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GEO Magazin Nr. 09/06 Seite 1 von 4


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Transnistrien: Besuch in einem Möchtegern-Staat

Rubel, die keiner haben will. Pässe, die nirgendwo gültig sind. Ein Regime, von dem die Welt keine Kenntnis nimmt. Doch unbeirrt kämpft Transnistrien weiter für die Abspaltung von der Republik Moldawien. Nur Russland leistet Beistand - um sich mit der abtrünnigen Enklave am Rande Europas seinen letzten loyalen Satellitenstaat zu erhalten

Text von Andrea Böhm

Die Welt sagt: Dieses Land gibt es nicht. Der Grenzsoldat im grün-braun gefleckten Kampfanzug sieht das anders. Und man möchte ihm nicht widersprechen. Zwischen Stacheldraht und Betonsperren inspiziert er wortlos die Pässe und dirigiert die Reisenden mit einer Kopfbewegung in eine Baracke. Hier wird die Einreisegebühr kassiert: umgerechnet 40 Cent. Dann darf man passieren - vorbei an einem mannshohen Wappen mit Ährenkranz, rotem Stern, Hammer und Sichel. "Willkommen in der Transnistrischen Moldawischen Republik", steht in kyrillischen Buchstaben darauf. Willkommen in der TMR.


Lenin steht in Transnistrien unter Denkmalschutz. In der
Hauptstadt Tiraspol ragt seine Statue vor dem Sitz der Volksvertretung auf, die hier immer noch "Oberster Sowjet" heißt (Foto von: Jonas Bendiksen)
© Jonas Bendiksen
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Lenin steht in Transnistrien unter Denkmalschutz. In der Hauptstadt Tiraspol ragt seine Statue vor dem Sitz der Volksvertretung auf, die hier immer noch "Oberster Sowjet" heißt

Das "Republikchen"

Was sich da am Ostufer des Flusses Dnjestr hinschlängelt, ist eher ein "Republikchen" - rund 200 Kilometer lang und an manchen Stellen so schmal, dass man, wenn man zu viel Gas gibt, aus Versehen ins Nachbarland rollt. Im Osten ist das die Ukraine. Im Westen liegt die Sache komplizierter. De jure gehört die TMR zu Moldawien, einer ehemaligen Sowjetrepublik. Die Amtssprache ist Moldawisch, ein Dialekt des Rumänischen. Die Bevölkerung besteht zu zwei Dritteln aus Moldawiern, der Rest sind Russen, Ukrainer, Gagausen und Bulgaren. Die Hauptstadt heißt Chiinu. Die Bevölkerung der TMR besteht zu zwei Dritteln aus Russen und Ukrainern, der Rest sind überwiegend Moldawier. Die Hauptstadt heißt Tiraspol.


Kampfanzüge und Kalaschnikows an einer Grenze, die keine ist: Russische Soldaten sind als "Friedenshüter" in Transnistrien stationiert - Moskaus Einfluss sichern sie gleich mit (Foto von: Jonas Bendiksen)
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Kampfanzüge und Kalaschnikows an einer Grenze, die keine ist: Russische Soldaten sind als "Friedenshüter" in Transnistrien stationiert - Moskaus Einfluss sichern sie gleich mit

Auch dieser Staat verfügt über eine eigene Währung, Armee, Nationalhymne und über ein Parlament, den "Obersten Sowjet". Nur der UN-Sitz fehlt. Sofern die Welt der TMR und ihren 555.000 Einwohnern überhaupt Aufmerksamkeit schenkt, hat sie wenig Freundliches zu sagen. "Freiluftmuseum des Kommunismus" nennt man die Republik, und dieser Spitzname trifft auf den ersten Blick zu: Die Polizisten sehen aus wie Statisten in DDR-Fernsehkrimis; die staatlichen Medien verurteilen beflissen die "imperialistischen Umtriebe der USA"; an den Straßen blättert die Farbe von Parolen über die Glorie des werktätigen Volkes; Kriegerdenkmäler erinnern an die im 2. Weltkrieg gefallenen Sowjetsoldaten - und an die Helden des Kampfes um Transnistriens Unabhängigkeit.


Sozialistischer Supermann: Im Schlammgrau der Straßen von
Tiraspol wirken die Mauerbilder aus sowjetischer Zeit wie
monumentale Comiczeichnungen. "Wir Transnistrier mögen
das", behaupten die lokalen Politiker (Foto von: Jonas Bendiksen)
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Sozialistischer Supermann: Im Schlammgrau der Straßen von Tiraspol wirken die Mauerbilder aus sowjetischer Zeit wie monumentale Comiczeichnungen. "Wir Transnistrier mögen das", behaupten die lokalen Politiker

20.000 Tonnen zurückgelassene Munition

Denn auch am Dnjestr endete nach dem Zerfall der Sowjetunion die verordnete Brüderlichkeit mit einem Krieg. Auf dessen Höhepunkt im Juni 1992 beschossen sich transnistrische Milizen und moldawische Soldaten mit allem, was die zwei neu geschaffenen Armeen in kurzer Zeit hatten auftreiben können. Hunderte Menschen starben. In Westeuropa war man zu sehr mit dem aufziehenden Unheil auf dem Balkan beschäftigt, um zu begreifen, was in jenen Tagen besiegelt wurde: die Existenz eines Unruheherds am Rande Europas, der von Russland kontrolliert wird und in dem sich immer noch über 1000 russische Soldaten samt 20.000 Tonnen von der Armee zurückgelassener Munition befinden. Was mit ihren Zehntausenden Handfeuerwaffen geschehen ist, bleibt ungeklärt.


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Kommentare zu "Transnistrien: Besuch in einem Möchtegern-Staat"

Johann | 03.03.2014 16:06

ich weiss nicht wie dumm und daemlich manche sind...die aus "versehen" in Transnistrien geraten!! Das die Polizei da Geld abnimmt bei auslaendischen Autofahrer oder Motorratfahrer...kann auch genau so passieren wie in Moldawien...Rumaenien oder Bulgarien..also nix neues unter der Sonne. Bleibt den ganz einfach weg...und geht woanders hin. Das Land ist einfach mega arm...und korrupt bis auf die Knochen. Beitrag melden!

Hermann Nierhaus | 26.11.2011 15:20

Homepage: http://hnsonne.jimdo.com/ (Bilder aus Transnistrien)
Ich bin am 22.05.2011 mit einem öffentlichen Bus von Chisinau nach Tiraspol gereist! Die Einreise war ohne Probleme! Die Grenzer benahmen sich wie in jedem anderen Land, in dem die Grenzer die Englische Sprache nicht verstehen! Die Einreise war kostenlos! Die Menschen sind sehr freundlich, aber schüchtern! Die Ausreise war wieder unproblematisch! Am 23.05.2011 bin ich wieder mit dem öffentlichen Bus von Chisinau nach Dubäsari, Transnistrien gereist! Ich hatte nur Sprachprobleme, sonst waren die höflichen Menschen sehr hilfsbereit! Die Bilder an den Grenzstationen sind natürlcih heimlich gemacht worden! Es ist ein armes Volk in einem diktaturähnlichen System. Die Menschen dürfen aber z.B. nach Moldawien reisen! Leider leben wir ja auch nicht mehr in einer lupenreinen Demokratie (siehe völkerrechtswidriger Angriffskrieg der NATO gegen Serbien)!
Beitrag melden!

IKL | 20.06.2010 22:04

Ich bin in Tiraspol geboren und aufgewachsen und eins sage ich euch: "Gott sei dank, daß ich dieses Land verlassen habe!". Obwohl ich ganz normale Kindheit und viele gute Zeiten dort erlebte wundert mich gar nicht was aus diesem Land und Menschen geworden ist. Betriebe stehen still, kaum wird etwas produziert. Damit Bevölkerung über die Runden kommt, wird gedealt, geraubt und geklaut. Märkte dort sind kilometerlang. Schlimmste Zeit war das Kampfjahr 92. Sogar die Hunde hatten Angst zu bellen.
Wenn mich einer fragen würde ob ich "Heimweh" hätte, sage nur: Ich mochte Tiraspol nie und mein Zuhause ist Deutschland. Beitrag melden!

Chisinau | 23.02.2010 06:46

Die Hauptstadt Moldaviens heisst nicht Chiinu, sondern Chisinau(ausgespr.-Kishinäu)
Transnistrien lebt nicht hauptsächlich vom Schmuggel, sondern eher von der Schwer und Textilindustrie,die dort schon seit den Sovjetzeiten ansässig ist
Leider sorgt Russland immer noch dafür das sich diese Verbrecher dort die Taschen füllen, solange sie tun was der Kreml sagt.Durch die Aufstellung von US Raketen in Rumänien wird dieses Problem für Moldavien ewig bestehen(Transnistrien hat schon angeboten, Russische Raketen auf "ihrem" Territorium aufzustellen).
So wie die Sovjetunion dafür gesorgt hat ,dass Moldavien eine der reichsten Republiken war, hat ihre Auflösung und die Russische Politik dafür gesorgt,das es zum Armenhaus wurde.Die einzige Industrie Moldaviens liegt in Transnistrien....und somit ausserhalb Moldavischer Kontrolle.
Die illegale abspaltung von Transnistrien und Südbessarbien bis zur Schwarzmeerküste durch die Sovjetunion bzw. Russland sind der Hauptgrund für die Armut Moldaviens!!! Beitrag melden!

Jochen Kissly | 26.12.2009 14:50

Icch wurde im Sept.2009 in Tighina (Bendey) von der Miliz angehalten und um Geld angeherrscht.
Als ich nicht bezahlte wurde ich geschlagen und körperlich misshandelt - es wurde versucht meine Digitalkamera zu stehlen.
Als meine Beifahrerin die Botschaft in Kishinev anrief und fotagrafierte brach die Miliz den Raubüberfall ab - der im Übrigen von einem Zivilfahrzeug mit ital. Kennzeichen begleitet wurde.
Das Land ist ein Verbrecherstaat! Beitrag melden!

Leowe | 05.04.2009 02:27

Ein Guter Artikel bin selber aus TMR sehr interesat was da geschrieben ist. Beitrag melden!

chris | 03.09.2008 07:15

wir sind auch unwissentlich am 27.8.08 mit dem wohnmobiel dort hin geraten. hatte die route odessa romänien vom FALK routenplaner übernommen! aber auch in den ADAC planungskarten ist nichts von diesem land zu finden. die 70 Km haben uns 500 Eu gakostet.
grüße, chris Beitrag melden!

Rolf | 25.05.2008 17:44

Bin aus Versehen (wir glaubten die Grenze zu Moldawien vor uns zu haben) vor 2 Wochen mit 2 weiteren Motorradfahrern dort reingeraten. Und es ist eben nicht übertrieben, eher schlimmer. Wir haben bei zahlreichen Kontrollen durch uniformierte Wegelagerer (es wurde alles kontrolliert, insbesondere was man im Portemonaie hatte) an nur einem Tag weit über 100€ an "Straßennutzungsgebühren", "Strafen" wegen "fehlender Dokumente" oder "Grenzabfertigungsgebühren" abgenommen. Es herrscht völlige Willkür, man ist absolut ausgeliefert und bekommt seine Papiere erst nach Zahlung (selbstverständlich ohne Quittung) zurück. Beschwerden sind natürlich nicht möglich, wo sollte man es auch tun. Wir waren heilfroh als wir Moldawien nach über 7 Stunden für ca 70 Km erreichten...
Harry empfehle ich einen Besuch, damit er weiß wovon er spricht... Beitrag melden!

micmod | 21.11.2007 12:20

Hallo !
Habe Tiraspol besucht und es ist tatsächlich in Transnistrien wie in einem " Kommunismus - Freilicht - Museum ". Da hat der Autor absolut nicht übertrieben . Auch wenn manche " Altlinken - Sozialismus - Fetischisten " es nicht wahr haben wollen aber die Realität dort ist nichts weiter als grau . Dieses Grau hat zwar viele Schattierungen aber es ist und bleibt grau .
Grüsse Beitrag melden!

Trainspotter | 27.09.2007 23:06

Zu Transnistrien gibt es seit jetzt ein Foto/Text Buch. Mehr info dazu unter http://www.fischka.com Beitrag melden!

harry | 25.08.2007 16:35

Ich muß mich doch ganz schön wundern. Wüßte ich nicht, daß wir das Jahr 2007 u.Z. schreiben, wäre ich versucht zu glauben, dieser Komiker von Löwenthal hätte dem Autor diesen Artikel in die Tasten diktiert. Einfach unglaublich. Keine Ahnung von Sozialismus, aber schön in alte Parolen und Denkweisen sich ergehen (Sozialismus= graue Häuserwände und Plattenbauten. Nur übersieht dabei der Autor, daß es sowas auch in Westdeutschland zur genüge gibt). Mir wäre ein Artikel lieber gewesen, der frei von einem westdeutsch-dogmatischen Hochmut geschrieben wurde.
Aber das kennen wir ja, alte Parolen unkritisch übernehmen. Schade eigentlich, denn dieses Thema an sich ins Licht zu rücken, hat seine Berechtigung.
Ich danke jedoch dem Autor für die zwingende Schlußfolgerung, daß Staaten, oder solche die es sein wollen, an Plattenverträgen scheitern können. Darauf wäre ich nie gekommen. Jetzt weiß ich wenigsten, warum hier das selten dämliche DsdS organisiert wird. Danke.
Einen sanften Tag noch. Beitrag melden!


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