Studie Alarmierende Zahlen: Vogelsterben auf deutschen Äckern schreitet rasant voran

Kiebitz und Rebhuhn sind aus der deutschen Agrarlandschaft fast verschwunden. Das bestätigt nun die Auswertung von Tausenden Datensätzen. Es gibt allerdings auch Newcomer
Kiebitz

Der Kiebitz - einst ein typischer Wiesenbewohner - ist aus der deutschen Agrarlandschaft fast verschwunden

Es wird leiser auf deutschen Äckern: Was Ornithologen seit Jahren befürchten, hat nun eine Bestandsaufnahme im Auftrag des Bundesamts für Naturschutz (BfN), der Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten und des Dachverbands Deutscher Avifaunisten (DDA) bestätigt.

Zwischen 1992 und 2016, so die Bilanz, hat Deutschland etwa 14 Millionen Brutvögel verloren. Vier Millionen davon fehlen nun in der offenen Landschaft, fünf in den Siedlungsbereichen.

Besonders betroffen sind landwirtschaftlich genutzte Flächen: "Die Lage in der Agrarlandschaft bleibt alarmierend", schreiben die Autoren des Überblicks. Über 24 Jahre hinweg seien die Bestände von charakteristischen Feldvögeln wie Kiebitz und Rebhuhn um 90 Prozent eingebrochen.

Auch bei den Bewohnern von Feuchtwiesen, wie etwa Uferschnepfe, Bekassine und Braunkehlchen, sei der Trend "dramatisch". Auch die Feldlerche und der Vogel des Jahres 2020, die Turteltaube, fehlten in immer mehr Gegenden. Insgesamt seien inzwischen 17 Arten von Brutvögeln in Deutschland ausgestorben, darunter ehemals regelmäßige Brutvögel wie der Ohrentaucher und der Rotkopfwürger.

Auch im Watt der deutschen Nordseeküste, einem wichtigen Überwinterungs- und Rastgebiet für Zugvögel, zeigt sich bei zwei von drei Vogelarten ein deutlicher Rückgang.

Im Wald geht es Vögeln besser

Ermutigende Nachrichten kommen allenfalls aus dem Wald: Hier zeichne sich seit etwa 2010 eine "deutliche Erholung" vieler Bestände ab. Über die Gründe dafür spekulieren die Experten noch. Möglicherweise sorgt die Alterung der Baumbestände für ein vielfältigeres Nahrungs- und Nistplatz-Angebot. Auch die Entstehung von immer mehr naturnahen Wäldern mit einem höheren Anteil von Totholz kommt laut den Experten als begünstigender Faktor in Frage.

Einige besonders charismatische Arten profitieren darüberhinaus von gezielten Artenschutzprojekten. So gebe es positive Trends bei Schwarzstörchen und Wiesenweihen, aber auch beim schwersten flugfähigen Vogel Deutschlands, der Großtrappe. Deren Bestand hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten vervierfacht – auf 230 Vögel im Jahr 2016. Fast alle von ihnen leben in EU-Vogelschutzgebieten. Zudem fühlen sich neuerdings auch einige "Zugereiste" in Deutschland heimisch, etwa der Silberreiher und der Stelzenläufer.

Bessere Lebensbedingungen im Nordosten

Auch regional gibt es laut der Untersuchung erhebliche Unterschiede. So ist der Nordosten des Landes artenreicher als der Westen und der Süden. Gründe dafür seien abwechslungsreichere Landschaftsstrukturen, weniger intensive Landwirtschaft und eine geringere Siedlungsdichte. Ungedüngtes Grünland, Brachen und nicht asphaltierte Feldwege böten Insekten und Vögeln hier ein reicheres Nahrungsangebot.

Stefan Jaehne von der Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten gibt sich optimistisch: "Auch wenn die Verluste ein düsteres Bild des Zustands unserer Agrarvögel zeichnen, können wir den Rückgang stoppen. Wir wissen in vielen Bereichen, was getan werden muss, um einen wirksamen Schutz der biologischen Vielfalt zu gewährleisten." Allerdings würden die Maßnahmen meist erst dann ergriffen und umgesetzt, wenn es schon fast zu spät sei.

Erst vor kurzem legten BfN und DDA eine Studie vor, die solche Maßnahmen umreißt. Die wichtigste Botschaft: Die Feldvogelbestände könnten um 60 Prozent anwachsen, wenn der Anteil von Brachflächen auf zehn Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche erhöht und Maisflächen entsprechend reduziert werden.

Die Erhebung "Vögel in Deutschland" stützt sich auf tausende Datensätze. Überwiegend sind es Ehrenamtliche, die vor Ort Vögel beobachten, zählen und melden.