Ernährungsreport 2018 Deutsche wollen mehr Tierwohl – und bekommen ein nutzloses Siegel

Laut einer aktuellen Umfrage hat Tierschutz in der Landwirtschaft für die Deutschen oberste Priorität. Der Minister antwortet mit einer Beruhigungspille. Ein Kommentar von GEO.de-Redakteur Peter Carstens
Schweine, Mastbetrieb

Eine einfache Rechnung: Je weniger Platz, desto billiger

Mega-Mastanlagen, steigende Fleischproduktion, unhaltbare Zustände in der Massentierhaltung, Güllenotstand: Dass da irgendwas nicht stimmt, ist auch bei den Verbrauchern angekommen. Immer mehr Menschen ist ein guter Umgang mit Tieren in der Landwirtschaft wichtig.

Das hat jetzt auch eine Forsa-Umfrage im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums unter 1000 Menschen in der Republik gezeigt, großspurig „Ernährungsreport 2018“ genannt. Demnach steht das Tierwohl bei Verbraucherinnen und Verbrauchern an erster Stelle, wenn es um die Erwartungen an die landwirtschaftliche Produktion geht. 90 Prozent der Befragten sind auch bereit, dafür einen höheren Preis zu bezahlen. Ein ähnliches Ergebnis förderten die beiden Vorgänger-Reports zu Tage.

Es muss also etwas passieren. Doch statt eine Agrarwende anzukündigen, die die schlimmsten Missstände beseitigt, nutzt Noch-Landwirtschaftsminister Schmidt die Ergebnisse als Argument für sein geplantes Tierwohl-Label.

Das allerdings wird von Tier- und Umweltschützern schon vor seiner Einführung heftig kritisiert – weil es in der sogenannten Eingangsstufe gar nicht oder nur unwesentlich über die gesetzlichen Mindeststandards hinausgeht. Überdies ist es selbstverständlich freiwillig. Es wird niemandem wehtun und wenig nützen. Das „Tierwohl“-Siegel mag gewisse Standards garantieren – von sauwohl kann keine Rede sein.

Das Siegel soll Konsumenten die Kaufentscheidung erleichtern, das ist gut gemeint. Weit effektiver und ehrlicher wäre es allerdings, auf den Etiketten von Fleischprodukten handfeste Hinweise auf die Herkunft anzubringen. Etwa mit Schockbildern wie auf Zigarettenpackungen. Schließlich wünschen sich 85 Prozent der Umfrageteilnehmer genau das: Angaben zu den Haltungsbedingungen.

Schweine, Zuchtfarm Brasilien
Lebensmittelproduktion
"Den Anblick eines Schlachthauses finden wir eklig, aber die Klopse schmecken uns"
"Ich bin kein Anwalt für Vegetarier oder Veganer. Aber die Leute sollen wissen, woher ihre Nahrung kommt", sagt der Fotograf George Steinmetz

Es gibt längst ein Siegel für mehr Tierschutz

Ein Siegel, das nicht nur deutlich höhere Tierschutz-Standards, sondern auch eine umwelt- und klimaschonendere Produktion garantiert, gibt es längst: das Bio-Siegel nämlich.

Der oft reflexhaft vorgebrachte Einwand, bio könnten sich nur Betuchte leisten, zieht nicht. Denn es gibt kein Grundrecht auf billiges Fleisch. Auf Fleisch also, das auf Kosten anderer produziert wird: auf Kosten der Tiere, der Böden und des Grundwassers, des Klimas – und billiger Arbeitskräfte. Kurz – auf Kosten der Gerechtigkeit und der Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen. Fleisch muss nicht billig sein – sondern die Preise müssen endlich die Wahrheit sagen.

Angesichts der immensen Kollateralschäden der modernen Tierproduktion ist das geplante staatliche Siegel nicht mehr als ein Feigenblatt – mit dem die Politik die Verantwortung für die katastrophalen Missstände in der Landwirtschaft auch noch den Konsumenten zuschiebt.

Es ist an der Zeit, dass der Staat, statt den Status Quo mit einem blutleeren Siegel zu zementieren, seine verfassungsgemäße Verpflichtung ernst nimmt. In Artikel 20a des Grundgesetzes heißt es nämlich: "Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere …“