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Reisebericht: Willkommen am Ende der Welt
Reisebericht Patagonien/Feuerland
- Nach Feuerland kommt nichts mehr
- Wetter auf Patagonisch
- Skelette an der Magellanstraße
- Klein-Kroatien auf Feuerland
- Der letzte Posten der Zivilisation
- Welt der Drachen
- Camping im eiskalten Paradies
- Eisberge wie Minzbonbons mit Baiser
- Die Pampas: Das große Nichts
- Roland Kaiser in Puyuhuapi
- Infokasten Chile: Patagonien und Feuerland
Nach Feuerland kommt nichts mehr
„Willkommen am Ende der Welt!“ Marisol Arteaga vom Reisebüro Aonikenk wirbt wie alle patagonischen Tour-Agenturen mit dem Offensichtlichen: Hier, an der Südspitze Südamerikas, kommt nur noch eine Pinguin-Kolonie, und dann Feuerland, und dann gar nichts mehr – bis zum Südpol.
Wir haben uns einen robusten Chevrolet-Pickup und eine ebenso handfeste Campingausrüstung gemietet und starten von Punta Arenas aus, einer quirligen Hafenstadt im südlichen Patagonien. Am Küstenhighway, die Magellanstraße entlang, herrscht ein unbarmherziger Dauerorkan.
Wetter auf Patagonisch
Verkrüppelte Kiefern krallen sich hartnäckig in den kargen Boden, stemmen sich stur gegen den Wind. Die Sonne scheint, aus dem blauen Himmel heraus stiebt plötzlich ein Schneeschauer, dann prasselt Regen gegen die Windschutzscheibe, dann scheint wieder die Sonne, und das alles innerhalb von dreißig Minuten. Wetter auf Patagonisch; und immer Wind.
Wenn wir aus dem Wagen aussteigen wollen, müssen wir uns vorher absprechen. Erst öffnet der eine seine Autotür, dann der andere. Wenn wir beide gleichzeitig die Türen gegen den Orkan aufstemmen, fährt der Wind in den Wagen und trägt alles davon, was nicht festgebunden ist.
Mitten im Platzregen lesen wir zwei Tramper auf, zwei Studenten aus dem sonnigen Nordchile, die zum ersten Mal den kalten Süden ihres Landes besuchen. Suzanna und Miko weinen fast vor Erschöpfung und Kälte, als sie sich mit ihren Rucksäcken auf den Rücksitz unseres Chevys quetschen. Und als sie nach 50 Kilometern wieder aussteigen, küssen sie uns sogar vor Dankbarkeit. Die beiden und auch wir haben unsere erste patagonische Lektion gelernt: Hier, in der eisigen Einsamkeit, müssen alle zusammenhalten.
Skelette an der Magellanstraße
Wer nach Patagonien will, will auch nach Feuerland. Bei der Überfahrt mit der Fähre zeigt sich die Magellanstraße heute in einem trügerisch sanften Blau, winzige, weiße Schaumkronen auf den Wellen. Dass diese seit Jahrhunderten bei allen Seefahrern der Welt gefürchteten Gewässer auch ganz anders können, beweisen die skelettierten, rostigen Rümpfe gestrandeter Schiffe, gleich neben dem Küstenhighway.
Klein-Kroatien auf Feuerland
Der Weg von der Fährstation führt uns nach Porvenir, einer kleinen feuerländischen Hafenstadt. Auf der löcherigen Schotterstraße holpern wir durch eine weite Grasödnis, die Magellanstraße immer zur Rechten, vorbei an rosa Flamingos in eiskalten Salzseen; hin und wieder huscht ein Steppenfuchs über die Straße.
Kurz vor Porvenir wird die Straße immer schlechter, tiefe Schlaglöcher durchziehen die Buckelpiste. Hierher, nach Feuerland, kommt man nicht mit dem Auto, hierher reist man per Schiff, wenn überhaupt. Wenn gerade mal kein Schiff, kein Fischtrawler oder Frachter im Hafen liegen, ist das kleine Porvenir schläfrig bis zur Apathie. Niemand ist auf der Straße zu sehen, hier geht keiner freiwillig zu Fuß durch den ewigen Wind. Um die kleinen, bunt bemalten Häuschen klammern sich winzige Gärten, jede Blume, jeder Halm ist festgebunden. „Sonst fliegt alles sofort weg“, sagt Fernando Sakic, der hier Zimmer vermietet und dessen Vorfahren vor 130 Jahren aus Kroatien nach Feuerland kamen, um Gold zu schürfen. Reich geworden sind die Sakics und ihre Landsleute nicht, aber sie sind hiergeblieben, die Hauptstraße heißt immer noch ‚Croacia’.
Der letzte Posten der Zivilisation
Das Restaurant ‚Puerto Montt’ bietet handfeste Kost für Seeleute: viel panierten Fisch, panierte Krabben, panierte Hähnchen, dazu patatas fritas und billiges Bier. Dass hier, wenn die großen Fischtrawler einlaufen, auch mehr los sein kann, zeigen die handgemalten Schilder, die an den bunten Kleinstadthäuschen prangen: ‚Nightclub New York’, verheißen die Schilder, oder auch ‚Bar Shanghai’. Wenn die Matrosen kommen, will das verschlafene Porvenir ein nächtlicher Sündenpfuhl sein. Zumindest, so gut es geht.
Mit der Fähre zurück nach Punta Arenas, geht unsere Fahrt weiter nach Norden, hinein in die Südkordilliere. Puerto Natales ist der letzte Posten der Zivilisation: Hier können wir tanken, unsere Vorräte auffüllen und noch einmal im weichen, weißen Bett einer Frühstückspension schlafen, köstliche Nusstorten verspeisen und im Internet Nachrichten absetzen.
Welt der Drachen
Und dann werden, Kilometer für Kilometer, die Berge mächtiger und höher, die Bergseen immer leuchtender bis zu einem unwirklichen Neonblau und dann sehen wir sie: die karstigen Zinnen der Torres del Paine, der Gipfelformation, die dem legendären Nationalpark in den südlichen Anden den Namen gab. Geheimnisvoll umwehen Wolkenfetzen die schroffen Felsen, ockerfarbene Guanacos ziehen vorbei, dazwischen die graubraunen, hochbeinigen Nandus, im Tal liegt ein milchig türkisfarbener Gletschersee. Die Szenerie wirkt so weltentrückt, so mystisch, dass wir an der nächsten Ecke feuerspeiende Drachen erwarten, oder zumindest eine Herde Dinosaurier.
Camping im eiskalten Paradies
Doch an der nächsten Ecke erwartet uns einer der wohl am großartigsten gelegenen Campingplätze der Welt: Panoramablick vom Schlafsack aus über den Lago Pehoe auf die Zacken der Torres del Paine. Mühsam entfachen wir unser Lagerfeuer in einer windgeschützten Ecke, zum Frühstück besucht uns ein neugieriges Stinktier. Wir brechen früh auf, denn das Boot zum Grey-Gletscher legt schon um neun Uhr ab. Auch wenn die Sonne trügerisch strahlt, sind wir dick eingepackt in Thermohosen, wattierte Jacken, Mützen und Schals – am Gletscher ist es eisig.
Eisberge wie Minzbonbons mit Baiser
Schimmernde Eisberge schwimmen wie riesige, geborstene Minzbonbons im Lago Grey, von weitem sehen wir die Zinnen der schroffen Andenkordilliere. Der Gletscher ist von einem fast unwirklichen Blau mit einer gezackten, weißen Kappe, wie mit Baiser überbacken.
Das Boot dümpelt zwischen den Eisbergen vor dem mächtigen Gletscher; die Menschen an Bord – das aufgedrehte amerikanische Pärchen, der demonstrativ gelangweilte norwegische Backpacker, die plappernde japanische Reisegruppe, die distinguierte Dame aus Buenos Aires im Pelzcape – alle halten den Atem an. Schweigen. Staunen.Dann bricht der Gletscher und stürzt mit Getöse in den See,anschließend geht der Stewart herum mit einem Tablett Whisky auf Gletschereis, und der Moment ist vorbei.
Die Pampas: Das große Nichts
Es geht weiter in Richtung Norden; es wird wärmer, allein der Wind bläst weiter unbarmherzig. Die 700 Kilometer quer durch die patagonischen Pampas sind für jeden Autofahrer eine fast spirituelle Erfahrung: Links, rechts, vorne und hinten nur Gras, gelbes Gras, kein Mensch, kein Haus, kein Auto, weit und breit nur das große Nichts.
Bei Kilometer 200 treffen wir den einarmigen Pete aus Kanada, der am Rand der Schotterpiste gerade den platten Reifen seiner 250er Honda repariert. Er will keine Hilfe, er will keinen Proviant, kein Wasser. Er steht im Wind, hält die schwankende Maschine fest mit seiner einen Hand und lacht. Pete ist glücklich, er hat es von Kanada bis runter nach Patagonien geschafft. Jetzt will er noch nach Feuerland, das Ziel seiner Träume. „Oh my God, I did it!“, ruft er und zieht einhändig den Reifen wieder auf – und dann knattert er weiter, alleine durch die Pampas, zu den eisigen Traumstränden Feuerlands.
Roland Kaiser in Puyuhuapi
In Puerto Puyuhuapi im nördlichen Patagonien fanden vor 70 Jahren auch vier sudetendeutsche Familien ihren Traumstrand. Sie gründeten an dem stillen pazifischen Fjord ein Pionierdorf wie aus dem Bilderbuch.
Noch heute stehen die niedrigen, holzverkleideten Schwarzwald-Häuschen der Siedler, den Baugrund haben sie mühevoll dem wuchernden, kalten Regenwald abgetrotzt. Tankwart Peter Hopperdietzel fragt uns als erstes, ob wir wohl deutsche Zeitungen dabei haben. Ihn interessiert immer noch, was in der alten Heimat vor sich geht, die er noch nie im Leben gesehen hat. Im Cafe Rossbach, gleich neben der Tankstelle, gibt es Schwarzwälder Kirsch und Apfelstrudel, dazu läuft eine Roland-Kaiser-Kassette als Dauerschleife. Doch wenn es Nacht wird im einsamen Puyuhuapi am stillen Pazifik, hört man nur noch leise den Regen rauschen. Willkommen am Ende der Welt!
Infokasten Chile: Patagonien und Feuerland
Infos: www.visit-chile.com (Homepage der chilenischen Tourismusförderungsgesellschaft); www.sernatur.cl (Seite des Fremdenverkehrsamtes); www.gochile.cl (informatives Reiseportal)
Anreise: Mit z.B. Lufthansa, LAN Chile, Air France etc. bis Santiago de Chile, von dort aus weiter nach Punta Arenas per Inlandsflug mit LAN Chile.
Einreise: Deutsche, Schweizer und Österreicher brauchen lediglich einen Reisepass, der noch mindestens drei Monate gültig ist. Man erhält bei der Einreise eine Tarjeta de Turismo (Touristenkarte), die 90 Tage gültig ist und bei der Ausreise wieder vorgelegt werden muss.
Reisezeit: Beste Reisezeit für Patagonien und Feuerland ist der Südsommer, zwischen November und März. Dennoch gehören auch dann Thermohosen und –jacken, Schal und Handschuhe sowie wasserfeste Treckingschuhe ins Gepäck – vor allem der Wind ist auch im Sommer eisig.
Geld: 1 Euro = 715 Chilenische Pesos. Mit der Maestro- (EC-)Karte kann man in größeren Ortschaften Geld am Automaten abheben. In sehr ländlichen Gebieten kann es beim Geldwechseln problematisch werden, meist werden jedoch auch Dollarnoten als Bezahlung akzeptiert.
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Mit Deinem unterhaltsamen Bericht wurden viele Erinnerungen wieder wach. Verdammt kalt am Greygletscher (ich habe mir sogar eine Erkältung zugezogen); der Whiskey hat geschmeckt. Auf Feuerland war ich allerdings nicht.
Aber immerhin hatten wir in den Torres einen wunderschönen Tag mit absoluter Windstille.
LG Anne, die sich auch gleichzeitig ganz herzlich fürs Lesen und Kommentieren meines RBs bedankt -
Gut geschrieben, gut zu lesen. Das Ende der Welt... ,doch da gibt es doch noch eine Insel südlich des Beagle Canals.... , mit Gruß Oldi
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Hi Thomas,
wenn ich mal ans südliche Ende der Welt wollen will, dann werde ich mir deinen tollen Bericht zur Grundlage nehmen! LG Moni -
Vielen Dank für die netten Worte und Bewertungen. Habe mir leider in den letzten Urlauben kaum Stichpunkte im Reisetagebuch gemacht; Ausnahme war Patagonien. Werde versuchen, trotzdem noch einige Zeilen zu verschiedenen Destinatione nach und nach zu schreiben. Im(gottlob) bald anstehenden ersten Urlaub 2012 wird es ganz sicher wieder sowohl genug zu knipsen, als auch zu schreiben geben...;-) Grüße aus Köln.
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Ein ganz toller und lebendiger Reisebericht.
Klasse geschrieben.............
Da bekommt mal richtig Lust an das Ende der Welt zu fliegen.
LG Martina -
Ach ja, auch wenn es schon 22 Jahre her ist, als ich dort in der Gegend unterwegs war, so läßt Dein Bericht alles wieder lebendig werden, als sei es letzten Monat gewesen. Danke!
Wildwind (aus Patagonien,,,eben immer Wind und ziemlich wilder Wind)
LG -
Deinen informativen und anschaulichen Bericht habe ich sehr gerne gelesen. Vielleicht schaffe ich's ja auch noch mal ans Ende der Welt zu reisen.
Reizen würde mich das schon gewaltig!
LG Ursula -
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Hallo. Da das mein erster Reisebericht hier in der RC, und ich zudem mit dem Einbinden noch nicht vertaut war, geizte ich doch schon sehr mit Fotos. Als kürzlich noch - sehr konstruktive! - "Meckerei" ;-) von User edwingrub diesbezüglich diesen Bericht betreffend dazu kam, beschloss ich, dies noch abzuändern...voila.: hier nun das schönste Ende der Welt mit dazugehörigen Fotos. Gruß aus Köln.
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An dieser Stelle nochmals meiner allerherzlichsten Dank an all´die netten Leute in dieser Community, für die netten und zahlreichen Kommentare & Bewertungen meiner Bilder und Textbeiträge. Ich wäre ein Lügner und Heuchler, würde ich behaupten, dass mir das keine große Freude bereiten würde. Viele Grüße aus Köln. :-)
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Vielen Dank für diesen äußerst tollen Bericht über "das Ende der Welt"! Dieser Zipfel Südamerikas ist schon lange ein Traum von mir und irgendwann... ja, irgendwann... Dein Bericht hat mir jedenfalls den Gusto weiter erhöht!
LG Susi
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