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Naturtalente: Zurück zu den Wurzeln

Der Winzer Herbert Heußler ist der Letzte seiner Art in Deutschland. Ohne Maschinen beackert der 62-Jährige vier seiner Weinberge in der Südpfalz - er setzt aufs Pferd. Und holt so die natürliche Bodenfruchtbarkeit zurück

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Rico knabbert am Spätburgunder. Auch der Maulkorb aus Draht kann ihn nicht daran hindern. Mit gemächlichem Schritt trottet er an den Reben entlang. Immer wieder schafft er es, einige der Blätter abzubeißen. "Rico, hörsch uff", ruft Herbert Heußler in seinem pfälzischen Dialekt. Aufmerksam stellt der Wallach seine Ohren auf und unterbricht für einen Moment seine Mahlzeit. Dann frisst er weiter, Herbert Heußler muss lachen: "Das nennt man wohl Qualitätskontrolle."


Beim Pflügen mit dem Pferd ist Huf- und Fingerspitzengefühl gefragt (Foto von: Oliver Lück)
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Beim Pflügen mit dem Pferd ist Huf- und Fingerspitzengefühl gefragt

Der 62-Jährige läuft in einer Staubwolke hinter dem Arbeitspferd her. Eine feine Schmutzschicht hat sich auf Haut und Haare, auf die Kleidung und in Nase und Ohren gelegt. Die Augen jucken. Herbert Heußler schwitzt. Konzentriert blickt er auf den Pflug, dessen Schare sich an den Rebstöcken entlang in den gelbsandigen Lehmboden graben. Das Rad quietscht, jedes der Jahre ist zu hören, der Pflug ist Baujahr 1936. Heußlers Schwiegervater, ein Schmied, hat ihn gebaut. Reihe für Reihe geht es rauf und runter, 80 Meter, 22 Mal. "Das ist wie Meditation", sagt der Winzer, "denken darfst du nicht, sonst pflügst du einen Stock ab." Mit Geduld und viel Feingefühl führt er den Grubber, wie der traditionelle Handpflug genannt wird. Gleichzeitig hält er die Zügel und gibt Kommandos.


Es geht um Zentimeter. Und Rico muss sofort gehorchen, wenn Grasbüschel die Pflugschar verstopfen und entfernt werden müssen. "Brrr" heißt stopp, "Hü" vorwärts, "Huf" rückwärts. "Har" bedeutet links, "Hott" rechts. Das 700 Kilo schwere Tier ist ein Schwarzwälder Fuchs mit blonder, buschiger Mähne, weißer Blesse und kastanienfarbenem Fell, mit muskulösem Körper und kurzem Hals - eine Kaltblutrasse, was schon viel über das Temperament verrät. Rico bringt nichts so schnell aus der Ruhe. Einen Pirouettendreher könnte Herbert Heußler bei seiner Arbeit im Weinberg auch kaum brauchen, jeder Fehltritt, jede Unachtsamkeit könnten großen Schaden anrichten.

Herbert Heußler ist ein drahtiger Mann. Er trägt eine Brille und eine Mütze, die seine Glatze vor zu viel Sonne schützt. Er ist der Letzte seiner Art, der wohl einzige deutsche Winzer, der noch täglich mit dem Pferd in den Wingert fährt, wie die Pfälzer ihre Weinberge nennen. Auf zwei Hektar verzichtet er komplett auf Maschinen und Chemie, baut Riesling, Grau- und Spätburgunder an. Alles in Pferde- und Handarbeit. Nur eine Schwefellösung gegen Echten Mehltau wird ausgebracht - mit einer Handpumpe und einem Kanister auf dem Rücken. Der Pferdemist wird als Dünger verteilt. Ökowinzer würde sich Herbert Heußler aber nie nennen. Das wären ihm zu viele Vorschriften. Er sagt: "Ich liebe Pferde und guten Wein, und ich achte dabei auf die Umwelt - das ist alles."


Vor allem Riesling und Grauburgunder gedeihen auf dem Rosswingert, dem Pferde-Weinberg (Foto von: Oliver Lück)
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Vor allem Riesling und Grauburgunder gedeihen auf dem Rosswingert, dem Pferde-Weinberg

Knapp 1200 Menschen leben in Rhodt unter Rietburg, das in der Südpfalz bei Neustadt an der Weinstraße liegt. Etwas oberhalb des idyllischen Winzerdorfes liegen das Hambacher Schloss und die Ruine der Rietburg. Ein Stück dahinter beginnt der Pfälzer Wald. Vor 50 Jahren noch waren kaltblütige Arbeitspferde in Rhodt unersetzlich, die Hufe von mehr als 60 Tieren klapperten über das Kopfsteinpflaster der engen Gassen. In den 60er Jahren aber begann das Zeitalter der Maschinen, die Vierbeiner wurden überflüssig. Das Einzige, was vom Zeitalter der Zugpferde blieb, war die Angabe einer Motorleistung in Pferdestärken - eine Idee des Briten James Watt. Als zu Beginn der 70er Jahre die Weinbauern ihren Fuhrpark endgültig motorisierten und die letzten Gäule zum Schlachter führten, hatte Herbert Heußler gerade das Weingut vom Vater übernommen. Auch der hatte den Ackergaul einige Jahre zuvor durch Traktoren ersetzt. Das Erste, was der damals 25-jährige Sohn tat: Er holte wieder ein Pferd auf den Hof. Heute stehen zwei Kaltblüter im Stall. Resch ist mittlerweile in Rente. Der 23 Jahre alte Fuchs hat Arthrose in den Knien. Fast zwei Jahrzehnte hat er im Wingert gearbeitet. Der siebenjährige Rico hat die Nachfolge angetreten. "Der Stall darf nicht kalt werden", sagt Herbert Heußler, der seine Kollegen "Maschinenwinzer" nennt.



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