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GEO Magazin Nr. 04/08 Seite 1 von 3


Kasachstan: Fischzug mit Kamel

Wenn im Winter die letzten Fischer vom Aralsee ihre unter dem Eis ausgelegten Netze bergen, haben sie vor die Lastschlitten Trampeltiere gespannt. Die Väter dieser Männer waren noch wohlhabend, arbeiteten auf Trawlern, machten reiche Fänge - bis irrwitzige Eingriffe in die Natur den See zerstörten. Die Söhne sind nun gezwungen, zur Lebensweise der Steppenbewohner zurückzukehren, Kamelhaltung inklusive

Text von Gaël Guichard und Andreas Weber

An einem Tag wie diesem müssen sie vorsichtig sein. An einem Tag wie diesem kann der See für die drei Männer zur Falle werden. Wenn der Frost nicht streng genug ist, wenn eine stumpfe Wolkenschicht die Sonne verschluckt und der Schnee mit dem Himmel verschmilzt, dann sind die Spalten in der Eisschicht besonders tückisch und kaum zu erkennen. Dann kann es geschehen, dass einer durch das splitternde Eis bricht – oder schlimmer noch: dass ein Kamel, das den Schlitten zieht, im See versinkt, zusammen mit dem rohen Holzgestell, auf dem die Netze liegen und der Fang eines Tages.


Nach dem ersten harten Frost haben Fischer des kasachischen Dorfes Tastubek unter der Eisdecke Netze ausgespannt. Nun
holen die Männer sie durch Löcher entlang der Strecke wieder ein. Ihr Fang: Flundern – jene Speisefisch-Art, die es in dem mit Salz belasteten einstigen Süßwassersee noch aushält (Foto von: Laurent Weyl/Collectif Argos)
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Nach dem ersten harten Frost haben Fischer des kasachischen Dorfes Tastubek unter der Eisdecke Netze ausgespannt. Nun holen die Männer sie durch Löcher entlang der Strecke wieder ein. Ihr Fang: Flundern – jene Speisefisch-Art, die es in dem mit Salz belasteten einstigen Süßwassersee noch aushält

Die endlosen Uferbereiche des Aralsees

Uferloses Weiß umfängt die drei Fischer und schließt sich weich hinter ihren Schritten. Behutsam prüfen sie Schneehaufen, mit denen sie beim letzten Ausflug Risse im Eis markiert haben. Wie oft sind sie eingebrochen in den endlosen Uferbereichen des Aralsees, wie oft haben sie bei Minusgraden bis zu den Schultern im Wasser gestrampelt, bevor die anderen zu Hilfe kamen. Und sie werden einbrechen an diesem Tag. Vier Stunden zuvor, im Morgengrauen, sind Kadirbai Ibragiew, Jakslik Kischimbajew und Ertaz Akoschkarow im kasachischen Ort Tastubek losmarschiert, und gerade erst haben sie das Ufer hinter sich gelassen. Weit ist der Weg zum Wasser geworden. Mehr als 17 Kilometer ist der einstige Küstenort nun vom Aralsee entfernt, der mit einer Fläche von 66.000 Quadratkilometern einmal das viertgrößte Binnengewässer der Erde war und in den vergangenen Jahrzehnten auf ein Fünftel seiner ursprünglichen Wassermenge geschrumpft ist. Ertaz, der keine Kamele besitzt, schiebt sein Motorrad über das glatte Weiß. Im Beiwagen liegen Netze. Stoisch schaukeln die Kamele voran, Reif im Fell, Eis in den langen Wimpern. Ungerührt setzen sie ihre breiten Ballen in den knirschenden Schnee. Die Tiere sind das Wichtigste, was den Männern geblieben ist. Und zugleich ein Symbol des Abstiegs. Jaksliks Vater kommandierte einen Fischdampfer auf dem Aralsee, sein Sohn treibt ein Trampeltier zu Eislöchern hinaus.


Im ehemaligen Hafen von Aralsk rostet ein Trawler auf verschneitem Sand. Um die Steppen Usbekistans und Kasachstans in fruchtbares Land zu verwandeln, ließen sowjetische Agraringenieure in den 1960er Jahren die Zuflüsse des Aralsees umlenken. Er schrumpfte und ist in weiten Teilen zu Wüste geworden. Aralsk lag zeitweise 50 Kilometer vom Ufer entfernt  (Foto von: Laurent Weyl/Collectif Argos)
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Im ehemaligen Hafen von Aralsk rostet ein Trawler auf verschneitem Sand. Um die Steppen Usbekistans und Kasachstans in fruchtbares Land zu verwandeln, ließen sowjetische Agraringenieure in den 1960er Jahren die Zuflüsse des Aralsees umlenken. Er schrumpfte und ist in weiten Teilen zu Wüste geworden. Aralsk lag zeitweise 50 Kilometer vom Ufer entfernt

Das "Dorf der Millionäre"

Es gab eine Zeit, da die Heimat der Männer eine Berühmtheit war. Das "Dorf der Millionäre" wurde Tastubek genannt; in den 1950er Jahren, als Trawler Tausende Tonnen Fisch im Hafen löschten, als die Kapitäne die Planvorgaben der kommunistischen Regierung übererfüllten und der Tastubeker Kaviar aus den Stören des Aralsees selbst in Moskau hoch geschätzt wurde. Bis der Aralsee schrumpfte, schleichend zuerst gegen Ende der 1950er Jahre, dann immer schneller, als hätte jemand auf dem Seegrund einen Stöpsel gezogen; und schließlich 1967 im Tastubeker Hafen nur noch Staub blieb, in dem die Schiffe auf die Seite sanken - Mahnmale eines ökologischen Desasters. Als das Wasser versickerte, liefen auch die Bewohner davon. Mehr als 100.000 Menschen flohen im Laufe der Jahrzehnte aus einer einst fruchtbaren Region, die sich in ein mit chemischen Rückständen belastetes Ödland verwandelte, vergiftet von Pestiziden, die etwa auf den riesigen Baumwollplantagen in Unmengen versprüht wurden.



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Stürme verteilten nun jedes Jahr schätzungsweise 200.000 Tonnen Sand und toxischen Puder über dem Land, der Kehlkopf- und Speiseröhrenkrebs auslöste; der Augenentzündungen verursachte und Missbildungen bei Säuglingen. In manchen Regionen starb jedes zehnte Kind schon vor Vollendung des ersten Lebensjahres. Sowjetische Planer hatten die Zuflüsse des Aralsees auf Baumwoll- und Reisfelder umgeleitet und eine Agrosteppe von der Größe Schottlands geschaffen. So versiegten die Ströme Syrdarja im heutigen Kasachstan und Amudarja im südlich gelegenen Usbekistan, ehe das Wasser, aus den Gebirgen Tien-Schan und Pamir kommend, den See erreichte. Die einst blühenden Uferbereiche des Aralsees wurden zur Wüste. Und auch die künstlich beregneten Anbauflächen in den trockenen Weiten Zentralasiens verödeten: Mehr und mehr versalzten die Böden, blies im Sommer der heiße Wind Staub vor sich her, wo einst Baumwollflocken schaukelten.


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Kommentare zu "Kasachstan: Fischzug mit Kamel"

Anna | 20.04.2008 12:36

Süßwassersee?

Liebe GEO-Redaktion. Soweit ich weiss, der Aralsee war nie ein Süßwassersee. Dieser abflussloser See ist anscheinend im Laufe der Zeit immer salziger geworden. Beitrag melden!

Sam | 16.04.2008 11:20

Na so was. Beitrag melden!

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