Kulturhauptstadt 2019 Matera - Eine Stadt entdeckt sich neu

Früher Schmuddelkind, heute Besuchermagnet: Die Höhlenstadt in der süditalienischen Basilikata ist mit Festivals und neuer Architektur auch oberirdisch eine Entdeckung
Matera, Italien

Besonders in der Abenddämmerung entfaltet die Stadt Matera ihren Charme

Matera, eine der ältesten und außergewöhnlichsten Städte der Welt, muss man erst einmal begreifen. Dazu zieht man am besten dicksohlige Laufschuhe an und begibt sich auf einen Schluchtspaziergang, der im Licht des frühen Abends besonders stimmungsvoll ist. Die Schlucht hat der Fluss Gravina über Jahrmillionen in den Karst der östlichen Basilikata gegraben. Matera liegt nicht an dieser Schlucht. Matera ist die Schlucht. Die Häuser sind Höhlen im Tuffstein. Über Tausende von Jahren lebten Menschen in ihnen, gruben sie tiefer in den Fels hinein, versahen sie mit Dächern und gemauerten Vorbauten. Einer unsichtbaren Ordnung folgend, klettern diese Behausungen, Sassi genannt, bis heute die Wände der Schlucht hoch, bedecken jeden Meter Fels, blicken mit dunklen Fensterhöhlen und Türen in die sinkende Nacht hinaus. Zwischendrin zahllose Höhlenkirchen aus dem Hochmittelalter. Spartanisch und eindrucksvoll: der Kirchenkomplex Madonna Delle Virtù und San Nicola dei Greci (Sasso Caveoso, Via Madonna delle Virtù, www.caveheritage.it). Dann gehen die ersten Lichter an – ein ergreifender Moment. Ein paar Laternen werfen gelbe Schimmer auf krumme Treppen und Durchgänge, die sich durch das Labyrinth nach oben schlängeln. Dort, in der Ebene, breitet sich das bürgerliche Matera aus mit Dom, Konservatorium und heiter-herrschaftlichen Palazzi wie zum Beispiel dem Palazzo Lanfranchi. Eine gepflegte süditalienische Stadt, in der es sich wunderbar bummeln lässt.

Was Sie in Matera sehen und erleben können

Noch in den 50er-Jahren lebten arme Italiener unter erbärmlichsten Umständen in den Sassi. Eine »nationale Schande« nannte der damalige Ministerpräsident Alcide De Gasperi Matera und ließ die Bewohner umsiedeln. Vom Leben der Menschen in den Höhlen erzählt ein Besuch in der originalgetreu ausgestatteten Casa Grotta, in der bis 1956 eine Familie lebte (Sasso Caveoso, Vico Solitario 11, www.casagrotta.it). Die Sassi-Viertel selbst blieben, mutierten vom Schandfleck zunächst zur Location für Bibelverfilmungen, dann stiegen sie auf zum UNESCO-Weltkulturerbe – und nun ist Matera Kulturhauptstadt (www.matera-basilicata2019.it). Eine steilere Karriere kann eine Stadt kaum hinlegen.

Und noch ist lange nicht Schluss: »Open Future« lautet die Leitlinie für das Programm des Hauptstadtjahrs. Das Ziel: eine kulturelle Renaissance des Südens und »Kultur-Bürger«, die aktiv ihre Zukunft mitgestalten. Die ganze Basilikata ist zum Mitmachen eingeladen, alle der insgesamt 131 Gemeinden der Region können mit eigenem Programm »Kulturhauptstadt für einen Tag« sein. Sowie – Tschingderassabum! – eine Musikkapelle zur Eröffnungszeremonie am 19. Januar schicken, bei der 178 Bands aus der Basilikata, Italien und ganz Europa in Matera Einzug halten. Vier große Ausstellungen sind geplant, darunter »Ars Excavandi« über die Entwicklung der Felsarchitektur und »Rinascimentoriletto« zum Thema Renaissance in Apulien und der Basilikata. Das Musikfestival »Open Sound« setzt auf einheimischen Input und die Verbindung zwischen Tradition und Innovation. Ein großes Konzert wird in der Cava del Sole über die Bühne gehen, einem ehemaligen Tuffsteinbruch am Stadtrand, der gerade zur Kulturarena umgewidmet wird. Auch sonst stützt sich das Programm auf vorhandene Tiefbauten, denn die liegen in Materas DNA und haben enormes szenografisches Potenzial, zum Beispiel die Veranstaltungslocation Casa Cava, ein 15 Meter tiefer, unterirdischer Tuffsteinschacht (www.casacava.it). Und das Sound-Art-Projekt »In Vitro« wird unter anderem im Palombaro Lungo eingerichtet, einer gewaltigen unterirdischen Zisterne mit den Maßen und der Stimmung einer Kathedrale (Piazza Vittorio Veneto). Mit einem echten Neubau wird sich die Kulturhauptstadt aber auch schmücken – der Bahnhof MATERA CENTRALE ist ein Werk des Mailänder Stararchitekten Stefano Boeri. Und natürlich aus lokalem Tuffstein gemacht.

Palazzo Lanfranchi, Matera, Italien

Der Palazzo Lanfranchi beherbergt heutzutage ein sehenswertes Museum

Lohnenswerter Abstecher von Matera

Die schönste aller Höhlenkirchen liegt nicht in der Stadt, sondern knapp 30 Autominuten außerhalb in Richtung Metaponto. Ein unbekannter Künstler schmückte die Cripta del Peccato, die »Sixtinische Kapelle der Felskunst«, im 8. oder 9. Jahrhundert mit Sündenfall, anderen Genesis-Szenen und einem Meer an roten Blumen aus (Cripta del Peccato Originale, Contrada Pietrapenta, beim Weingut Fratelli Dracone, Besichtigung nur nach Vorbestellung auf www.criptadelpeccatooriginale.it).

Die besten Orte zum Essen und Genießen

Ein Tag in Matera beginnt idealerweise mit einem Cappuccino an den Tischchen vor dem traditionsreichen Caffè Tripoli, einem schlauchartigen Lokal mit der wohl größten Auswahl an hausgemachten cornetti, Hörnchen, in ganz Süditalien. Unbedingt auch die cortecce aus dem großen Glas auf der Theke probieren – köstliche Haselnusskekse mit Pistaziencreme (Piazza Vittorio Veneto 17). Mittags setzt man sich gemeinsam mit der arbeitenden Bevölkerung in der Trattoria Lucana. zu Tisch. Der Wirt Gigi Sanrocco liebt keine Überraschungen und lässt auf rotkarierten Tischdecken die Klassiker der Basilikata-Küche auftragen: zum Beispiel Orecchiette mit bitterem Stängelkohl, über die peperone crusco gestreut wird, getrockneter, zerkleinerter Paprika (Via Lucana 48, www.trattorialucana.it). Zum Aperitif geht’s auf die hübsche Piazza San Giovanni ins Gahvè, wo es zu Bier und ordentlich gemixten Americanos feine Sesam-Taralli, Oliven und den Blick auf die romanische Fassade der Kirche San Giovanni Battista gibt (Via San Biagio 32). Derweil kümmern sie sich im Restaurant Baccus schon ums Abendessen und bereiten Ricotta-Soufflé in Brotkruste und Calamari im Speckmantel vor. Tisch draußen reservieren, der Blick auf die Sassi ist berauschend schön (Vico Santa Cesarea 34, www.ristorantebaccus.it).

Unterkünfte und Hotels in Matera

Schon seit einigen Jahren sind die verlassenen Sassi ein heiß geliebter Spielplatz für Kneipenbetreiber und Hoteliers. Den Anfang machte das spektakulärste Höhlen-Hotel Sextantio Le Grotte Della Civita. In den 18 minimalistischen Zimmern herrscht eine einzigartige Kombination aus Steinzeit, Designer-Badewannen, WLAN und Kerzenschimmer. Frühstück gibt’s in einer ehemaligen Kirche aus dem 13. Jahrhundert (Via Civita 28, legrottedellacivita.sextantio.it, DZ/F ab 170 €). Dass sich Höhlen auch mit modernem Outfit vertragen, zeigt das Basiliani Hotel, wo weiß gekalkte Felswände mit schwarzen Steinböden und kantigen Design-Möbeln harmonieren (Rione Casalnuovo 115, www.basilianihotel.com, DZ/F ab 80 €). Wer sich die Zeit vor dem Abendessen mit romantischer Stimmung vertreiben will, setzt sich auf die wunderbare Dachterrasse des B & B Alle Conche und lässt Materas Steinlandschaft auf sich wirken. Gastgeberin Tiziana Rondinone (ihre Kuchen zum Frühstück sind legendär!) hat gerade eine kleine Dependance im Sasso Caveoso eröffnet, mit schönen Zimmern und vielen Kunstwerken (Via Sette Dolori 72, www.alleconche.it, DZ/F im Haupthaus ab 100 €, in der Dependance ab 160 €).

Video: Fünf Highlights in Italien

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