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  • Nepal: In stiller Mission

Nepal: In stiller Mission

  • von Ariel Hauptmeier
Frühjahr 2005: Das Himalaya-Königreich Nepal steht am Abgrund. Eine maoistische Guerilla beherrscht weite Teile des Landes. Der König führt ein brutales Regiment. Demokratische Parteiführer sind unter Hausarrest gestellt. Da beginnt ein Schweizer Sonderbeauftragter, hinter den Kulissen die Chancen für Friedensgespräche auszuloten. Hilft den Todfeinden, aufeinander zuzugehen
Nepal: In stiller Mission
Nepal: In stiller Mission
Vor Sonnenaufgang versammeln sich ehemalige Rebellen zum Frühsport. Sie leben in einem von der UNO beobachteten Camp im westlichen Nepal. Anfang 2007 haben sie ihre Waffen abgegeben. Nun bekämpfen sie die Langeweile des Lageralltags mit täglichen Turnübungen
© Jonas Bendiksen/Magnum/Agentur Focus
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Der Bürgerkrieg endet

Jetzt lädt man die Särge ab. Trauermusik schallt aus Lautsprechern über den Platz, lullt die Menge ein und peitscht sie zugleich auf. In einem der Lieder heißt es: Ihr seid nicht tot, ihr lebt in unseren Herzen weiter, ihr spornt uns an zum Kampf. März 2007: Es ist ein heißer Tag in Kathmandu. Es ist eine Zeit, in der es aufwärts gehen soll mit Nepal, denn seit vier Monaten herrscht Frieden.

Doch es geht nicht voran, auch an diesem Tag nicht, an dem 10.000 empörte Anhänger der Guerilla auf einem staubigen Platz im Zentrum der Stadt stehen, um Abschied zu nehmen von 27 Kameraden, die gelyncht und geschändet worden sind von einem Mob im Flachland. Pushpa Kamal Dahal, der schnauzbärtige Rebellenchef, schreitet zu den offenen Särgen. 27-mal nimmt er eine rote Fahne aus einem Karton, entfaltet sie und breitet sie über die in weiße Tücher gewickelten Leichen. 27-mal reckt er die rechte Faust nach oben.

Der Bürgerkrieg endet

Zehn Jahre lang kannten die Menschen in Nepal nur seinen Namen; vor neun Monaten haben sie den Führer einer 30.000 Männer und Frauen starken Guerilla erstmals zu Gesicht bekommen: Der Mann, der sich Prachanda nannte, "der Kämpferische", entpuppte sich als ein früherer Lehrer. Kein warlord, sondern ein Politiker - der weiß, wann es Zeit ist, mit dem Gegner zu verhandeln. Auch deshalb wurde 2006 für Nepal ein Jahr der Hoffnung. Am Abend des 21. November unterschrieben der Rebellenführer und die Spitzen einer Übergangs-Allianz aus sieben Parteien einen Friedensvertrag. Er beendete einen Bürgerkrieg, in dem 13.000 Menschen starben und 200.000 vertrieben wurden. Im Februar 1996 hatte der Aufstand begonnen. Die "Kommunistische Partei Nepals/Maoisten", eine zunächst unbedeutende linksextreme Splittergruppe, griff in den Bergen zu selbst gebauten Vorderladern, überfiel Polizeistationen, raubte Banken aus und vertrieb Großgrundbesitzer. Die Partei nannte sich maoistisch, doch ihre Forderungen waren eher sozialdemokratisch: Sie verlangte eine Landreform, die Entwicklung der vernachlässigten Distrikte, die Entmachtung der Herrscherelite in Kathmandu und demokratische Wahlen.

In die unübersichtliche Welt der Friedenstifter

Als der Friedensvertrag unterschrieben wurde, damals, im November 2006, saß ganz vorn im

Publikum ein Mann in einem hellen Anzug: Günther Baechler aus Bern, Friedensforscher, Diplomat, Vermittler. Blinzelte durch seine runde Brille und genoss den Moment. Denn es war auch sein Frieden, der hier besiegelt wurde. Er hatte früh an dessen Möglichkeit geglaubt und anderthalb Jahre die Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien begleitet. "Fazilitator" nennt er sich, "Ermöglicher". Günther Baechler ist 53, schlank, braun gebrannt; hält sich betont gerade. Die meiste Zeit seines Lebens hat Baechler in Instituten als Friedensforscher gearbeitet. 2004 analysierte er den Fall Nepal und kam zu dem Schluss, dass ein Friedensschluss erreichbar sei. Also schickte das Schweizer Außenministerium ihn im Frühjahr 2005 als Sondergesandten nach Nepal. Aus der übersichtlichen Welt der Akademiker in die unübersichtliche Welt der Friedenstifter. Vom Hochsitz ins Handgemenge. Dorthin, wo einer scheitern kann. Oder mitschreiben am großen Buch der Weltgeschichte.

Der König macht sich zum absoluten Herrscher und entmachtet die Regierung

Am 1. Mai 2005 landet Günther Baechler in Kathmandu. Es herrscht Ausnahmezustand; in den Monaten zuvor sind in dem Bürgerkrieg zwischen Rebellenheer und Staatsmacht mehr Menschen umgekommen als je zuvor in einer solchen Zeitspanne. Und zu all dem hat sich König Gyanendra, dem laut Verfassung nur eine zeremonielle Rolle zukommt, nun zum absoluten Herrscher erklärt und die Regierung entmachtet. Er lässt Zeitungen zensieren, Politiker verhaften, Minister unter Hausarrest stellen, Kritiker foltern. Das Land befindet sich an einem Tiefpunkt. Und doch stößt der Monarch mit seinem diktatorischen Gebaren die Tür zum Frieden auf. Oder in Baechlers Worten: "Gyanendra ist der Böse, der das Gute ermöglicht hat." Denn nun erkennen die vom König gegängelten Regierungsparteien, die zehn Jahre lang die Guerilla bekämpft haben, dass sie eben diese Rebellen gegen den Herrscher brauchen. Und die Aufständischen realisieren, dass sich ihnen in dieser Krise endlich eine Chance bietet, ihre militärischen Erfolge in politische Macht umzumünzen. Beide Seiten wollen aufeinander zugehen. Aber sie brauchen einen Dritten, der ihnen hilft - einen Vermittler, der keine Rolle spielt in der Machttektonik Nepals. Das ist Günther Baechler aus der neutralen Schweiz.

Das Ende der Diktatur

Baechler reist in Indiens Hauptstadt New Delhi, wo sich die Führung der Guerilla versteckt, wird stundenlang per SMS durch das Gewirr eines Slums dirigiert, ehe er in einem schäbigen Zimmer, in einem dritten Hinterhof, einen Vertreter der Rebellen trifft. Stundenlang sitzen sie zusammen auf einem Bett, dem einzigen Möbelstück im Raum. Baechler schlägt dem Mann vor, mit einer Allianz der sieben bürgerlichen Parteien Nepals in geheime Gespräche einzutreten - zunächst erst einmal über die Möglichkeit, überhaupt Gespräche zu führen. So, im Allerkleinsten, beginnt der Weg zum Frieden. Nach einem halben Jahr hat er Erfolg: Im November 2005 setzen sich bürgerliche Allianz und Guerilla offiziell an einen Tisch und erklären sich bereit, Friedensgespräche aufzunehmen.

Das Ende der Diktatur wird gefordert

Unterdessen protestieren in Kathmandu immer mehr Menschen gegen das Regime des Königs. Studenten, Intellektuelle, Anwälte, Menschenrechtler führen die Demonstrationen an. Die "Zivilgesellschaft" erhebt ihre Stimme. Im April 2006 fordern mehrere hunderttausend Menschen ein Ende der Diktatur. Die Polizei tötet 25 Demonstranten und verletzt etwa fünftausend. Am Morgen des 24. April teilt der Armeechef König Gyanendra mit, dass er dessen Sicherheit nur um den Preis vieler tausend Toter garantieren könne. Noch am selben Tag gibt der Monarch nach. Er verkündet die Wiedereinsetzung des Parlaments und das Ende seiner direkten Herrschaft. Einen Monat später kommt es zum Waffenstillstand. So kann kurz darauf Rebellenführer Prachanda in Kathmandu einziehen. Können die eigentlichen Friedensverhandlungen beginnen. Es geht um die fundamentale Reform eines Staates.

Baechler braucht in diesen Monaten vor allem eines: Geduld. Versammlungen, um acht Uhr angesetzt, beginnen manchmal erst mittags und werden dann in einem fort von Telefonanrufen gestört. Baechlers wichtigste Verhandlung in dieser Zeit beginnt an einem Donnerstag im August 2006. Frühmorgens fahren Prachanda, dessen Generäle und eine kleine Armee von Leibwächtern vor dem zum Tagungsort bestimmten Hotel vor. Danach trifft die Armeeführung ein, mit ebenso vielen Bodyguards. Baechler moderiert in der Frage: Wie werden die Rebellen entwaffnet? Welches Mandat soll die UNO bekommen? Elf Stunden lang wird gefeilscht, 17 Anläufe nimmt der Schweizer, 17 Dokumente legt er vor, dann scheitert die Verhandlung an einem einzigen Detail: Wer soll die Schlüssel zu jenen Containern aufbewahren, in denen die von den Rebellen abgegebenen Waffen lagern? Schließlich gelingt der Kompromiss: Die Maoisten erhalten die Schlüssel, die UNO überwacht die Container.

Mattschwarz, kaltes Metall und der Geruch nach Fett und Rauch

So kommt es, dass Kalpanas Waffe, ein 30-schüssiges Sturmgewehr, nun in einem Container lagert, auf einem 2000 Meter hohen Berg im Westen Nepals, geschützt von zwei Lagen Stacheldraht, zwei Kameras und einem UN-Inspektor. Vor vier Monaten hat sie das Gewehr abgegeben. Seither vermisst sie es. Das mattschwarze, kalte Metall, den Geruch nach Fett und Rauch, das Gefühl von Sicherheit und Macht, das die Waffe ihr gegeben hat. Nun aber ist Frieden, es ist Sonntag, und es gibt nichts zu tun. Kalpana liegt in einem winzigen, mit kommunistischen Tageszeitungen ausgekleideten Zelt aus blauer Plastikfolie, in einem Lager am Rand des Dorfes Dahaban, in dem 1200 Rebellen unter den Augen der UNO auf ihre Demobilisierung warten. Kalpana ist 22 Jahre alt. Die ersten 15 Jahre ihres Lebens hütete sie Kühe, hoch über dem Dorf Thabang. Dann schloss sie sich den Rebellen an und änderte ihren Namen in Kalpana: "Traum".

Kein Zugang zu sauberem Trinkwasser

Es ist Nachmittag, ein kalter Wind streicht über die karge Bergkuppe, rüttelt an den Zelten, wirbelt über den platt gestampften Exerzierplatz und strafft die hellblauen UN-Flaggen, die über den Waffencontainern des Camps wehen. Ein Bataillon exerziert mit Holzknüppeln, andere Gruppen studieren revolutionäre Lieder ein, am Abend gibt es ein Fest. Kaum jemand ist älter als 25. Noch immer wird in Kathmandu gestritten. Einige der Rebellen, heißt es, sollen in die neue nepalesische Armee eintreten, die meisten zurückkehren in ihre Dörfer. Nur wann? Und wie? Die Ungeduld wächst. Auch Kalpana wartet. Darauf, dass endlich Wirklichkeit wird, wofür sie gekämpft hat. Und wenn nun nichts geschieht? Wenn die "Friedensdividende", wie Günther Baechler es nennt, nicht gezahlt wird? "Dann greifen wir wieder zu unseren Gewehren", sagt sie.

Kein Zugang zu sauberem Trinkwasser

Ist es zu früh? Hätte sie noch warten sollen? Aber die Kinder haben gedrängelt, und auch Jun Kumari Rokka will ihr Haus sehen, acht Jahre, nachdem ihre Familie vor den Maoisten geflohen ist. Jun Kumari Rokka geht den steilen Pfad hinauf, den sie seit acht Jahren nicht gegangen ist, hinter ihr der zwölfjährige Sohn. Jun Kumari Rokka hat sich nie für Politik interessiert. Sie weiß nicht, ob es stimmt, dass ihr Mann zwei Maoisten an die Polizei verraten hat, damals, als der Krieg begann. Hinter ihr, in einem Tal unten am Fluss, liegt der Dorfkern von Thabang, des weit über die Hänge verstreuten Orts, aus dem auch die Rebellin Kalpana stammt. Um ihn zu verlassen, muss man zweieinhalb Tage lang durch Schluchten und über hohe Pässe bis zur nächsten Straße marschieren. In dieser Gegend begann 1996 der Aufstand der Guerilla gegen den Staat, und dafür gab es gute Gründe: Die Hälfte der Kinder im Distrikt Rolpa sind mangelernährt, jeder Dritte hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, im Durchschnitt werden die Menschen 58 Jahre alt. Im Krieg erklärte die Guerilla Thabang zum Zentrum der "Modellregion Rolpa" - zur Keimzelle eines kommunistischen Nepal. Die Rebellen verboten Alkohol und Vielehe, errichteten Kooperativen und eine Diktatur allmächtiger Funktionäre. Die Guerilla erhob das Volk - und unterdrückte es zugleich.

Alte, früher gewaltsam unterdrückte Konflikte brechen wieder auf

Das kleine Flugzeug verliert an Höhe. Günther Baechler blickt aus dem Fenster, hinab auf eine dramatische Landschaft: Bewaldete Bergrücken türmen sich auf und fallen jäh ab, riesige, trockene Flussbetten winden sich die Täler hinab, während des Monsuns werden es tosende Ströme sein. Ein wildes, urtümliches Land, archaisch, zerklüftet, ohne Straßen. 20 Minuten dauert der Flug von Kathmandu nach Janakpur, ins Tiefland, in das Terai, in eine andere Welt: ein schmales, flaches, fruchtbares, ewig schwüles Gebiet am Fuße des Himalaya-Gebirges, einst ein von Malaria verseuchter Dschungel, heute geprägt von Reisfeldern. Janakpur ist bitter arm wie das gesamte Terai. Am Abend wird Baechler lokale Politiker treffen. Seine Mission in Nepal könnte jetzt beendet sein. Aber mit dem Friedensschluss hat neuer Streit begonnen - genauer: sind alte, früher gewaltsam unterdrückte Konflikte wieder aufgebrochen. Mehr als 60 Ethnien leben in Nepal, aber nur drei Gruppen teilen sich die Macht - auch jetzt, da die Guerilla einen Teil der Regierung stellt. Die anderen Volksgruppen fühlen sich vom Friedensprozess ausgeschlossen.

Zudem gehören die meisten Politiker im Land der Hindu-Kaste der Brahmanen an, während etwa den Dalit, den sogenannten Unberührbaren, sogar das Wasser an Gemeinschaftsbrunnen verwehrt wird. Und Frauen dürfen nach wie vor weder Land besitzen noch erben. Und so beherrschen die Demonstrationszüge in diesen Apriltagen die Straßen in Kathmandu und anderen größeren Städten. Begehren die ethnischen Minderheiten, die Dalit, die Frauen auf, weil sie fürchten, erneut ausgesperrt zu werden, wenn die bürgerlichen Parteien und die ehemaligen Rebellen das "Neue Nepal" unter sich aufteilen. Am militantesten sind die Madhesi, die Bewohner des Flachlandes. Sie stellen fast die Hälfte der Bevölkerung, gelten aber als Nepalesen dritter Klasse: "Marsya" ruft man ihnen hinterher, Inder; das ist, als würde man einen Schwarzen "Nigger" nennen. Während des Bürgerkriegs kämpften die Maoisten für das Recht der Madhesi auf Selbstbestimmung. Doch als die Rebellen mit den etablierten Parteien schließlich an einem Tisch saßen, war von einem Madhesi-Bundesstaat keine Rede mehr.

Die Wut gilt der Guerilla

Deshalb gilt die Wut der Flachlandbewohner nun nicht mehr nur der alten Elite in Kathmandu - sondern auch der Guerilla. Bei einer Demonstration bekämpften sich radikale Madhesi und Ex-Rebellen über Stunden mit Knüppeln und Messern. Am Ende lagen 27 Maoisten tot in den Gräben, verstümmelt und verbrannt - es waren jene 27, denen Prachanda die letzte Ehre erwies. Es gärt im Land, und deshalb reist Günther Baechler an diesem Tag nach Janakpur, hält einen Vortrag über - Föderalismus. Die Forderung nach einer Stärkung der Regionen ist revolutionär in einem Staat, in dem immer alles von der Hauptstadt ausgegangen ist und Menschen gestorben sind, weil sie Selbstbestimmung gefordert haben. Und entsprechend schwer umzusetzen - bei den Bürgerlichen in der Regierung wie bei der Ex-Guerilla.

Die Kellner tragen Essen auf, Reis, Spinat mit Tofu, grätiges Fischcurry. Einige der Männer fragen höflich nach. Dann aber setzt der Vertreter des radikalen "Madhesi-Forums" zu einer Rede gegen die Guerilla an. "Verrat", wirft er den Maoisten vor, kaum an der Macht, hätten sie vergessen, wofür sie einst gekämpft hatten. "Geduld", entgegnet der örtliche Vertreter der Rebellen: Seine Gruppe werde sich der Forderungen schon noch annehmen, doch ließe sich eben nicht alles an einem Tag erledigen. "Es gibt Länder, die hervorragend ohne Kommunisten funktionieren, zum Beispiel die Schweiz", höhnt der Madhesi. Der Maoist: "Ihr plappert uns nach, was wir seit Jahren fordern. Denkt euch endlich eine eigene Agenda aus!" Tatsächlich haben die Maoisten bei den Friedensverhandlungen in vielen Punkten den bürgerlichen Parteien nachgegeben, sodass sie nun wie Verräter an den eigenen Idealen dastehen. Immer lauter werden die beiden Männer in ihrem Streit. Günther Baechler lauscht den Worten seiner Übersetzerin, isst, lächelt, lässt sich nichts anmerken. Schließlich steht er auf, blickt in die Runde, die Hände ineinandergelegt und sagt: "Es war sehr interessant, mit Ihnen zu diskutieren.Vielen Dank, dass Sie Ihre Ideen mit mir ausgetauscht haben."

Viele Unterhändler sind gescheitert, weil sie zu ehrgeizig waren

In Wahrheit beunruhigt ihn der Hass des Mannes vom Madhesi-Forum. Könnte sich hier ein ethnischer Konflikt entwickeln, der möglicherweise weitaus brutaler wäre als der gerade beendete Bürgerkrieg? Seit Monaten und bislang erfolglos arbeitet Baechler in Kathmandu daran, dass die Madhesi zu Verhandlungen eingeladen werden. Er weiß, dass er die Politiker nicht bedrängen darf, weil er sonst seine Neutralität verlöre und mit ihr jede Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Viele Unterhändler sind gescheitert, weil sie zu ehrgeizig waren. "Auf diesen Ehrgeiz muss ich verzichten", sagt Baechler, "sonst kann ich gehen."

Ein Zeichen einer aufkeimenden Zivilgesellschaft

Zwei Tage später sitzt er im Fond seines kleinen blauen Autos und schimpft, während sein Fahrer den Wagen durch den dichten Verkehr Kathmandus manövriert. Einige Stunden zuvor ist Baechler wütend aus einer Sitzung gerannt. Endlich hatte eine Kommission ein gerechtes Wahlgesetz ausgearbeitet, mit einem fairen Zuschnitt der Wahlkreise, doch noch ehe der Entwurf im Parlament gelesen werden kann, haben einige Parteiführer der bürgerlichen Allianz all jene Sätze herausgestrichen, die ihre Macht gefährden und beispielsweise den Madhesi etwas mehr Chancen einräumen würden. Der Fahrer bremst vor einem schlichten Einfamilienhaus. Baechler stürmt vorbei an einigen Wachsoldaten und betritt einen hellblau gestrichenen Raum. Ein kleiner Mann mit Schnauzbart und großer Hornbrille schüttelt ihm die Hand: Madhav Nepal, der Führer der UML, der Sozialdemokraten. Er gehört zu den sieben Parteiführern der bürgerlichen Allianz, doch Baechler sieht in ihm einen Verbündeten. Der Besucher klagt Madhav Nepal sein Leid, der Hausherr nickt. Und sagt dann, er wolle sich dafür einsetzen, die gerade getilgten Sätze wieder in das Wahlgesetz aufzunehmen. Trotz allem, sagt Baechler, sei er optimistisch: Er hoffe zuversichtlich, dass Nepal, dieses "verspätete Land", in dem so lange so vieles schief gelaufen sei, vorankomme, in Zeitlupe zwar, aber immerhin. "Es ist gut, dass die Leute auf die Straße gehen, jetzt, vor den Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung. Sonst werden sie wieder nicht gehört. Der Streit, den wir jetzt erleben, ist Zeichen einer aufkeimenden Zivilgesellschaft. Einer sich entwickelnden Demokratie."

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