Stumme Schreie

Reisebericht

Stumme Schreie

Reisebericht: Stumme Schreie

Warschau zur Zeit des Nazi-Terrors.
Eindrücke von unserem Warschau-Besuch im Oktober 2009.

Das neue Warschau



Ich hatte viel über die Leiden der Warschauer Bevölkerung während der Zeit der deutschen Besetzung im 2. Weltkrieg gelesen. Ich dachte auch immer, durch Dokumente wie die Schilderungen von Marcel Reich Ranicki über sein Erleben des Aufstandes im jüdischen Ghetto oder Polanskis Film „Der Pianist“ ein Bild des Nazi-Terrors in Warschau in meiner Vorstellung zu haben, was solch ein Geschehen aber außerhalb der medialen Vermittlung bedeutete, wurde mir erst bewusst, als ich mit meiner Frau im Oktober diesen Jahres die polnische Hauptstadt besuchte.



Auf dem alten Markt in Warschau




Als Besucher wird man zwei Bereiche der Stadt erleben, zum einen die historische Altstadt, zum anderen das moderne Warschau, das nach Ende des zweiten Weltkrieges errichtet worden ist. Bauliche Substanz dazwischen gibt es nicht, doch selbst das Bild des historischen Warschaus in der Altstadt ist ein Trugbild. Sie war ebenso wie der gesamte Rest der Stadt durch die deutschen Besatzer komplett zerstört und wurde erst in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts durch polnische Restauratoren wieder aufgebaut.



Das Warschauer Schloss



Wenn man wie wir fotografierend durch die Straßen der Stadt geht, erschreitet man sich sinnlich die Bedeutung des Wahnsinns. Einerseits trifft man natürlich die Denkmäler für die Zeit des Nazi-Terrors, hat die Bilder des Kniefalls von Willi Brandt am Denkmal des Aufstandes im Warschauer Ghetto im Kopf, hierbei erlebt man aber auch konkret, wie groß dieses Ghetto war und in das ein Drittel der Bevölkerung Warschaus eingepfercht war. Wenn man aber genau hinschaut, wird man ganz wenige Reste der baulichen Substanz des Ghettos finden können, einige wenige verfallene Häuser aber auch Reste der Mauer des Ghettos, die nur erhalten sind, weil sie Bestandteil einiger stehen gebliebener Häuser Warschaus waren.

Direkt am Ort des Geschehens haben natürlich auch die Dokumente der Besatzung auf den Betrachter eine andere Wirkung, als wenn man mit ihnen im eigenen Zuhause durch die Lektüre von Büchern konfrontiert wird.

Zwei dieser Dokumente beeindruckten uns noch nachhaltiger als der Rest:
Zum einen der Befehl der deutschen Besatzungsmacht: „In deutschen Fabriken wird Deutsch gesprochen.“ Er ließ mich nachdenklich werden gegenüber der aktuellen Anordnung, dass in deutschen Kindergärten Deutsch gesprochen werden soll.

Zum anderen ein Plakat, auf dem dokumentiert worden ist, wie viel Kalorien einem Deutschen, einem Polen, aber auch einem Juden zur Verfügung stehen.

Natürlich hat das heutige Polen den Terror in vielen Museen dokumentiert. Das Museum in der Schucha-Allee, eingerichtet in den Räumen des Gestapo-Gefängnisses, in dem die Einritzungen in den Zellenwänden die Leiden der gefolterten Polen dokumentieren. Eine anschauliche Darstellung dieser Dokumente finden sich auch in dem Dokumentar-Film „Stumme Schreie“ des Filmemachers Hartmut Kaminski, durch den ich viele Hinweise für unseren Besuch Warschaus erhielt.



Das Warschauer Ghetto



Ein Stein gewordenes Monument für das jüdische Leben in Warschau ist der jüdische Friedhof in Warschau. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass diese Gräber der Vernichtung durch die Nazis entgehen konnten.



Jüdischer Friedhof in Warschau

Keine Bildinformationen verfügbar


Als wir Warschau verließen, fing es, auch für Warschauer Verhältnisse früh, an zu schneien, der Himmel war grau und der Matsch des schmelzenden Schnees begleitete uns. Die Wetterverhältnisse verhinderten, dass wir auf unserer Fahrt noch die Gedenkstätte im Wald von Palmiry besuchen konnten. Doch gingen mir auf der Fahrt immer wieder die Gedanken an die Zukunft der Juden, der Polen, die ja auch Teil der eigenen Zukunft sein werden, durch den Kopf. Dabei stießen wir dann auf folgendes Schild, dessen Bedeutung uns nicht klar war, das aber eine Reihe von Assoziationen wach rief: Wer hat das warum geschrieben?



Polen heute


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Kommentare

  • traveltime

    Guter Bericht,
    wer aus der Geschichte nichts lernt, ist dazu verurteilt sie noch einmal zu erleben!
    Danke
    LG Rolf

  • Blula

    Ein guter Bericht, der natürlich auch beklemmend ist, einfach Betroffenheit hinterläßt. So ist das nunmal, wenn man mit dieser, unserer Geschichte konfrontiert wird. DANKE, dass Du uns auch Deine Empfindungen hier mitgeteilt hast. Mir ist es ähnlich ergangen, als ich vor vielen Jahren eine Studienreise durch Polen unternahm.
    LG Ursula

  • A1B2CC

    Hei, ich lese diesen Bericht um 22:32, habe an einen schönen Bericht aus Polen gedacht. Dann lese ich diesen wunderbaren Nachdenklich machenden Bericht. Ich habe auch den Film "Der Pianist" gesehen. Der sehr ergreifend ist. Dein Bericht ist toll und macht wieder einmal deutlich, dass man sich mehr mit dieser Zeit beschäftigen sollte. Danke und liebe Grüße Christian!

  • A1B2CC

    Und wenn man dieses Schild sieht weiß man eigentlich gar nicht mehr, was man denken soll. Da sagt noch einer wir sind eine Antirazistische Welt. Aber man sollte sich dazu seine eigenen Gedanken machen. Danke nochmals. Christian!!!

  • RdF54

    Aus der Realität zurück in die Geschichte um wieder in der Realität anzukommen ...
    Sehr nachdenklich machend!

    LG Robert

  • pleuro

    Ein sehr einfühlsamer Bericht - danke!!!

  • doubleegg

    Fünf Punkte für diesen gewissen-haften Bericht und die Einsicht, dass man seine Nachbarn viel zu wenig wahrnimmt. Danke!

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  • mamaildi

    Viele Denkanstöße - unterlegt mit eindrücklichen Bildern; das macht einen guten Bericht aus.
    Eine Anmerkung sei mir trotzdem erlaubt: den Vergleich des Deutschsprechens in den von Nazis besetzten Fabriken mit der aktuellen Auflage, in deutschen Kindergärten (und Schulen) deutsch sprechen zu müssen. Um hier in Deutschland nicht zu scheitern, ist es für alle Kinder mit Migrationshintergrund immens wichtig, ausreichend gut deutsch zu sprechen. In vielen dieser Familien wird ausschließlich die Heimatsprache gesprochen, dazu läuft Fernsehen aus dem Herkunftsland, der Kindergarten ist also die einzige Möglichkeit, deutsch zu lernen. Und das ist erste Voraussetzung für eine erfolgreiche Schullaufbahn in Deutschland. Somit ist das Deutschgebot zum Wohle der Kinder erlassen worden - und nicht, um jemandem seine kulturelle Identität zu nehmen!

  • Saibic

    Hallo Ildiko,
    ich bin natürlich deiner Meinung, dass auch türkische Kinder Deutsch lernen sollen .
    Ich denke nur, das muss das Ergebnis der pädagogischen Arbeit in den Kindertagesstätten sein und kann nicht angeordnet werden.
    Dazu kommt, dass man leider auch zu viele Erzieherinnen findet, die der Meinung sind, dass in Deutschland schon zu viel Türkisch gesprochen wird.
    Liebe Grüße
    Jürgen

  • Claus_Wagner

    Lieber Jürgen,
    danke für diesen Bericht. Gerade zum Jahresende ist es gut, noch einmal eine große Portion zum Erinnern und Nachdenken zu "inhalieren".
    In Warschau war ich noch nicht. Jedoch erinnere ich mich an 1992, als ich in Danzig war und die Westerplatte besuchte. Dort war ein kleines Museum, in dem ein Veteran arbeitetet. Er erkannte uns als Deutsche und legte sehr viel Wert darauf, uns alles genaustens zu zeigen. Unsere natürliche Betroffenheit war für ihn ein hoher Lohn für seine Arbeit. Und so signierte er uns Postkarten mit Motiven der 1993 umkämpften Westerplatte als Erinnerung. Diese Erlebnis hat mich bis heute nicht mehr losgelassen.
    Ein offenerund ehrlicher Umgang mit der Vergangenheit, auch wenn man selber nicht aktiv daran beteiligt war, führt zur Vergebung, Freundschaft und Völkerverständigung!
    Dies ist die Verantwortung jedes einzelnen. Dein Bericht ist ein wertvoller Beitrag dazu!
    Viele Grüße
    Claus

  • mamatembo

    Ein sensibler und wichtiger Bericht - Danke!

  • 238EWT

    Guten Abend Jürgen,
    ähnliche Empfindungen hatte ich, als ich 1988 - also noch zu DDR-Zeiten - bei Schneetreiben die Gedenkstätte des KZ Buchenwald bei Weimar besuchte. Ich war der einzige Besucher auf dem riesigen Gelände, allein mit meinen Gedanken. Das war gut so.
    LG Eberhard

  • sigurd

    Sehr gut geschrieben und gute Fotos.
    Zum Schild - Schmierfinken gibt es überall. Man darf das auch nicht sonderlich bewerten.

    Gruß
    Sigi

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  • brandriba

    Bedenklich dass die Menschheit aus der Vergangenheit sowenig in die Gegenwart mitgenommen hat... Dein guter Bericht hat mich dazu angeregt mal wieder Reisen nicht nur als Genuss zu sehen. Das letzte Bild spricht Bände LG DAni

  • ingepeter (RP)

    Danke Jürgen für den Tipp deinen Bericht zu lesen. Im Laufe der Jahre las ich viele authentische Romane und Berichte über die NS-Zeiten in Polen, in unserem Land und die Auswirkungen auf andere Länder. Wie die Mehrheit hier in der RC habe ich ja das Glück gehabt nichts am eigenen Leibe erleben zu müssen. Da meine Eltern aber geflohen sind, bin ich mit den Gefühlen des Verlustes der heimatlichen Wurzeln groß geworden. vielleicht der Hintergrund meines ständigen Fernwehs?
    Die Hoffnung bleibt mir, dass wir Menschen ewas aus diesen grausamen Zeiten gelernt haben und ich bin durchaus dafür, dass auch die Schüler immer wieder nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht werden. Ich möchte allerdings nicht, das Generationen nach uns, noch immer mit gesenkten Kopf durch diese Welt laufen müssen, weil unsere Voreltern entweder gausam gehandelt haben oder sie nicht sehen wollten.
    Betroffen bin ich jedoch, wenn ich oft genug feststellen muß, dass gerade die ältere Generation nicht genug aus dieser Vergangenheit gelernt hat, denn die die heute wieder braunes Gedankengut in der Welt verbreiten wurden angelernt von den ewig Gestrigen.
    Gruß Inge / ich melde mich nach Rückkehr aus Polen

  • sonnenklar

    Interessanter Bericht, meine 5 dafür !

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