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Vinča-Kultur Geheimnisvolle Zeichen: Wann schrieb der Mensch zum ersten Mal?

Vor mehr als 7000 Jahren beginnen Menschen auf dem Balkan, Symbole in Gegenstände zu ritzen – und schaffen so womöglich die erste Schrift der Menschheit
Die Tontafeln von Tartaria

Zeugnisse der Vinča-Kultur: Die Tontafeln von Tărtăria wurden 1961 in Rumänien gefunden

Um das Jahr 5300 v. Chr. geschieht auf dem Balkan Erstaunliches: Während in Mitteleuropa viele Menschen erst noch dabei sind, die Kulturtechnik des Ackerbaus zu erlernen, existiert am Unterlauf der Donau bereits eine Zivilisation, deren Angehörige Getreide, Hülsenfrüchte und Flachs anbauen, Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine züchten, die darüber hinaus töpfern und weben, später auch  Gold und Kupfer verarbeiten. Mehr noch: Die Menschen beginnen, geheimnisvolle Symbole in Gegenstände zu ritzen – Kreuze, Bögen, Kringel, Drei- und Vierecke. Auf Tausenden von Objekten aus Stein und Ton sind sie zu finden, vor allem auf Gefäßen, kleinen Statuen und anderen Gegenständen aus Keramik.

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Bis heute streiten die Gelehrten: Haben die Menschen der Vinča-Kultur (benannt nach einem Fundort nahe Belgrad) eine Schrift entwickelt – weit mehr als 1000 Jahre vor  den Schriftsystemen in Ägypten und Mesopotamien? Dann wären diese Zeichen und die daraus gebildeten Sequenzen die ältesten Texte der Welt. Das zumindest vermuten manche Sprachwissenschaftler.

Nach einer anderen Erklärung handelt es sich hingegen um bloße Töpfer- oder Besitzermarken. Doch wurden Gegenstände mit gleichen Symbolen bei Ausgrabungen Hunderte Kilometer voneinander entfernt gefunden und zudem unterschiedlichen Zeiten zugeordnet; es erscheint unwahrscheinlich, dass sie auf die gleichen Produzenten oder Eigner zurückgehen.

Welchem Zweck also dienten die Zeichen? Waren sie doch Elemente einer Schrift? Bisher gingen die Wissenschaftler davon aus, dass nur eine Hochkultur wie die im Zweistromland oder im Pharaonenreich in der Lage gewesen ist, etwas derart Komplexes zu entwickeln.

Geritzt in Figuren, Opfertische und Weihgefäße

Bloße Verzierungen jedenfalls sind die steinzeitlichen Einritzungen nicht. Ornamente, die sich auf der Keramik der Vinča-Kultur finden, bestehen aus streng symmetrischen Elementen. Die Gestaltung und die Anordnung der Vinča-Zeichen hingegen folgen keinen derartigen ästhetischen Kriterien. Für den deutschen Linguisten und Kulturhistoriker Harald Haarmann ist dies ein eindeutiges Indiz: Es handelt sich um eine Schrift.

Mehr als 200 Zeichen aus dem eigentlichen Vinča-Gebiet und angrenzenden, nah verwandten Kulturen lassen sich ausmachen, viele in etlichen lokalen Varianten. Einige der Zeichen sind Piktogramme – also bildhafte, oft stark stilisierte Darstellungen etwa von Tieren, Menschen, Pflanzen oder Naturphänomenen wie der Sonne und Wellen. Doch weitaus zahlreicher und rätselhafter sind die abstrakten Symbole. Eines etwa, ein einfacher Winkel, der aussieht wie ein V, war offenbar die Grundlage für mehr als ein Dutzend davon abgeleitete Zeichen, indem Striche, Punkte oder Kreuze hinzugefügt wurden.

Die meisten Inschriften der Vinča-Kultur sind kurz, sie bestehen aus einem oder höchstens zwei Zeichen, aber es gibt auch Sequenzen mit bis zu 20 Symbolen. Was die bedeuten, ist ungewiss, doch die Objekte, auf denen sie angebracht waren, geben Hinweise: Meist wurden sie in Figuren, Opfertische und Weihgefäße geritzt oder mit Farbe aufgetragen. Oft standen sie vermutlich für eine Gottheit oder einen besonderen Menschen, der  den Gegenstand gestiftet hat. Oder es sind tatsächlich Schriftzeichen,  die eine sprachliche Äußerung wiedergeben – Beschwörungsformeln vielleicht, durch die Gläubige mit Göttern kommunizierten. Dann wären die ersten Sätze, die Menschen aufgeschrieben haben, nicht an Menschen gerichtet gewesen.

Die älteste Schrift der Menschheit - einfach verschwunden?

Der US-Sprachwissenschaftler Toby Griffen glaubt sogar, einen vor rund 7000 Jahren auf zwei tönernen Schwunggewichten eingekratzten, aus sechs Zeichen bestehenden Satz übersetzen zu können: „Bärgöttin und Vogelgöttin sind wirklich Bärgöttin.“

Mehr als 1000 Jahre lang sind die Symbole in Gebrauch, dann treten sie seltener auf. Einer Hypothese zufolge dringen Nomaden aus der heutigen Ukraine auf den Balkan vor. Vielleicht übernehmen die Einwanderer aus der Steppe die Herrschaft und setzen ihre Sprache und Lebensweise durch. Um 4000 v. Chr. ist die womöglich älteste Schrift der Menschheit verschwunden – zumindest in der Donauregion, wo sie erdacht wurde.

Aber anderswo, glauben manche Forscher, lebt sie weiter: Eine Schrift, die viele Jahrhunderte später auf Kreta verwendet wurde, habe zur Hälfte aus Zeichen bestanden, die denen der Vinča-Kultur ähnelten. Und so haben einige steinzeitliche Symbole womöglich Eingang in das griechische Alphabet gefunden – jenes Alphabet, auf dem unsere heutige Schrift basiert.

Foto: mauritius images
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