Botswana Tourismus-Boykott soll indigenes Volk retten

Die NGO Survival International hat zum Tourismus-Boykott gegen Botswana aufgerufen. Der Vorwurf: Um Tourismus und Bergbau zu fördern, werde das indigene Volk der Basarwa unterdrückt
Tourismus-Boykott soll indigenes Volk retten

Die San leben in Botswana, Namibia, Angola und Südafrika. Immer wieder werden Relikte gefunden, die zeigen, dass das Volk der Buschleute eines der ältesten weltweit sein könnte

Botswana zieht jährlich über zwei Millionen Besucher an – das möchte die Nicht-Regierungs-Organisation Survival International ändern: Solange die Regierung das indigene Volk der Basarwa daran hindere, ihr Leben als Jäger und Sammler in den Weiten Botswanas zu führen, sollten möglichst keine Touristen mehr das Land im Herzen Afrikas besuchen. Der Konflikt steht bereits seit Mitte der 80er Jahre zwischen den Basarwa und der botswanischen Regierung, seit 2004 setzt sich Survival International für die Rechte des indigenen Volkes ein und hat 2013 zum Tourismus-Boykott aufgerufen. GEO.de hat mit allen Beteiligten gesprochen und stellt drei Fragen:

Was ist dran an den Vorwürfen? Kann so ein Tourismus-Boykott wirklich funktionieren? Was können Besucher tun, wenn sie nicht auf eine Reise nach Botswana verzichten möchten?

Grund der Auseinandersetzung zwischen der Regierung und dem Volk der Basarwa, auch Bushmen oder San genannt, sind stolze 51 145 Quadratkilometer Land, die im Zentrum von Botswana liegen – das Central Kalahari Game Reserve (CKGR). Der Nationalpark wurde 1961 errichtet zum Schutz der hier lebenden Bevölkerung, der Landschaft und der Wildtiere. Die Basarwa sind ein Volk der Jäger und Sammler. Trotz Einrichtung des Reservats war es ihnen weiterhin erlaubt, hier zu jagen. Ab Mitte der 80er Jahre war der Regierung die traditionelle Jagd zunehmend ein Dorn im Auge. Mit der Begründung, die einzigartige Flora und Fauna schützen zu wollen, begann sie mit der Umsiedlung der Basarwa. In drei großen Wellen wurden 1997, 2002 und 2005 nahezu alle Indigenen in Siedlungen außerhalb des Reservates untergebracht, wo die meisten der rund 7000 Betroffenen sich bis heute nicht heimisch fühlen. Ohne die Jagd sind sie nach eigener Aussage auf Nahrungs- und Geldzuteilungen durch den Staat angewiesen - Depressionen, Infektionskrankheiten und Alkoholismus sind die Folgen.

Was ist dran an den Vorwürfen?

Während die Regierung dabei bleibt, dass die Umsiedlung freiwillig und zum Schutz der Natur geschehen sei, nennen Kritiker ganz andere Gründe. In den frühen 80er Jahren wurde innerhalb des CKGR ein großes Diamanten-Aufkommen entdeckt, inzwischen wird der Bodenschatz in einer Mine mitten im Reservatabgebaut. Nach botswanischem und internationalem Recht hätte die Regierung die Vergabe der Abbaulizenz mit den Bushmen beraten müssen. Um das zu umgehen – so der Vorwurf der Kritiker – habe man die indigene Bevölkerung unter dem Vorwand des Naturschutzes kurzerhand aus dem Reservat entfernt. Jumanda Gakelebone, Sprecher der Basarwa in der Kalahari, sagt "Sie haben all unsere Anlaufpunkte geschlossen, um uns zu zermürben. Wir hatten eine Schule, aber die Lehrer wurden abgezogen, wir hatten eine Krankenstation, aber auf einmal weder Arzt noch Krankenschwester, und unser Brunnen war plötzlich zugeschüttet. Freiwillig sind wir also nicht gegangen, wir mussten, um zu überleben."

Ulrich Delius, Afrikareferent der Gesellschaft für bedrohte Völker, beobachtet den Konflikt bereits seit 25 Jahren und bezeichnet ihn als Ethnozid: "Das war im Prinzip eine Zwangsumsiedlung und eine absolute Entwurzelung dieser Gruppe, die katastrophale Folgen in sozialer, psychologischer und kultureller Hinsicht hatte. Man hat die indigene Bevölkerung, die die Flora und Fauna um sich herum schonte, herausgeworfen zugunsten von Bergbau-Unternehmen, die sich mit Sicherheit nicht um das Wohlergehen der Natur bemühen werden." Ein Regierungssprecher sagt dazu: "Bergbau ist im ganzen Land erlaubt, auch in Nationalparks, wenn das Ökosystem dadurch nicht zu sehr beeinträchtigt wird. Bevor wir Lizenzen vergeben, wird dies natürlich geprüft. In diesem Fall haben wir zudem mit allen betroffenen Gruppen, auch mit den Basarwa, gesprochen." Jumanda Gakelebone bestreitet das: "Uns hat nie jemand von der Regierung gefragt."

Mit Hilfe der NGO und des britischen Anwalts Gordon Bennett verklagte eine Gruppe Basarwa stellvertretend für ihr Volk 2002 den Staat Botswana. Das Ziel: innerhalb der CKGR wieder frei leben und jagen zu dürfen. Die Basarwa bekamen im Jahr 2006 Recht und die Erlaubnis, das Central Kalahari Game Reserve zu betreten sowie hier der Jagd nachzugehen – ein historischer Sieg für die Rechte indigener Völker.

Hier könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein, doch sie geht weiter.

Tourismus-Boykott soll indigenes Volk retten

Seit Anfang 2014 gilt ein generelles Jagdverbot in Botswana, unter anderem um den nachhaltigen Tourismus zu fördern

Kann ein Tourismus-Boykott funktionieren?

Der Tourismus ist neben dem Diamanten-Geschäft die zweitgrößte Einnahmequelle in der Kalahari. Auch wenn Survival International schon lange für die Rechte der indigenen Bevölkerung in Botswana kämpft, war die neue Kampagne der Tourismusbehörde Botswanas ausschlaggebend für den Aufruf zum Tourismus-Boykott.

"Botswanas Regierung wirbt mit exotischen Bildern felltragender Buschleute für Luxustouren im CKGR und verspricht Touristen, die traditionelle Lebensweise der Jäger und Sammler aus der Kalahari erleben zu können. Aber in Wirklichkeit lässt die Regierung die letzten jagenden Buschleute Afrikas verhungern; sie werden gefoltert, geprügelt und eingeschüchtert, um sie zu vertreiben. Die Regierung bemüht sich, genau die Lebensweise auszumerzen, die sie zum Ködern reicher Touristen verwendet", prangert Stephen Corry, Direktor von Survival International, das Vorgehen an. Auch Ulrich Delius empfindet die Güterverteilung innerhalb des Reservats als fraglich: "Wenn man sich heutzutage anschaut, wer sich in der Kalahari ökonomisch engagieren kann, sei es im Tourismus, sei es im Jagdgeschäft oder im Bergbau, dann mutet das schon sehr seltsam an. Wie kann man es begründen und rechtfertigen, dass man den Leuten ihre Lebensexistenz nimmt, damit wir uns Wildtiere anschauen können, die schon lange keine Wildtiere mehr sind?"

Die Regierung setzt mehr und mehr auf den Tourismus als Einnahmequelle. Besonders Ökotourismus und nachhaltiger Tierschutz sollen dabei eine Rolle spielen. Um letzteren Punkt in Gang zu bringen hat Präsident Khama Anfang dieses Jahres ein nationales Jagdverbot verhängt – auch die Bushmen dürfen somit nicht mehr jagen. Ausgenommen sind Farmen, die bereits Wildtiere besitzen. Jumanda Gakelebone erklärt das Dilemma: "Für die Menschen im CKGR war das Jagen die einzige verfügbare Lebensmittelversorgung. Wie sollen sie jetzt überleben? Währenddessen können reiche Touristen auf Jagdfarmen weiterhin Wildtiere gegen Geld schießen. Sie jagen zum Spaß, wir zum Überleben." Die Regierung verweist in einer offiziellen Stellungnahme darauf, dass die wenigsten Basarwa noch auf das Jagen angewiesen sind und im Tourismus eine neue Einnahmequelle bereits gefunden haben oder finden können. Auf direkte Nachfrage bei einem Regierungsvertreter, wie viele der San tatsächlich schon im Tourismus tätig sind, fällt die Antwort etwas verhaltener aus: "Bisher arbeiten drei Frauen und vier Männer in der Kalahari-Region im Tourismus."

Tourismus-Boykott soll indigenes Volk retten

Jumanda Gakelebone und Gordon Bennett machen in London gemeinsam auf die Lage der Basarwa aufmerksam. Währenddessen stellt Präsident Khama, Prince Charles das neue Jadverbot in Botswana vor

Die Basarwa und Survival International werfen den Behörden vor, den Urteilsspruch nicht umzusetzen. Die Regierung hat das Urteil zwar anerkannt, begrenzt es aber auf die Kläger und deren Kinder: 189 Menschen von rund 7000. Sie dürfen sich auch ohne einen Besucherschein frei im CKGR bewegen. Alle anderen müssen sich weiterhin wie Touristen um einen einmonatigen Besucherschein für das Reservat bewerben. Immer wieder werden Bushmen beim inzwischen illegalen Jagen erwischt und festgenommen, denn das Central Kalahari Game Reserve ist größtenteils freizugänglich. Die Regierung sagt: "Das Jagen innerhalb des Reservats ist gesetzlich verboten, aber viele Mitglieder der Basarwa tun es dennoch, was der Wilderei gleichkommt." Die San geben hingegen an, dass die Versorgungskette der Regierung alles andere als gut laufe und sie sich mitunter nicht anders zu helfen wüssten, als illegal jagen zu gehen. Ein erneutes Gerichtsverfahren sollte 2013 endgültig über den Zugang und die Jagdrechte der Basarwa zum CKGR entscheiden. Doch Gordon Bennett erhielt kein Visum für Botswana, deshalb ist das Verfahren bis auf Weiteres vertagt. "Sobald wir alle Papiere und das benötigte Geld zusammen haben, werden wir erneut versuchen, das Verfahren in Gang zu bringen. Falls ich nicht einreisen kann, wird es ein anderer Anwalt tun. Ich gebe nicht auf, bis die Baswara wieder selbstbestimmt leben können", sagt der britische Anwalt.

Die Fronten sind verhärtet. Genau darin sieht Ulrich Delius den Nachteil des Boykott-Aufrufs: "Der Boykott betrifft das ganze Land und könnte in der breiten Bevölkerung Abneigung gegenüber diese doch sehr kleine Gruppe, die zurück in die Kalahari möchte, hervorrufen. Weil im schlimmsten Fall alle mit Einbußen leben müssen. Ich persönlich kann mir vorstellen, dass der Boykott die Fronten eher verhärtet, als sie aufzubrechen." Die Regierung sieht den Tourismus bisher nicht beeinflusst: "Wir verzeichnen weiterhin steigende Einreisezahlen, und die Reaktionen auf unser Jagdverbot sind durchaus positiver als die auf den Tourismus-Boykott von Survival International." Die NGO berichtet hingegen von mehr als 8000 Protest-Schreiben an Präsident Khama plus drei Reiseveranstaltern, die Botswana vorerst aus dem Programm genommen haben.

Was können Besucher tun?

Wer das Kalahari Game Reserve besucht, sollte sich nach den San erkundigen, empfiehlt Ulrich Delius: "Auf der offiziellen Webseite der Kalahari Game Reserve heißt es, in dem Nationalpark würden San als nomadische Jäger leben. Wir empfehlen den Reisenden, bei den Nationalpark-Wächtern und bei der Verwaltung des Parks nachzufragen, wo denn diese San leben und warum sie sich nicht mehr von der Jagd ernähren dürfen, wie sie es Jahrhunderte lang getan haben." Jumanda Gakelebone bittet ebenfalls darum, das Thema offen anzusprechen und Gordon Bennett sowie Survival International bei ihrem Bestreben, ein neues Gerichtsverfahren ins Rollen zu bringen, zu unterstützen: "Vielleicht bewirkt ein endgültiges Gerichtsurteil und die internationale Aufmerksamkeit, dass wir zurück können. Alle Touristen möchte ich bitten, keine Diamanten aus Botswana zu kaufen, denn sie unterstützen damit die Regierung, die ihr eigenes Volk unterdrückt, um diese Diamanten abbauen zu können." Die Regierung Botswanas lädt in einer öffentlichen Stellungnahme dazu ein, sich vor Ort selbst ein Bild von der Situation zu machen und das Land, den Tourismus und somit auch die Bushmen bei ihrer weiteren Entwicklung zu unterstützen: "Wir glauben, der beste Weg die kulturelle Diversität sowie die Lebensumstände unserer Bürger kennenzulernen, ist dieses schöne Land inklusive das CKGR selbst zu besuchen. So können die Reisenden sich nicht nur selbst ein Bild über den Zustand unseres Landes, unserer Regierung und Menschen machen, sondern auch einen Beitrag zu der weiteren Entwicklung Botswanas leisten."

Die Entscheidung, welche Seite unterstützt werden soll, wird jeder Botswana-Reisende also am Ende für sich selbst treffen müssen.

Weiterführende Informationen

Alle gesammelten Artikel zu den Bushmen inklusive dem Boykott-Formular hat Survival International auf einer Webseite zusammengestellt.

Die Webseite von Botswana Tourismus inklusive der Sektion, die zu dem Boykott geführt hat.

Alle Artikel der Gesellschaft für bedrohte Völker zu den Bushmen gibt es auf einer Übersichtsseite.
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