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GEO Magazin Nr. 06/15 Seite 1 von 1


Freundschaft: 10 Fragen an die Freundschaftsforschung

Warum ist Freundschaft gut für die Gesundheit? Wie viele Freunde brauchen wir? Und wer sind überhaupt unsere Freunde? Das sagt die Wissenschaft über dieses kaum erforschte Alltagsglück


Seit die traditionelle Familie an Bedeutung verliert, rückt das Thema Freundschaft in den wissenschaftlichen Blickpunkt (Foto von: Westend61/Getty Images)
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Seit die traditionelle Familie an Bedeutung verliert, rückt das Thema Freundschaft in den wissenschaftlichen Blickpunkt

Wer sind unsere Freunde?


Meist ganz ähnliche Menschen wie wir. Nicht nur, was Alter, Beruf, Weltanschauung anbelangt – auch genetisch. Das Erbgut der besten Freunde ist dem unseren so ähnlich, als wären sie Cousins oder Cousinen vierten Grades, so die US-Wissenschaftler James Fowler und Nicholas Christakis. Wie genau es uns gelingt, solche „fakultativen Verwandten“, solche Wahlverwandten, in der Masse Mensch zu erkennen, ob etwa über Gesicht, Stimme, Geruch – darüber rätseln die Forscher. Jedenfalls haben sie das Sprichwort „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ bestätigt.


Was erhält die Freundschaft?


Kleine Geschenke eher nicht, aber ein möglichst großes Geheimnis! Der Soziologe Janosch Schobin sagt, wir fesseln uns aneinander durch das vertrauliche Gespräch – „indem wir uns Dinge gestehen, die wir nicht in der Öffentlichkeit verhandelt sehen wollen, die uns womöglich sozial vernichten könnten“. Der Prozess sei vergleichbar einer doppelten Geiselgabe: Das Geheimnis wirkt wie ein symbolisches Lebenspfand, mit dem wir uns binden. Auch wichtig: gemeinsame kulturelle Vorlieben; die Bücher, die wir mögen, der Humor, der uns gefällt, vor allem aber ein ähnlicher Musikgeschmack.


Wie lautet die Freundschaftsformel?


CYIQNCPLG. Die Buchstabenfolge bezeichnet eine Sequenz aus neun Aminosäuren – den Grundbausteinen des Hormons Oxytocin. Dieser Stoff erschafft etwa das Liebesband zwischen Babys und deren Müttern, und es ist jene Substanz, die unser Organismus auch im Gefühl freundschaftlicher Geborgenheit ausschüttet. Eine Wonnedroge, die dazu führt, dass wir wieder und wieder zusammen sein wollen, und die Vertrauen und Großzügigkeit generiert. Im Versuch erwies sich: Die Anwesenheit von Freunden dämpft auch die Ausschüttung von Stresshormonen.


Warum brauchen wir Freunde?


Weil es gesund ist. Wer Freunde hat, lebt länger, fanden Forscher der australischen Flinders-Universität heraus, freundschaftliche Kontakte stärken das Immunsystem und senken das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen. Hingegen wirkt sich ein Leben ohne Freunde so schädlich wie Zigarettenkonsum aus und schädlicher als Übergewicht. Allerdings: Nicht jeder benötigt die gleiche Dosis Freundschaft. Es gibt sie, die Menschen, die allein mit sich selbst am glücklichsten sind.


Sind Freunde immer gut für die Gesundheit?


Nein. Im Englischen gibt es den Begriff frenemy, also etwa: Freundfeind. Es sind die Unzuverlässigen, die Schnorrer, die Eigennützigen, die den Blutdruck nach oben treiben und krankhaften Stress verursachen. Und manchen Menschen fällt es offenbar sehr schwer, sich von falschen Freunden zu trennen. Wahre Freunde finden sich eher, wenn man sich selbst ein guter Freund ist, sprach schon Aristoteles – wenn man also die eigenen Bedürfnisse kennt und schätzt.


Wie viele Freunde brauchen wir?


Die meisten Menschen haben ein bis zwei beste Freunde und höchstens fünf wirklich enge Freunde. Eine Umfrage im Auftrag der Universität Chemnitz ergab im Schnitt sogar nur knapp drei Personen, mit denen wir persönliche Gedanken und Gefühle teilen. Mit den Jahren wird es schwieriger, neue Freunde zu gewinnen. Und doch: In vielen Fällen steigt die Zahl noch einmal, wenn die Kinder das Haus verlassen.


Warum haben wir so wenige Freunde?


Weil es sehr aufwendig ist, Freundschaften zu pflegen. Freundschaft frisst Zeit, geht immer zulasten anderer wichtiger Aktivitäten – etwa Nahrungserwerb, Schlaf, Sex. Entscheidend ist auch gar nicht die Zahl der Freunde, sondern Qualität und Beständigkeit von Freundschaft. Und die entsteht, so eine kanadische Studie, vor allem durch Intensität und Häufigkeit des Kontakts: Freundschaft erfordert Einsatz – siehe oben.


Kann es wahre Freundschaft auf Facebook geben?


„Wer glaubt, dass jeder Facebook-Kontakt ein Freund ist, weiß nicht, was Freundschaft bedeutet“, sagt Mark Zuckerberg, der Facebook-Gründer. Dafür hat die digitale Beziehungspflege andere Qualitäten. Nicole Ellison von der Universität Michigan sieht in ihr ein Pendant zur Fellpflege der Menschenaffen: Diese stärken ihr soziales Netzwerk, indem sie sich lausen; wir teilen die wechselseitigen Aufmerksamkeiten online aus. Der Vorteil ist immens, auf beiderlei Weise lässt sich lockerer Kontakt zu einer großen Zahl von Artgenossen halten – und so viel mehr Erfahrung und Inspiration gewinnen als nur im engen Freundeskreis.


Und Freundschaft am Arbeitsplatz?


Gewinnt an Bedeutung, es gibt bereits einen Begriff dafür: Der „Frollege“ ist jenes Mischwesen aus Freund und Kollege, mit dem wir den Arbeits- platz teilen, aber auch ausgehen – und über den manche mehr wissen als über den Partner zu Hause. Bürofreundschaft macht glücklich und engagiert, sie erhöht laut einer Harvard-Studie die Chancen auf Beförderung um 40 Prozent.


Gibt es Freundschaft unter Tieren?


Die meisten Tiere haben Bekannte unter ihren Artgenossen, Freundschaft findet sich nur unter den höheren Primaten, bei Walen und Delfinen, auch bei Pferden, Elefanten und Kamelen, so Robin Dunbar von der Universität Oxford. Freundschaft erfordert die Vorausschau sozialer Konsequenzen („wenn du mich bedrohst, springt mein Freund mir bei“), Vertraute verleihen einander in der Gruppe Status und Macht. Freundschaft setzt Intelligenz voraus, sie ist einer der Schlüssel zu komplexer gesellschaftlicher Organisation.




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