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Interview: Die Folgen des Bruderkampfs
Der Historiker Professor Jörg Nagler über einen Konflikt, der das Land noch heute spaltet

GEOEPOCHE: Herr Professor Nagler, als sich ab Dezember 1860 mehrere Staaten im Süden der USA entschließen, aus der Union auszutreten und eine eigene Konföderation zu gründen, da machen sie doch nur von ihrem Recht auf Selbstbestimmung Gebrauch. Warum lässt der Norden sie nicht einfach ziehen?
JÖRG NAGLER: Weil dieses Recht zunächst einmal nur für Völker gilt. Südstaatler und Nordstaatler aber sind Angehörige desselben Landes, sie haben die gleichen Vorfahren, sie haben sich freiwillig zu einem Staatenbund zusammengeschlossen und dabei gewisse Rechte an eine Zentralgewalt, ein zentrales Parlament abgetreten.
Also ist die Sezession illegal?
Das ist nicht so einfach zu beantworten. Die USA sind zu dieser Zeit noch eine unfertige Nation, ein demokratisches Experiment. Und gerade Südstaatler sind der Meinung, dass sie aus diesem Experiment ausscheren dürfen. Für Abraham Lincoln und die meisten Politiker im Norden aber gilt: Nur eine Mehrheit im US-Kongress könnte einen Staat wieder aus der Union entlassen. South Carolina dürfe so etwas nicht eigenmächtig entscheiden. Zusätzlich ist es natürlich auch eine ideologische Frage. Lincoln sagt immer wieder: Die Französische Revolution ist gescheitert, die europäischen Revolutionen von 1848 sind gescheitert, alles ist gescheitert. Wenn wir jetzt auch noch versagen, dann ist das Experiment der Massendemokratie in der Welt verloren.
Und für den Erfolg der amerikanischen Demokratie ist der Präsident bereit, das Blut seiner Bürger zu vergießen?
Lincoln glaubt lange Zeit nicht, dass der Süden wirklich die Union verlassen wird. Die Männer in dem eigentlich verantwortlichen Staat, South Carolina, sind für ihn Hitzköpfe, die 1833 schon einmal austreten wollten. Damals hat Präsident Andrew Jackson mit einem Militäreinsatz gedroht – und South Carolina hat klein beigegeben. Deshalb denkt Lincoln: Die werden wir auch diesmal wieder ins Boot kriegen. Außerdem hat er viele persönliche Verbindungen in den Süden: Verwandte, Freunde, gute Bekannte. Und von all denen hört er: Das ist alles nur heiße Luft, es wird auf keinen Fall zu einer Sezession kommen – und das noch im Februar 1861, als ja bereits Staaten ausgetreten sind.
Stimmt also die These, dass es bei diesem Kampf nur um die Rechte der Einzelstaaten geht?
Nein. Der Grund für den Bürgerkrieg ist der Konflikt um die Sklaverei. Warum tritt South Carolina als erster Staat aus? Weil die Sklaven dort den höchsten Anteil an der Bevölkerung stellen. Und viele Menschen im Norden sind empört, weil dieses System durch und durch unmenschlich ist, denn es basiert auf der Androhung und Anwendung von Gewalt.
Aber da die Unfreien ein wertvoller Besitz sind...
... werden sie natürlich nicht permanent geprügelt oder ausgepeitscht. Warum sollten die Sklavenhalter ihre eigenen "Investitionen" vernichten? Doch es kommt vor. Und die Abolitionisten, die Gegner der Sklaverei, nutzen das für eine sehr geschickte Agitation, indem sie zum Beispiel geflohene Sklaven in Kirchen regelrecht ausstellen. Es gibt weiße Frauen, die in Ohnmacht fallen, wenn sie die Narben von den Peitschenhieben auf den Rücken sehen.
So setzt sich im Norden die Ansicht durch, dass dieses Unrecht nur mit Blut abgewaschen werden kann.
Ja. Diese Ansicht vertritt zwar zunächst nur eine Minderheit; aber die hat permanent Zulauf, und schon ab den 1830er Jahren ist eine Rückkehr zu normalen Verhältnissen zwischen Nord und Süd kaum mehr möglich. Da kommt es zu einer zunehmenden Fanatisierung auf beiden Seiten. Es ist wie später im Kalten Krieg: eine Spirale von Fehlwahrnehmungen und Missverständnissen. 1831 trifft ein Sklavenaufstand in Virginia den Süden mit voller Wucht. Im gleichen Jahr wird der "Liberator" gegründet, eine Zeitung der Antisklavereibewegung mit einer ungeheuren Verbreitung. Der eigentliche Anlass der starken Polarisierung kommt dann in den 1850er Jahren mit dem Konflikt um Kansas. Da gibt es Fanatiker wie John Brown, der sich wie viele Fundamentalisten als Werkzeug Gottes sieht. Aber er inszeniert sich auch bewusst als Märtyrer. Er will geradezu hängen, weil er weiß, dass sein Tod die Nation in den Krieg führen wird.
Und er behält recht.
Durch Brown und andere, auch auf Seiten der Südstaaten, gewöhnen sich die Amerikaner an die Gewalt. Der abolitionistische Abgeordnete Charles Sumner wird im Parlament mit einem Spazierstock niedergeschlagen. Das ist einmalig in der Geschichte des Senats. Und dann merkt man fast monatlich den Zulauf zu den Abolitionisten. Selbst Abraham Lincoln sagt privat: Es ist eine Grenze überschritten. Wir können als Nation so nicht mehr existieren. Wenn er allerdings öffentlich bekundet hätte, dass er die Sklaverei gänzlich abschaffen wollte, wäre er nicht zum Präsidenten gewählt worden.
Doch er gewinnt die Wahl, aus Protest treten South Carolina und sechs andere Staaten aus der Union aus. Wann ist klar, dass ein Krieg unausweichlich ist?
Als der erste Schuss auf das Bundesfort Sumter im Hafen von Charleston fällt, gelingt es South Carolina, einige der noch abwartenden restlichen Südstaaten mit ins Boot zu holen. Mit dem ersten Gefecht schließen sich die Reihen.
Aber beide Seiten glauben an einen kurzen Krieg?
Natürlich. Denn als einzige Erfahrung hat diese Generation den Mexikanischen Krieg von 1846. Und das war ein "grandioser Krieg" – jedenfalls so, wie er dargestellt wurde. Eigentlich ein schmutziger Kampf, aber die Schlachtengemälde waren sehr beeindruckend: Mann gegen Mann, oben steht ein General auf dem Berg mit einem Schwert. Und das ist um 1860 die Vision, die man vom Krieg hat. Niemand sieht dieses Menschenschlachten, diesen ungeheuren Blutzoll voraus. Da wächst eine Begeisterung wie in Deutschland 1914 zu Beginn des Weltkriegs. Der Süden sagt, die Yankees werden schon sehen, wie tapfer wir sind. Und der Norden sagt, die Rebellen werden schnell erleben, dass sie keine Chance haben – und dann ist der Krieg bald vorbei, und wir gehen alle wieder nach Hause.

