Im Auge des Krokodils

Reisebericht

Im Auge des Krokodils

Reisebericht: Im Auge des Krokodils

Erwachsen werden! Mein 17. und 18. Jahr in der Südsee. Nix mehr mit Aloha! Aber das Leben, die Reise, geht weiter!
Erlebnisse aus den Solomon Inseln, Vanuatu und Neukaledonien.

Solomon Inseln
Wilder Westen der Südsee

Wenn man ganz lange den Trauminseln des Pazifiks folgt - Hawaii, Tahiti, Fiji - kommt man irgendwann zu den Solomon Inseln. Diese grosse Inselgruppe ist nicht sehr berühmt, aber wenigstens berüchtigt. Jack London, der sich diese Inselgruppe etwa hundert Jahre vor mir im eigenen Schiff angeschaut hat, schrieb: Wenn ich ein König wäre, würde ich meine Feinde auf die Solomon Inseln verbannen. Aber nur die Schlimmsten! Später wiederrief er diese Aussage. Er konnte sich nicht mehr vorstellen, so grausam zu sein gegenüber seinen Feinden...

Diese Aussage wurde mir von Sandy vorgelesen, während ich unser Segelschiff der Inselgruppe entgegensteuerte. Das waren ja Voraussetzungen! Eine doppelte Reihe grosser Inseln, fast Tausend Kilometer lang, im wärmsten Meergebiet der Erde, der Solomonsee. Kaum Wind, heimtückische Strömungen, praktisch keine Leuchtfeuer. Ich wollte hier nur ungeschoren durchkommen auf unserer Familienreise Richtung Indonesien, später Europa.

Im fahlen Licht des zunehmenden Mondes erreichten wir Sant Ana, ein kleines Inselchen am Ostende von San Cristobal, der ersten grossen Insel der Solomonen. Wir tuckerten so langsam wie möglich in die gespenstische Bucht, wo am Ufer Feuer brannten. Eigentlich ein Tabu, denn die Bucht war gesäumt von Riffen und die sieht man Nachts nicht, sondern hört sie nur. Wenn es knirscht unter dem Kiel... Nach so vielen Seemeilen - wir waren seit Vanuatu vier Tage unterwegs - ist es aber verlockend, endlich vor Anker zu liegen. Ausserdem brauchten wir Diesel.

Sant Ana ist bewohnt von Künstlern. Das merkten wir, kaum dass es hell wurde. Am Strand unter Bäumen wurde eine Skulptur geschnitzt von zwei Schnitzern, deren Hammer uns geweckt hatten. Welch ein herrlicher Tag, der hier begann! Ich sass mit einer Tasse Kaffee in der Hand an Deck und beobachtete das Treiben im Dorf durch den Feldstecher. Noch war es nicht heiss. Die Kinder schliefen noch. Sandy kam gähnend an Deck. Gemeinsam schmiedeten wir Pläne für den Tag. Wir hatten von dem See gehört, dem kreisrunden See inmitten der Insel.

An Land wurden wir sofort begrüsst von den Kindern und Hunden des Dorfes. Kinder sind in der Südsee überall gleich. Bloss die Erwachsenen sind verschieden. Mein Winken wurde kaum erwiedert. Man beachtete uns gar nicht. Wir waren Luft für die zahlreichen Männer und Frauen, die hinter dem Strand ihre Blatthäuser hatten und emsig beschäftigt schienen. Ein junger Mann kam plötzlich auf uns zu, gab uns die Hand und klärte uns auf. Gestern war jemand im Dorf gestorben und die Dorfbewohner in Trauer. Macht euch nichts daraus, ihr seid bei MIR willkommen. Und dann führte er uns Richtung dem See, einem überwucherten Dschungelpfad entlang. Ein kleiner Traumsee, mit schwimmenden Baumstämmen, auf denen unsere Kinder mit den Kindern der Insel herumbalgten.

Und es hat GANZ SICHER keine Krokodile hier, wollte ich nochmals von unserem freiwilligen Führer wissen. Nein, nicht mehr... Nicht hier! Wo denn? Fast überall sonst auf den Solomonen.

Das war meine erste Grundberührung mit diesem wilden Staat, den Solomonen, und schon wollte ich Entwarnung geben, in der Annahme, seit Jack London hätte sich einiges zum Besseren gewandelt. Mit Piran ging ich abends noch mal an Land, da mein Sohn zum Essen eingeladen war, und gemeinsam dinnierten wir mit der Cupper Familie, die Vorfahren in Hamburg haben. Es gab Kokosnusskrabben. Das beste Fleisch der Erde. Uns trieften die Finger und Piran und ich waren gücklich zusammen. Das letzte Mal, dass wir beide für uns alleine waren. Und das letzte Mal, dass wir zusammen glücklich waren. Nur wusste ich das dort noch nicht. Am nächsten Morgen brachte ich der Familie ein altes Buch, das ich an Bord hatte, über Hamburg. Ihre und meine alte Heimat.

Über die Frage, ob wir jetzt sofort weiter segeln, oder erst wenn es Wind hat, entstand ein Streit zwischen mir und Sandy. Es war nicht unser erster grosser Streit, aber einer der Letzten. Sandy und ich waren mit unseren zwei Kindern jahrelang unterwegs im Pazifik, aber in einem kleineren Boot, einem 6 Tonnen Wochend Regattaboot. Zuletzt hatten wir 17000 Meilen auf dem Zähler, meistens grosse Passagen zu kleinen Inseln mitten im leeren Meer. Alles ging gut. Wir glaubten an unsere seemännischen Kräfte, als wir uns ein neues Schiff kauften in Neuseeland.

Alles war anders, als wir der Küste San Cristobals entlang segelten. Auf der Suche nach Diesel, sollte der Wind einschlafen. Wir waren an Bord von Queen Liberty, einem 30 Tonnen Schiff, gebaut für Expeditionen rund um den Erdball. Das aber nie weiter als Whangarei gesegelt worden war, in den 35 Jahren seit das Schiff in Auckland gebaut wurde. Und das wir uns billig gekauft hatten. Als FAST fertiges Traumschiff für unser Traumleben. Wir wollten über Jahre den Küsten Asiens und Arabien folgen, bis daraus Europa entstand, fern am Horizont. Wir wollten über Flüsse und Kanäle nach Paris, um dort endlich mal wieder einen festen Wohnort anzustreben. Wir wollten unseren Kindern die Vielfalt der Menschen vorführen und sie selber ihre Schlüsse daraus ziehen lassen. Wir waren Künstler, Sandy und ich, und wollten uns inspirieren lassen von den Künsten, denen wir begegnen würden, entlang unserer langen Reise. Wir hatten erst 2000 Meilen zurück gelegt mit unserem "Lastwagen der Meere" - als was ich unser neues Schiff im Vergleich zum alten sah. Wir waren zu siebt von Whangarei losgesegelt, dem kleinen und halbwegs sympatischen Fischer- und Yachthafenstädtchen im Norden der Nordinsel Neuseelands. Ein Chinesischer Computerexperte, der in der Börse auf Baisse spekulierte, eine Schottische Krankenschwester, die unseren Preis fürs Essen zu hoch fand und eine Kanadische Betreuerin von Geistesgestörten. Wir waren eigentlich das ideale Team!

Am Tag der Abfahrt, es war Juli 08, stürzte die Börse zusammen, und Will, der Chinese, war glücklich. Rosie die Schottin ass so viel sie konnte und Danielle, die Betreuerin war mit allen an Bord zufrieden. Es war ein heller Tag und ein scharfer Wind blies um die Felsen vor Whangarei, als die verrückteste Reise meines Lebens begann.

Wir hatten 14 Tage und 13 Nächte hinter uns, als die Insel Hunter vor uns lag, wo wir für die Nacht ankerten. Ein weit im Meer liegendes Castell aus junger Lava und jungen Vögeln, die in luftiger Höhe auf diesem aktiven Vulkan brüten. Schnell waren wir weg, als am nächsten Tag Wind aufkam. Hier zu stranden ist eine Robinsonade auf hohem Seil. Kein Schiff ankert je hier, niemand kannte diesen Fleck Erde aus der Wirklichkeit. In der Seekarte wird vor Strudeln rund um die Insel gewarnt, an Land zu gehen gilt als praktisch unmöglich, jeder umfährt diese Insel in riesigem Bogen. Nur Verrückte ankern hier.

Nach weiteren zwei Tagen kamen wir in Aneytium an, der Südlichsten Insel Vanuatus. Fix und fertig. Das Meer war in kurzer Zeit sehr rauh geworden. Frischer Passatwind prügelte uns in die Riffarme einer Lagune, die ebenso aus einem Märchenbuch hätte stammen können. Wir badeten in klaren Flüssen, die aus den Bergen kamen. Einheimische kletterten auf Palmen und holten uns kühle Kokosnüsse, die sie mit ihren Macheten aufmachten. Alles stimmte. Die Temperatur, die Feinheit des Sandes, die Höhe der Berge, das Lachen der Einheimischen. Alles war echt. Von Neuseeland her kommend ein Kulturschock.

Leider mussten wir weiter. Die Schottin wollte ihren Rückflug nach Auckland nicht verpassen. Wir segelten durch die Nacht nach Tanna. Ein ganz scheusslicher Trip. Eine einzige grosse Welle kippte den kompletten Inhalt der Küche auf den Boden. Gabeln und Löffel landeten in der Bilge, unter dem Schiffsmotor. Queen Liberty rollte so heftig, dass die Seitendecks ins Wasser tauchten. Dass die Karte von Tanna nicht stimmte, merkten wir erst, als wir schon ganz nah von Felsen waren. Wir ankerten in der Port Resolution Bucht, direkt unter dem Vulkan Yassur.

Zwei Tage später, nach der Besteigung des Vulkans in der Nacht und ersten Kontakten mit Einheimischen, die 27 verschiedene Sprachen reden und daher auch ich nicht verstehe, segelten wir weiter. Sandy gedachte mich in Port Vila stehen zu lassen und in die Schweiz zurück zu kehren, weil ihr das Leben an Bord dieses Schiffes nicht gefiel. Ja, das hatten wir jetzt von unserem grossen Schiff. Ein grosses Problem. Überall waren Kinderkrankheiten. Das Schiff war nie zu irgend etwas gebraucht gebraucht worden, als zur Aufzucht zweier Kinder, die hier in diesem Schiff lebten, bis sie gross waren und ihre Eltern gestorben. Immer in der gleichen Bucht in Auckland, 33 Jahre, bis der Propeller sich nicht mehr drehte und das Steuerruder festgehockt war. Ein von Vielen als unreparierbar eingestuftes Schiff, das ich ein Jahr lang reparierte, bis ich zum spröden Mechaniker geworden war, immer mit Fett an den Händen. Ich hatte den Humor eingebüsst. Aber ein Traumschiff flott gemacht. Umsomehr ängstigte es mich, zu wissen, dass meine Frau mich sitzen lassen will, bloss wegen ein paar Zankereien. Wie ich es sah. Du kümmerst Dich nicht um Deine Kinder! hörte ich von ihr. Du kümmerst Dich nicht ums Schiff, hörte sie von mir.

Irgendwie war der grösste Streit vergessen, den wir hatten, weil ich nicht einwilligen wollte, dass unsere Kinder baden gehen, inmitten des Meeres, zehn Meilen vor der Hunter Insel. Dort hatte Sandy sich einfach durchgesetzt und ich musste mit Ärger feststellen, dass meine beiden Kinder um unser Schiff schwammen, das ohne Wind fahrtlos im Meer lag. Das war für mich eine grobe Verletzung meiner Autorität, sowohl als Vater, als auch als Kapitän. Sandy hatte mir aber inzwischen verziehen, dass ich ihr damals den Drohfinger gezeigt hatte, und so war unsere Ankunft in Port Vila, der Hauptstadt Vanuatus doch eingermassen freundlich. Zwar ein Dreckkaff, aber wenigstens bunt und billig. Unsere Crew zog weiter, Rosie verpasste ihren Flug und hängte sich an Will, mit dem sie später auf einer anderen Yacht zurück nach Neuseeland segelte. Danielle flog Richtung Heimat. Dafür kam Sabina, eine Schweizerin, die in Neuseeland lebt. Und ihr Sohn.

Von Efate segelten wir nach Epi, wo wir WIEDER Nachts ankamen, in einer Bucht mit Riffen, die wir aber schon von früher kannten. Revelieu. Der Traumort. Piran konnte das erste Mal auf seinem Surfbett stehen, das Rosie ihm geschenkt hatte. Die ersten "Wilden". Ein ganz anderer Menschenschlag als am Südende Vanuatus. Ärmlicher, lethargischer, verlorener. Sandy überreichte den Einheimischen Moskitonetze, die wir in Neuseeland für diesen Zweck und genau diesen Ort gesammelt hatten. Revelieu liegt in einem verwunschen schönen, grünen Tal, das sich zum Meer öffnet. Die Menschen Vanuatus gelten als das glücklichste Volk der Erde. Alles was ihnen fehlt, sind Moskitonetze. Trotzdem. Trotz aller Hoffnung in uns, das "Richtige" zu tun, plötzlich hatten wir wieder Zoff. Wegen der Frage, wer mit wem durch das Dorf Revelieu wandert.

So lernt man streiten im Paradies. Wir segelten weiter, um Kap Dolphin herum (wie wir es nannten, denn es glich einem Delfin) , nach Lamen Bay, wo wir Ausschau hielten nach dem lokalen Dugong. Und hatten es schön zusammen. Endlich hatten wir es schön zusammen! Der Stress der ganzen bisherigen Reise schien von mir abzufallen, von uns. Mit Sabina und ihrem Sohn hatten wir gute Freunde an Bord. Ich glaube auch, Sabina hatten einen gewissen Respekt vor mir. Dass sie jetzt das gleiche Boot wiedertraf, das ein Jahr lang wie ein toter Zementwal in der Bay von Putiki lag, schien sie echt zu freuen. Wieviele hatten mir dort zugeschaut, wie ich unser zukünftiges Weltreiseschiff reparierte - und insgeheim gedacht, dass wir nie wegkommen werden von Neuseeland. Und Viele hatten es laut gesagt.

Sabina nahm es nicht als SELBSTVERSTÄNDLICH, dass wir jetzt nach Malekula rüberfuhren, in Port Sandwich ankerten, Flüsse hochfuhren, riesigen Fledermäusen zuschauen konnten, wie sie an Papayas hingen in Urwald, kurz bevor es dunkel wurde. Im Schlauchboot voller Kinder und mit dieser einen, hübschen Schweizerin, hatte ich den besten Moment der ganzen bisherigen Reise. Für DAS hatte ich alles getan! Hatte ein äusserst kompliziertes Problemschiff, das noch nie zum Reisen benutzt wurde, SO zurecht gemacht, dass man irgendwann GLÜCKLICH in Port Sandwich ankern kann, sein Schlauchboot zu Wasser lassen kann, und seinen Kindern DIE WELT zeigen kann. Die ANDERE Welt! Nicht die von Putiki Bay, wo man von Autos geweckt wird. Nein, schreiender, atmender Mangrovenwald, über dem der Mond aufgeht, dampfend vor Leben. Die ANDERE Welt. Diese Welt meinen Kindern zu zeigen, war mein grösstes Lebensziel, seit meine Kinder leben.
Aber irgendetwas war anders geworden, als auf früheren Reisen. Ich spürte es und fuhr umso tiefer in den schwarzen Wald hinein. Krokodile hat es dort noch keine. Ich wollte ERZWINGEN, dass meine Kinder in eine ähnliche Begeisterung verfallen, wie ich selber sie zu verspürte. Die Begeisterung für eine Idee. Dass wir uns die Welt nicht auf dem Globus anschauen. Sondern in Wirklichkeit. Dass wir Geografie an vorderste Stelle unseres Lehrplans rücken, gefolgt von Ozeanologie, Navigation und Kulturen. Wie berauscht sass ich vorne in unserem riesigen Schlauchboot, das abwechselnd Piran und Luna steuerten. Hier wollte ich sie sehen. Als Besatzung eines Schiffes, wo jeder alles kann.

Früh morgends ging die Reise weiter, der Ostküste Malekulas entlang. Nichts als tropischer Regenwald auf verwunschener Bergkette, mit einem vorgelagerten Saumriff. Sprich unantastbar. Ein Juwel der Hoffnung, dass vielleicht doch irgendwo Kulturen überleben werden, die ANDERS sind. Die anderen Trommeln folgen, als der Rest der Menschheit.

In der Ferne sahen wir Rauchsäulen, die einzigen Hinweise auf Menschen. Kein Hafen, keine Passage durch dieses gefährliche Riff, dem entlang ich eher etwas zu nah fuhr - unter Maschine - um Sabina und Angelo und meiner Familie eine bessere Sicht zu ermöglichen auf diese einmalige Insel, auf der etwa hundert Sprachen gesprochen werden. Malekula, das St. Tropez der Ethnologen!

Und dann stoppte die Maschine. Steuerlos trieben wir entlang dem Riff, der Strömung ausgesetzt, es hatte keinen Hauch Wind! Das Riff war etwa ein Kilometer entfernt. Ich machte mich sofort auf die Suche nach der Ursache in einem etwa 50 Grad heissen Motorraum. Die Maschine hatte Dreck aus dem Dieseltank geschluckt, weil ich den Diesel habe ausgehen lassen.... Ich Depp! Nicht Johnny Depp, sondern DEPP! Diesel war schnell nachgefüllt aus einem Reservetank, aber der Filter war verstopft. Und ich hatte keinen Ersatzfilter. Deppdepp! Mit Klopfen und Blasen ging der Dreck weg und ohne dem Riff in der Zwischenzeit näher gekommen zu sein, konnte unsere Reise zur nächsten Insel verschwitzt weiter gehen. Schon war sie wieder weg, die Glücklichkeit, die mich seit der gemeinsamen Flussfahrt am Tag zuvor getragen hatte. Wie mit Engelsflügeln. Endlich DAS zu tun, was ich tun MÖCHTE! Meinen Kids und mir die Welt zeigen. Ob Sandy das auch so sah, wusste ich gar nicht mehr genau. Etwas war passiert zwischen uns, ein Riss war aufgetreten, der zur Spalte wurde in dem Moment, wo ich meine Kinder im Meer schwimmen sah, gegen meinen ausdrücklichen Wunsch. Musste ich BEFEHLEN?

Hier war sie wieder. Die nagende Frage, was tust du, wenn du keinen Motor hast. Und es hat kein Wind. Und du bist nah von einem Riff. Und du bist in der absoluten Fremde, wo es keine Coastguard mehr gibt und keine anderen Jachten, die man per Funk erreichen kann. Und du hast deine Kinder dabei, deine Frau und eine gute Freundin mit noch einem Kind. Nichts als Verantwortung! Wo bleibt MEIN Spass, fragte ich mich.

Gegen Ende des Tages ankerten wir bei der Insel Atchin, die der Küste Malekulas vorgelagert ist. Bekannt wegen ihren bunt bemalten Kanus, den schönsten von Vanuatu sagt man. Und berüchtigt wegen den vielen Haien. Darum geben sie sich so grosse Mühe, gute Kanus zu bauen!

Ich fuhr direkt vor den weissen Strand vor der Kirche, wusste aber nicht sofort wo und wie ankern. Die Ankerwinch war nämlich seit Lamen Bay kaputt, mein nächstes Problem. Ergo gab es Streit. Zwischen Sandy und mir. Ich hatte WIEDER einen falschen Ton drauf, während ich Piran und Sandy herum kommandierte. Ich wollte den Anker NICHT dort fallen lassen, wo Sandy es für richtig hielt. Ich drehte eine weitere Runde und HOFFTE, dass Sandy auf die IDEE kommt, diese wunderschönen Kanus zu FILMEN, die uns entgegen kamen wie in Indiana Jones. Ich wusste, ich kann den Anker nur EIN MAL schmeissen, denn das Hochziehen wird anstrengend sein. Ich beorderte Sandy nach innen, weil sie mich störte in meiner Kommunikation mit Piran. Das Ankern ging jetzt ohne Probleme - aber sonst ging alles schief!

Kaum drinnen, musste ich mir anhören lassen, dass ich absolut kein Interesse an meinen Kindern habe. Das hatte mir Sandy bereits früher gesagt, ab Waiheke, daher hatte ich spitze Ohren für dieses ultimative Argument meiner Frau. Und ich ballerte ihr eine. Eine gut geölte Maschinistenfaust, die sie ein paar Mal auf ihr Maul bekam, von mir, dem Kapitän... Das war das erste Mal in unserer 1993 geschlossenen Ehe!

Ich bereue das heutzutage. Etwas. Nicht vollständig! In den Sekunden waren es meine einzig möglichen Worte gegen eine solch archaische Beschuldigung. Absolut kein Interesse an den Kindern... Ich war also ein Schwein!

Die Insel nahm mich schnell in ihren Bann. Mit Angelo machte ich einen Rundgang zu ihren Trommelplätzen und Nakamals, wo abends die Männer unter sich sind, Kava tranken und klönen. Genau so Etwas brauchte ich. Bis spät in die Nacht liess ich mich zulaufen mit Kava und gab brodelnd meine Geschichten zum Besten, die ich Einheimischen so erzähle. Und mit schwerem Kopf hörte ich ihren Geschichten zu, die sie brauchten, um zu sein. Jemand zu sein. So wie ich.

Als ich nachts zurück ruderte, erzählten mir Luna und Piran, dass sie hier in der Zwischenzeit gebadet hatten. Vor ein paar Jahren war hier eine Neuseeländische Seglerfamilie, die trotz ausdrücklicher Warnung ihre Tochter hatte baden lassen. Das Mädchen wurde vor ihren Augen von einem Hai tot gebissen. Etwa 50 Meter vom Ufer. Dass nun meine Kinder nur "ganz nah" gebadet hatten, überraschte mich trotzdem, denn diese Geschichte war uns bereits bekannt. Sandy und unsere Freundin Sabina schienen wohl den Unterschied nicht zu merken, zwischen Traumstrand und Wirklichkeit, schien mir.

Ich habe eine klare Meinung und glaube darin meistens konsequent zu handeln: Wir bewegen uns in einer extremen Abgeschiedenheit von Fremde, Erfahrung und Wissen. Als Schweizer Kleinfamilie "Würste bratend" den Küsten Vanuatus entlang zu reisen, ist zwar der Traum Vieler, aber doch eher riskant. DAHER muss man sich seine Sicherheit SELBER zurecht bauen. Vorsicht zuerst! glaubte ich mal wieder meinen Kindern erklären zu müssen, zerstört nicht den TRAUM! Den Traum aller, die mit uns sind in ihren Träumen. Lasst uns zeigen, dass man es kann! Ein Verrücktes Leben führen, aber doch immer eine gesunde Ängstlichkeit am Leben erhalten. Wir sind nicht in einem Film! Das Leben hier ist ECHT, Kinder, auch die Haie!

Auf der nächsten Insel, Espirito Santo, in dem abgenutzten Kaff Luganville, läuft uns als erstes eine Berliner Pfändungsbeamtin über den Weg, mir lief kalt den Rücken runter... Dann erklärte mir Sandy, dass sie mich nun sitzen lässt, da sie es mit mir nicht mehr aushält. Ausserdem flog Sabina und ihr Sohn zurück nach Neuseeland. Jetzt sitzt du in der Tinte, dachte ich. Wir waren bereits in der Wirbelsturm-saison. Und die bilden sich zwischen hier und wo wir EIGENTLICH hin wollten, den Solomoninseln. Um dann von dort über Neuguinea, Asien und Arabien nach Europa zu segeln...

Es kam zu einer grossen - und wie ich dachte GUTEN - Aussprache zwischen Sandy und mir. Sie cancelte ihren bereits gebuchten Flug nach Europa. Wir machten ein Tier-taro und zogen beide dieselbe Karte. Der Lachs. Macht eine riesige Reise und kehrt später zum eigenen Geburtsort zurück. Ich versprach Sandy, zu ihr netter zu sein. Und erfand unser Mantra für die ganze Reise: Phantasie. Bewusstsein. Systematik. Diese drei Werte mussten wir wach halten. Kriege sind das Resultat von Phantasielosigkeit. Lebe AUSSEN, nicht nur INNEN. Sortiere in Unwichtiges und Wichtiges! Und habe einen Traum...!

Dann machte ich den Fehler des Lebens. Sandy sieht es anders... Ich - Kapitän der Liberty - liess zu, dass eine Frau mit kam, die von Berufes wegen den Leuten Zeug wegnimmt, Möbel, Fernseher, Autos und dergleichen. Gute Berliner Beamtin, kurz vor 50, schneidig, laut, jede neue Zigarette mit "So, jetzt rauch ick noch mal eene!" ankündigend. Ihre im Voraus bezahlten 50 läppischen Neuseeland Dollar pro Tag, hatten mich zum Kapitän eines Narrenschiffes gemacht. Was ich nicht sofort merkte. Sie hatte erzählt, dass sie mal ein Neunmeterboot am Wannsee hatte, konnte dann aber nicht mal gerade steuern, wenn das Meer flach war wie ein Spiegel. Dafür erzählte sie lauter wilde Geschichten und rauchte eine Menthol nach der anderen. Sie wollte zurück nach Honiara, weil es dort so schön war, wie sie erzählte. Fast so schön wie in Port Moresby. Da hatte ich aber über beide Städte schon anderes gehört...Wenn man wusste, wohin gehen, fügte sie mit dem Mentholumwaberten Blick einer Kennerin an. Sie kannte Madagaskar, den Kongo, die Tepuis von Venezuela, den Oberlauf des Sepik Rivers in "Pi En Tjee" (Papua Neuguinea). Alles Gegenden, wo ihnen keine "Kunden" über den Weg liefen, wie sie höhnisch anfügte. Ihre Geschichten am Biertresen von Luganville hatten mich noch halbwegs gefesselt. Aber ich hatte eine Schlange an Bord. Nur merkte ich das noch nicht...

Ich segelte die Berliner Enteignerin und meine Familie ohne Probleme zu den nördlichsten Inseln im Archipel von Vanuatu, den Torres Inseln und ankerte nach einer herrlich frischen Segeltour vor der einsamen Insel Tegua in einer türkisen Bucht. An Land hatte es ein Dorf. Die Einwohner empfingen uns wie Abgesandte einer fremden Nation, obwohl am Heck die Flagge Vanuatus wehte (Liberty ist dort registriert). Uns wurde ein Dorf gezeigt, wo die Insulaner nicht mehr leben können, wegen dem steigenden Meeresspiegel. Und das neue Dorf. Die Kokospalmen mit den Wurzeln im Wasser (was keine Kokospalme freiwillig macht!). Der sterbende Wald um die ganze Bucht wegen Bodenversalzung. Die Höhle, in der sich die Einwohner des Dorfes verstecken, wenn ein Hurrikan kommt. Kein Wunder, dass es immer mehr Bewohner entlegener Inseln in die Metropolen zieht, wo das Leben einfacher ist. Das einzig Schöne daran ist, dass es immer mehr unbewohnte Inseln im Pazifik gibt!

Weiter, der Wind schien gut! Die Solomonen. Die Santa Cruz Inseln. Utupua vielleicht. Je nach Wind. Oder Guadalcanal direkt. Sie hatte einen Termin. Wollte in Honiara 666 Euros von der Air Pazifik zurück, weil sie den bereits gebuchten Flug nach Honiara nicht angetreten hatte (da blöderweise ICH ihr über den Weg lief.) HOPP Mann, weiter geht's! Zwei Blondinen grinsten mir zu, während ich die letzten Feinheiten der Segelstellung justierte. Eine Segelschiff ist wie eine Geige. Alles ist eine Frage der richtigen Spannung. Und des gelungenen Körpers, sowohl in der Form wie im Material. An Winschen werden Seile dicht geholt, hier wie dort. Dann spielt der Wind Violine mit einem gut gestimmten Segelschiff, das Meer die wiegende Schulter, die Wellen der Takt und der Bogen. Und die Welt ist perfekt.

Dachte ich. Worauf mal wieder der Wind einschlief. Geige ohne Geiger. Musik aus dem Motorenraum. Nach 4 Tagen erreichten wir besagte Insel Sant Ana, wo wir den See besuchten und ich zu bedenken gab, dass ich wenig Motivation habe, in See zu stechen, Richtung der immer noch etwa 500 Kilometer entfernten Hauptstadt, solange es keinen Wind hat und wir zu wenig Diesel hatten. Ein unter Seglern allgemeingültiges Argument, besonders wenn man zwischen zwei Inselgruppen durch muss, deren Küsten wenig einladend aussehen, da entweder felsig oder mit Mangroven gesäumt. Krokodilen, die auf strandende Schiffe warten. Der Gott der Winde hatte aber Erbarmen mit mir und schickte mir gerade so viel Wind, dass ich mich langsam einem kleinen Provinzkaff nähern konnte, wo es zumindest Diesel haben sollte. Kirakira auf San Cristobal. Der teuerste Diesel, den ich je getankt hatte! Die Berlinerin und meine Familie schlenderten durch das Kaff und fanden es schrecklich. Überall verrostete Maschinen, mit denen früher der Wald abgehozt wurde, Abfall, Hunde, Pfützen. Mir war das alles egal, Hauptsache wir hatten den Diesel.
Bereits als wir ankerten, hatte es eine Dünung, die ich mir nicht erklären konnte. Es hatte nur den lausten Wind, aber die Wellen waren enorm. Als wir zurück an Bord wollten, hatten wir Probleme, mit dem Beiboot durch die Brecherzone zu kommen. Nanu, da kommt doch was! dachte ich und stellte an Bord fest, dass der Barometer gefallen war. Ein alter Fischer an Land hatte mir gesagt, dass er noch nie solche Wellen hier erlebt hatte. Noch nie? Mir wurde mulmig. Wir waren bereits in der Hurrikansaison und dass die Wellen von Nordosten kamen, konnte auf einen entstehenden Wirbelsturm deuten. Gedanken eines Kapitäns. Alle anderen an Bord genossen den Sonnenuntergang, während unsere Reise unter Motor weiter ging. Ich beschloss für die Nacht zu ankern, in einer gegen Nordosten geschützten Bucht, auf der kleinen Insel Uki ni Masi. Ach komm, lass uns doch einfach weiter fahren! bettelten meine Passagiere. Dass es ab hier nirgens Schutz gibt, dass es in Honiara keinen Hafen hat, dass Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist, interessierte niemanden an Bord - ausser mich. Wieder Streit und Gezank. So sind halt Männer! ertönte es auf Berlinerisch. Nein, so ist die Seefahrt! konterte ich. Rau, gefährlich und nur etwas für Pessimisten! Ich zitierte Tristian Jones, der Einhandsegler, der sein Leben auf Schiffen zugebracht hat und viele sehr gute Bücher schrieb: Es gibt nur drei Arten von Seglern: Anfänger, Pessimisten und tote Segler...

Am nächsten Morgen erfuhren wir auf dem pazifikweiten Funknetz, dass es im Nordpazifik einen gigantischen Sturm gegeben hat, dessen Wellen bis nach Neuguinea und den Solomon Inseln grosse Schäden anrichteten. Nun ja, wenigstens war hier kein Wirbelsturm am enstehen! Ich zog den Anker hoch mit der Ankerwinsch, die ich in der Zwischenzeit repariert hatte. Ein leichter Wind schob uns in Richtung Guadalcanal, wo am Ende die Hauptstadt Honiara auf uns lauerte... Ich hatte schon aus Sprachgründen meine Bedenken. War hier nicht von Qual die Rede, von Horror? In diesen Ortsnamen... Während dem Tag bäumten sich vor uns Gewitterwolken auf. Bzw. vor mir, denn meine Passagiere waren innen im Schiff und diskutierten Kochrezepte. Gegen Abend, als es so aussah, als ob vor uns die Welt gleich explodiert, kam Sandy an Deck mit dem Bettzeug, um im Freien zu schlafen. Vielleicht nicht unbedingt der richtige Moment, gab ich ihr zu bedenken. Nützte aber nichts! Kurz darauf waren alle Decken und die Schaumgummimatratzen klitschenass. Im Dunkeln unter Motor zu fahren, hatte ich Muffe, denn während den letzten Tagen hatten wir Begegnungen mit treibenden Baumstämmen, denen wir manchmal erst im letzten Moment ausweichen konnten, da sie kaum über Wasser ragten. Während sich das Gewitter entlud, trieben wir durch die Nacht, bis wir in gefährliche Nähe eines Riffs kamen. Also doch Motor an. Der Wind änderte andauernd die Richtung. Mit einem unguten Gefühl steuerte ich unser Schiff in Richtung Honiara, das als Widerschein in den Wolken bereits sichtbar war. Der Rest schlief. Das Schöne eines Betonschiffes ist, dass man darin nichts von Aussen hört...

So verpasste die Berlinerin um etwa zwei Stunden die Möglichkeit, ihr Ticket gegen Bares zurück zu tauschen. Ob es geklappt HÄTTE, war eh fraglich. 666 ehrlich verdiente Euros flöten! Als wir in Honiara ankerten, war die Stimmung an Bord wieder am Nullpunkt, jedenfalls gegenüber mir. Meine Kinder hatten inzwischen ihre helle Freude an unserer Bordschlange und Sandy war kurz davor, sie in's Herz zu schliessen... "Ich glaub, ich rauch jetzt mal eene!" wurde auch Sandys Bemerkung, bevor sie sich eine Lulle anzündete. Unser Schiff sah innen aus wie ein Trödelladen, überall baumelten Sachen rum, die wir in Neuseeland in Trödelläden gekauft hatten. Welchen Zweck sie erfüllten, war niemandem klar. Um Glücksbringer konnte es sich jedenfalls nicht gehandelt haben! Meine Aufforderung, unseren Kahn etwas auszumisten, damit der Zoll, sollte er an Bord kommen, nicht glaubt, ein Schiff mit Geistesgestörten sei angekommen, kam bei Sandy eher nicht gut an. Dass ich meinem 12 Jährigen Sohn verweigerte, mit der Berlinerin in ein Hotelzimmer zu ziehen, führte zu weiteren Auseinandersetzungen. Dass ich ausserdem nicht jeden Deppen kennen lernen wollte, mit dem die Berlinerin hier bereits befreundet war, verstand meine Familie nicht. Dabei waren es doch WEISSE, und (englische) NOTARE, und (deutsche) LADENBESITZER...

So begann mein achzehntes Jahr in der Südsee. War ich hier, um mich mit wichtig tuenden Notaren zu besaufen? Nein! Ich war hier, um meinen Kindern einen Einblick zu geben in die Verschiedenheit menschlicher Kulturen. Honiara war aber so ziemlich der Tiefpunkt! Das ehemalige Hauptquartier der Amerikanischen Streitkräfte in ihrem blutigen Krieg mit den Japanern. Rein "bodenenergetisch" gesehen ein Ort voller schlechter Charma, angrenzend an den "Iron Bottom Sound", also ein mit versunkenen Kriegsschiffen übersäter Meeresboden. Von der Leichtigkeit der Südseeinsulaner war hier wenig übrig geblieben. Statt dessen Existenzkampf, Korruption und die dreckigste Stadt, die ich je ausserhalb Asiens erlebt habe. Und dazu heiss, sehr heiss, oder extrem heiss, je nach Tageszeit. Es war kurz vor Weihnachten...

Und Sandy hatte insgeheim einen Flug gebucht und erzählte mir eher nebenbei, dass sie mich nun hier hängen lässt. Toll! Irgend eine Form der Mitverantwortung, dass wir hier sind, dass wir zusammen dieses Schiff gekauft hatten, schien sie nicht zu interessieren. Ihr Sinn stand schon immer nach der Leichtigkeit des Seins und nach gut assortierten Trödelläden. Mein Sohn hatte sein Hauptinteresse inzwischen in Videofilmen gefunden. Die Segelei Segelei interessierte ihn kaum mehr, seit er mit anpacken sollte. Bloss meine Tochter, damals gerade erst 6, hatte ein offensichtliches Interesse bewahrt an Insulanern, an Schiffen, an MIR. Sie war die Einzige, die wissen wollte, wie alles funktioniert. Meine Frau, mein Sohn, haben sich am liebsten auf einer unserer 8 Kojen lang gelegt um sich mit irgendeinem Buch zuzudröhnen. Harry Potter, mein Sohn, Herr der Ringe, meine Frau. Dagegen ist eine Reise durch die schönsten Gefilde der Südsee natürlich geradezu langweilig!

Das ist der erste Teil der Reise. Doch der zweite folgt sogleich:

So verbrachte ich Weihnachten alleine, in der fremdesten Fremde, in einem Schiff, das bei Weitem zu gross war, um es alleine zu manövrieren, mitten in der Wirbelsturmzeit - die es zwar selten nach Honiara schaffen, aber ab und an schon - und ausserdem rund 400 Kilometer vom nächsten sicheren Hafen entfernt. Als Erstes befreite ich mein Schiff innen vom ganzen Trödel, was mehrere Tage dauerte. Endlich sah es wie ein Schiff aus! Ich lungerte in der Stadt rum, vor allem am Markt, und suchte ein paar clevere Jungs, die ich anheuern könnte, um mit mir in die Westprovinz zu segeln, wo der einzige Hafen, der einzige Schutz der Solomonen zu finden war. Jungs hatte es reichlich, aber ihre Cleverheit schien sich meinen ersten Einschätzungen zufolge eher auf die Aneignung fremden Eigentums zu beschränken. Ich hatte zwei Mal eine fremde Hand in meiner Umhängetasche, in der sich aber nichts befand ausser Bananen oder Gemüse. Ich hatte ein Gesamtguthaben von 250 Solomon Dollars, etwa 20 Euro.

Ich hatte noch nie viel Sympathie mit "Reality TV", spätestens jetzt wusste ich aber, dass es Schlimmeres gibt. Was soll das Ganze? Ich schrieb e-mails an Sandy, die es sich mit den Kindern zuerst in Australien gut gehen liess, dann in Bali. Kann nicht wenigstens Piran, mein Sohn, wieder hierher kommen und mir helfen, das Schiff nach Liapari zu bringen? Nein, Daddy, ich muss hier in Bali noch zum Zahnarzt! Und bald fliegen wir nach Hause. Der Vater von Sandy wartet schon..., (und der hat SOOO einen tollen Fernseher! (meine Interpretation)).

Am Markt sah ich endlich den jungen, cleveren, ehrlich wirkenden Typ, auf den ich gehofft hatte. Er hiess Rini und war der erste Solomone, den ich überhaupt angesprochen hatte. Zusammen setzten wir uns auf die Pier vor dem Markt und rauchten einen Joint. Das musste echt mal sein! Ich mochte den Typ vom ersten Moment und lud ihn ein, zu mir auf's Schiff zu kommen. Es gefiel ihm, aber ob er mitkommen konnte, wusste er noch nicht, denn er hatte Familie und seine Frau war grad auf einer Nachbarinsel. Wir verabredeten uns für den nächsten Morgen, verpennten aber beide (was ich dort noch nicht wusste) und sahen uns nicht mehr. Wie ein kurzer, freundlicher Spuk war er in mein verdammt kompliziertes Leben eingetreten, war aber gleich wieder weg. Die Tage zerrannen zu Wochen. Zwei Mal entwickelten sich kurze, aber heftige Gewitterstürme über Honiara, in denen ich fast in die scharfzahnige Betonpier getrieben wurde, da der Anker nicht hielt. Wie ein Irrer musste ich den Anker hochziehen und weiter raus fahren, um neu zu ankern. Das zweite Mal geriet mir ein Tau in den Propeller. Ich musste tauchen und lernte dort wie in einem Märchen einen Solomonen kennen, der aus dem Nichts getaucht kam, um mir zu helfen. Echt keine drei Meter von der Pier weg, gelang es mir schliesslich das Schiff zu starten und Abstand zu gewinnen. Der tauchende Solomone winkte mir aus dem Meer zu und schwamm an Land. Trotz aller Verschlagenheit, die ich in den Eingeborenen vermutete, schien sich doch Mitgefühl zu regen, wenn jemand Hilfe braucht.

Nach und nach lernte ich verschiedene Solomonen kennen, eines der dunkelsten Völker der Erde. Langsam gewann ich sogar eine Art Vertrauen, das mir seit der Abreise meiner Familie allgemein abhanden gekommen war. Aber wenn man EINEN Solomonen kennen lernt, lernt man gleich eine ganze Gruppe kennen! Den aus Europa, oder Neuseeland etc. bekannten alleine stehenden (lebenden, handelnden) Menschen, gibt es hier nicht. Die kleinste Einheit ist der Clan. Das hatte den Vorteil, dass ich immer gleich mehrere potentielle Besatzungsmitglieder finden konnte - die es aber dann, bei genauerem Hinsehen, eben doch nicht waren. Die einen wurden sofort seekrank, obwohl das Schiff ja vor Anker lag. Aber die Meisten hatten ein ganz anderes "Problem". Was soll ich dort? In der Western Province? Ich bin von hier, von Guadalcanal! Na ja, etwas REISEN...! versuchte ich es ihnen schmackhaft zu machen. Aber, schwer verständlich für meine Abenteurerseele, war das hier kein wertvolles Argument. Zu REISEN interessiert die Leute von Guadalcanal schlicht NICHT!

Wenn ich sage, ich begann zu Verzweifeln, stimmt das eigentlich nicht, denn ich WAR schon am Verzeifeln! Seit Monaten! Seit 2000 Seemeilen! Seit ich zu bemerken begann, dass ich hier eigentlich alleine unterwegs war. Irgendein durchgeknallter Captain Ahab mit lauter Penntüten als betriebsblinde Passagiere an Bord. Auf einem alten Betonschiff voller Probleme, die ich andauernd lösen musste. Mit einem Exoten von Dieselmotor, der 3 Zylinder hat, aber 6 Kolben. Mit einem Propeller so kompliziert wie eine Schweizer Uhr, da man die Blattsteigung verstellen kann. Genial, solange alles funktioniert, ein Albtraum, wenn er kaputt geht. Und wie gesagt 20 Euro in der Tasche, bzw. etwa 5, als ich eines Tages, es war bereits Ende Januar, wieder Mal von Honiara aus zu Fuss das Umland erkundete, einfach so, ohne Ziel, und an einem Schild vorbei kam, auf dem "Botanical Garden" stand. Nach kaum Etwas standen mir die Sinne eher, als nach etwas unverbauter, unvermüllter Natur, und zu meiner grossen Verwunderung fand ich die auch. Ein steiles, enges Tal mit viel schattenspendenden Bäumen, einem kleinen Fluss, ja, einem Wasserfall, in dem ich baden ging. Herrlich! Endlich hatte ich den "Notausgang" von Honiara gefunden. Und Eintritt wurde auch nicht verlangt. Ich genoss die Ruhe des Waldes und wanderte dem Weg entlang. Alleine und ohne Hast. Das Tal ging in die Berge hoch und hie und da stand ein Haus aus Holzbalken, mit Palmenblättern gedeckt. Davor Solomonen, die mir fleissig winkten, Kinder, die mir nachliefen, Männer, die mir die Hand schüttelten und wissen wollten, wohin des Weges. Dieser ging zunehmend steil den Berg hoch und führte auf ein baumloses Plateau, von wo man Aussicht über das Meer hatte, als auch zu grünen, dampfenden Bergen im Hintergrund. Von Honiara sah man gottseidank nichts mehr, ausser die Frachtschiffe, die kamen und gingen. Auch war es etwas weniger heiss, und etwas ähnliches wie Wind fächelte mir um meinen verschwitzten Kopf. Der "Fahrtwind" konnte es nicht sein, denn ich lief sehr langsam, achtete auf jeden Schritt, als ob ich spürte, dass dies wichtige Schritte in meinem Leben sind...

Und dann plötzlich RINI! Links am Wegesrand, vor seinem Bambushaus. Mein "Auserwählter"! Mein sympatischer Schiffsjunge in spe, den ich aus den Augen verloren hatte. Das freundlichste, offenste Gesicht, das ich in der Menge erblickt hatte, in der quirligen Südseemetropole Honiara. Wir fielen uns vor Freude um den Hals. Es war wie das Wiedersehen zweier Brüder. Dabei kannte ich ihn ja kaum! Er stellte mich seiner Frau Monique vor, die gerade am offenen Feuer Süsskartoffeln kochte. Eine hübsche Frau mit funkelnden dunklen Augen, die mich verschmitzt anlächelte. Ihre zwei Kinder tauchten aus dem Gebüsch auf, versteckten sich aber sofort wieder, als sie mich sahen. Rini erklärte mir, dass er noch NIE einen Weissen in seinem Dorf gesehen hatte, das Titinge heisst. Ich konnte das kaum glauben, waren wir doch zu Fuss weniger als eine Stunde von downtown Honiara entfernt, wo man andauernd Weisse sieht. "The road..." antwortete er. "There is NO road!" Und plötzlich bemerkte ich es. Man kommt hier nur zu Fuss hin. Keines der umliegenden Häuser hatte ein Auto. Alle gingen zu Fuss. Und alle kamen zu Rini, als sich wie ein Lauffeuer die Nachricht ausbreitete, dass ein Weisser zu Besuch war.

Monique kochte für uns alle, Rini zeigte mir ein Bett in seinem hübschen Haus, das er selber gebaut hat und so verbrachte ich die erste Nacht an Land seit etwa 2 Jahren. Mitten in der Nacht begann es zu regnen und ich wachte auf. Irgendwie befürchtete ich, bald nass zu werden, denn es tönte, als ob ich unter einem Baum liegen würde. Es begann fester zu regnen, aber ich blieb schön trocken in diesem Insulanerhaus. Mir ging durch den Kopf, wie anders es getönt hatte in meinem Haus mit Wellblechdach in Hawaii, wo ich 8 Jahre gelebt hatte. Dieses Stakkato aus Regentropfen war manchmal schlicht betäubend und agressiv zugleich, während es hier eine Art Rauschen im Blätterwald war, das mich bald weiterschlafen liess. Um mein Schiff machte ich mir keine Sorgen. Was auch immer passiert, ich hatte meinen Ort gefunden! Das war mir damals zwar noch kaum bewusst, aber gefühlsmässig war es mir bereits klar.

Dass Rini sich leider auch nicht als Crew eignete, merkte ich spätestens, als er mit mir zum Schiff kam und dort kreideweiss wurde, weil es etwas Wellen hatte. Ich ruderte ihn schnell zurück an Land. Mein Aussenborder hatte ein paar Tage zuvor Feuer gefangen und ich hatte ihn in's Meer geschmissen, das etwa 25 Meter tief war. Das Echolot, mit dem ich die Wassertiefe das letzte Mal gemessen hatte, war seit dem letzten Ankermanöver kaputt, weil eine Leine den Geber abgerissen hatte. Den Anker verlor ich zwei Tage danach, weil sich ein Bolzen von alleine herausgedreht hatte. Mir blieben aber immer noch 4 Anker, nur das Reitgewicht war ebenfalls zu den Fischen umgezogen... Crew hatte ich immer noch keine, dafür Geburtstag! Ich wurde 53 - und hatte noch etwa 3 Euros... Meine Familie hatte sich inzwischen in einem kleinen Kaff in der Schweiz eingerichtet, weil dort zufälligerweise eine alte Bekannte von mir lebt, die 4 Häuser hat, nichts als Schulden, aber gerne eine Schule für spirituell Erleuchtete starten würde. Das freute mich natürlich ungemein, besteht doch dadurch die Möglichkeit, dass sich meine Kinder eines Tages durchs Leben schlagen können, indem sie Taro Karten lesen können. Statt Seekarten!

Ich hatte bereits Wurzeln gefasst in Titinge, indem ich den Leuten Samenbeutelchen aus Neuseeland schenkte. Das halbe Dorf war mir von Rini bereits vorgestellt worden. Eine Person netter als die andere. Ich verbrachte meine Tage in ihrem Dorf, hörte mir ihre Geschichten an über den Bürgerkrieg, den sie neulich hatten, und wie sie die Leute von Malaita, einer Nachbarinsel, mit Stöcken, Gewehren, Gewalt vertrieben haben. Lachend erzählten sie das, Betelnuss kauend, rote Spucke auf den Boden spuckend. So ist der Mensch, wenn er noch wild ist, dachte ich nach. Er schämt sich nicht seiner Gewalt. Demokratie..., was ist das? Wir sind hier auf UNSEREM Land, und wenn Leute kommen, die uns nicht passen, dann vertreiben wir sie! What's wrong?

Gleichzeitig fühlte ich mich so aufgehoben, so eingebettet, so SICHER, wie wohl noch nie in meinem Leben. Um was es hier ging, war Loyalität! Jeder ist für jeden da! Das habe ich schon oft gesagt gehört, aber kaum je irgendwo gelebt erlebt. Hier, so begann ich das Gefühl zu kriegen, war es so! Was auch immer passiert, hier konnte ich ich sein. Ohne Schiff, ohne Probleme, ohne Familie. Vielleicht ist es gar nicht wichtig, mit einer Familie blutsverwandt zu sein! Ist es nicht das Innere, das einen verbindet? Die Werte, die man mit dem Äusseren verbindet. Dass es nie um Geld ging, nie jemand von mir etwas erwartete, war eine ganz neue Erfahrung im Leben. Über die genaueren Gründe, warum dies genau hier so war, fand ich erst später heraus, als ich Titinge mit anderen Orten der Solomon Inseln vergleichen konnte. Oder soll ich MUSSTE sagen...?

Jedenfalls war ich ungefähr am unteren Ende der Strickleiter, die mich über der offenen Bettelei hielt, als ich nach wohl 200 Versuchen mit Einheimischen, als auch Weissen, endlich meine Crew fand. Australier. Und zwar gleich zehn "Stück". Eine Christengruppe aus Brisbane, 5 girls, 5 boys, blutjung, eventuell noch belehrbar. Was unglaublich hilfreich ist, wenn man als Capitän unterwegs ist. Dazu zahlten sie gleich im Voraus. Herrlich! Ein paar hundert Euro in der Tasche, und man fühlt sich hier reich! Während der ersten Nacht vor Anker wurde ein Girl krank, wohl seekrank, aber was genau, entzieht sich meiner Kenntnis. Alles was ich weiss ist, dass sie notfallmässig am nächsten Tag in Richtung Australien ausgeflogen wurde. Da waren's nur noch neun... Endlich musste ich nicht selber den Anker hoch kurbeln, sondern hatte ein paar starke Jungs, die den Mädels ihre Bizeps vorführten. Ohne zu fluchen, was bei Australiern geradezu exotisch wirkt. Und danach wollten sie nicht mal ein Bier... Brave Crew! Endlich!

Wir steuerten Richtung Sonnenuntergang und erst im Rückblick konnte ich sehen, wie Honiara unter einer Rauchwolke versteckt ist, da überall in Tonnen Abfall verbrannt wird. Igitt! Endlich weg von diesem Albtraum der Südsee. Alles war jetzt ganz einfach. Ich hatte 5 Jungs, einer davon mit Pilotenlizenz, lauter clevere Typen. Und 4 clevere Girls, die nicht nur gut kochten, sondern dabei sogar schafften, ihr Schicksal mit Würde zu tragen, ohne andauernde sexistische Pointen zu onanieren, wie meine bisherigen Borddamen (mit Ausnahme der Kanadiern, wie ich fairerweise sagen muss, die zwischen Neuseeland und Vanuatu sich immer gut im Griff hatte!).

Über dem spiegelglatten Meer ging der Mond auf, alles schien Easy, ich legte mich hin - und schlief tief und fest ein. Den Kurs hatte ich vorgegeben, was soll da schief gehen? Navigiert wird mit dem Computer, und der ist mit GPS verbunden, alles ein Kinderspiel! Man sollte ihn allerdings ab und zu auch einschalten! Es gibt da nämlich noch Strömungen... Was bin ich froh, dass der Typ mit der Pilotenlizenz, der ebenso wie ich den Schlaf des Gerechten schlief, irgendwann aufwachte und den Bordcomputer startete. Wir waren genau eine halbe Meile von einem Unterwasserfelsen entfernt und hielten präzise auf diesen zu. Eine starke Strömung zwischen Guadalcanal und der Russel Inselgruppe hatte uns vetrieben. Ich konnte es kaum fassen! Nein, ich schämte mich insgeheim vor meiner blutjungen Crew, solch einen Schnitzer gemacht zu haben. Ich machte nach der Kurskorrektur kein Auge mehr zu und legte mich erst am nächsten Morgen, als wir wieder auf freier See waren, in meine Koje in der Kapitänskabine.
Wind? Was ist Wind? Ich beugte mich meinem Schicksal, zum Motorbootkapitän geworden zu sein. Zum Mechaniker, zum Ölstandsableser, zum Besorgten. Mit Wind habe ich nie Problem! Lieber zu viel Wind, als zu wenig Wind heisst meine Devise. Lieber ein (kleiner) Sturm, als eine bleierne Flaute. Aber lieber eine Flaute, als ein Hurrikan! Und so, halb getröstet, verliess ich endlich die Zone, wo es theoretisch immer noch Wirbelstürme haben kann und tauschte sie ein mit dem bis zum Äquator reichenden Meergebiet, wo diese nicht mehr vorkommen. Nach einer weiteren Nacht und der immer tiefer werdenden Erkenntnis, dass ich hier eine Gruppe Engel an Bord hatte, erreichten wir die Inselgruppe, die sich Western Province nennt. Zuerst kletterte Vangunu Island mit seinen grünen Bergen über den Horizont. Ich entschied mich, diese Insel rechts liegen zu lassen, weil wir sonst nachts ankommen würden, und gab Order, wie wir die Kette von Riffen im Süden ansteuern, um dann mit dem ersten Tageslicht Kurs auf New Georgia zu nehmen, wo ich in Viru Harbour ankern wollte. Gesagt, getan. Alles lief wie am Schnürchen. Volle Aufmerksamkeit des Steuermannes, als auch seines Beifahrers, der den Computer vor Augen hat. Gute Gerichte mit Reis und Fisch und Sauce, die man in der Qualität in ganz Australien nie finden würde. Gespräche über Gott, aber total ungezwungen, angenehm, stimulierend. Wozu sind wir überhaupt HIER? Was soll das ganze Leben? Es tat mir gut, Menschen zuzuhören, die nicht nur Spass bzw. Fun auf ihre Fahnen geschrieben hatten.


Viru Harbour ist eine Art Fjord in der Südküste der bergigen Insel New Georgia, die auf einer Weltkarte - wenn sie überhaupt gezeigt wird - stecknadelgross ist, aber in Wirklichkeit wohl fast eine Welt für sich ist. Viru Harbour ist umgeben von zwei kleinen Dörfern, zwischen denen man per Einbaum hin- oder herfährt. Voller Erwartung beobachtete ich von Deck aus, wie sofort Einbäume in die Bucht geschoben wurden, kaum hatten sie uns kommen sehen. Diese Art Wasserfahrzeuge faszinieren mich seit Kindheit. Irgendwas an ihnen ist einfach magic! Sind es nicht die ersten Fahrzeuge überhaupt? Sehen sie nicht immer noch genau gleich aus? Mit dem Feldstecher beobachtete ich, wie sich ein Rudel Einbäume näherte, ich winkte. Und noch bevor unser Anker fiel, waren wir umgeben von Einbäumen. Dem Fahrzeug meiner Träume, nach dem ich immerhin sogar meine Webseite getauft habe (www.einbaum.net).

Der Anker war gefallen, der Motor war gestoppt, plötzlich war Stille. Hallo ihr lieben Insulaner! jauchzte es in meinem Herzen, ich bin's... OTTO! Nur vereinzelt und eher andeutungsweise winkte man zurück. Von Lachen eigentlich keine Spur. Dafür eine neue Art von Menschen fast, spindeldürr, hohe Wangenknochen, geschnitzte Gesichter, schwarz wie Ebenholz. HALLO! ........hello! Langsam kamen sie näher. Und plötzlich schienen sie mir zu nah! Hielten sich am Boot, standen teils auf, musterten das Deck - uns aber kaum. Besonderes Interesse weckten die Solarzellen. Sie ragten wie vier Flügel über die Reling und wie sie genau befestigt waren, schien das wichtigere Rätsel zu sein, als wer genau hier an Bord war. Es gelang mir schliesslich mit einem Mann etwas small talk zu üben, über Krokodile z.Bsp. die es hier laut ihm zur Genüge hat. Es würden sogar immer mehr, jedes Jahr mehr, erzählte er in recht gutem Englisch, da sie ja auch keine Feuerwaffen mehr haben. Wie gut, wie gut! ging mir durch den Schädel. Wie verdammt angenehm zu wissen! Danke, oh ihr Australier und eure RAMSI genannte Interventiongruppe (Regional Assistance Mission Solomon Islands), die gegründet wurde wegen dem Bürgerkrieg zwischen Guadalcanal und Malaita Island! DANKE!

Die Nacht schliefen wir alle an Deck, zehn Leute. Alle hintereinander, entlang der Bordwand. Kaum war es dunkel, konnte man nur noch mit der Taschenlampe Leute sehen. Aber sie waren da! Trieben lautlos im Wasser um unser Schiff, schwarze Jungs in dunkelbraunen Einbäumen, still wie Baumstämme. Oder still wie Krokodile? Ich glaubte es kaum, als ich um drei Uhr in der früh immer noch 3 Einbäume zählen konnte, wenn ich mit der Lampe den Umkreis vom Boot ausleuchtete. Was wollen die bloss? Eine schlichte Frage, auf die ich keine Antwort fand. Am Fischen waren sie nicht. Im allerersten Licht machte ich einen Rundgang um's Deck und bemerkte zwei dunkle "Flecken" am Rand vom Deck, vorne am Bug. Oh, zwei HÄNDE! Zwei scharze, ausgemergelte, haarige Hände. Ich lehnte mich über Bord. Da kauerte ein Virunese im engsten, kleinsten Einbaum, den ich je gesehen habe unter dem leichten Überhang des Rumpfes. Hallo, mein Freund! How are YOU today? Kannst Du bitte deine langen Finger von meinem schwimmenden Bunker wegnehmen? Nur so...

Ich konnte nicht erwarten weiter zu fahren. Irgendetwas stank hier gen Himmel! Eine unausgesprochene Erwartungshaltung der Einheimischen. Vielleicht hatte das mit der viel zu grossen Kirche zu tun, die auf einer Seite des Fjords auf den sündigen Fischer wartet. Bzw. deren Tausend. Mindestens! Wir zogen den Anker hoch, liessen uns von Delfinen aus der Bucht begleiten und fuhren der Südküste New Georgias entlang Richtung Munda, einer Art Provinzkapitale mit sogar Flughafen und hoffentlich etwas Diesel. Mein ursprünglicher Plan, mit so vielen Christen um Wind zu beten, hatte keine Wirkung. Bloss einmal, am Nachmittag desselben Tages, braute sich ein schnelles, hässliches Gewitter über uns zusammen und sorgte für Wind. Segel HOCH! kommandierte ich meine Christencrew, was sie befolgten, als hätten sie im Leben nichts anderes gemacht. Für etwa eine Meile pflügte Liberty wie ein Windjammer unter Segeln, dann wurde der Wind so stark, dass ich "Grossegel REFFEN!" gegen den Wind brüllen musste, weil wir bereits das Deck im Wasser hatten. Und kaum war gerefft, regnete es noch ein Bisschen, der Wind schlief ein, und wenn ich mich recht entsinne, war das der letzte Wind für die nächsten drei Monate. Ich halte ihn daher, trotz seiner Kürze, in Ehre, denn ich habe dadurch ungefähr einen Liter Sprit gespart... Und den Christen etwas das Fürchten gelehrt!

Als wir die Einfahrt nach Munda erreichten, war der Tag schon gegessen, das Licht am fahl werden, aber es hat ja Navigationsbojen, damit man nicht auf's Riff geht. Steht in der Karte. Eine hinterfozzige, zig mal hundebeinverschränkte Passage, hier steuerbord, hier backbord, hier hart rückwärts... Ohne Echolot, ohne tatsächliche Bojen, eine trickreiche Beschäftigung zum Tagesende. Mit 3-4 Australiern auf dem Mast lutsche ich dem Riff entlang, bis man plötzlich an der dunklen Wasserfarbe die Passage erkennt. Worauf wir in einem Labyrinth landeten, das wir im letzten Tageslicht hinter uns btrachten. Wozu? Für noch etwas Diesel, denn sonst kann Munda mit nicht viel aufwarten. Es sei denn man interessiert sich für das Hauptquartier der Presbyterianer Kirche, was nicht mal bei meiner Crew Anklang fand. Schnell tanken und dann nix wie WEITER, war der Kirchenchor der Liberty am Singen...

Schliesslich wollten wir nach Gizo, dem touristischen Highlight der Solomonen, wo schon John F. Kennedy freundlich aufgenommen wurde, nachdem sein Patroulienboot "PT 109" von den Japanern versenkt wurde. Schade! Vielleicht hätte es sonst keinen Vietnamkrieg gegeben... Von Munda aus gibt es mindestens drei Wege, dorthin zu segeln, aber keiner ist logisch. Jede Inselgruppe hat eine Art Logik, mit der man sie bereist, oder bereisen SOLLTE. Die Western Province von den Solomonen Inseln ist darin ebenso eine Ausnahme, wie vielleicht die Solomonen an sich. Ein CHAOS an Inseln, an Riffen, an Passagen. Als Ganzes betrachtet kann man sich kein klares Bild machen, weil der Teufel gerade hier im Detail steckt. Und im Detail kann man sich kein Bild machen, weil man das Grosse mitberücksichtigen muss. So schlängelten wir uns durch eine immer enger werdende Passage, die gesäumt war von kleinen Dörfern, bis wir merkten, dass es hier kein Durchkommen gab, da das Wasser zuwenig tief. Also ganze Kompanie rückwärts MARSCH! Und ab durch die "Diamond Passage" in Nordrichtung zwischen New Georgia und der siebenundzwanzigsten Nachbarinsel. Warum die Passage Diamond Passage heisst, war die Bordfrage des Tages. Selten so armselige Hütten gesehen, wie die, die diese nur flussbreite Passage säumen! Die Leute in zerrissenen Billabong T-shirts, aber plötzlich wieder alle freundlich am Winken. Alles Gestrandete im Paradies der Krokodile. Etwas höheres Meer, schon können sie umziehen, oder in Amerika um Asyl bitten! Wäre doch logisch, oder?


In prasselndem Regen tuckerten wir an Noro vorbei, einer stinkenden Fischfabrik mit Trawlern unter Taiwanesischer Flagge. Einer der Hotspots im internationalen Versuch, die Solomon Inseln bis auf's Hemd auszuziehen und dieses an Resourcen fast märchenhaft reiche Land in bitterer Armut zu halten. Im Namen der Globalen Wirtschaft. Amen. 50 US$ pro Tonne Thun fliesst in die Staatskasse der Solomonen, wo es von Parlamentariern aufgeteilt wird für die Anschaffung neuer, schwarzer Toyota Landcruiser mit Klimaanlage. Neben der Fischfabrik ein Kaff wie aus einem Zombiefilm, der sich über die Südsee lustig macht. Solche und ähnliche Gedanken wurden langsam ausgeblendet durch immer stärkeren Regen, der uns einhüllte. Navigiert wurde nur noch am Computer, selbst unser nahe liegendes Etappenziel, die Insel Kolombangera mit dem riesigen Vulkan, war nicht zu erkennen. Erst kurz vor Ringgi Cove, der Bucht für die Nacht, konnten wir das Land überhaupt sehen. Wie ein Schiff voll nasser Ratten tuckerten wir rein, ankerten, legten uns lang. Aber nicht lange, denn schon waren die ersten Kanus da. Schnitzereien! Ach so, klar, müssen wir mal beäugen! Sagten sich die Australier. Und schon hatte ich eine Rotte Ringginaer an Deck, die aber mit echt ausgesuchten Schnitzereien aufwarteten. Und meine Crew hatte Geld. DIE Kombination der Neuzeit! Ich gönnte den Schnitzern ihr kleines Vermögen, das sie mit uns machten. Und war höchst erstaunt, eine Obstschale von meiner Crew geschenkt zu kriegen. Weil ich so ein guter Kapitän bin.... Na ja, DAS hatte ich seit EWIGKEITEN nicht gehört!

Die Bucht war voller Krokodile. Wir sahen Nachts mehrere Male Augenpaare im Kegel des Suchscheinwerfers. Es war ein extrem unheimlicher, düsterer Ort. Auch im Licht des neuen Tages hatte ich keinerlei Bedürfnisse, mit dem Dingy an Land zu rudern. Man lebt nur ein Mal! Dabei sah das Land, der uns umgebende Dschungel, wie die Doppelseite im Innern vom Dschungelbuch aus. Wie Leute hier nicht bloss leben können, sondern auch so hervorragende Objekte schnitzen können, war uns allen ein Rätsel. DIE müssen ja die Ruhe weg haben! Wir hievten den Anker hoch - nein SIE, die Bordjungs - und ich, stolzer Kleinkapitän und Schweizer auf der Flucht vor den Schweizern, steuerte Liberty in Richtung Gizo, der Insel, die jetzt bereits sichtbar war. Ein paar Stunden, und wir standen vor dem Saumriff. Etwas ratlos. Die auf der Karte eingezeichneten Markierungen gab es nicht. Dazu war die ganze Karte falsch... Alles war um 0,8 Meilen Richtung Süden versetzt. Na ja, das kann passieren, sagte ich mir. Wenn ICH ein Kartenzeichner wäre, dann wäre wohl jede Insel irgendwo, ausser dort, wo sie IST... Man hat ja noch Augen, und drei Paare davon suchten bald das Riff von Masthöhe blickend ab. Eine Routine hatte sich entwickelt, wunderbar! Schliesslich fanden wir das Mauseloch und stiegen ein in die Touristenfalle namens Gizo. Ein kleines Städtchen, hübsch gelegen in einer weit offenen Bucht, türkis Wasser, bunt gekleidete Solomonen in Einbäumen und an Land am Markt. Nach zehn Tagen hatten wir unser aller Ziel erreicht! Meines nicht GANZ, aber jedenfalls fast, denn nach Liapari, wo der Hafen ist, wo ich das Schiff lassen kann - bis auf Weiteres - um in Richtung Schweiz zu fliegen (meine Mutter würde mir dazu Geld leihen), war nur noch 12 Meilen entfernt. Den Schutz vor Wirbelstürmen hatte ich bereits. Etwas Bonusgeld von den Australiern schmückte mein Portemonnaie. Ich war zwar immer noch auf dem hohen Drahtseil, aber unter mir war nicht mehr ganz so tief... Mit meiner Crew ging ich an Land, fand mich bald eingeladen an einem Livekonzert mit Inselmusik, bekam all die verpassten, kalten Biere vorgesetzt - von meiner besten Crew, die ich mir nur vorstellen konnte! Gott segne sie!

Gizo war mir sofort symphatisch, dass es die Touristendestination Nummer Eins sein soll, wunderte mich nicht. Das einzige was mich wunderte war, wo denn hier Touristen sein sollen... Wie jeder echte Südseetramp versackte ich, aus Tagen wurden Wochen, was ich jetzt tun soll, war mir so unbekannt, wie der Börsenkurs in Tokyo. Ich liess mich treiben. Das übrigens Beste, was man in der Südsee tun kann! Man weiss nie, was kommt, und oft kommt auch nichts! In Honiara hatte ich noch den Antrieb, mich aus dieser gefährlichen Ankersituation zu befreien. Hier fehlte mir dieser Grund. Hier zu ankern war wie der Aufenthalt in Gottes Schoss. Etwas heiss, aber man hat ja auch nix zu tun, ausser im Schatten zu sitzen, an Land unter Palmen, oder an Deck unter dem Sonnensegel. Wozu lebt man überhaupt? Mein Gott, warum muss der Europäer bloss die ganze Welt vom Nichtstun erretten? Diese ganzen weissen Ärsche mit Aktenkoffern voller Entwicklungsplänen. Wozu? Baut von mir aus elektronisch verriegelbare Villen in Blankenese oder Zürich oder London. Aber lasst doch die Insulaner einfach Insulaner sein. Jams fressende Homo Sapiens ohne Verwendung für eine grössere Sache.

Bereits am zweiten Tag hatte ich Rosco kennen gelernt. Er kam mit seinem Einbaum gerudert, bot mir zuerst schlechte Schnitzereien an, dann das beste Dope von Gizo, wie er mir versicherte. Ich konnte mich nicht entscheiden und suchte meine Ruhe. Als am Tag darauf einen Landausflug machte, auf die andere Seite dieser kleinen, handlichen Insel, kam ich zufällig an seinem Haus vorbei. Und zufällig hatte er grad ein zusammen gefaltetes Papier mit Marihuana in der Hosentasche, das er mir zusteckte. Als Muster... Nicht schlecht, war mir nach drei Zügen klar, bloss das Papier war etwas dick! Da es auf den Solomon Inseln kein Zigarettenpapier gibt, rollen sich alle ihre Zigaretten oder Joints mit Schulheftpapier. Und zwar bereits gebrauchtem! So kann man wenigstens beim Rollen eines Joints noch etwas dazu lernen... Und die ganzen Schulprogramme der UNESCO ergeben plötzlich einen höheren Sinn!

Rosco war ein Polynesier, also eine Art Aussenseiter, denn seine Vorfahren kamen von Tikopia, der östlichsten Insel der Solomonen, etwa so weit von Gizo weg, wie Rom von Hamburg. Seine Mine war etwas verschlossen, wie oft bei Polynesiern, aber sein Anmut und sein Habitus hatte etwas überirdisches an sich. Er bewegte sich katzenhaft und bot sich mir als body guard an, solange er an Bord wohnen darf. Was ich annahm, denn ich fühlte mich zu ihm hingezogen, seiner Art, die Dinge philosophisch zu sehen, seinen vollen Lippen, die um Worte rangen und genau die treffenden fanden. Obwohl noch keine Dreissig, hatte Rosco mehr Ahnung von der Natur des Menschen, als viele belesene Schweizer, die ich mal kannte. Er war ein Bild von einem Polynesier. Er sah aus, als ob man ihn geschnitzt hätte, wenn er abends an Deck sass und mir die Wasserpfeife reichte. Durch ihn begann ich zu vergessen, dass ich mal eine Familie hatte... Dass ich mal eine Frau hatte... Nicht dass er mich sexuell erregte, so konnte ich doch immerhin verstehen, dass ein Mann etwas sehr angenehmes sein kann. Er war ruhig und bedacht, weise und verspielt. Und hatte an Land eine Frau und Kind, ein Mädchen. Auch sie war unglaublich hübsch! Ein Bilderbuchgirl von Insulanerin. Dass er aber vorzog, bei mir an Bord zu leben, verstand ich bald nachdem ich seine Frau kennen lernte. Eine Frau aus Vella Lavella, der nächsten Insel im Norden, über die im Seglerhandbuch steht, man soll den Ankerplatz sofort verlassen, wenn Kanus auftauchen! Es kann gut sein, dass sie mal attraktiv war, eine wilde Schönheit, als er mit ihr ein Kind zeugte. Aber jetzt war die Luft nicht raus, sondern DRIN! Etwa doppelt so schwer wie Rosco war es unübersehbar, dass sie ihn herum kommandierte wie ein Feldmarschall. Sie war Krankenschwester am Spital von Gizo und wahrscheinlich gut im Wiederbeleben!

Mit Rosco brachte ich irgendwann, etwa im Mai 2009, mein Schiff nach Liapari, dem Hafen im Nichts, wo man sein Schiff gegen Bezahlung liegen lassen kann und relativ gute Chancen bestehen, dass es später noch da ist, wenn man zurück kommt. Ich packte meine Sachen und kehrte mit Rosco in einem gemieteten Motorboot nach Gizo zurück, wo ich die Fähre nach Honiara bestieg. Ich brauchte mal eine Auszeit von der Südsee, wollte in die Schweiz, meine Kinder und Mutter sehen, Geld verdienen und irgendwann, wenn ich wusste wohin, meine Reise fortsetzen. Die Fähre nach Honiara geht immer Montag wurde mir gesagt, und da stand sie dann, eine verrostete ehemalige Hafenfähre aus Yokohama. Natürlich bumsvoll! Ich zwängte mich zur Bar vor, wo man sein Ticket kauft und erkundete mich nach der Route. Die Bikoi, wie das Schiff hiess, fährt zuerst zur Treasure Island, dann zu den Shortland Inseln, dann nach Gizo, dann... Ich unterbrach die Ticketverkäuferin und wollte wissen, warum es denn zuerst nach GIZO geht, da SIND wir doch! Ja, klar, aber DANN geht es nach Honiara... Ach SO! Und warum sagt man nicht einfach, das Schiff fährt übermorgen nach Honiara? Ja, kann man auch SO sehen... ABER, wenn sie JETZT zusteigen, Sir, finden sie noch einen guten Platz! Das Schiff ist ja noch fast leer!

Mit 53 immer noch bereit für fast jedes Scheissabenteuer, zahlte ich mein Ticket und trollte mich. Irgendwo vorne in der ersten Klasse, links eine Mutti am Boden, rechts ein Typ, der so schwarz war, dass man ihn wohl in der Schweiz schlicht gesteinigt hätte. Ein riesiger Tisch der Länge nach, aber total voll mit Kisten und Taschen. Am Boden tausendmal zugekotzter schilfgrüner Spannteppich, am Tisch lauter deplazierte Bürostühle, die bloss im Weg waren, weil man nicht darauf sitzen konnte, weil sie unter den Tisch geschoben waren, weil sonst der Boden nicht reichte, zum sich hinlegen, weil das die eindeutige Lieblingspose des Südseeinsulaners ist.

Wir tuckerten durch die Nacht zum Westende der Solomon Inseln und legten in Blanche Harbour auf Treasury Island mitten in der Nacht an. Ich genoss es, endlich mal nicht selber Kapitän sein zu müssen, sondern mir alles einfach nur anschauen zu dürfen. An Land war ein Geschrei und Geschnatter, im Licht von Kerzen war ein Markt, ich ging ihn mir ansehen und kehrte auf die Bikoi zurück mit einer gekochten Kokosnusskrabbe, die etwa so viel wog, wie ein toter Feldhase. Der Tag kündete sich an, das Schiff kam in Fahrt, nächster Halt Shortlandinseln, die nur wenige Meilen von Bougainville entfernt sind, das offiziell zu Neuguinea gehört (Aber um seine Unabhängigkeit kämpft). Die Shortlandinseln sind ein flaches Inselmosaik, wo an vielen kleinen Dörfern gehalten wurde, um entweder Ware und Leute an Land zu lassen, oder - mir schien vorwiegend - Leute an Bord zu nehmen, Taschen, Kisten... Mein Gott! Ich war auf einer ausrangierten Hafenfähre, das offene Meer war nicht eingeplant für diesen Bootstyp. Das Freibord war kaum ein halber Meter. Der schwarze Typ neben mir beruhigte mich. Das Schiff ist erst halb voll!

So kehrte ich wieder nach Gizo zurück, war aber froh, diesen Schlenker nach Westen gemacht zu haben. Die Leute dort waren nochmals anders, man könnte fast sagen total anders, denn dort leben fast mehrheitlich Mikronesier, Leute von den Gilbert Inseln, die vor ein paar Generationen wegen Überbevölkerung von den Engländern hierher gebracht wurden. Was für ein hübscher Menschenschlag! Dieser leicht Asiatische Einfluss, gerade lange Haare, Mandelaugen. Spätestens hier, nach der Durchquerung der ganzen Solomoninseln von Südost nach Nordwest, kam ich zum Schluss, dass auf den Solomonen das hübscheste Volk der Südsee lebt - das mit Abstand am Schlechtesten angezogen ist! Alles gebrauchter Textilmüll aus Australien, Billabong-kacke, Versicherungsvertreterhemden aus Polyester, bzw. aus Melbourne. Nennt man das ausgleichende Gerechtigkeit?

Die Enge wurde unerträglich, auch an Deck, man fand praktisch keinen Platz mehr zum sich zu rek



Erster Kontakt in Santa Catalina / Solomon Inseln



Odyssee der Südsee....

Die Enge wurde unerträglich, auch an Deck, man fand praktisch keinen Platz mehr zum sich zu rekeln, dafür waren alle kreuz und quer in Gespräche verwickelt. Kein Volk ist so gesprächig wie die Melanesier, also die Einwohner von Vanuatu, Neukaledonien, wahrscheinlich auch Neuguineas und der Solomonen. Polynesien ist dagegen fast langweilig. Eine Sprache, die sich über einen Seeraum in der Grösse Afrikas ausbreiten konnte, aber nichts zu erzählen! Samoaner sind zwar unendlich stolz und betonen das immer, aber auf was genau kriegt man nie raus. Melanesier hingegen kennen das Wort Stolz nicht - jedenfalls wird es NIE erwähnt - dafür sind sie nonstopp am Plaudern. Etwa 40% aller heutzutage gesprochenen Sprachen der Welt sind Melanesische Sprachen. Ihre Welt ist irre bunt und ist eine Welt der Sprachen. Melanesier, die weniger als drei Sprachen sprechen sind in der Minderheit. Ein Schweizer am Stammtisch seiner Dorfkneipe ist wie ein stummer Fisch im Vergleich.

Das gefällt mir und darum fühlte ich mich bestens, obwohl gleichzeitig halb tot, als ich nach vier Nächten und drei Tagen in Honiara endlich am Ziel war. Ich ging zum Reisebüro, erkundete mich nach Flügen und buchte provisorisch mal, rein aus Vorsicht. Zuerst wollte ich beim Zoll aufkreuzen und rausfinden, wie lang mein Schiff überhaupt hier sein durfte. Sechs Monate. Ach so! Kann man verlängern? Maximal SIEBEN Monate! Au weia! Das geht ja gar nicht...

In Kürze tauchte ich in Titinge auf, bei Rini, fragte ob ich einen Monat bleiben kann und richtete mich ein, da er von der Idee begeistert war, dass wir jetzt zusammen sind für etwas länger. In Honiara setzte ich mich an's Internet und versuchte Crew zu finden, was über diverse Webseiten recht einfach ist. Ein Deutscher in Neuseeland hatte Lust mitzukommen, obwohl ich noch gar nicht genau wusste, wohin. Mein Drahtseil auf dem ich wandelte wurde immer länger..., verschwand irgendwo hinter dem Horizont, oder der Dunkelheit einer unbekannten Zukunft. Titinge war mir noch sympatischer geworden. Was mir auffiel war, dass es hier nur ganz am Rand des Dorfes eine kleine, schüchterne Kirche gab, die niemanden zu interessieren schien. Andererseits war auffallend, dass durch die Nähe einer derart hässlichen Stadt, die Leute Titinges "aufgeklärt" waren über den Zustand der modernen (modernden) Welt. Wenn ich auf kleinen Inseln war, bei abgelegenen Stämmen und über meine Herkunft erzählte, über Städte in Europa, dann konnte ich nie den Eindruck loswerden, dass hier eigentlich fast jeder am Liebsten gleich mitkommen würde. Um in Zürich zu leben und Schokolade zu fressen. Hier in Titinge aber brauchte ich nur zu erwähnen, dass Zürich eine Stadt wie alle anderen ist, ein Bisschen wie Honiara - und schon bemitleidete man mich. Du armer Kerl, das muss ja FURCHTBAR sein...! Von dem her hatte ich eine Art Gleichgesinnte gefunden. Ganz Titinge lag auf sogenanntem Custom Land, nicht auf Gouvernement Land, wie auf der anderen Seite der beiden Tälchen, die Titinge umschlossen. In Rufweite lebten dort Leute in grossen Villen, nachts beleuchtet wegen Einbrechern, mit Autos unter dem Haus, Tiefkühlern, Klimaanlagen, dreilagigem Klopapier, fliessend Wasser. Und hier, eingekreist von Korruption und Privatbesitz auf drei Seiten eine Art Menschenzoo, wo man zwar nicht viel hat, aber dafür FREI ist. Dieser Gegensatz findet sich auch an anderen Orten, sicher, aber hier schien er nicht in Ghettos zu münden, sondern in eine Art exemplarische Selbstversorgungskultur, wie ich sie noch nirgends gesehen hatte. Man musste zwar Wasser von der Wasserstelle holen, Holz suchen zum Kochen, aber da Titingte zu den Bergen hin verbunden war, hatte es genug Rohmaterialien für alle Lebensansprüche, die ein Insulaner "von Natur" aus an das Leben stellt.

Was nun? Ich liess es mir gut gehen in Titinge, half Rini im Garten, Monique beim Kochen, spielte mit ihren Kindern, als wären es meine. Komisch, da wo meine Familie mich hocken liess, wie einen ausgesetzten Hund, da wo ich am Anfang glaubte, dass hier irgendwo der Eingang zur Hölle sei... (Ist er auch, siehe Foto!), fand ich gleich daneben das pure Gegenteil. Den Himmel auf Erden. Schmale Kost, aber viel Himmel! Sicht bis übers Meer nach Maleita, Isabel, die Florida Gruppe. Ein riesiges Poster aus einem Film den ich nicht kannte davor. Ich hatte instinktiv meinen Traumort (Revelieu) automatisch am Meer vermutet, aber gefunden habe ich ihn reichlich zurück gezogen vom Meer. Denn das Meer ist auch gefährlich hier. Es hat Krokodile, Tsunamis (Gizo wurde 2007 von einem Tsunami getroffen mit vielen Toten), es hat mehr Malaria am Meer, es ist heisser...

Jedenfalls tauchte nach vier Wochen Titinge pur, am Flughafen von Honiara ein Deutscher auf, um die 40, dessen wirklicher Name mit dem Namen seiner e-mail (Auch ein Personenname) nicht identisch war. Ich bin frei für alle möglichen Schabernacks, wunderte mich aber etwas. Bereits am ersten Tag erfuhr ich, dass M. keinesfalls nach D. zurück wollte. Wegen Alimenten. Er hatte 4 Kinder. Gemeinsam buchten wir die Fähre nach Gizo und fuhren los, in eine ausnahmsweise aufgewühlte See, das Schiff BRECHEND voll. Wortwörtlich! Auch M. schien nicht so seefest, wie er mal angekündigt hatte. In Liapari angekommen machten wir es uns gemeinsam auf Liberty bequem und ich baute die neue Batterie ein, die ich noch in Honiara gekauft hatte. Leider war sie kaputt! Trotzdem konnten wir den Motor starten und waren bald wieder in Gizo, wo Rosco wieder zu meinem Bodyguard anvancierte. Ich spürte mich weit mehr zur philosophischen Denkweise Roscos hingezogen, als zu der nüchternen Analyse M's, der sich als Fachinformatiker ausgab. Natürlich blieben wir ein paar Wochen in Gizo hängen, denn ich wusste ja noch gar nicht, wohin. Speziell nicht, weil ich am ersten Abend in Gizo am Tresen der Bamboo Bar einen Schweizer kennen lernte, der hier lebte und der mich davor warnte, nach Bouganville zu fahren, wenn wir nicht mindestens ein Maschinengewehr an Bord haben. Besser zwei. Noch besser ein Granatwerfer... Seit der Beilegung des jahrelangen Bürgerkrieges dort - er konzentrierte sich um die grösste Kupfermine der Erde - haben sich die bewaffneten Banden auf's Meer zurück gezogen. Und warten auf segelnde Schweizer....

"Übrigens", fuhr er nach einem weiteren Bier fort, und begann eine ganz sonderbare Geschichte zu erzählen, über einen ganz sonderbaren Schweizer... M. und ich rückten die Barstühle näher und hörten gespannt zu. Ein Schweizer hat doch tasächlich in Liapari sein Betonschiff geankert, ein absolut LÄCHERLICHES Schiff. Untauglich, verdächtig, ein WITZ. Dem Schweizer ist in Honiara seine Familie ausgebüxt weil er wahrscheinlich ein Gewalttäter ist, ein Psychopat. Der Besitzer der Werft hatte ihm davon erzählt, gesehen hatte er ihn noch nicht... Nun sei der Schweizer plötzlich gestern wieder aufgetaucht und will wahrscheinlich seine Rechnung dort nicht bezahlen und in Nacht und Nebel verschwinden. Dieses Gesinde... Man trifft es Ü-BER-ALL! Passt auf, wenn ihr ihn seht, war sein guter Rat. Worauf er wissen wollte, aus was denn MEIN Schiff gebaut sei...

Ja, so ist die Südsee. Voller Halunken, voller Schweizer, voller marodierender Banden! Selten habe ich so in mich reingelacht, wie an der Bambusbar in Gizo. Ich hinterliess besagten Schweizer mit nagenden Zweifeln... Ob, oder ob NICHT, habe ich ihm nicht gesagt! Ich liess ihn schmoren im eigenen Saft, bedankte mich für seine gespendeten Biere und ruderte mit M. zurück auf mein Witzschiff. Das immerhin extrem professionell gebaut wurde nach einem Plan von Laurent Giles, einem weltberühmten englischen Bootsarchitekten. Das zwar noch ein paar Babykrankheiten hatte, die ich aber eins ums andere behob. In Gizo liessen wir es uns gut sein und versuchten ein gemeinsames Ziel zu formulieren, was aber Wochen in Anspruch nahm. Wer in der Südsee Pläne schmiedet hat viel Holz zu hacken! Nach Australien zog es mich und M. am Allerwenigsten. Kultur ist für mich das Ausschlaggebende am Reisen und nachdem ich bereits 2002-3 mit unserem letzten Schiff in Australien war, reichte mir das. Einmal Australien sage ich mal locker ist einmal zu viel! Jedenfalls aus der Bootsperspektive. Dagegen finde ich die Kultur des Kantons Bern extrem interessant, was ich nicht nur sage, weil ich Berner bin. Neuguinea, dann oben rum nach Indonesien wäre zwar machbar, aber da sich heraus stellte, dass M. noch weniger Geld hatte als ich, fehlte uns die Kohle für Diesel. Im Norden von PNG hat es höchstens Spurenelemente von Wind. Nach Mikronesien, zwei Frauen aufreissen, weiter nach Japan, ich am Schmuck verkaufen, M. am programmieren... Vergiss es! Zurück nach Neuseeland? Etwas weit, um einen Parkplatz zu suchen. Ausserdem habe ich zuviele unbezahlte Parkbussen dort... Nach Vanuatu, nach Port Vila, Schiff bei Iririki an die Boje hängen, zahlen, dass es scheppert, obwohl kein Schutz da ist gegen Wirbelstürme, die dort höchst aktiv werden. Gestrichen! Neukaledonien?

Neukaledonien? Neukaledonien? Neukaledonien? Bei wohl keiner Inselgruppe der Erde - obwohl so nichtsagend getauft (von Cook natürlich!)- regt sich bei mir so viel im Herzen, wenn nur der Name fällt. Neukaledonien! Acht Mal war ich schon dort. So oft, dass ich das letzte Mal, als ich dieses Naturwunder verliess, mir schwor, dass dies das letzte Mal gewesen war. Denn so schön, so bizarr, so phantastisch diese dem "typischen" Südseetouristen völlig unwichtige Inselgruppe ist, so verhext ist sie auch! Jedenfalls für mich! Was habe ich dort Pech gehabt! Mit Behörden, mit Leuten, ja mit Fernsehanstalten (Anstalt ist hier übrigens oft das passende Wort, da hier meist Irre arbeiten...). Jedenfalls hat uns das letzte Mal noch der Zoll erwischt, weil wir ausklariert hatten, nach Vanuatu, aber nicht sofort gingen, sondern - seerechtlich verboten - der Küste entlang segelten und ganz im Norden der Insel noch mal einen Stopp einlegten in Thio. Am Arsch der Welt. Wo dummerweise eine dreiköpfige Zollpatroulie auftauchte, als ihr Anführer eine pockennarbige Vietnamesin, die wohl mal Kontakt mit Agent Orange hatte, und uns schon wegen der Amifahnen, die wir auf unserem letzten Boot führten, total auseinander nehmen liess. Und uns zu einer Busse verdonnerte, die ich nicht gerade sofort ausspucken konnte. Sie nahm uns die Clearence Papiere weg, in der irrigen Annahme, dies würde den Kapitän eines Liberty getauften Schiffes davon abhalten, nach Vanuatu weiter zu segeln...

Neukaledonien. Also Zoff garantiert! Das schönste Land der Erde, aber Zoff am ersten Tag. Praktisch garantiert! Ausserdem: Über 1000 Meilen entfernt. GEGEN den Wind... Na ja, da muss ich NOCH mal drüber schlafen, erklärte ich M. Neukaledonien reizte ihn. Das Europäischste Land der Südsee, erklärte ich ihm. Als EU Bürger kannste sogar dort malochen! In den Nickelminen brauchts noch ein paar stramme Bayern!

Ich wägte auf, ich wägte ab. 1000 Meilen gegen den Wind. Das ist wie der Unterschied auf dem Rad, ob man bergauf oder bergab fährt. Bloss kann man nie Pause machen auf dem Meer, weil man gleich rückwärts fährt. Auch die Strömung war gegen uns. Die Finanzen - wir brauchten über 1000 Liter Diesel, plus Motorenöl und "Kleinteile". Eines Tages lernte ich Robert kennen, vor dem einzigen Supermarkt in Gizo. Ein Deutscher mit Dreadlocks, der grad aus Neuguinea kam, alles mit öffentlichen, aber auch offenen Motorbooten. Endlich ein sympatischer Weisser! Aus Berlin. Toll! Er kam etwas an Bord, wir waren uns gleich sympatisch. Abends trafen wir ihn an der Bamboo-Bar, wo er den Barkeeper kannte, eine zuckersüsse Insulanerschwuchtel mit rotierendem Hintern. Wir verabreden uns auf auf nächsten Morgen, ein Sonntag, wo wir gemeinsam frühstücken wollten. Ich hab nix gegen Schwuchteln!

Ich wachte auf, als es an Bord klopfte, kletterte schlaftrunken die Leiter zum Cockpit hoch und wurde fast niedergemäht von einem mich umarmenden Barkeeper, der seine Hände voll hatte mit Ananas und harten Eiern. Halb stolperte ich rückwärts wieder in's Schiff, aber der Barkeeper war in eine Art Saugmodus geraten und knutschte mich ab. "Sowas! So ein toller Typ wie DUUU!" hauchte er mich an. Die Meinungen in Gizo über mich schienen recht vielfältig zu sein, überlegte ich noch, als ich plötzlich seine Hand in einer Gegend verspürte, die ich normalerweise bedeckt halte. Dabei grinste er mich an wie ein wildes, aber extrem liebes Tier. Ich musste lachen. Sowas war mir echt noch NIE passiert. Wenn Rosco an Bord gewesen wäre, hätte der Barkeeper jetzt ein Problem gehabt. Aber da ich lachte, fast hysterisch lachte, wähnte mich der Barkeeper auf der selben Uferseite wie er - und tauchte ab! Na SOWAS! Er hatte meine Weiterlebensversicherung fachmännisch aus dem Slip befreit, kommentierte kurz, dass er eine eklatante Unterbeschäftigung erkenne könne und hatte, bevor ich nur Pap oder Pup sagen konnte, das Ding - im MUND! Nun musste ich doch langsam einschreiten! An seiner Löwenmähne zog ich dieses wilde, aber possierliche Tierchen wieder auf Augenhöhe, was er aber einzig als Signal verstand, mich so innig zu umarmen, wie mich wohl meine Frau in den letzten 10 Jahren nicht umarmt hat. Also, komm schon, Junge! Zeig mir was du zum Frühstück mitgebracht hast. Ohne den Anflug von Peinlichkeit, ohne irgend eine Verletztheit, auch nicht von meiner Seite, assen wir äusserst zivilisiert Frühstück. So gut, so reichhaltig, so gekonnt serviert wie noch nie auf diesem Schiff. Von einem ungemein emotionellen Vollgastypen in Schokoladefarbe. Wir fuhren danach auf eine kleine Insel, tauchten dort und er gab mir eine Massage, deren Wirkungsbereich ich immer wieder eingrenzen musste. Mit geschlossenen Augen genoss ich seine starken Hände - und sagte mir mal wieder, dass man extrem tolerant sein sollte, wenn man in die Welt zieht. Wer weiss schon, was sich "eigentlich" gehört?

Der Plan, nach Neukaledonien zu reisen gewann Konturen, speziell da meine Mutter mir Geld schickte, mehr als ich brauchte. So sind Mütter! Wir verliessen zusammen mit Rosco Gizo, um auf ein paar Umwegen nach Honiara zurück zu kommen. Ich hatte noch den Auftrag, für die Fernsehstation der Solomonen gewisse Gegenden zu besuchen und dort zu filmen. An ein paar Wochenenden waren bereits Filme von mir (über Vanuatu und Neukaledonien) ausgestrahlt worden. Zur vollen Zufriedenheit der Zuschauer, wie ich in einem Mail erfuhr. Ich war schon seit Jahren filmerisch, gedanklich, fotografisch auf einer interessanten Spur. Ich ging der einfachen Frage nach, was Menschen mit ihren HÄNDEN machen. Das ist ein so spannendes Thema, finde ich, das natürlich in so Ländern wie der Schweiz, Deutschland, England zu bestürzender Langeweile führt. Die Hände werden ja schlicht nicht mehr gebraucht, ausser zum das Lenkrad steuern oder zum Knöpfe drücken. Ich vertrete die provozierende These, dass Intelligenz nicht bloss das Hirn betrifft, sondern ebenso die Hände. Das glaubt natürlich niemand..., darum filme ich dieser Frage entlang. Melanesien ist mein Idealgebiet, weil die Leute hier ihre Hände zu einem kleinen Teil noch INTELLIGENT benutzen, was in der Schweiz so gut wie vorbei ist, ausser in der Chirurgie.

Unsere Reise führte zuerst zur Rendova Insel, wo die besten Holzschnitzer der Erde leben sollen. Ausserdem kannte ich von der Bikoi (Fähre) eine Frau, die mir gut gefiel, und die hier ausgestiegen war. Ich wusste, wo sie lebte. Sie hatte auf ihr Haus gezeigt und gemeint, ich solle sie mal besuchen. OK, da bin ich Segema! sagte ich ihr vor ihrem Haus auf Stelzen. Und sie stellte mich ihrer Mutter vor, ihrem Sohn Albert, dessen Grossvater aus Hamburg stammte. Alles war schön, die Welt in Ordnung, der Himmel voller Geigenwolken, Ughele ein witziges Kaff, trotz der etwas gross geratenen Missionarsstation der Seventh Day Adventisten. Die Leute mussten zwei Mal am Tag in die Kirche, dazwischen, davor, danach rauchte man Wasserpfeife aus leeren Colaflaschen, damit man's im Kopf aushält, was da gepredigt wird. Droge und Glaube ging hier Hand in Hand spazieren, an einer Bucht voller Krokodile.

Segema gefiel mir, ihre Haut war schwarz wie Holzkohle. Ich hatte nie ein besonderes Flair für Braune, die Farbe SCHWARZ hingegen begann mich zu faszinieren. Ich vermutete eine extreme Feinheit an ihr, getraute mich aber nicht, sie zu berühren. Statt dessen lud ich sie zu einem kleinen Sonntagsausflug auf die Insel Tetepari ein, die offiziell grösste unbewohnte Insel der Solomonen. Eine Art Nationalpark. Dort musste ich hin! Natürlich kann sie auch ihren Sohn mitbringen, erklärte ich ihr. Und wenn sie eine Freundin hat.... Klar, bring mit, wen du willst! verabschiedete ich mich von ihr, bevor ich auf mein mondbeschienenes Schiff zurück ruderte. Am nächsten Tag zogen Rosco und M. den Anker hoch, ich manövrierte unter Motor an den Schiffssteg, den es hier ausnahmsweise mal hatte. Da ich wie gesagt einen Verstellpropeller habe, musste ich andauernd von der Vorwärtsposition in die Rückwärtsposition wechseln, um eindrücklich präzise das Schiff genau vor den Füssen von Segema zum Stillstand zu bringen. Einmal drehte ich die Kurbel, die über einen komplizierten Mechanismus mit den sich drehenden Propellerflügeln verbunden ist, in die verkehrte Richtung, nämlich in die Segelposition, was bedeutete, dass der Motor sofort abgewürgt wurde. Segema lachte. Ich startete den Motor neu, nachdem der Propeller in Neutralposition war und alles war vergessen, spätestens als alle Freunde Segemas an Bord waren. Vier Frauen, acht Männer und achzehn Kinder. Ich nahm es gelassen, sogar als noch Kisten, Säcke, Körbe aufgeladen wurden und mir erklärt wurde, dass ich noch zwei Zwischenhalte machen soll, um dort Ware abzuladen. Kein Problem! Wozu habe ich sonst ein 30 Tonnen Schiff?

Gegen Mittag, nach den Zwischenstopps entlang Rendova Island, wo es keine Strassen gibt, erreichten wir Tetepari. Es gibt dort keinen Ankerplatz, man muss irgendwie zwischen Riffklumpen ankern, alles ziemlich eng. Und da passierte es dann! Urplötzlich zitterte das Schiff und polterte laut, als ob ein Kolben gegen die Bordwand schlägt, bei voller Tourenzahl. Ich spürte, dass das Schiff antriebslos war. Ich stoppte den Motor und lies den Anker fallen. Die Kinder auf dem Vordeck johlten, alles roch nach Abenteuer. Die Frauen lächelten höflich und packten gebackene Brotfrucht aus. Nur die Männer schauten etwas unwirsch. Und ich schaute wohl aus der Wäsche wie ein begossener Pudel. Etwas stimmte nicht! Das war jedem Mann an Bord völlig klar. Bloss WAS?

Ich zog die Tauchermaske an und tauchte unters Schiff. Mir schwante etwas. Und siehe da: Der Propeller! Zwei Flügel waren in Vorwärtsposition, einer in Rückwärtsposition. Das ergab einen ähnlichen Effekt, wie wenn man einen Vierradantrieb hat, mit drei Rädern die vorwärts fahren - und einem ZURÜCK!
Irgendetwas IM Propeller war kaputt. Gebrochen, verbogen, wer weiss? Ausgelöst wahrscheinlich durch mein Abwürgen des Motors, als die Blätter kurz im rechten Winkel zum Wasser standen.

Das wärs, ging mir durch den Kopf. Reise zu Ende, Schiff dalassen, irgendwie ein paar Einbäume organisieren um die Truppe zurück in den Ort zu bringen, Geld loswerden, Liberty tschüss sagen, in die Schweiz fliegen, Buchhalter werden, auf die Rente warten, auf den Tod, die Erlösung. Zu gut wusste ich von meiner einjährigen Reparatur, wie kompliziert es im Innern des Propellers aussah. Ihn an Land, im Trockenen zu montieren war schon eine sehr knifflige Angelegenheit. Unter Wasser erschien es mir unmöglich. Ausserdem hatte es null Wind, um zu segeln. Ausserdem war ich im Innern eines Labyrints aus Riffen. Ausserdem hatte es hier keine Motorschiffe, mit denen sich ein so schweres Schiff rumziehen lässt. Ausserdem...

Natürlich war Tetepari nicht unbewohnt, sondern von Parkrangern bewohnt, die darüber wachen, dass die Insel unbewohnt bleibt. Sie kamen im Motorkanu des Weges und erkundeten sich nach unserem Tun. Ich bat sie an Bord und erklärte ihnen, dass ich ein Problem habe. Die Minen hellten sich auf. Ein GROSSES Problem. Die Minen wurden richtig freundlich. Dass ich eventuell gar nicht mehr fortkomme von hier. Die drei Parkranger begannen mit ihren Augen das Innere des Salons zu mustern. Stereoanlage, Funkgerät (natürlich kaputt, sonst hätte ich ja eine Yacht bitten können), die Feldstecher... Als erstes mussten die 18 Kinder vom Schiff. Ich begleitete sie mit den Parkrangern an Land. An Land Schilder, dass man bitte auf Krokodile aufpassen soll. Die Kinder wurden freundlicherweise, aber natürlich gegen gutes Geld (800 Solomon Dollar) zurück nach Ughele gebracht, inklusive den Frauen. Adieu Segema! (was bereue ich, dir heute früh den Kahn vor den Füssen parkiert zu haben...) Und dann verfiel ich für runde 18 Stunden in totale, absolute Ratlosigkeit. Nie, in meiner langen Laufbahn als Segler, hatte ich nicht den Schimmer einer Ahnung, wie es jetzt weiter geht. Schliesslich kam ich zum Schluss, dass ich den Propeller unter Wasser reparieren MUSSTE. Geht ja nicht anders! Gottseidank hatte ich einen Kompresser an Bord, den sich ein Amerikanischer Vietnampilot gebastelt hatte, um damit T-Shirts mit airbrush zu bemalen, was er dann aber nie tat, sondern ihn statt dessen im Jahre des Herrn 1997, auf dem Höhepunkt des Clinton-Levinskyskandals, mir verkaufte, wohl weil alles was bläst, den Amerikanern irgendwie suspekt vorkam. Ich hatte ihn all die Jahre dabei, schon auf der letzten Liberty. Sollte ich ein gravierendes Problem unter Wasser haben, würde dieser Kompressor mich unter Wasser mit Luft versorgen. Das Problem war da!

Die ursprüngliche Begeisterung, dass sich hier richtig grosse Krokodile beobachten lassen, hatte sich gelegt. M. hielt Ausschau und würde mit dem Hammer an den Rumpf schlagen, wenn Besuch kommt. Da der Meeresboden heller Sand war, hätte man gut den Schatten sehen können. Ich wusste, welche Werkzeuge es brauchte und begann den Propeller zu demontieren, immer darauf bedacht, dass kein Teil runterfällt. Ziemlich schnell war klar, dass im Innern ein Chromstahlbügel gebrochen war. Mein Hirn arbeitete auf Volltouren, immer wieder drehte ich mich um, um zu sehen, was hinter mir war. Schnell hatte ich eine provisorische Lösung, die immerhin dazu führte, dass man vorwärts weiter fahren konnte. Überlegte ich mir und machte mich ans Werk. Man muss nur den Nippel durch die Lasche ziehen, und dabei aufpassen, nicht von einem Krokodil in den Allerwertesten gebissen zu werden. Nach weniger als einer Stunde war ich fertig. Kaum tauchte ich auf, brachte mir ein Parkranger einen handgeschriebenen Brief vorbei, dass ich doch bitte ab heute 150 Dollar pro Nacht zahlen möge. Für den Nationalpark Tetepari. Mit freundlichen Grüssen, ihr Tetepari Team...

Ich habe nie lauter gelacht - echt nie in meinem ganzen Leben! - als in dem Moment, wo ich unter Motor die letzte Kurve im Labyrint nahm und auf die freie See hinaus fuhr. Acht Typen aus Ughele, Rosco, M. und ich. An den Problemen des Lebens... SPUCK darauf! Nur wer unten durch geht, merkt dass er oben drauf schwimmen kann. Oder so ähnlich! Im Dunkeln kamen wir zurück nach Ughele, die Männer waren schnell an Land, ich verfiel in den himmlischsten Nachtfrieden nach einer Nacht voller Zweifel, ja totaler Verzweiflung! Und so versackten wir in Ughele. Aus Tagen wurden wieder Wochen. Rosco musste zurück zu seiner Krankenschwester. Als er die Bikoi Fähre betrat, wirkte er wie ein Dieb, der sich freiwillig der Polizei stellen wird. Er war einer der ernsthaftesten, tiefschürfendsten Philosophen, die ich je kennen gelernt hatte. Wahrscheinlich half ihm seine Aussenseiterrolle dabei. Kann man überhaupt philosophisch denken, OHNE Aussenseiter zu sein? Ich verkehrte vor allem mit Segema, als auch mit Krokodile Karl, der sich als Haustier ein Krokodil hält. Auch er ein Aussenseiter. Über sein Krokodil, das er schon viele Jahre hatte, hatte er die ganze Natur verstanden, offenbarte er mir. Alles! So geht das, wenn man gut hinkuckt doch mit Allem, sogar einem Sandkorn! Schliesslich verschenkte ich allen Überfluss an Kleidern, Büchern und Spielzeugen an Krokodile Karl, seinen jüngeren Bruder, Segema und Albert. Mal ein bisschen Weihnachtsmann spielen auf den Solomonen tut übrigens jedem gut! Besonders die Bücher, ca. 300 Stück, löste helle Begeisterung aus. Lesen kann hier nämlich JEDER. Aber es gibt halt nur dieses eine Buch...

Schliesslich wollten wir weiter, die Schnitzer waren gefilmt, die Wassertanks halb voll, Segema musste bleiben. Ich startete den Motor, worauf das Schiff fast auseinanderbrach vor Klopfen. Oh Scheisse! Der Propeller "schielte" wieder. Wieder den Kompresser anschliessen, wieder Propeller auseinander nehmen, doch diesmal in trübem Wasser... Und dass es hier Krokodile hatte, wusste jeder aus eigener Erfahrung. M. glaubte ein Riesenvieh gesehen zu haben, am anderen Ende der kleinen Bucht. Na denn, ich begann drauf zu pfeifen! Schickte M. sogar ins Boot zum Brot backen, da ich Hunger hatte. Flickte den Propeller diesmal etwas anders, mit einem Kleiderbügel aus Draht. Leckarsch! Das Leben ist rau, aber herzlos! Immerhin konnte ich unter mir den Boden sehen, Geröll mit grünem Schlick überzogen. Ich fummelte weiter und hatte plötzlichn das Gefühl, dass der Boden unter mir langsam vorüber zog, wie eine milchige Kulisse. Das kann doch nicht sein! Der Propeller war gerade fertig, ich kletterte auf's Schiff und merkte, dass es ganz langsam Richtung Ausgang der Bucht trieb. Ich pfiff M. an Bord und wir zogen die Ankertrosse hoch. Am Ende der Trosse war aber kein Anker. Er war schlicht und ergreifend GEKLAUT worden, indem ihn jemand an der Sorgeleine (einem dünnen schwimmendenTau, das vom Anker zur Wasseroberfläche führt) hochgezogen, abgeknotetet und mitgenommen hatte. (Ich erzähle hier kein Seemannsgarn! Monate später bekam ich von Segema ein mail, dass sie herausgefunden hatte, wer den Anker geklaut hat, und dass ich ihn jederzeit bei ihr abholen kann.) Nach diesem Vorfall und nachdem wir per Beiboot noch etwas rumgesucht hatten, startete ich den Motor und wir fuhren in einem Stück bis nach Honiara. Dort spannte ich ein Moskitonetz unter dem Propeller, damit keine Teile verloren gehen können, und nahm ihn komplett auseinander, um das gebrochene Teil mit einem an Bord neu gebauten zu ersetzen. Mehrere Tage verbrachte ich jeweils mehrere Stunden unter Wasser. Die Operation war extrem knifflig, weil ich drei kleine Splinte von der Grösse abgekauter Fingernägel im Innern einer Bronzeglocke in genau die Richtige Position bringen musste. Aber es ging!



Einbaum meets Liberty


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Kommentare

  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Im Auge des Krokodils Teil 2:

    Nach weiteren Besuchen bei Rini verabschiedete ich mich endgültig von ihm, wohl aber mit der Absicht, ihn eines Tages wieder zu besuchen. Monique bekam von mir die besten Kleider von Sandy und meine ganze Kollektion Kunstbücher. Rini hat mir versprochen, dass ich mir auf seinem Land ein Haus bauen darf und vielleicht werde ich das eines Tages tun. Ganz viele mir wichtige Dinge habe ich bereits dort. Wenn ich den "Deckel zumachen" will über der mir zunehmend irre vorkommenden Moderne..., buche ich Titinge einfach! Auch wenn es nicht so einfach ist, wie es tönt!

    Mit M. tuckerte ich zurück nach Santa Ana, der kleinen Insel mit dem See, wo diese Reisegeschichte anfing. Wo ich mal mit meinen Kindern und meiner Frau und einer Berliner Kreuzbergotter an Land war, um der mir unbekannten Welt der Solomonen den Schleier zu lüften. Sofort fragte man mich, wo denn meine Familie sei. Ich wusste es ja selber kaum. Irgendwo in Europa, am Fuss der Alpen, in einem Kuhdorf, wahrscheinlich neben einer Kirche, wo alle Viertelstunde die Glocke schlägt. Aber nicht nachts, gab mir Henry zurück, da schläft doch der Pfarrer. Nein, auch nachts, sagte ich ihm, die Glocken sind bloss Maschinen, aber das fällt niemandem auf dort, weil das ganze Land zur Maschine wird. Zur Maschine..., wie meinst du das? Ach vergiss es! Zeig mir deine Insel, Henry! Dieses Mal habe ich Zeit! Mein Herz ist zwar zerknautscht, aber dafür bin ich jetzt frei! Hier, das ist M., er kommt auch aus Deutschland, wie die Lady, die dir Zigaretten abkaufen wollte, und dann hast du sie ihr geschenkt. Oh, wo ist die denn? In die Hölle gefahren. One way.

    Zusammen mit M. durchquerte ich die kleine Insel, ein kleiner Hügel im Innern, Buschlandschaft, eine saubere Schule, dann wieder gesunder Tropenwald, Schatten, kichernde Muttis, die uns entgegen kamen, Feuerholz im Arm. Auf der dem offenen, weiten Meer zugewandten Seite Sant Anas ein anderes Dorf, irgendwie ärmlicher, kein Laden mehr mit Zigaretten, dafür ein Custom House, wo die sterblichen Überresten der Chiefs aufbewahrt werden. Oder eigentlich die unsterblichen Reste, denn sie waren ja noch da, die Knochen und Totenschädel, die teils in Körben aus geflochtenen Zweigen steckten, teils in geschnitzten Fischen und kleinen Einbäumen, teils aus Kartonschachteln ragten, in denen mal Fantadosen waren. Ein, bzw. zwei gegenüberliegende Häuser am Meer, nur den Männern zugänglich. Die sassen davor, spielten Karten, wollten Eintritt, was schon OK war mit mir. Fotografieren, erklärten sie M., kostet nochmal extra. Und als ich mit filmen begann, kostete das natürlich auch wieder etwas mehr. Die dabei entstandenen Bilder und Eindrücke waren es durchaus wert. Vielleicht sollte man auch in Europa anfangen, die Knochen der Ahnen in Pappschachteln auszustellen und gegen Geld den Nachbarn zeigen.

    Zurück beim Schiff kriegten wir eine Einladung an eine Hochzeit, die für den nächsten Tag geplant war. In fehlerfreiem Englisch geschrieben, total süss. Natürlich kamen wir, beide von uns mit Geschenken im Arm. Ein buntes Treiben, man hält sich fest! Das gleiche Dorf, das beim ersten Besuch durch den Tod einer alten Frau im lethargischen Dämmerzustand war war aufgewacht. Die Frauen bildeten einen wild tanzenden Umzug und holten die Braut aus ihrem Haus, das jeder Europäer als Hütte bezeichnen würde. Und begleiteten sie, nein stiessen sie in die auf alle Seiten offene Kirche, wo der Bräutigam auf sie wartete. Was für ein hübsches Paar. Er Typ Obama, sie Typ Condoleza Rice. Ohne Scheiss! Später, beim Geschenke überreichen, mache ich sie darauf aufmerksam, beide lachen. Von Obama hatte er noch nie ein Bild gesehen, wer Condi ist, hatten sie keine Ahnung. Ich schenkte ihnen einen Weltatlas und einen alten Samtvorhang aus Neuseeland, was beide beglückte. Der Pfarrer hielt eine unglaublich temperamentvolle Ansprache in Englisch, die sich echt gewaschen hat. Haltet zusammen, in guten Zeiten, aber auch in schlechten Zeiten! Das ist, was eine Ehe bedeutet! Nur so... Ich glaube wir hätten auch in Santa Ana heiraten sollen, Sandy und ich! Der Pfarrer begann einen Stepptanz zu den Trommeln, der Dorfplatz war belegt von Delegationen verschiedener Inseln, man reichte uns Schwein aus dem Erdofen, die Welt konnte besser nicht sein! Und neben der Braut ein Vierergespann hübscher Frauen in weissem Sonntagsgewand, eine knackiger als die andere.

    Wieder drohten wir zu versacken, hängen zu bleiben. Die Nachricht, dass eine Yacht mit "White Man" vor Anker lag, sprach sich rum bis zur Nachbarinsel Santa Catalina, von wo jeden Tag Einbäume herkamen mit Schnitzern und ihren Figuren. Ein völlig anderer Stil als im Westen des Landes, besser, wie mir schien. Nicht aus Hartholz poliert, sondern aus federleichtem Holz geschwärzt. Modern, man hälts im Kopf nicht aus! Gekonnt, man wird neidisch! Fischsymbolik ohne Ende, Menschenfiguren mit Köpfen aus Fischen, Füssen aus Fischen, Armen aus Fischen. Wer die Diät dieser Menschen sieht, weiss, dass es genau so ist. Ich fing an zu kaufen, konnte bei den Preisen nicht wiederstehen, mit dem Resultat, dass immer mehr Schnitzer gepaddelt kamen. Das war auch gut so, überzeugten sie doch alleine mit ihren Produkten, nicht mit ihrem Geschnorr, wie in Gizo, wo man sich vor Schnitzern nicht retten kann. Am Schluss kam aber der Beste, ein ganz junger Typ, der eine göttliche Hand hatte. Er lud uns ein auf seine Insel. Da muss man ja fast! Wir tuckerten die 2 oder 3 Meilen rüber und erreichten die erste Insel der Solomonen, wo nicht jeder einen Glimmstengel im Mund hatte, sondern fleissig am Schnitzen war, oder dabei zusah und lernte. Das ganze Dorf schien eine Schule der Ästhetik, alles war sauber, die Wege geharkt, dabei wusste niemand, dass wir kamen. Ich habe selten so intelligente Hände gefilmt, wie die von dem Jungen, wie seine Intuition und seine Hände eine verbundene Einheit bildeten. Wieviel davon sein persönlicher Stil war, wieviel Tradition, wollte ich wissen. Aber er lachte nur. Diversity in Unity nennen es die Solomonen, eine wahrlich Salomonische Art, sich selber zu sein, aber doch verwurzelt in einer unglaublich alten Kultur.

    Über die Inseln Vanuatus ging unser Weg in Richtung Neukaledonien. Schwerarbeit. Immer gegenan. 5 Tage unter Motor, bis wir auf Tegua waren, wo den Leuten das Dorf abgesoffen ist und sie ein neues bauen mussten, etwas höher. Immerhin gibt es etwas höher, nicht wie das Carteret Atoll neben Bougainville, das evakuiert werden musste und jetzt leer steht und einsam versinkt in der von Menschen - vielleicht - ausgelösten modernen Sintflut. Von hier nach Espirito Santo konnten wir ausnahmsweise segeln, aber so hoch am Wind, dass wir das Deck unter Wasser hatten. Nachts, bei der Einfahrt nach Luganville, in einem entstehenden Gewitter, konnte ich mich nicht sofort entscheiden, wo ankern, und änderte zwei Mal unsere "Anflugschneise", aus mir bekannten aber M. nicht klar erklärten Gründen. Mit dem Resultat, dass mir eine Faust unters Kinn gehalten wurde. Auf Schiffen lernt man sich kennen!

    Wie immer, seit ich 1996 im Pazifik rumzusegeln begann (nach 16 Jahren Segelerfahrung im Mittelmeer), erreichten wir ohne Zwischenfälle Luganville, wo ich beim Zoll einklarierte. Diesel gekauft und bald weiter gesegelt - ja, es hatte plötzlich etwas Wind aus einer guten Richtung - bis nach Ambrym, der zentralen Insel im Ypsilon der Inselgruppe Vanuatus. Geankert vor Fanla, einem urigen Dorf am Hang eines aktiven Vulkans. Wieder geraten wir in eine Hochzeit, total anders, kein Pfarrer, gepuderte Gesichter, Steinzeit trifft Moderne, jeder zweite hat ein Handy am Hals baumeln. In den Solomonen niemand! Das absolut Irre an der Südsee, speziell an Melanesien, ist die Verschiedenheit der Kulturen. Weil niemand hier je voll durchblicken kann und wird, weil alles ein unauflösbares Rätsel ist - besonders wenn man sich Gedanken über ihre Herkünfte macht - nennt man sie auf Deutsch einfach und banal die Südseeinsulaner. Und hat eine von Hawaii geliehene Schmalzpostkarte im Hirn, die hulatanzende Polynesierin mit einem Lei um den Hals. Und das ist gut so! Geht bitte alle nach Waikiki, besucht die Kodak Hulashow und fühlt euch informiert über "die" Südsee. Im Namen der Leute von Fanla sage ich Danke!

    Weiter ging's, nachdem ich Schnitzereien gebunkert hatte, darunter zwei Objekte um die hundert Kilo schwer. Ein 2,8 Meter langes Tamtam und ein Parang, eine für Ambrym typische Totemfigur aus dem Holz der Farnpalme. Warum sehen die Gesichter der Figuren Ambryms alle wie Aliens aus? Alle mit riesigen Fladenaugen, hatten die mal Besuch von "oben"? Ich glaube nicht an so Quatsch, aber wissen tue ich's ja auch nicht. Mein Landsmann Von Däniken hat in seinen wilden Theorien schon ein paar Argumente, die immer noch an der Backe der Menschheit kleben und schwer wegzuwischen sind.

    Port Vila zum dritten oder vierten, ich wusste es gar nicht mehr genau. Etwas gepflegter als Honiara, touristisch aufgemotzt, Dutyfree Läden mit Chanel Parfum und schwarzen Guccy Handtaschen. Ein Mekka der Segler des Pazifiks, wir mussten uns regelrecht reinquetschen in die ankernde Flottilla aus geleckten Yachten mit Chromstahlankerketten. Darunter irgendwo HJ, dessen vollen Namen ich immer noch nicht kannte, obwohl wir seit Jahren dicke Freunde sind. Inzwischen 83, ist HJ immer noch der souveränste Einhandsegler den ich kenne, der mit seinem Riesenkatameran, voll mit Hightech, im Südpazifik rumsegelt, als wäre es ein Parkplatz. Typisch sind seine Abenteuer von der Sorte: ich segel nach Neuseeland, weil ich nach Südamerika will, etwas Backpacken in den Anden. Und warum zuerst nach Neuseeland? Weil ich dort das Schiff lassen kann. Wir Segler sind immer Sklaven unserer Schiffe. Ausser HJ. Berufstaucher mit eigener Firma, 12 Jahre lang gelähmt von der Hüfte abwärts, wegen einem Dekomopressionsunfall, trotzdem weiter getaucht (da braucht man ja keine Beine!), Unterseekabel verbunden, Unterwasserhäuser gebaut (Stockholm), bis nach 12 Jahren seine Beine sich wieder meldeten, was aber auch schon eine Ewigkeit her ist. Unterwegs mit einer jungen Französin, sauberes, elegantes Mädel, die er vollumfänglich versorgt. Ich musste vor ein paar Jahren beschleunigt abziehen mit unserem Beiboot, weil wir die beiden beim Vögeln auf dem Achterdeck überrascht hatten. Was haben unsere Kinder blöd gekuckt! Gibt es etwas Besseres, in dem man einen über Achzigjährigen ertappen kann?

    Und da war er wieder! Und sie auch. Vagabunden der Weltmeere. Freisegler im wahrsten Sinne des Wortes. Endlich konnte ich mit jemandem reden, der wusste von wem ich es hatte, wenn ich meine Familie erwähnte. Du hattest keinen Autopiloten, darum ist sie gegangen, meinte er. Du darfst Frauen nie steuern lassen, jedenfalls nie lange! Vielleicht hatte er Recht.

    Skandale ohne Ende auf den Yachten Port Vilas. Nur die zwei herbsten: Mann und Frau segeln im Luxusschiff im Pazifik rum, bis hier. Das Schiff gehört ihr, aber Mann will auch Anteil, da er nun seit Jahren das Schiff seiner Ollen am laufen hält und sich den Rücken kaputt macht beim Poller polieren. Schliesslich Streit, er giesst Chlorsäure oder irgend sowas in's Schiffsklo, sperrt seine Olle ins Klo, dichtet alle Ritzen von aussen ab und macht ne Fliege. Die Frau hatte Glück, jemand hörte ihre Hilfeschreie, der Mann war untergetaucht und auf der Titelseite der Vanuatu News prangte sein Face. Ach der! Mit dem hatte ich doch vorgestern ein Bier an der Hafenbar! Prost Junge!

    Und dann der Professor, der bei der Nasa für Kursballistik zuständig war, cleverer Bursche, schönes Schiff, Frau leider tot seit ein paar Tagen. Ein Belgier auf einem anderen Schiff, einem krötenhaft hässlichen Katameran mit zwei Königspudeln an Deck, hing schon seit Jahren in Port Vila rum und verkaufte allen möglichen Scheiss, wie z.Bsp. LED Positionslampen, von denen ich ihm mal vor Jahren eine abgekauft hatte. Ein Belgier also. Kommt irgendwann auf die Idee, Medizin zu verkaufen, die ganzen Segler werden immer älter, der Markt ist da. Vor allem für etwas ganz phantastisches, wie MMS (Magic Mineral Solution), denn das heilt alles, von Aids bis Spastische Zuckungen und Malaria, Typhus, Menengitis natürlich auch gleich. Die Rundumerneuerung für die leichtgläubige Borddame, denn der Professor hatte noch so ein paar Bedenken... Sie, eine Insel weiter, kerngesund, aber nicht willens Malaria zu kriegen, nimmt ZWEI TROPFEN - und ist drei Stunden später tot. Immerhin muss man zugeben, Malaria bekam sie NIE! (Es ist hochinteressant, was man auf Internet über dieses Teufelsmedikament MMS findet!)

    OK, ich habe mit dem Professor einen halben Nachmittag rumgeweint. Als ich M. an Bord darüber erzählte, lachte der bloss. Ein Oberammergauzyniker, der mir schon längst auf den Keks ging. Er hatte ein gutes Händchen bei Frauen, brauchte immer wieder eine an Bord, selten die attraktiven, und hatte danach immer wieder etwas Bargeld, um im Nambawan ein Bier auszugeben und am Markt Komissionen zu machen. Der Zusammenhang zwischen seiner Geldsituation und seinen Frauenbesuchen fiel mir erst in Port Vila auf. Mein Narrenschiff war zum schwimmenden Bordell geworden, bloss hatte ich keine Aktien. Loswerden konnt ich M. auch nicht, da das Gesetz vorsieht, dass jeder Kapitän für die Crew zuständig ist und wenn jemand gehen soll ist ein Flugticket in SEINE HEIMAT fällig. Und das wusste M. Und grinste mich fies an, wenn ich ihm bedeutete, seinen Hartschalenkoffer zu packen. Erst läuft mir meine Familie weg, weil Potter wichtiger wurde als Papa, Trödel wichtiger als Seemannschaft, dann habe ich plötzlich jemanden, den ich nicht loswerde, der aus Liberty ein segelndes Puff macht und mir die Faust unters Kinn hält. Also ehrlich! Wer mir da alles andichtet, ICH habe aber ein "einfaches Leben", mit dem Schiff in der Südsee rumzugurken, soll mal gefälligst die Klappe halten! M. würde ich nicht als besonders intelligent bezeichnen, aber als schlau. Ausserdem hatte er den typisch bayrischen Habitus, also dicke Oberarme. Ausserdem natürlich Choleriker! Ich musste mir echt etwas einfallen lassen, dass ich nicht noch in Neukaledonien antanzen würde mit ihm. Aber wie? Wie Katz und Maus lebten wir an Bord meines schwimmenden Luftschutzkellers, er wusste, was ich denke, ich, was er dachte. Die ganzen Behörden, wo er hätte aufkreuzen können, um mich zur Kasse zu beten, waren in Sichtweite. Ich hielt Ausschau nach einer neuen Crew. Und fand sie. Zwei junge Franzosen, die gerade eben mit einer alternden Französischen Apothekerin von Neukaledonien rübergesegelt sind und dringend ein anderes Schiff suchten, da die Tante von Segeln keine Ahnung hatte. Irgendwie die "Traumfrau" für M.....

    Link wie ein hinkender Seeräuber weihte ich meine neue Crew in die Komplikationen meines Lebens ein und plante alles durch. An einem Freitag kurz vor Büroschluss fuhr ich mit meinen zwei Franzosen an die Tankstelle vom Yachtclub und füllte die Tanks mit Diesel, M. war an Land mit einer Dicken - kam dann aber im Kanu gepaddelt..., kam, sah und verlor! Pack deinen Koffer! Neben ihm stehend passte ich auf, dass er nichts anderes mitnahm als seinen eigenen Trödel. Also, Tschüss dann! Die Büros waren inzwischen dicht, Proviant hatten wir bereits gekauft, eine halbe Stunde danach hatte uns die Nacht verschluckt und wir waren unterwegs Richtung Tanna, um dort noch eine Pinkelpause zu machen, bevor es weiter ging nach Neukaledonien. Zwei neue Gesichter an Bord, eines total offen, intelligent, lehrbereit, ein Bretone. Aufgewachsen in einer Segelschule, Loik getauft, der Logik zugeneigt, ein Goldstück von Besatzung. Der andere etwas älter, wollte nix einkaufen an Proviant, weil er 5 Kilo Reis und 3 Zwiebeln dabei hatte - und sonst nix braucht. Ein Prunkstück von Profiteur, sparsam im Helfen, aber wenigstens gut im Steuern.

    Die windlosen Zonen hatte ich hinter mir, es war am kacheln, Liberty quälte sich gegenan, bis Tanna. Von allen Inseln des Pazifiks, die mir persönlich bekannt sind, wohl die interessanteste! Ein Wahnsinn! Steinzeitkulturen, der Cargo Kult, kaum Evangelisten, der sichere Tod jeder Inselkultur. Cargo Kult ist mein Favorit, die Leute bauen Landepisten im Wald, auf dass Flugzeuge landen werden voller Kühlschränke und Zitronenpressen. Das ist doch ein ehrlicher Ansatz! Unsere Warenwelt mit Göttern zu bezirzen. Das Warenhaus mit der Kirche zu vermählen. Ave Maria oh du Otto Katalog! Und alles garniert mit einem Vulkan, der etwa alle zehn Minuten rülpst, seit mindestens 10000 Jahren. Der Takt Tannas. Die Unendlichkeit und die Verschrobenheit Hand in Hand. Schade, dass Cook hier schon war, man hätte die Insel weiträumig absperren sollen und mit Fernrohren zuschauen, was passiert! Aber was passiert ist, ist passiert! Was Bali war im letzten Jahrhundert, wird Tanna in diesem Jahrhundert. Die Weichen sind gestellt, die Bungalows vermehren sich, es hat die ersten Helikoptertouren, bald kommt Neckermann, wenn's den überhaupt noch gibt. Sonst halt Kuoni oder Bimsalabim Touristik.

    Weiter Richtung Loyalitätsinseln, die Inselgruppe zwischen Neukaledonien und Vanuatu, die vom Welttourismus total ignoriert wird, was jeden nur freut, der sie kennt. Mare, Lifou, Tiga, Ouvea. Schon mal gehört? Wenn's um die reine Schönheit geht, Kultur eher nebensächlich.... (Es gibt sie schon, aber sie ist diskret), dann sind die Loyalitätsinseln die Krone der Schöpfung schlechthin, Ouvea der Zentraldiamant, einfach zu schön um wahr zu sein, warum auch niemand kommt. Nach etwa 9 Reisen auf diese bizarrste aller mir bekannten Inselgruppen, brauchte ich sie mir gar nicht mehr anzuschauen, sondern ankerte nach zwei Tagen harter Segelei in sicherem Abstand vor der Nordküste von Mare. Ich bekam Hühnerhaut beim Aufwachen, erstes war es kühl, zweitens versank ich in Erinnerungen an die vielen Male, die ich in Mare war, die Leute, die ich dort kenne, ihre Geheimnisse, die ich nicht kenne und nie kennen werde, weil sie auch selber sie nicht kennen. Die Leute von Mare, die ihre eigene Sprache haben, ebenso wie die anderen Inseln der Loyalitätsgruppe, ausser Ouvea, wo es sogar zwei Sprachen hat, die total verschieden sind.

    Durch die Nacht hindurch erreichten wir die Hauptinsel Neukaledonien, die im fahlen Licht des Morgens aufgeht wie ein roter Stern am Horizont. Die grösste Insel des Pazifiks, abgesehen von den beiden Inseln Neuseelands. Ein Moloch. Ein baguetteförmiger Bergkoloss, fast 500 Kilometer lang. Keine Vulkane mehr, aber Erze ohne Ende. Altes, von Australien abgebrochenes Land, diesem durchaus ähnlich, bloss viel schöner. Was ich in Australien gesucht habe, habe ich hier gefunden. Ein Mikrokontinent ohne Giftschlangen, aber einer der reichhaltigsten Pflanzenreiche der Erde. Ein Fantasyland der Bäume und Blumen und Vögel. Mehr brauch ich nicht! Die älteste Blumenart der Erde gedeiht hier, das intelligenteste Tier lebt hier, aber vielleicht auch das Dummste!

    Oh Neukaledonien, was macht man bloss mit dir? Unten im Süden schlüpften wir durch die Havanna Passage in die grösste Lagune der Erde und segelten am Eingang der Prony Bucht vorbei. Von den Franzosen Baie Magique genannt. Die fantastischste Bucht des Pazifiks. Als ich das erste Mal dort war, 1998, praktisch unbewohnt. Über hundert Kilometer Küstenlinie innerhalb der Bucht, Inseln, tiefes Wasser, Wale, die hier mit ihren Jungen spielen, absolut einmalige Muscheln, die es weltweit nur am Strand der Insel innerhalb dieser Bucht gibt, die weltweit einzigen von alleine leuchtenden Korallen, Farben wohin man schaut, unter Wasser, über Wasser, ein Picassogott hat sich hier ausgerotzt, Kraken, Fjorde, Wasserfälle am Meer, tief drin im Land, alles verwoben, man weiss nicht wo man ist, am Meer, in den Bergen, in Kanada (so sieht es von Weitem aus), oder wie oder was oder wo? Deshalb natürlich ein touristisches No-mans-land, nicht nur weil man laufen muss, sondern auch weil sich kein Label finden lässt für diesen Naturzirkus, der irgendjemandem verständlich sein könnte, bevor er hier war. Da ich bereits gut und gerne ca. ein Jahr meines Lebens in dieser Bucht vor Anker zugebracht hatte, brauchte ich auch dort nicht an Land zu gehen, sondern konnte es durch den Feldstecher betrachten..., die Pier, die die Holländer gebaut haben, und die jetzt fertig ist, die Strasse, die den Berg hochgeht, ca. drei Mal so breit wie eine Autobahn, um all die Maschinen hochzubringen für die grösste moderne Fabrik der Erde, wo man die Bergkuppen um die Pronybay wegschaufelt und in der einen Kilometer langen Fabrik zu Nickel verarbeitet, mit modernster Säuretechnologie, 6000 Leute am malochen, 24 Stunden rund um die Uhr, da eine von der EU mitfinanzierte Investition von 2 MILLIARDEN Euro schliesslich Rendite abwerfen soll, Nickelcadmiumackus für Handys und Euromünzen, die jetzt jeder Europäer im Hosensack hat, ausser wir Schweizer, denen die Fabrik bis vor kurzem mehrheitlich gehört hat, bevor sie an Rio Tinto verscherbelt wurde für ein Appel und ein Goldei - weil das ganze politisch ein Brachialakt geworden ist, der die Kanaken, wie sich die Ureinwohner Neukaledoniens nennen, ab und zu mal mit Stöcken und Gasbrennern einfahren und Maschinen im Wert von 20 Millionen Euros abfackeln lässt, was ein gutes Gefühl in der Unterhose gibt, aber leider die Raubritter der Moderne nicht davon abhält, die grössten Nickelvorräte der Erde abzusaugen und in klingende Münzen zu verwandeln.

    Wutentbrannt preschte Liberty unter prallen Segeln durch den Woodin Kanal, links Insel Ouen, wo die Chinesen die Jade klauten, rechts die "Jagdhütte" von Monsieur La Fleur, dem kürzlich entmachteten Obermafiosi der Insel und Busenfreund Chiraks, mit seinem Helikopterlandeplatz inmitten marquesasartiger Natur, eingerahmt von Gaugainschen Bergen und Wasserfällen und Miezen am Pool am Blasen. Mit einem Knochen im Mund (bone in the mouth), zieht Liberty mit 8,7 Knoten durch die Passage der Schönheit, wo niemand lebt ausser die Natur. Mit Tasard an der Angel, dem hier heimischen Speisefisch, senke ich mein Haupt gen Backbord, vis-a-vis von La Fleurs Jagdhütte, in die Märchenprinzessinnenbay namens Ire, voller Farben, Mustern, Gerüchen, die beim Fisch reinholen mein Herz erfrischen mit dem Gefühl, zuhause anzukommen. Hier, wo ich war, am 11. September, damals... Als ich im Paradis auf Erden, umkreist von schreienden Möven den kühlen Morgen entdeckte und beim Kafffee trinken die Deutsche Welle auf Kurzwelle lauschte. Alles etwas verrauscht. Ich dachte sie reden über den neusten Schwarzeneggerschwachsinnsfilm und schaute auch nicht auf die Uhr. Dass hier die Hauptnachrichten liefen, wusste ich erst, als ich laut genug einstellte, dass die Möven übertölpelt waren, mein Kinder übertönt, das Quietschen meiner eben erst geborenen Luna, das Rauschen des Passats der einsetzte.

    Dort in dieser Bucht war auch für mich eine Welt zusammengebrochen, das Worldtradecenter kenne ich von innen, den Menschen auch. Ich bin zusammengezuckt wie ein Eichhörnchen, bin klein geworden wie ein Käfer. Der ich nichts weiter auch war, in dieser götlichsten aller Landschaft, die Gott erschaffen haben mag. Wo der Mensch zwar da ist, die Erde zwar blutet, wie Grünspan an den Klippen funkelt, aber eben erst durch ihn sichtbar wird. Die unglaubliche Faszination des Geologischen, das komplett Andere als das Meer!

    Und als ich weiter segelte, nach Osten, auf dem Weg zu der mir gerüchtweise bekannten Insel Iaai, wusste ich damals, dass die Welt nun eine andere sein wird, von hien ab traurig, Schritt Zwei, nach Hiroschima, auf dem Weg, der vielleicht keine drei Schritte lang ist.

    Von damals und von dort drinnen im Labyrinth der Natur, bin ich nicht mehr als der fröhliche Steinschleuderjunge weitergezogen. Sondern dabei eher alt und zerbrechlich geworden. Dieser Gedanke kam mir im Vorbeisegeln auf dem Weg nach Noumea, zurück von wo ich damals kam. Irgendwann 1982, als ich mich per Zufall hierher verflog, in diesen goldenen Käfig namens Neukaledonien, wo nicht nur Gold ist, was glänzt. In der Ferne am Horizont tauchten Inseln auf, eine um die andere, bis dahinter wie eine Fata Morgana New York City auftauchte, soviele Lichter, wie ich seit über einem Jahr nicht gesehen hatte. Das Monpellier heisst hier Mont Dore, die Seepromenade ist mit Licht und rollstuhlgängig, nachts spielen Clubs und Noumea geht tanzen. Nicht Pane und Circensis, sondern Crevetten und Zirkus Samoa. Aus unbekannten Quellen ergiesst sich hier Lyon und Bagdad, Paris und Saint Tropez auf die Welt der Kanaken, klebt sie an und stellt sie aus wie Schmetterlinge in schillernden Farben. Kein Volk der Erde ist so gut angezogen, wie der moderne Kanake! Sie haben das Beste vom Besten gewählt von ihren Melanesischen Brüdern und Schwestern. Freie Kanaken zu sein, mehr als die Anderen, früher Babys zu kriegen, schneller "Oui" zu sagen. Statt "Non", der Amtssprache Noumeas.

    Und da lag ich. Vor Anker, eingeklemmt zwischen hundert Yachten voller Seenomaden, die sich hier sonnten. Und nicht 1700 Euros für ein Zweizimmerapartement an der Bay du Citron zahlen wollten. Allo mes cher ami! lange nicht gesehen! Irgendwie will ich immer weg von hier, komm dann aber immer wieder zurück. So ist es mit der Heimat.

    Mein Nachbarkanton empfing mich in Form des Immigrationsbeamten, des Zolles und der Quarantäne. Ich war verschwitzt, verpennt, gnadenlos rasiert und höchst erfreut, zu erfahren, dass wir Schweizer jetzt inzwischen kein Visum mehr brauchen, wegen diesen Dingsbumsverträgen. Und der Typ gab mir freundlich aber zackig den roten Pass zurück, den ich notabene jederzeit gegen einen französischen tauschen würde. (Tipps bitte mailen!) Weiter, nächstes Büro, Douane, rechts der Getränkeautomat, links die Reception, alles ganz klein und auf 60 Grad Minus runter gekühlt. Eine spitzbekinnte Blondine fingerte meinen Pass unter dem Glas durch, klappte ihn auf (Die Lichtensteiner können ja nicht rumreisen, weil sie zu grosse Pässe haben!), und wandte sich freundlich lächelnd dem Computer zu. Ich begann zu frieren.

    Ich begann zu finden, dass sie bereits recht lange die gleiche Zeile betrachtete. Den Schirm konnte ich nicht sehen, aber dass ihr Lächeln im Schneckentempo bergab ging, war ein Fakt.

    Sie sagte nichts und nichts, als plötzlich ein Zöllner eintrat, rote Streifen an den Hosen, mit dem unverpflichteten Lächeln eines Heilarmeemajors, gefolgt von einem Hüsteln, das man mit der Temperatur in Verbindung bringen konnte. Er war jetzt auch in die gleiche Zeile vertieft wie sie. Und auch er sagte nichts und nichts. Was sagt man da? Es ist heiss heute? Drum schwitz ich so. Oder, darf ich ihnen eine Fanta unter dem Glas durch giessen? Draussen entluden Kräne wie aus einem utopischen Weihnachtsmärchen Container aus den grotesk riesigen Schiffen.

    Europa, darf ich reinkommen?

    Er warf das erste Mal einen Blick zu mir, und dann sie auch, aber nur kurz. Zurück zu diesen Scheisshyroglyphen, die so nicht stimmten. Glaubt mir! Ich kenn mich aus mit Hyroglyphen!

    "Vous avez..." Sie haben mit uns mal Probleme gehabt? fragte er dünn. "Nun ja, ich weiss auch nicht mehr genau... Da war mal eine Patroullie in Thio, das wär's!"

    "Und?"

    "Na ja... (eh bain...), ich glaube es ging um unsere Motorprobleme."

    "Sie hatten Motorprobleme?"

    "Oui, Oui!" Das ist doch sicher, was dort steht, oder?

    "Non Non..."

    "Wir hatten Motorprobleme und mussten nochmal ran, an die Küste."

    "Zwei Wochen nachdem sie Noumea verlassen haben?"

    "Ja, so ist das manchmal. Segeln sie selber?"

    "Kommen sie in mein Büro!"

    "Fällig sind 20000 Francs Pacifique, unbezahlte Busse von 2006, bezahlen sie, und alles ist OK, was haben sie an Bord?"

    "Ach, so das Übliche, Ersatzteile, Zementsäcke, Armiereisen... Ach ja, und die Skulpturen halt, aber die habe ich ja im Papier ausgefüllt!" Ich bezog mich auf das Formular, das ich zusammen mit dem Pass abgegeben hatte.

    Und was machen sie denn mit den Skulpturen?

    In die Schweiz schicken.

    Wie GROSS sind dnn diese Skulpturen?

    Ganz leicht! Nur so handtellergross Manche. Aber es hat schon auch grössere.

    Na wie gross denn?

    Nun gut, ich stand auf, lief zwei kleine Schritte und setzte mich wieder auf den edlen Designstuhl aus Chromstahl und Ziegenfell.

    Klar wie Klossbrühe hatte ich Sekunden später ein Trupp Zöllner an Bord. Besonders gefiel ihnen der Parang aus Ambrym, der aus geschütztem Holz bestand - Baumfarn - und daher ein paar Stempel ihrer Saufkollegen in Port Vila brauchte, 1000 Vatu pro Stempel. Und dieses Papier hatte ich natürlich nicht. Mit meinem Bordkran und der Hilfe von 4 bewaffneten Douanniers hievten wir das Hundertkilostück auf mein Beiboot, damit ich es selber zum Land bringen würde, in Richtung diesem grauen Peugeot Kastenwagen, wo weitere Kollegen warteten in dunkelblauen Shorts. Ich bekam nun weitere 20000 Francs Busse. Beide Bussen zahlbar innert 24 Stunden!

    Zurück auf die Liberty und unter anfeuerndem Gejohle besoffener Zöllner, sowohl an Land wie auch dem Schiff, ruderte ich die adrette, sauber aussehende Quarantänebeamtin in Richtung Liberty. Auch "La Cuceratscha" genannt, wer sie kennt, oder Stall 5 - je nach Vorgeschichte und Wetterlage.

    Die Quarantänebeamte interessierte sich für das Tamtam an deck, nachdem sie unten sämtliche frischen Lebensmittel eingesackt hatte, inklusive Maiskörner für Poppkorn. Das 2,8 Meter lange Tamtam war ein ziemliches Objekt, wenn man nach Wurmlöchern sucht oder Termiten. Natürlich fand sie zwei, unten in der letzten Rille. Ich durfte das Piece trotzdem behalten, meine grösste Jagdtrophäe aus Melanesien. Einzige Bedingung, ich darf es nicht an Land nehmen!

    Das Leben ist kompliziert, aber warum immer sich gleich wehren? Ist es nicht auch schön, die Bedingungen von Aussen zu akzeptieren? Liberty kann dadurch in Noumea auch nicht an Land genommen werden, wegen dem Tamtam, einen Platz in einem der 5 Yachthäfen fand ich auch nicht, Bojen waren alle vergeben, sie nur am Anker zu lassen schier mir zu riskant - aber ich WOLLTE in die Schweiz. Meine Kinder, meine Frau nicht nur wiedersehen, sondern auch wiederentdecken. Ein Mensch ist wie ein Land und ein Land ist wie ein Mensch. Voller Baustellen! Und voller Ideen.

    Dass hier ein Lebensabschnitt aufhörte, der genau hier in der Orphelinat Bucht vor bald 4 Jahren begann, gefolgt von einem vielleicht möglichen "Relaunch" meiner so geliebten und wichtigen Familie, glaubte natürlich nur ich. Das Leben ist manchmal zu schrill, um erzählt zu werden, zu bunt, zu verrückt!

    Während ich in meinem Lastwagenfahreralbtraum einen Parkplatz für meinen Zementmischer suchte, nahm eine Bekanntschaft, die ich in Port Vila gemacht hatte, Kontakt zu mir auf - per mail - wie denn sonst? Einem Bumerang vielleicht? Immmerhin war sie jetzt wieder in Brisbane, nach ihrem Vanuatu Urlaub. Und sehnte sich nach mir. Eine attraktive Blonde fortgeschrittenen Alters (mir unbekannt), die ich an Bord des Dreimasters "Alvin" kennen gelernt hatte, an einer Party anlässlich des hundertsten Geburtstag des Schiffes, das als segelndes Spital Vanuatu mit Medizinern versorgt. Einmal im Jahr.

    Wer sie war, wusste ich nicht, interessierte mich nicht gross, trotzdem kam sie ein paar Wochen später, Alain und ich holten sie am Flughafen ab, ihr e-mail ist jetsetter@. Wir umarmten uns zum ersten Mal. Meine liebe S......!

    Von Anfang an gefiel sie mir, irgendwas spartanisches, was ich liebe, wir fanden ungeöffnete Corned Beef Dosen im Müll und ich kochte ihr damit eine Bolognaise. Sie sparte Wasser, wo es nur ging. Es war das erste Mal, dass sie auf einem Schiff schlief. S. war bezaubernd! Ich hatte das ganze Schiff innen auf kuschelig getrimmt, überall Blumen, die ich geklaut hatte. Dass ich nicht einen Dollar hatte, wusste sie schon vom Mail, dass es tatsächlich so war, merkte sie spätestens jetzt!

    Seekrank wurde sie an Tag 3, als Liberty immer noch in der Orphelinat Bucht vor Anker lag. Es hattte faustgrosse Wellen, die ich überhaupt nicht wahrnahm. Nach einer Woche Noumea und einem ersten Streit fuhr ich das Schiff durch die Nacht nach Prony. Hier, in der hintersten, schönsten Falte, der Carenage Bucht, die ein winziges Teil der Pronybucht ist, ankerte ich Liberty. Und freute mich, S. zu sehen, wenn sie bei Tag aus dem Bullauge neben meinem Doppelbett späht. Soviel kann ich dir bieten! Mehr nicht.

    Klar war sie von den Socken! Über Wochen durchstreiften wir die Berge und Täler hinter der Carenage Bucht, gingen baden in warmen Quellen, plantschen unter Wasserfällen und sonnten uns auf roten Felsen. Ebenso wie ich war sie Künstlerin. Ihr Herz schlug für die Musik und sie sang schön wie eine Nachtigall. Im Mond haben wir an Deck gegessen, mit Tischtuch. Und natürlich mit Guy an Bord. Der einsame Kämpfer für Schönheit in der Natur. Als ich ihn vor 8 Jahren kennen lernte, habe ich am darauffolgenden Tag gut 20 Seiten über ihn geschrieben. Lebte damals mit Frau und Kind total in der Pampa, hier in der Carenage, am mittleren Fluss. Das Haus wie die Häuser Vanuatus, ringsum alles offen, als Boden weisse Korallen, Grasdach, zweistöckig, drei Sofas, Solarkühlschrank, Bethoven aus wassedichten Lautsprechern. Am Fluss! Kanu am Baum angebunden.

    Die Frau hat ihn dann kurz darauf verlassen, wie das Frauen tun, wenn es kompliziert ausserhalb der Norm wird (Innerhalb der Norm darf es kompliziert sein), jedenfalls war Guy durch eine jahrelange Hölle gegangen, hat seine (nicht biologischen) Kinder nie wieder gesehen - und war gerade eben erst wieder aus der Scheisse gekommen. Und konnte guten Wein offerieren.

    S. hielt grosse Stücke auf Guy. Auch weil er Englisch spricht. Und sie mochte ihn, weil er ein wildes Tier war - aber kulturell ein Penthouse hatte. Guys Haus und Ort, den er seit Jahren pflegt, ist von all den Weissen, die sich im Wald mit der Natur "versöhnen" wollen, von all den Aussteigern zwischen Neuseeland und Hawaii die ich persönlich kenne, mein Topkandidat! Kein einziger Baum wurde gefällt, er lebt zurückgezogen im Wald, am Fluss, und badet. Was soll ein Mensch besseres tun?

    Mit S. wanderte ich nach Prony Village, mit all den überwucherten Gefängnismauern, wo die Pariser Kommune geschmachtet und in Minen geschuftet hatte, im vorletzten Jahrhundert, als man auf ein besseres Jahrhundert hoffte.

    S. hatte ihre helle Freude und inspizierte die Dicke der verrosteten Gitterstäbe. Ich machte tolle Fotos von ihr. Sie war zuerst im Leben Cop in Brisbane und hat danach die Laufbahn der Gefängniswärterin eingeschlagen, in der P-Sektion, wo man Politiker, Polizisten, Priester und Pädophile einkerkert, was ja echt auch ein guter "Combo" ist. Ich lernte viel von ihr. Sie war etwas älter als ich, aber hatte die Figur einer Dreissigjährigen. In China hat sie am Schluss Polizisten ausgebildet, was natürlich eine angenehme Eigenschaft einer Freundin ist.

    Schliesslich verabschiedeten wir uns zum siebten Mal von Guy, um auf die Pinieninsel zu segeln, mit den kokspuderweissen Stränden und den Pinienwäldern dahinter. Ich musste lange warten, bis mir das Wetter gut schien. Aber auch dann war es ruppig. Eine mir angenehme Bewegung des Schiffs - wie beim Reiten eines Elefanten - das aber bei ihr zu einer Art Schockstarre führte. Eine Nacht und ein halber Tag verstrich, bis mir klar wurde, dass S. im Sterben lag. Naja, fast jedenfalls! Im Salon auf der Koje kotzte sie von dort in Becken. Ich sah sie schon am Horizont, die Insel, die in einer Umfrage Amerikanischer Yachties als die schönste der Erde bezeichnet wird. BoraBora war gestern!

    Er war nur einen halben Tag weit in der Ferne, der Vulkan Pic Nga, die ganze Geschichte, wie Cook hier ausflippte, weil es hier die geradesten und grössten Pinien gab. Und gibt. Von 16 Sorten Säulenpinien, sind 12 oder 13 hier endemisch. Ein unglaublich schöner Anblick, dieses offensichtlich Nordische, aber umrahmt von einem türkisfarbenen Traumriff, für das Cook 2 Tage hatte, um in die Kuto Bucht zu gelangen, wo auch ich hinwollte. Weil die Kutobucht neben der Kanumerabucht liegt, die wie eine Droge dich verfolgt bis ans Lebensende. Da wollte ich hin, um auch S. "anzubinden" an dieses Reich der Sinne namens Neukaledonien, aber das hat dann nicht geklappt. Mitten in der Nacht lagen wir wieder in der Carenage. Der verdammt beste Ankerplatz im Fall eines Wirbelsturms im ganzen tropischen Südpazifik, abgesehen von Pango Pango auf Amerikanisch Samoa. Aber dort hat man die Fischfabrik, die eine Million Dosen Thunfisch pro Tag ausspuckt, aber hier nur Guy. Und wieder Guy. Wie kann man so bescheuert sein und so kompliziert leben, wo es doch Stadte gibt für das?

     

    S. war seit dem Ausflug Richtung Pinieninsel ziemlich knocked out. Ich auch. Zusammen genossen wir die Ruhe, schrieben, schliefen. Mein Schiff fand sie extrem toll, nie beengend, total heimelig. Ein schwimmendes Zuhause, das merkte sie, mehr als bloss ein Schiff! An eine Rückkehr mit ihr war aber nicht zu denken, also rief ich Alain an, ob er sie holen kommt in Prony, vielleicht mit seiner Frau Virginie. Dann könnte nämlich er mir helfen, das Schiff nach Noumea zurück zu segeln, während Virginie S. mitnimmt, im Jeep.

    Und so kam es dann auch. Mit einem meiner besten Pazifikkumpel steuerte ich - nein ER steuerte - durch den Woodin Kanal, an La Fleurs Jagdhütte vorbei. Alles stimmte! Keine Probleme mit NIX! Ich im Masttop am filmen. Vor mir Paris. Hinter mir die Südsee. Unter mir Allen, über mir Möven. Für diesen Tag hatte ich die ganze Reise getan!

  • agezur

    Ich habe deinen Bericht, oder besser deinen Tatsachenroman aufmerksam gelesen.
    Du bist ein guter Erzähler und zugleich ein Abenteurer der viel erlebt hat. Aber auch manchmal mit Unverständnis für diese Lebensart rechnen muß.
    Viel Glück weiterhin Christina

  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Ja, danke für den Tipp! Ich bin halt jemand der immer bis an den "Anschlag" geht... Bin mir dessen durchaus bewusst! Aber die braucht es doch AUCH, oder?

    Gerade jetzt und hier, für ein paar Monate zurück in der Schweiz, fällt mir auf, wie unsere Kompromisskultur uns letztlich bloss im Kreis laufen lässt - ohne Chance die festgetretenen Pfade (bzw. Autobahnen) je wieder zu verlassen.

    Freut mich, dass Dir mein "Roman" gefallen hat und danke für Deine Bewertung. Dass ich ihn in zwei Abenden "hingerozt" habe, war in dem Fall nicht abträglich...

    Gerd Fehlbaum

  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Ja, da bin ich SELBER gestolpert... Stört Dich mein nachgeschobenes ETWAS? Oder die ganze Szene?

    Auf Schiffen herrscht oft ein rauer Umgang miteinander. Ich habe mir immer Mühe gegeben, diesen zu vermeiden. Irgendwann habe ich das aber nicht geschafft. Irgendwann war ich für ein paar Sekunden Captain Ahab... DAS riskiert JEDER, der sich so benimmt, an Bord JEDEN Schiffes!

    Jedenfalls war ich hier ehrlich genug, auch diese Szene einzuflechten....

    Gruss

    Gerd

    PS. Lies bitte als "Ausgleich" meinen neuen RB "Delfine unter dem Kopfkissen". Ich kann auch - WIR konnten auch - ganz anders. Die fehlenden 7 Teile werde ich innerhalb der nächsten 2 Wochen raufladen.

  • kawasakipower

    Hallo Gerd,
    ich bin ja ganz außer Atem vom lesen,das ist ja ein Liebes,Reise und Abenteuer Roman in einem.So viel Erlebtes und Persönliches von sich preis zu geben ist schon Bemerkenswert.
    Dein Stil gefällt mir,mitten aus dem Leben,es kommt wie es kommt.Ehrlich spontan so wie es ist.
    An Bord geht es zu wie in einer Gourmet Küche,das ist nicht immer Zuckerschlecken,das weiß ich weil mein Onkel Kapitän eines großen Container Schiffes war und schon die ganze Welt umschippert hat.
    Danke das du uns an deinem Leben Teilhaben läßt.Respekt.

    Lg Melanie

  • Marko

    Hi Gert,

    das ist wohl ein rauhes leben auf hoher See.
    ganz besonders hat mich das Foto beeindruckt.
    Das Caiman Auge ist der Wahnsinn.
    Bin ganz begeistert.
    bei www.casa-vieja-merida.com findest du ähnliche.

    Alles gute
    Marko

  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Hi Marko

    Das ist kein Caiman, sondern ein Indo-Australisches Leistenkrokodil. Also ein "Salty". Ziemlich unangenehme Biester! Im statistischen Schnitt wird alle 5 Tage auf den Solomonen jemand von einem Salty getötet. Meistens Kinder! Angriffe gibt's leider fast täglich. Diese Biester vermehren sich sehr schnell, seit den Solomonen die Waffen weg genommen wurden, wegen dem Bürgerkrieg, der jetzt aber unter Kontrolle ist. Auch sagt man, dass es mit der Meererwärmung zu tun hat. Jedenfalls gîbt es sie an den meisten Küsten der Solomonen Inseln. Von einem Schiff aus sieht man sie manchmal von ganz nah!

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  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Noch an Kawasikipower:

    Danke für Deine Kritik. Ist einer meiner "rohesten" Texte, den ich je preisgegeben habe... Zwei Abende runtergerattert, zwei Mal Korrektur gelesen (trotzdem viele Fehler übersehen, Sorry!) und einfach mal hochgeladen auf mein neues Geo Account. Und sehen was passiert...

    Hätte ich lange rumgefeilt, wäre vielleicht die eine oder andere Szene rausgekippt. Manchmal schreibe ich wild drauflos, wie mit einer Kawa, quer durch die Mitte, notfalls auch durch das Schlammloch...., dann schreibe ich wieder ganz gesittet, alles muss geschliffen sein und so. (Siehe RB "Eine ganz blöde Geschichte" an der ich Monate hatte, trotz ihrer Kürze.)

    Deine Einschätzung, dass es beim Segeln wie in einer Gourmetküche zugehen kann, finde ich interessant, (bei mir kommen Erinnerungen hoch an den Trickfilm "Ratatouille"...), aber ich möchte den Vergleich noch ergänzen: Ein Edelrestaurant, wo man auf dem Weg zwischen Küche und Speisesaal selber von einem Hai gefressen werden kann... Was viele Landratten (zu denen Du ja NICHT gehörst) nicht verstehen, ist die einfache Logik, dass unterwegs das Wohlergehen des SCHIFFES im Vordergrund steht, nicht der Leute an Bord. Aus zwingenden Gründen!

    Gruss und danke für Deine Bewertung!

    Gerd

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