Corona Aus psychologischer Sicht: Was Quarantäne-Maßnahmen für Betroffene bedeuten

Immer mehr Betroffene müssen sich angesichts der Coronakrise in Quarantäne begeben. Was bedeutet eine solche Isolation aus psychologischer Perspektive? Ein Gespräch mit dem Angstexperten Prof. Dr. Borwin Bandelow
Mann in Quarantäne

GEO: Herr Bandelow, was passiert aus psychologischer Sicht, wenn Menschen zwangsweise für längere Zeit isoliert bleiben müssen?

Borwin Bandelow: Die Menschen werden dadurch nicht nur räumlich, sondern vor allem auch sozial isoliert. Diese Einsamkeit und soziale Isolation stellen uns Menschen vor ein großes Problem. Und durch die Schutz- und Quarantänemaßnahmen wegen des Coronavirus verstärkt sich die Belastung des Alleinseins noch einmal enorm.

Wieso fällt es uns Menschen denn so schwer, längere Zeit allein zu sein?

Der Grund dafür liegt in unseren Genen. Schon vor hunderttausend Jahren waren wir Menschen in Stämmen organisiert. Wer sich isolierte oder den Stamm verließ, hatte in der Regel keine großen Überlebenschancen - er wurde zum Beispiel von wilden Tieren getötet oder von feindlichen Stämmen angegriffen. Menschen, die das „Stammes-Gen“ in sich trugen, überlebten hingegen.

Da Ängste sich über Hundertausende von Jahren vererben, verspüren die Menschen heute den Drang, bloß nicht isoliert zu sein. Selbst wenn wir wissen, dass man heutzutage problemlos allein überleben kann, so fühlen wir uns trotzdem schlecht, wenn wir isoliert sind. Der Mensch als soziales Wesen möchte anderen helfen, möchte kommunizieren und möchte nicht allein sein.

Kurz gesagt: Begeben wir uns für längere Zeit in eine Isolation, so handeln wir entgegen dem, was wir evolutionär gelernt haben. Das bringt uns durcheinander.

Droht Betroffenen eine Art Lagerkoller, wenn sie in eine zweiwöchige Quarantäne gestellt werden?

Ja, das kann natürlich passieren. Jedoch gibt es Dank der modernen Technik heutzutage viele Möglichkeiten, trotz der räumlichen Isolation am sozialen Leben teilzunehmen. Die sozialen Medien und Netzwerke sind mittlerweile in allen Altersschichten angekommen. Selbst mein Großvater schreibt im Alter von 91 Jahren noch fleißig E-Mails - und der ist absolut kein Social-Media-Profi. (lacht)

Personen, die weder über Telefon noch über die Sozialen Netzwerke mit anderen Menschen kommunizieren, sind stärker gefährdet. Doch davon gibt es nur noch sehr wenige.

Coronavirus in Europa
FAQ
Coronavirus: Was Reisende jetzt wissen müssen
Der Coronavirus hat viele Teile der Erde im Griff. Ein FAQ, das die wichtigsten Fragen beantwortet

Wie kann man sich selbst davor schützen, wegen des Coronavirus Zuhause in Panik zu verfallen?

Nun es ist so, dass sich die Angst in der Isolation sehr leicht steigert. Eine isolierte Person hat jede Menge Zeit, sich ihre Gedanken zu machen. Und auch, wenn man das Coronavirus bisher nicht so ernst genommen hat, so begreift man in der Isolation als Betroffener plötzlich, dass es doch zumindest eine ernstzunehmende Gefahr zu sein scheint.

Hinzu kommt, dass wir Menschen zwei Gehirne haben - das Vernunft-Gehirn und das Angst-Gehirn. Und die beiden arbeiten nicht unbedingt zusammen.

Das Vernunft-Gehirn sagt zum Beispiel: „Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass du mit jungen Jahren Corona kriegst, ist sehr gering. Und selbst wenn du es kriegst, wirst du es sehr wahrscheinlich überstehen.“

Doch das Angst-Gehirn kriegt einfach Panik. Es kann nicht viel mit Statistiken anfangen und ist dazu in der Lage, aus einer Mücke schnell einen Elefanten zu machen, wenn es sich um eine neue und unbeherrschbare Gefahr handelt.

Zur Beruhigung einen Tee zu kochen und sich selbst zu sagen, dass die Gefahr schon wieder vorüber gehe, funktioniert dann nicht mehr so einfach.

Deswegen rate ich den Leuten, einen gesunden Fatalismus an den Tag zu legen. Wie, wenn man morgens auf dem Weg zur Arbeit auf die Autobahn fährt und nicht über die vielen Autobahntoten nachdenkt. Man weiß zwar, dass etwas passieren kann, aber rechnet nicht wirklich damit. Und mit genau dieser Einstellung - dass das Leben zwar gefährlich ist, aber es auch immer eine Möglichkeit gibt, aus misslichen Lagen wieder herauszukommen - sollte man auch dem Virus begegnen.

Richten Sie sich also nach Ihrem Vernunft-Gehirn und schenken Sie dem Angst-Gehirn nicht so viel Beachtung!

Borwin Bandelow


Borwin Bandelow ist Experte für Angststörungen und Autor mehrerer Bestseller zu psychologischen Themen. Er ist Psychiater und Neurologe, Psychologe und Psychotherapeut - und als Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen tätig.