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Kurz: Sie lernen. Manche Forscher gehen sogar davon aus, dass Kraken einen Spieltrieb haben. Der US-Biologe Roland C. Anderson etwa beobachtete einen Oktopus, der seinen Rückstoßantrieb nutzte, um eine Plastikdose mit dem Wasserstrahl gezielt ans andere Ende des Aquariums zu schießen. Von dort trieb einströmendes Wasser die Dose zu dem Tier zurück, das den Behälter wie bei einer Squashpartie immer wieder in die Strömung schoss. Solch spielerisches Verhalten wurde bis dahin nur bei Tieren beobachtet, die als intelligent gelten. Vermutlich dient es dazu, spätere Verhaltensweisen einzuüben, etwa bei der Jagd.

Das Gehirn der Kraken ist so hoch entwickelt, dass sie offenbar sogar zu einer gewissen Eigenwilligkeit neigen. Im Aquarium von Seattle fiel Anderson auf, dass die Betreuer den Kraken Spitznamen gegeben hatten - wie „Leisure Suit Larry“ oder „Emily Dickinson“ -, weil die Tiere sich so unterschiedlich verhielten. Während der eine Kopffüßer alles sofort in Stücke riss, was in seinem Becken landete, hielt sich ein anderer beinahe ständig versteckt; ein dritter betastete jeden Gegenstand neugierig.


Auch Kraken haben Persönlichkeit

Anderson setzte daraufhin 44 Exemplare der Art Octopus rubescens identischen Reizen aus, berührte sie etwa mit einer Bürste oder bot ihnen Futter an. Die Tiere reagierten darauf messbar unterschiedlich: Einige waren schüchtern, andere forsch, einige lethargisch, andere agil. Anscheinend entwickeln sie so etwas wie Persönlichkeiten - und auch dieses Phänomen war zuvor nur für Wirbeltiere anerkannt. Kopffüßer sind zudem die einzigen wirbellosen Tiere, die in der EU nur dann von Forschern seziert werden dürfen, wenn sie zuvor narkotisiert wurden.

Dass Kopffüßer zu derart verblüffenden Denkleistungen in der Lage sind, verdanken sie ihrem Gehirn. Obwohl es auf einem vollkommen anderen Bauplan beruht als das der Wirbeltiere, haben sich in ihm eigene Bereiche herausgebildet, die das Lernen oder das Lösen von Problemen koordinieren - ähnlich wie bei Vögeln und Säugetieren. So wächst etwa eine bestimmte Region im Gehirn junger Sepien genau in jener Zeit deutlich an, in der sie beginnen, verschiedene Arten von Nahrung zu unterscheiden. Wird dieser Bereich von Forschern im Experiment entfernt, verlieren sie die Fähigkeit zu lernen.


Wenn nicht miteinander verwandte Arten unabhängig voneinander ähnliche Merkmale entwickeln, nennen Biologen das „Konvergenz“. So sind beispielsweise die Flügel von Vögeln und Fledermäusen ähnlich geformt, obwohl die Tiere von gänzlich unterschiedlichen Ahnen abstammen - doch unter den Bedingungen, die der jeweilige Lebensraum an die Tiere stellt, hat sich eine bestimmte Flügelform als so vorteilhaft herausgestellt, dass sie im Laufe der Evolution gleich mehrfach entstand.

Wie konnte sich das Kraken-Gehirn entwickeln?
Auch die Entstehung leistungsfähiger Gehirne von Kraken und Wirbeltieren beruht auf einer solchen konvergenten Entwicklung. In beiden Fällen brachten die Fähigkeiten, sich neuen Bedingungen anzupassen und Probleme zu lösen, offenbar einen entscheidenden Überlebensvorteil. Doch wie genau entwickelte sich das außergewöhnliche Denkorgan der Kraken? Die vor allem bei Primaten herangezogene Erklärung, Intelligenz entstehe, wenn Tiere in komplexen sozialen Gruppen leben und ständig interagieren, kann auf Oktopusse nicht zutreffen, sie sind Einzelgänger.

Vermutlich gibt es mehrere Erklärungen. Zum einen: Als die Ahnen der Kraken - langsame, aber gut gepanzerte Weichtiere - im Laufe der Evolution ihre schützende Schale ablegten, wurden sie zwar immer beweglicher, aber auch verletzlicher. Sie mussten also neue, aktive Verteidigungstechniken entwickeln, etwa die Fähigkeit, Farbe und Struktur der Haut rasch zu wechseln. Dies aber erfordert eine enorme Rechenkraft - die Kraken müssen ihre Umgebung ja blitzschnell analysieren können und jede Veränderung an die Muskeln weitergeben, die wiederum die Farbzellen steuern.



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