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Industrielle Revolution Das Schicksal der Adler

Sie ist ein Sinnbild der Industriellen Revolution in Deutschland: die Lokomotive „Adler“, mit der am 7. Dezember 1835 zwischen Nürnberg nach Fürth ein Zeitalter unentwegter Beschleunigung beginnt. 1857 aber wird die Zugmaschine einfach ausrangiert – und verschwindet für viele Jahre aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit

7. Dezember 1835

Auf den Schienen zwischen Nürnberg und Fürth läutet die erste Eisenbahn Deutschlands ein neues Zeitalter ein. Gezogen werden die Waggons von der Dampflokomotive „Adler“, die Ingenieure der Firma Robert Stephenson & Co. im englischen Newcastle upon Tyne konstruiert haben. Gut zwei Jahrzehnte leistet die Lok auf der Strecke zuverlässige Dienste. Doch als sie 1857 außer Betrieb genommen, demontiert und verkauft wird, nimmt niemand davon Notiz.

Nur ein einziger Waggon aus jener Zeit bleibt erhalten: Zwei königstreue Nürnberger Bürger bewahren den letzten originalen Personenwagen des „Adler“-Zuges 1877 vor einem ähnlichen Schicksal wie dem der Lokomotive - soll doch darin einst König Ludwig I. von Bayern gereist sein. Sie übergeben den Waggon an das Germanische Nationalmuseum ihrer Stadt.

Die „Adler“ geht verloren

Den historischen Wert der Lokomotive erkennen die Nürnberger erst kurz vor der Jahrhundertwende – als Symbol der Industriellen Revolution, die das Land in die Moderne geführt hat. Jedoch zu spät: Die „Adler“ ist längst verschollen.

1894 beschließen Eduard Ley, Direktor der Ludwig-Bahn, und der Nürnberger Bürgermeister Georg von Schuh die Lok nachzubauen. Doch die Rekonstruktion erweist sich als schwierig: Ein Großteil der Pläne ist verloren gegangen, und die erhaltenen Darstellungen vermitteln keinen vollständigen Eindruck. 1900 schließlich übergibt von Schuh dem im Jahr zuvor eröffneten Eisenbahnmuseum in Nürnberg ein „Adler“-Modell im Maßstab 1:10. (61 Jahre später wird die Lok dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer zum Geburtstag geschenkt; sie ist heute verschollen.)

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Modell der „Adler“ mit Tender, DB Museum in Nürnberg. Die Zugmaschine für die erste deutsche Eisenbahn kam 1835 aus England – im rückständigen Deutschland gab es kein Unternehmen, das Lokomotiven bauen konnte

Der erste originalgetreue Nachbau

Mitte der 1920er Jahre planen Eisenbahn-Fachleute, die „Adler“ endlich originalgetreu und fahrtüchtig nachzubauen. Doch das Geld ist in dieser Zeit der Wirtschaftskrisen knapp. Erst die Nationalsozialisten finanzieren zum einhundertjährigen Eisenbahnjubiläum 1935 die Rekonstruktion der Lokomotive.

Die englische Lokomotive wird jedoch nicht als große technische Leistung präsentiert, sondern als Kuriosum einer rückständigen Zeit – um so den Fortschritt des deutschen Eisenbahnwesens während des vergangenen Jahrhunderts hervorzuheben.

Tatsächlich ist eine Fahrt mit der rekonstruierten Dampflok eine Hauptattraktion der Jubiläumsausstellung 1935. Die Ingenieure haben das Modell dem Stand der Sicherheitstechnik angepasst: So beträgt die Wandstärke des Kessels statt acht nun zwölf Millimeter.

Feuer! Feuer! Feuer!

Die Kriegsjahre übersteht das „Adler“-Modell unbeschadet, vermutlich in einem Schutzdepot, und schon 1950 fährt die Lokomotive wieder anlässlich der 900-Jahrfeier Nürnbergs. Das Eisenbahnmuseum (heute DB Museum) richtet 1960 einen „Adler-Saal“ für die Lok und den 1877 geretteten Waggon ein. Zu großen Jubiläen dampft der Nachbau weiter über Schienen – bis 2005 ein Feuer im Nürnberger Museum ausbricht.

Die Flammen beschädigen die Lokomotive schwer. Erst Ende 2007, nach einer aufwendigen Restaurierung, stellt das DB Museum die Lokomotive wieder aus. Die „Adler“, das einst verschmähte und vergessene Symbol einer neuen Ära, erstrahlt in neuem Glanz – bald erneut bestaunt auf den Gleisen der Republik.