundert es nicht, dass selbst die Belizianer oft und letztendlich wohl auch gerne bei den so verhassten Chinesen essen gehen.

„The best way to leave Belize with 1 million Dollar, is to bring 2 millions in.“ Mit dieser Ansage versucht Gwyn seine Wahlheimat Belize zu beschreiben. Wo diese Verlust-Millionen hinfließen, ist allerdings nicht erkennbar. So sind beispielsweise gerade mal 500 der knapp 2.900 Straßenkilometer im Land asphaltiert. Immer wieder sehen wir Schilder an Baustellen, von denen uns groß das Logo der EU (!) entgegenstrahlt. Die EU subventioniert viele Infrastrukturprojekte im ganzen Land (alleine im Jahr 2007 waren es über 2,2 Millionen Euro!). So auch eine Brückenerneuerung in der Nähe von Corozal. Das Geld der EU ist angeblich schon dreimal geflossen. Aber erst vor kurzem wurde mit den Arbeiten begonnen. Wohin das Geld der ersten beiden Förderungen geflossen ist ... wahrscheinlich in die Taschen von vermeintlich nicht so geschäftstüchtigen Belizianern.


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Kommentare

  • astrid

    Ein toller Bericht der in jedem Fall die volle Punktzahl und die Leiste verdient.
    LG Astrid

  • moho

    1. Gratulation zur Startleiste
    2. Toller Bericht
    Belizen muss ich jetzt nicht mehr, denn ddurch Euch 2 war ich jetzt dort!
    LG Moni

  • Steffania

    Ein toller und ansprechender Bericht. Belize muss ein Traum sein.
    LG Steffi

  • Schili

    Mal wieder von dir/euch ein sensationell guter Reisebericht. Stilistisch und inhaltlich ein echtes Highlight.Super. Ich habe Belize nur sehr sehr oberflächlich im Rahmen eines Kreuzfahrtaufenthaltes bereist und war nicht so angetan; das Blue Hole habe ich mir gottlob der Warnung meines Brunders zufolge, der Belize einige Jahre zuvor ausgiebigst bereist hatte, gespart. Belize steht seitdem nicht mehr unbedingt auf meiner Agenda. Da hatte es mir Honduras schon eher angetan...falls mal nen Tipp oder ne Anregung für die Gegend gesucht wird...;-)
    Ach ja: die Fotos sind natürlich auch Extraklasse.
    Gruß aus Köln. :-)

  • philduck72 (RP)

    Super Bilder, toller und anschaulicher Bericht!

  • agezur

    Interessant, neu, kurzweilig, informativ - vom ersten bis zum letzen Wort fesselnd und locker erzählt*****! Ein Bericht der Extraklasse!
    LG Christina

  • Schalimara

    Es ist schon alles gesagt :-) - Ein super Reisebericht - da macht Lesen Spass.
    LG Schalimara

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  • fhaid

    Vielen lieben Dank an Euch alle für Eure Zeit und Eure Kommentare! Schön, dass wir Euch mit diesem Beitrag begeistern konnten! Einfach un"Belize"able*g* Nochmals vielen Dank und Liebe Grüsse! Florian & Birgit
    @Thomas: Honduras als Tip nehmen wir gerne auf!!

  • Korallenriff

    So müssen Reiseberichte geschrieben sein!
    Keine Sekunde langweilig!
    Glückwunsch!, Bernd

  • RELDATS

    Ja, großartiger Bericht. Und endlich jemand, der auch schon auf Caye Caulker war.
    "Go Slow!" Mir hat´s gut gefallen .
    Nette Grüße von Josef

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