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Forstwirtschaft: Der Mittelalter-Wald im Solling

Was passiert, wenn man Rindern und Pferden die Waldpflege überlässt, wie vor Hunderten von Jahren? Die Artenvielfalt steigt. Zu besichtigen im Naturpark Solling-Vogler im Weserbergland

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Durch das wildromantische Reiherbachtal muss man eigentlich zu Fuß gehen. Stattdessen ruckele ich im Kombi mit Kurt Hapke, dem Leiter des Naturparks, und dem Förster Ralf Krannich den Waldweg am Bach entlang. Die beiden wollen mir etwas zeigen, auf das sie besonders stolz sind. Einen Wald oberhalb des Bachs. Und seine Bewohner.
Vom Bachufer zu unserer Linken erhebt sich ein Schwarzstorch.


Heckrinder sehen ungefähr aus wie die ausgestorbenen Auerochsen. Sie sind nur etwas kleiner (Foto von: Peter Carstens/GEO.de)
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Heckrinder sehen ungefähr aus wie die ausgestorbenen Auerochsen. Sie sind nur etwas kleiner

Wir sind da. Ein Gatter, ein paar Schritte durch aufgeweichten Waldboden, Moos und Farn. Die Luft riecht grün. Und plötzlich stehen sie vor uns. Nur ihre Köpfe mit den imposanten Hörnern ragen aus dem brusthohen Adlerfarn. Ein wenig erinnern die Silhouetten der Rinder an steinzeitliche Wandmalereien. Oder an die muskulösen Todeskandidaten der spanischen Stierkampfarenen. Urzeitlich. Ursprünglich. Wild. Mit den rot- oder schwarzbunten Hochleistungskühen der norddeutschen Tiefebene haben sie jedenfalls kaum etwas gemein. Auf der anderen Seite des bewaldeten Hügels schlendert eine Gruppe kerniger Ponys mit zottelig aufgestellten Mähnen und gesenkten Köpfen über eine Lichtung.


Die Szene ist wie ein Blick in eine längst vergangene Zeit. Denn noch noch vor wenigen hundert Jahren dürfte ein solcher Anblick nicht ungewöhnlich gewesen sein. Auerochsen, die Urahnen der Hausrinder, bevölkerten die mitteleuropäischen Landschaften schon vor 250.000 Jahren. Doch schließlich wurde ihnen der Mensch zum Verhängnis. Er jagte den Auerochsen rücksichtslos und zerstörte seine Rückzugsräume. Im Jahr 1627 starb der letzte Vertreter seiner Art in einem Wald südlich von Krakau.

Die Rinder, die jetzt kauend vor uns zwischen über hundertjährigen Eichen stehen, sind Heckrinder, erklärt Krannich. Es sind Geschöpfe der Brüder Heinz und Lutz Heck, die in den 1920-Jahren die Tiergärten von Berlin und München leiteten. Sie begannen mit der Kreuzung ursprünglicher Rinderrassen, mit dem Ziel, dem Erscheinungsbild des Auerochsen möglichst nahe zu kommen.


Exmoorponys haben sich im "Außeneinsatz" bewährt - etwa im New Forest im Süden Englands (Foto von: Peter Carstens/GEO.de)
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Exmoorponys haben sich im "Außeneinsatz" bewährt - etwa im New Forest im Süden Englands

Auch die Ponys, die jetzt außer Sichtweite sind, gehören einer besonderen Rasse an, es sind Exmoorponys. Sie unterscheiden sich nur wenig vom längst ausgestorbenen Wildpferd und leben im Südwesten Englands noch heute halbwild. Die Rinder und die Ponys teilen zwei Eigenschaften: Sie sind genügsam und robust, erklärt Krannich. Und genau das prädestiniert die Huftiere für ihren ungewöhnlichen Einsatz im Hutewaldprojekt im Solling.



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Das Mittelgebirge im Weserbergland erstreckt sich nordwestlich von Göttingen bis an die Weser. Mit seinen 527,8 Metern ist auch der höchste Gipfel überschaubar, die Landschaft lieblich und größtenteils mit Buchen und Fichten bewaldet. Im Naturpark Solling-Vogler sind 80 Prozent der Fläche von Mischwald bedeckt. Große Teile davon stehen unter dem Schutz der europäischen FFH-Richtlinie. Darunter auch die 180 Hektar (das entspricht der Fläche von rund 200 Fußballfeldern), auf denen seit dem Jahr 2000 rund 30 Rinder und Pferde halbwild leben - zusammen mit Rehen, Wildschweinen und anderen "eingeborenen" Forstbewohnern.



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Kommentare zu "Der Mittelalter-Wald im Solling"

Jasmundus | 17.08.2011 19:11

So langsam begreifen immer mehr Menschen, dass man aus der Natur nicht immer nur entnehmen kann, sondern auch ein wenig zurückgeben muss. Andernfalls schlägt das "Imperium" eines Tages einfach zurück. Dann Gnade uns Gott oder wer auch immer. Die Natur kann durchaus gut ohne uns leben, wir jedoch nicht ohne sie.
Daher große Dankbarkeit gegenüber den Enthusiaten, die solch ein Projekt realisieren. Und dem Krümelkacker hinsichtlich Rechtschreibung ins Stammbuch: Ich bin auch für eine gute und saubere Sprache, vermeide nach Möglichkeit die teils unsinnigen Anglizismmen, aber das Wesen einer Sache ist mir immer noch wichtiger als ein paar kleine Fehler in der Form. Locker bleiben, nicht den Blick verbauen für das was wirklich not tut, lieber Edgar Beitrag melden!

Edgar Renje | 12.08.2011 22:21

Ein sehr schöner Beitrag über eine scheinbar längst vergessene Forst- und Landwirtschaftsmethode. Bis auf ein paar Rechtschreibfehler und Wortwiederholungen, habe ich diesen Artikel mit sehr großem Interesse gelesen und denke über einen Besuch dieses Ortes nach. MfG Edgar R. Beitrag melden!

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