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Die meisten Kopffüßer verfügen sogar über noch außergewöhnlichere Verteidigungstechniken: Sie besitzen einen Tintensack, gefüllt mit einer Flüssigkeit, die vorwiegend aus Melanin besteht, einem der dunkelsten von Tieren hergestellten Stoffe. Greift ein Feind an, stoßen sie eine Farbwolke aus, die meist ein Vielfaches ihres eigenen Körpervolumens vernebelt. Hinter diesem Sichtschutz sausen sie davon und bringen sich in Sicherheit. Unübertroffen sind Kraken aber in der Kunst der Tarnung. Während andere Tiere ihre Fell- oder Hautfarbe lediglich an einen bestimmten Lebensraum angepasst haben, sind sie in der Lage, Farbe, Muster und Oberfläche fast jeder Umgebung anzunehmen - und das oft in Sekundenbruchteilen, schneller als ein Chamäleon.

An nahezu jeder Stelle ihres Körpers können die Tiere beispielsweise farbige Punkte oder Balken erscheinen lassen. Das liegt daran, dass sich in den äußeren Schichten der Oktopushaut elastische Zellen befinden, die mit Farbpigmenten gefüllt sind. Winzige Muskeln ziehen diese Farbsäckchen rasch zusammen oder dehnen sie, sodass sie mal deutlich sichtbar sind, mal zu verschwinden scheinen. Und selbst die Oberfläche ihrer Haut können die Kopffüßer beeinflussen; je nach Umgebung wirkt sie dann körnig wie Kies, weich wie Tang oder abenteuerlich gezackt wie eine Koralle. Fressfeinde vermögen sie so kaum zu erkennen; umgekehrt nutzen die Kraken ihre Tarnung aber auch, um möglichen Beutetieren beinahe unsichtbar aufzulauern.


Meister der Tarnung

Der wohl größte Verwandlungskünstler unter den Kraken ist der in südostasiatischen Küstengewässern heimische Thaumoctopus mimicus. Statt optisch mit dem umliegenden Gelände zu verschmelzen, verwandelt sich der Meeresbewohner scheinbar in andere - bedrohlichere - Tiere, um sich so vor Feinden zu schützen. Blitzschnell nimmt er etwa die Farbe eines giftigen Plattfischs an und schlängelt mit angelegten Armen so flach über den Meeresgrund, als habe er sich auch dessen Körperbau angeeignet. Oder er versteckt seinen flexiblen Leib in einer Höhle, aus der er lediglich zwei seiner langen Arme baumeln lässt. Die Extremitäten färbt er schwarz-weiß ein und bewegt sie derart geschickt, dass sie dem vorderen und hinteren Teil einer gefährlichen Seeschlange zum Verwechseln ähnlich sehen.

Die wohl bemerkenswertesten Eigenschaften der Kraken blieben Menschen allerdings lange Zeit verborgen: ihre Fähigkeit, absichtsvoll zu handeln und Probleme zu lösen. Erst allmählich erkannten Meeresbiologen und Verhaltensforscher, zu welchen Denkleistungen die Kopffüßer imstande sind. Die kanadische Psychologin Jennifer Mather etwa beobachtete Mitte der 1980er Jahre vor den Bermuda-Inseln einen Octopus vulgaris, der seine Höhle verließ, um in einiger Entfernung Steine einzusammeln. Das Tier transportierte die Kiesel direkt vor den Eingang seines Unterschlupfs - und zwängte sich anschließend durch den nun viel kleineren und so bedeutend besser geschützten Eingang in seine Höhle.


Kraken haben einen ausgezeichneten Orientierungssinn

Diese Beobachtung war für Jennifer Mather ein Schlüsselerlebnis: Oktopusse sind offenbar intelligenter als bis dahin angenommen. Das Tier muss genau gewusst haben, wie es die Öffnung der Höhle verkleinern kann, und hat dann die passenden Steine ausgewählt. Octopus vulgaris verfügt auch über ein gutes räumliches Gedächtnis. Er sucht bei Jagdausflügen seine Umgebung weitläufig ab, durchforstet Algenbeete oder Felsenfelder. Hat er sich sattgefressen, kehrt er auf direktem Weg zu seiner Höhle zurück. Bei seinem nächsten Ausflug meidet er die zuvor bejagten Gebiete und sucht an anderer Stelle nach Nahrung. Offenbar erinnert er sich daran, wo seine Höhle liegt und an welchen Orten er zuletzt gejagt hat.

Frisch geschlüpfte Sepien (Verwandte der Kraken) ernähren sich von winzigen Schwebgarnelen und sind anfangs nicht in der Lage, andere Tiere als Nahrung zu erkennen. Doch schon nach einigen Wochen beginnen sie, weitere mögliche Beute wahrzunehmen und zu unterscheiden. Auf diese Weise stellen sich die Kopffüßer nach und nach einen Speiseplan zusammen, der dem Angebot in ihrer jeweiligen Umgebung entspricht. Die kleinen Weichtiere ersetzen anfängliche Reflexe also durch neugieriges Ausprobieren und sind in der Lage, sich zu merken, dass nicht nur Garnelen, sondern auch Krabben und Fische fressbare Beutetiere sind.



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