Provence Avignon - die mittelalterliche Schöne

Auch jenseits des Theatertreffens ist die mittelalterliche Stadt im Herzen der Provence einen Besuch wert, findet Autorin Katja Trippel
Avignon - die mittelalterliche Schöne

Avignon wird auch "Stadt der Päpste" genannt, da sie im 14. Jahrhundert Papstsitz war

Oft tut es ja gut, Bekanntes auch mal aus der Distanz zu betrachten – man sieht es dann in einem völlig neuen Licht. Bestes Beispiel: Avignon. Ich kenne die Stadt recht gut, da meine Eltern viele Jahre lang nicht weit entfernt, in einem kleinen Dörfchen am Fuße des Mont Ventoux, ihre Urlaube verbrachten und ich mich so oft wie möglich für ein paar Tage in ihren duftenden Garten einlud. Wir radelten dann durch die Weinberge zwischen den Côtes du Ventoux und Beaumes-de-Venise, wo der süße Muskatwein herkommt, kletterten auf den Felsen der Dentelles de Montmirail herum, wanderten durch die Schlucht des Toulourenc an der nördlichen Ventoux-Flanke oder ließen es uns viele heiße Sommerabende lang unter den Platanen der Dorfbar gut gehen. Avignon besuchten wir natürlich auch, und ich weiß noch genau, wie ungläubig ich meine Eltern anstarrte, als sie mich zum ersten Mal auf die weltberühmte Brücke führten. Wollt ihr mich verulken? Der Pont ist doch viel zu schmal für ein Tänzchen und endet mitten in der Rhône – eine gewaltige Flut hatte einen Teil bereits im 17. Jahrhundert mitgerissen. Inzwischen weiß ich: Vom Ufer der gegenüberliegenden Insel Barthelasse, auf der Wiese zwischen den Anglern oder noch besser auf der weinumrankten Terrasse des Restaurants "Le Bercail" sitzend und mit einem Glas Rosé in der Hand, gewinnt der Pont, umspült vom graugrünen Fluss, enorm an Charme; besonders am Abend, wenn die Sonne hinter seinem weißen Torso in den Horizont taucht und die langgezogenen Bögen sich im Wasser spiegeln.

Der ebenso berühmte Papstpalast mit seinen Kapellen, Kreuzgängen und Prunksälen wiederum hat mich beim ersten Besuch tief beeindruckt. Dann mied ich seine nähere Umgebung, um den Touristenmassen zu entkommen. Dieses Mal jedoch entdecke ich quasi zufällig den besten Spot, um das Gemäuerensemble in seiner ganzen Pracht zu bewundern. Noch eine Brücke hinter der Île de la Barthelasse, in Villeneuve-lès-Avignon, spaziere ich durch die Gärten der Abbaye St-André, nur eines von zahlreichen historischen Bauwerken in der ehemaligen Kardinalsstadt auf der anderen Rhône-Seite, und auf einmal tut sich ein grandioses Panorama auf: vorn die Rhône, in der Mitte der riesige Felsen, auf dem die Päpste im 14. Jahrhundert ihren Palast mit bis zu 50 Meter hohen Mauern errichten ließen, und als i-Tüpfelchen hinter dem Dächermeer von Avignon die Bergkette der Alpilles. Ich bin hingerissen, erst recht, als ich von einer anderen Stelle des Fort St-André auch noch den Mont Ventoux erblicke. Stolz ragt der dunkle Gigant mit der weißen Kuppe aus der Hügellandschaft heraus. Und ich frage mich ein weiteres Mal, warum so viele Radfahrer scharf darauf sind, seinen Gipfel mit der Muskelkraft ihrer Schenkel zu bezwingen, wenn man doch gemütlich mit dem Auto oder auch auf weniger steilen und zumindest anfangs schattigen Wanderwegen nach oben kommt. Drittes Beispiel: Hätte mich jemand eingeladen, ausgerechnet auf meinem Lieblingsplatz in Avignon, der Place des Corps-Saints mit der kleinen gotischen Kirche, ein klassisches deutsches Abendbrot einzunehmen – Bier mit Käse- und Wurstbrot –, ich hätte den Kopf geschüttelt. Großer Fehler! Im Bistrot "Ginette et Marcel", dessen Terrasse sich um die runde Fontaine mit dem kleinen nackten Meeresgott gruppiert, heißen belegte Brote tartines. Sie schmecken dank provenzalischer Improvisationskunst mit Ziegenkäse und Honig, gegrilltem Sommergemüse, pâté de campagne und frischen Kräutern auf selbst gebackenem Brot zu einem frisch gezapften demi so lecker, dass ich seither sinniere, irgendwo anders in der Provence ein eigenes bistrot à tartines aufzumachen.

Avignon schafft es, mich bei jedem Besuch zu überraschen und gleichzeitig zu vergewissern, dass in der vier Kilometer langen Festungsmauer die liebenswerteste, vielseitigste und offenste Stadt der Provence beheimatet ist. Es ist nicht so bourgeois wie Aix, nicht so dörflich wie Arles, aber überschaubarer als Marseille. Ich kann hier ganz entspannt Klamotten oder Schuhe shoppen, und wenn ich kochen möchte, verkaufen die Händler der Markthalle und des großen Samstagsmarkts entlang der Stadtmauer alle Produkte, die in der Umgebung frisch geerntet werden: Kirschen vom Mont Ventoux, Melonen aus Cavaillon, Trüffel aus Carpentras, Spargel aus Mazan, Olivenöl aus den Alpilles rund um Les Baux-de-Provence, Honig aus den Lavendelfeldern von Sault und das köstliche Sommergemüse, das eigentlich überall gedeiht. Ist einem nach einem Schuss Landleben, bietet die 700 Hektar große Île de la Barthelasse, eine der größten Flussinseln Europas, ausreichend Platz für Radtouren entlang der Rhône und durch Obstbaumplantagen. Dabei sollte man auf keinen Fall versäumen, den Williamsbirnenschnaps – auf französisch eau de vie, "Lebenswasser" – der Destillerie Manguin zu verkosten. Oder man hopst einfach nur ins Wasser der "Piscine Olympique La Palmeraie".

Außerdem wird in Avignon natürlich das legendäre Theaterfestival veranstaltet, das die Stadt diesseits und jenseits ihrer Mauer jeden Juli in eine riesige, weltoffene Bühne verwandelt. Und dessen omnipräsente Plakate auch im Rest des Jahres Gassen, Plätze und Mauern schmücken. Der kultivierte Bohemien-Stil der Stadt, auf den die Einheimischen mit Recht so stolz sind, lässt sich am deutlichsten in der Rue des Teinturiers am Ufer der Sorguette erkennen, der mittelalterlichen Heimat der Färbergilde. Während meines Geographie-Studiums mussten wir damals kartieren, in welchem baulichen Zustand sich Straße und Häuser befanden und welche Läden die Erdgeschosse bezogen hatten. Der Wandel seither ist enorm. Das heruntergekommene Sträßchen hat sich zur sympathischen Ausgehmeile entwickelt, mit Theatern, Bars, Restaurants, Sitzbänken und Street-Art an den Fassaden. Und: Dieses Frühjahr wurden die Häuser endlich an die Kanalisation angeschlossen, erfahre ich; was heißt, dass die Bewohner ihre Abwässer nicht mehr in das Flüsschen leiten. Ein lang ersehnter Fortschritt, über den Gestank haben sie schon vor 18 Jahren geschimpft. Eine letzte Lektion des Südens lerne ich auf der ebenso erfolgreich sanierten Place des Carmes, zehn nette Gehminuten vom Papstpalast entfernt. Im gleichnamigen théâtre dort startete übrigens 1976 der Regisseur André Benedetto das Off- Festival von Avignon, das dem Festival seinen einst elitären Touch nahm, es in Hinterhöfe und auf die Straße brachte. Jeden Samstag ist hier brocante, ein Trödelmarkt. Ich habe mich immer gefragt, warum der Markt überdacht ist, wo es doch kaum regnet. Ein milde lächelnder Avignonais erklärt es. "Das Dach schützt nicht vor Regen, sondern vor der Sonne. Wir sind hier in der Provence, Madame."

Erleben

Mit dem Rad geht’s zur Île de la Barthelasse gegenüber dem berühmten "Pont d’Avignon" – nicht dort übrigens wurde getanzt, wie das Kinderlied behauptet, sondern in den guinguettes, den Bars auf der Rhône-Insel mit den großartigen Radwegen (zwei speziell für Mountainbiker) und dem Blick auf den Papstpalast. Wenn die ausländische Karte beim städtischen Radverleih Vélopop nicht klappt: Daytour vermietet Räder. Chemin de la Barthelasse 10, www.daytour.fr

Der große Platz rund um die Markthalle ist endlich fertig: Auf der Place Pie findet morgens außer montags der Wochenmarkt statt; auf der Place des Carmes samstags Blumen-, am Sonntag Flohmarkt. Krämermarkt ist am Wochenende an der Stadtmauer (Rempart Saint-Michel).

Die Innenstadt als grenzenlose Bühne: Das Festival d'Avignon ist jedes Jahr im Juli Schaufenster der internationalen Kunstwelt – und für alle großen Regisseure ein Must. Und eine Chance, im Ehrenhof des Papstpalasts oder in Kapellen und Kirchen neue Konzepte auszuprobieren. Spannend wird der Sommermonat zudem beim Festival Off, das für unabhängige Ensembles die Theater, Kinos, Plätze, Restaurants und Cafés öffnet. www.festival-avignon.com, www.avignonleoff.com

Im 14. Jahrhundert wurde Avignon zum Zufluchtsort der Päpste. Im Papstpalast residierten nacheinander sieben Kirchenoberhäupter. Auch wenn der bis zu 50 Meter hohe "Palais des Papes" seit der Französischen Revolution leergeräumt ist, lassen die Räume die einstige Pracht erahnen. Der Ehrenhof der Zitadelle ist wichtigste Spielstätte für das Theaterfestival, das Haus beherbergt Kunstausstellungen. Ein Traum ist der Jardin des Doms hoch über der Rhône mit Blick auf den Fluss oder den Mont Ventoux. Place du Palais, www.palais-des-papes.com

Weitere Tipps zu Erlebnissen in der Stadt liefert die Webseite: www.avignon-tourisme.com

Essen & Trinken

Den schönsten Blick auf den Pont d’Avignon und zum Teil auf den Palais des Papes hat man von der Terrasse des Restaurants Le Bercail auf der Île de la Barthelasse, direkt an der Rhône. Dazu gibt’s Pastis, gegrillten Fisch oder Holzofenpizza. Île de la Barthelasse, Chemin des Canotiers 162, Tel. 0033-4-90 82 20 22, www.restaurant-lebercail.fr

Deutsches Abendbrot à la française: In dem liebevoll auf alt getrimmten Bistrot Ginette & Marcel an der Place des Corps Saints, von vielen das Lieblingsplätzchen in Avignon, sind belegte Brote mit Käse oder Pastete der Renner. Die tartines sind optische wie kulinarische Kunstwerke. Und erst die Desserts! Place des Corps Saints 25–27, Tel. 0033-4-90 85 58 70

Tea, not Thé! Das Café Simple Simon scheint komplett aus der Zeit gefallen. Dekoriert wie ein englischer Teesalon mit Sammeltassen und Spitzendeckchen, serviert es Kuchen, Pies und Tartes. Rue Petite-Fusterie 26; im Winter sonntags Brunch (30 €)

Schlafen

Komplett renoviert, blitzsauber und günstig sind die Zimmer im Hotel Boquier in einer ruhigen Seitenstraße im Zentrum. Jedes hat einen ganz eigenen Stil, das "Chambre Indienne" etwa leuchtet in kräftigen Farben. Hübsch ist auch der Innenhof. Rue du Portail Boquier 6, Tel. 0033-4-90 82 34 43, www.hotel-boquier.com

Der Garten mit Brunnen ist die Oase im Hotel Au Saint Rochkurz vor den Stadtmauern. Die 27 Zimmer sind klimatisiert und im provenzalischen Stil dekoriert. Rue Paul Mérindol 9, Tel. 0033-4-90 16 50 00, www.hotelstroch-avignon.com

Innerhalb der Stadtmauer, aber in einer ruhigen Straße steht das Hotel Le Colbert. Die zwölf Zimmer sind verschwenderisch mit Bildern und Festival-Plakaten ausgestattet. Rue Agricol Perdiguier 7, Tel. 0033- 4-90 86 20 20, www.avignon-hotel-colbert.com

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