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Stalin: Emigranten: Hotel Lux
In den 1930er Jahren erreicht Stalins Terror ein Moskauer Hotel voller kommunistischer Auswanderer. Der Deutsche Herbert Wehner wird zum Opfer - und zum Täter

Wenn es Nacht wird, beginnt die Furcht im Moskauer Hotel „Lux“. In den engen Zimmern spielen die Bewohner Schach oder Domino, um die Angst nicht zu spüren. Manche laufen bis in die Früh in ihren Kammern auf und ab, rauchen Zigarette um Zigarette neben gepackten Koffern, die griffbereit stehen für den Zwangstransport ins Gefängnis.
Ruhig schlafen kann kaum einer. Einige liegen vollständig angekleidet im Bett – um nicht auch noch die Würde zu verlieren: wenn die Häscher kommen, den Nächsten zu holen. Einen der rund 600 kommunistischen Emigranten, Genossen fern der Heimat. Nervös horchen die Bewohner in die Stille. Hören Ratten, die durch die Dunkelheit huschen. Das Knarren des Parketts in den langen, kalten Fluren. Sie fürchten das Rumpeln des Fahrstuhls nach Mitternacht, die schweren Stiefeltritte im Flur, das Klopfen an der Tür. Denn dann kommen die Männer des NKWD, des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten, das auch für die „Staatssicherheit“ zuständig ist.
Für seine Gäste ist das Lux zu einem Ort des Grauens geworden
Die Bewohner des Hotel Lux sind keine Gäste mehr in Stalins Sowjetunion des Jahres 1937. Sie sind Gefangene.
Einer von ihnen: Herbert Wehner, Anfang 30, Führungskader der Kommunistischen Partei Deutschlands. In Zimmer 252 im 6. Stock ringt auch er mit der Nacht. Angespannt sitzt er auf einem Bett mit hellem Buchenfurnier. Der leinene Vorhang vor dem Fenster ist zugezogen, an der Wand stapeln sich Bücher.
Wehners Gesicht ist bleich. Der strenge Seitenscheitel lässt seine kantigen Gesichtszüge, die hohe Stirn, das hervortretende Kinn, hart erscheinen – wie einen Panzer gegen die unberechenbare Außenwelt, die ihn zermürbt. Wehner weiß um die Siegel des NKWD an den Zimmertüren, jene Papierstreifen, die die Agenten nach den Verhaftungen anbringen. Kennt das verfallene Gebäude im Hinterhof, in das die Frauen der Abgeholten verbannt werden.
Doch es ist nicht allein der Schrecken, der Wehner verzweifeln lässt. Es sind auch die Skrupel, selbst zu diesem Schrecken beigetragen zu haben: mit dafür gesorgt zu haben, dass dieses Hotel zu einem Ort des Grauens geworden ist.
Als das Lux 1911 eröffnet wird, ist es ein gehobenes Hotel für die Oberklasse. Prachtvoll ragt das Gebäude an der Twerskaja-Straße im Herzen Moskaus empor, schwere Säulen flankieren das Eingangsportal, das Foyer zieren roter Marmor und ein goldgerahmter Spiegel.
Das Quartier beherbergt vor allem ausländische Funktionäre
Zehn Jahre und zwei Revolutionen später ziehen Vertreter einer neuen Elite in das nun verstaatlichte Hotel: Funktionäre aus aller Welt. In den 1920er Jahren kommen Delegierte kommunistischer Parteien von China bis Mexiko zu Kongressen, Tagungen und Beratungen in Moskau zusammen; und vielen dient das Lux als Herberge. Auch verfolgte Revolutionäre aus dem Ausland finden im Hotel eine Zuflucht. Spätere KP-Führer wie Ho Chi Minh und Zhou Enlai leben hier, Walter Ulbricht und Josip Broz Tito. Das Lux wird zum Feldlager der Weltrevolution.
Sie alle sind Gäste der sowjetischen Machthaber oder der Kommunistischen Internationale („Komintern“): der von der Sowjetunion dominierten Weltorganisation kommunistischer Parteien. Mehr und mehr richten sich aber auch Mitarbeiter der Komintern mit ihren Familien in jeweils einem der Zimmer ein. Die neuen, dauerhaften Bewohner des Lux arbeiten als Referenten, Übersetzer und Schreibkräfte in der Moskauer Komintern-Zentrale.
1933, als viele deutsche Kommunisten Schutz vor der Gestapo suchen, wird das Hotel um zwei Etagen auf sechs Stockwerke erweitert. Dennoch ist das Haus mit seinen rund 300 Zimmern bald überfüllt. Und einem „Luxushotel“ entspricht allenfalls noch die Fassade. Warmwasser gibt es an zwei Tagen der Woche, freitags drängen sich die Männer, sonnabends die Frauen im einzigen Waschraum des Hauses, nicht selten vier unter einer Dusche – ein Bad auf dem Zimmer haben nur wenige privilegierte Bewohner.
In Gemeinschaftsküchen köcheln auf Gasherden Windeln neben Kartoffeln, während die Bewohner am Tisch sitzen und über den Sieg des Kommunismus debattieren. Es ist eine solidarische Gemeinschaft, in der einer an die Tür des anderen klopft, wenn dessen Wasserkessel in der Küche heiß geworden ist.

