St. Petersburg

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Reisebericht: St. Petersburg

Winterlicher Zarenglanz mit Patina

Zugefrorener Klosterkanal am Alexander-Newskij-...



St Petersburg - Winterlicher Zarenglanz mit Patina

Vladimir, Владимир, vom „Club der Walrösser“ begreift die Wetterkapriolen nicht. Um diese Jahreszeit haben er und seine Mitstreiter stets das dicke Eis der Newa aufgehackt und sich mutig unter den Blicken staunend und dick eingemummter Zuschauer ins eiskalte Wasser gestürzt. Doch in diesem Jahr ist die Newa, die in 75 Kilometer Entfernung aus dem Ladogasee entspringt, nicht komplett zugefroren. Nur dünne Eisschollen ziehen langsam ihres Weges. Dabei schweift Vladimirs trauriger Blick von den dicken Steinmauern der Peter-Paul-Festung über den schmalen langen Sandstrand der Newa hinüber auf das gegenüberliegende prächtige Palastufer.

Nachdem Peter der Große die Schweden besiegt hatte, wurde an dieser Stelle der neugewonnene Zugang Russlands zur Ostsee gesichert. Mehr als 100.000 Zwangsarbeiter verloren dabei im sumpfigen Newa-Delta ihr Leben und im später errichteten Gefängnis wurden hier Gegner des Regimes wie Dostojewski und der Bruder Lenins gefoltert. Heute strömen Neugierige wie ich in die prächtige, weithin durch eine 122 Meter lange goldene Turmspitze erkennbare Peter-Paul-Kathedrale, die innerhalb der Festung thront. Sie beherbergt die Ruhestätten der Zaren und die ermordete letzte Zarenfamilie von „Nicolaus II.

Dass St. Petersburg (früher Petrograd und Leningrad) seit 300 Jahren Maßstäbe für Russland und sogar Europa setzte, wird mir beim Anblick der unvorstellbaren Kunstschätze allerorts vor Augen geführt. Wollte ich die Stadt nur einigermaßen er-kunden, so müsste ich für längere Zeit darin eintauchen, könnte mich auch in den Zarenpalästen verlieren. So schließe ich mich in meinen wenigen Tagen, die ich in diesem Babylon im Schneeregen weile, unserer guten Stadtführerin Natascha an und schwelge in Sachen Kunst. Habe den Vorteil, dass ich mich mit unserer kleinen Touristengruppe nicht in dieser unwirtlichen Winterzeit in 100 Meter lange Warte-schlangen vor Palasttoren einreihen muss. Beobachte geduldig aus meinem mollig warmen Bus heraus den mörderischen Autoverkehr auf dem sechsspurigen Newskij prospekt, der hoffnungslos verstopften Prachtmeile der fast Fünf-Millionen-Metropole. Jeder kleine Sieg eines russischen Ladas oder einer der unzähligen westlichen Luxuslimousinen, in diesem mörderischen Stau einen Meter voran zu kommen, ist für seine Besitzer ein kleiner Triumph. Da bleibt aber auch viel Zeit für den Blick auf die vielen gut erhaltenen Palastfassaden mit ihren Luxusgeschäften für die Hautevolee Europas. Schaut man aber in die Nebenstraßen dieser Flaniermeile, deren ehrwürdige Bauten mit ihrer Patina Behaglichkeit vermitteln, dann leben dort hinter den dicken alten Palastfassaden oftmals mehrere Familien in einer Wohnung, die jeweils ein Zimmer ihr eigen nennen und sich ihr Badezimmer, Küche und Wohnzimmer manchmal mit 16 oder 20 Personen teilen müssen.

Und irgendwann sehe ich bereits von weitem die riesige goldene Kuppel der Isaakskathedrale, der größten Kirche Russlands, die auf 20.000 Baumstämmen ge-gründet wurde. Innen lässt die Aura der monumentalen Kathedrale mit all dem Goldprunk und den mehr als 150 Mosaikbildern ihre Gäste ganz klein und beschei-den erscheinen und macht meinen Aufenthalt zum Genuss. Später, draußen unter den Säulen des früheren Gotteshauses und heutigem Museum, springt mir auf der gegenüberliegenden Seite des Isaaksplatzes, die rote Jugendstilfassade des legendären Astoria-Hotel ins Auge. Ich erfahre von Natascha, dass Adolf Hitler bereits die Einladungskarten ohne Datum hatte drucken lassen, um den Sieg über diese Stadt mit großem Pomp feiern zu können. Sie liegen heute in einer Museumsvitrine, denn die deutschen Truppen haben Leningrad nicht eingenommen, sondern wurden nach 900 Tage Belagerung vertrieben.

Meine Kunstschwelgerei setze ich mit der Eremitage im prunkvollen Winterpalais fort, das eines der größten und schönsten Museen der Welt beherbergt. Für seinen Bau wurden im Auftrag von seinem italienischen Architekten Bartolomeo Francesco Rastelli im 18. Jahrhundert luxuriöse Baumaterialien in der ganzen Welt gekauft und in die Stadt gebracht.

Ich schreite langsam und ehrfürchtig den roten Teppich der mächtigen Jordantreppe hinauf, während Augen und Sinne berauscht sind von edelstem, farbigem Marmor und feinstem Stuck barocker Pracht. Danach beschränke ich mich auf die anspruchsvolle Kunst Westeuropas, wobei mein Blick aus den vielen Fenstern mir suggeriert, aus den Palastfenstern Venedigs mit seinen Wasserstraßen zu schauen.

In Puschkin, früher Zarskoe Selo, 25 Kilometer von St. Petersburg dann der Katha-rinenpalast. Abenteuer und Legenden ranken sich hier um das berühmte Bernsteinzimmer, dass seit kurzem in mühevoller Kleinarbeit von Restauratoren nach alten S/W-Fotos neu geschaffen wurde und alle Städtetouristen magisch anzieht. Wohin man in diesem Palast auch sieht, altes Mobiliar mit funkelnden Kristalleuchtern, Sei-dentapeten, großzügig vergoldete Rahmen, gedeckte Tische mit feinstem Porzellan erzeugen in allen Besuchergesichtern nur strahlende Augen. Bemerkenswert, auf mich wirkt das alles nicht protzig, sondern für die damalige Zeit festlich. Was der heutige, berühmteste Sohn der Stadt, Wladimir Putin, für seine festlichen Empfänge zu nutzen weiß.

Noch benommen von all dem Glanz verlasse ich das Schloss und schreite ganz alleine sinnend durch den inzwischen weiß gepuderten Alexanderpark mit seinen großzügigen Flanierzonen. Es ist wieder bitterkalt geworden und kleine Schneeflo-cken verwandeln Lustgarten und Schloss in meinen Gedanken zurück in die Zarenzeit. Lange schreite ich über leise knirschenden Pulverschnee. Ob wohl Vladimir vom „Club der Walrösser“ demnächst das dicke Eis auf der Newa aufhacken kann, um sein kühles Bad nehmen zu können?

Gerd Krauskopf




Katharinenpalast

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Kommentare

  • windweit

    Dein Bericht läßt sich gut lesen. (Nur an den Bindestrichen solltest Du noch ein bisschen arbeiten).
    Grüsse, Gabi

  • 238EWT

    Trotz winterlicher Kälte ein warmherziger Reisebericht, der in der Wortwahl an literarische Klassiker der Zarenzeit erinnert.

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. St. Petersburg 4.19 16

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