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Polarstern-Expedition Arktis zog sich 2020 schneller zurück als je zuvor

Das deutsche Forschungsschiff Polarstern in der zentralen Arktis
Das deutsche Forschungsschiff Polarstern in der zentralen Arktis
© Alfred-Wegener-Institut / Esther Horvath (CC-BY 4.0)
Ein Jahr lang war die Polarstern auf Forschungsreise, um die Lage in der Arktis zu erkunden und die Folgen der Eisschmelze zu untersuchen. Nun konnten erste Ergebnisse der Reise vorgestellt werden - und die verheißen wenig Gutes

In einem Moment mussten sie doch schmunzeln. "Unsere Helden", nannte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek auf der Bundespressekonferenz die Frauen und Männer, die mit dem Forschungseisbrecher Polarstern ein Jahr lang durch die Arktis gedriftet sind. "Ich habe immer noch Flashbacks", antwortete Expeditionsleiter Markus Rex. "Sobald ich an Land bin, vermisse ich das Eis." Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als spräche er von einer geheimen Liebe.

Ansonsten blieb wenig Raum für Leichtigkeit am Dienstag in Berlin. Das Bundesforschungministerium und das Alfred-Wegener-Institut (AWI) stellten dort erste Ergebnisse der MOSAiC-Expedition vor, die im Oktober 2020 nach einjähriger Forschungsfahrt nach Bremerhaven heimkehrte: Noch nie hat sich das Eis schneller zurückgezogen als im letzten Jahr. Es bedeckte nur noch halb so viel Fläche wie noch vor wenigen Jahrzehnten.

Anja Karliczek (r, CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung, Markus Rex (m), Atmosphärenphysiker und Leiter der Expedition MOSAiC, Alfred-Wegener-Institut, und Stefanie Arndt (l), Meereisphysikerin und Expeditionsteilnehmerin vom Alfred-Wegener-Institut, stehen zu Beginn der Pressekonferenz zu den ersten Erkenntnissen der Expedition Mosaic zusammen
Anja Karliczek (r, CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung, Markus Rex (m), Atmosphärenphysiker und Leiter der Expedition MOSAiC, Alfred-Wegener-Institut, und Stefanie Arndt (l), Meereisphysikerin und Expeditionsteilnehmerin vom Alfred-Wegener-Institut, stehen zu Beginn der Pressekonferenz zu den ersten Erkenntnissen der Expedition Mosaic zusammen
© Felix Schröder/dpa

Und die weiße Decke schloss sich im Herbst auch später als jemals zuvor. Fast durchweg haben die Forscher im Winter zehn Grad Celsius Lufttemperatur mehr gemessen, als es noch Nansen tat – der Entdecker, der sich 1893 als erster absichtlich vom Eis einschließen ließ und das Vorbild gab für die MOSAiC-Expedition, der größten und aufwändigsten Arktisexpedition aller Zeiten.

Windmuster als Grund

Und weil die Forscher das Eis während all dieser Prozesse vor Ort beobachten konnten, kennen sie auch einen Grund dafür: Im späten Winter zeichnete sich ein ungewöhnliches Windmuster ab. Der arktische Westwindjet, der auch das Wetter bei uns mitprägt, blies so stark wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen 1950.

Das Eis geriet in Bewegung und driftete besonders schnell von der sibirischen Küste zur Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen, wo es üblicherweise schmilzt. "Und wir waren mittendrin", sagte Markus Rex. Mit dem Eis legte auch das Forschungsschiff die Strecke viel schneller zurück als erwartet: Am 31. Juli war Schluss. Die Scholle, an der die Polarstern festgemacht hatte, zerbrach innerhalb von Stunden in Einzelteile; die Forscher mussten sich eine neue suchen.

Ozean speichert Wärme

Das Windsystem hatte aber nicht nur Konsequenzen für die Expedition, sondern die gesamte Region und darüberhinaus: "Durch die lange eisfreie Zeit im Sommer konnte der Ozean große Mengen an Wärme aufnehmen und speichern", sagte Rex. Also fror das Eis im Herbst auch viel später als üblich. "Eis hat ein beträchtliches Gedächtnis. Es merkt sich, was ihm passiert ist."

Die Expedition hat gezeigt, wie sehr sich der Rhythmus von Schmelze und Frost bereits verändert hat. Vor allem aber verstehen die Forscher nun viel besser, warum. Expeditionsleiter Rex verglich das mit einem Uhrwerk: "Wenn ich wissen will, wie das funktioniert, muss ich mir all die kleinen Federchen, Schräubchen und Räderchen genau anschauen." Ähnlich sei es mit dem Klima. Man muss die vielen Einzelprozesse kennen und beschreiben, um Vorhersagen zu treffen. Und das ist wichtig für den gesamten Planeten: Die eisfreie Arktis im Sommer gilt als einer der Kipppunkte in der Klimakrise – ein Ereignis, das sich nicht umkehren lässt und in dessen Folge weitere Kipppunkte überschritten werden können. "Wie in einer Kaskade", nannte es Rex. Mit dem Effekt, dass sich die Erderwärmung noch weiter beschleunigt.

Das deutsche Forschungsschiff Polarstern auf der Sommer-Expedition 2015 in der zentralen Arktis
Das deutsche Forschungsschiff Polarstern auf der Sommer-Expedition 2015 in der zentralen Arktis
© Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann (CC-BY 4.0)

Verschwinden des Eis ist ein Kipppunkt

"Das Verschwinden des Meereises im Sommer ist ein erster Schritt in diesem Minenfeld", sagte Rex. "Wir wissen nicht, ob wir schon draufgetreten sind und gerade den Beginn der Explosion sehen." Ob zumindest das ganzjährige arktische Meereis noch zu retten sei, werde die Auswertung der nächsten Jahre zeigen.

150 Terabyte an Daten und mehrere 10.000 Proben von Luft, Wasser und Biogeochemie haben die Forscher auf ihrer Zeit im Eis gesammelt. Sie helfen nun dabei, zu begreifen, was der Erde im Klimawandel bevorsteht. Und sie legen den Grundstein für weitere Forschung. Das machten Bundesforschungsministerin Karliczek und der Expeditionsleiter deutlich: Um die Klimaziele zu erreichen, braucht es noch weit mehr Investitionen und wissenschaftliche Erkenntnisse. Die MOSAiC-Expedition ist zu Ende – der Weg zur Klimaneutralität hat gerade erst begonnen.


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