20. August 2011
Nach einer Kneipentour mit meinen zwei besten Freunden komme ich mit meinem Vater am Hamburger Flughafen an. Ich musste nicht weinen, trotzdem war es ein komisches Gefühl zu wissen, dass ich meine Familie und mein Zuhause ein Jahr nicht sehen werde.
21. August
Ankunft in Ruandas Hauptstadt Kigali. Die Stadt ist ein einziges Chaos, auch wenn sie sich wunderschön über mehrere Hügel erstreckt. Im einwöchigen Einführungsseminar lernen wir ein paar Worte auf Kinyarwanda, der in Ruanda verbreiteten Sprache. Wir reden mit Studenten über Religion und Sexualität; eine Frau erzählt uns, was sie während der Zeit des Völkermords 1994 erlebt hat.
22. August
Heute habe ich erstmals selbstständig auf dem Markt Obst und Gemüse eingekauft. Plastiktüten gibt es hier nicht - Umweltschutz per Gesetz. So etwas Einfaches, und wir in Deutschland kriegen das nicht hin! Würde gerne mit Hania skypen, habe aber kein Internet. Erstaunlich, bis auf ein paar Mücken gibt es keine fiesen Insekten in unserem Zimmer.
26. August
Endlich angekommen in meinem Viertel Nyamirambo, es ist muslimisch geprägt und sehr belebt. Ich lebe in einem Compound: mehrere Häuser in einem kleinen Areal, das von einer Mauer umgeben ist. Meine Wohnung teile ich mit Sally, die auch für "Weltwärts" unterwegs ist und in einem Zentrum für behinderte Kinder arbeitet.
Heute war ich zum ersten Mal in meinem Projekt, etwa 20 Minuten vom Compound entfernt. 18 pubertierende Jungs leben dort in einem Zentrum für Straßenkinder, das von einer Familie aus Luxemburg finanziert wird. Die Kinder sind freiwillig dort, bekommen regelmäßig Essen und werden zur Schule geschickt. Einige von ihnen sind aus ihren Familien geflüchtet, weil sie bitterarm sind oder der Vater Alkoholiker ist, von den anderen weiß ich kaum etwas. Zwei Mitarbeiter gibt es, die auch meine Tutoren sind: Mama Douce und Domingo, beide um die 30. Und einen Wächter.
27. August
Heute habe ich mit den Kids Fußball gespielt, eineinhalb Stunden in der größten Mittagshitze. Das wird noch schwierig, sich alle Namen zu merken. Erstaunlich, was für eine Ausdauer sie haben; ich war völlig erschöpft.
28. August
Da wir keine Waschmaschine haben (auch keinen Kühlschrank, keinen Herd, kein Fernsehgerät, keinen Backofen), musste ich meine Jeans mit der Hand waschen. Ich hoffe nur, dass die bis morgen trocknen, ich habe nur diese beiden.
29. August
Musste den Tag mit nasser Hose starten. Was lernen wir daraus? Nicht alle Hosen, die man besitzt, an einem Tag waschen. Um neun Uhr war ich im Projekt, aber kaum jemand war da. Warum? Weil fast alle Kinder vormittags und nachmittags zur Schule gehen und nur mittags für eine knappe Stunde vorbeikommen.
30. August
Abends waren wir von einer Familie zum Essen eingeladen, zur Feier des Ramadan-Endes. Ein junger Mann fragte mich, wie man an ein Visum für Deutschland kommt. Es ist schon ein komisches Gefühl: Wir Freiwilligen kommen hierhin, schauen uns an, wie die Ruander leben, und fliegen dann zurück nach Deutschland, wo wir wieder allen Luxus genießen. Ein Programm, mit dem Ruander nach Deutschland kommen können, gibt es nicht. Ich muss an einen Satz aus dem Vorbereitungsseminar denken: "Der deutsche Reisepass allein ist schon ein unglaubliches Privileg."
2. September
Im Projekt gebe ich Nachhilfe und spiele Karten mit den Kindern. Danach habe ich Kinyarwanda-Unterricht, eineinhalb Stunden. Ich freue mich auf die Ferien, dann verbringen die Jugendlichen mehr Zeit im Projekt.
Das Essen wird hier in unglaublichen Mengen aufgetischt. Ich schaffe höchstens eine halbe Portion. Den Rest essen die Jugendlichen zusätzlich, dabei sind alle extrem sportlich und schlank. Meine Tutorin hat mir erklärt, dass die Ruander wenig essen, wenn es wenig gibt, aber eben auch extrem viel, wenn reichlich vorhanden ist.
13. September
Ein kleiner Junge hat vor sich hin gesungen. Ich habe immer wieder die Worte "Genozid" und "Tutsi" verstanden. Es war wirklich ein Lied über den Völkermord, wie ich später erfuhr. Der ist kaum 18 Jahre her, und fast jeder hat Angehörige dabei verloren. Einige wollen das einfach nur vergessen, andere erzählen schon nach fünf Minuten über ihr Schicksal. Seltsam auch, wenn man weiß, dass noch immer viele Opfer Tür an Tür mit den Mördern leben.
Mich haben einige Ruander gefragt, ob wir denn in der Schule Hitler behandelt hätten - und ob ich ihn kenne!
16. September
Mich stört, dass ich mich noch nicht gut verständigen kann. Einige Jungs texten mich regelrecht auf Kinyarwanda zu, dabei haben alle Englischunterricht. Aber ihr schlechtes Englisch macht mich ratlos. Etwa wenn ich auf die Frage "Wann gehst du zur Schule?" mehrfach die Antwort "Ja" bekomme. Die Qualität des Englischunterrichts lässt hier oft zu wünschen übrig.
18. September
Dass dieser Freiwilligendienst hauptsächlich mir dient und weniger den Menschen hier, das war mir schon vor der Abreise klar. Für uns Deutsche ist er vor allem ein dickes Plus im Lebenslauf, bringt neue Erfahrungen und verbessert die Sprachkenntnisse. Hier festigt sich dieser Eindruck.
Viele Einstellungen, die ich zu entwicklungspolitischen Dingen hatte, werden hier vor Ort über den Haufen geworfen. Ich sehe Ruanda nicht mehr so sehr als Teil eines KKK-Kontinents (Kriege, Katastrophen, Kindersterblichkeit) an, sondern als ein Land mit starkem wirtschaftlichem Aufschwung und unterschiedlichsten Menschen. Ich war früher immer sehr berührt von den TV-Bildern der Armut, hier vor Ort habe ich kein Problem damit. Das kann aber auch daran liegen, dass einem die Armut nicht so ins Gesicht springt. Erst wenn man in die Hinterhöfe der sauberen Hauptstraßen schaut, sieht man, wie einfach die Menschen hier leben. Und manchmal erzählen sie auch, wie wenig Geld sie haben und wie schwer ihr Leben ist.
19. September
Infrage gestellt habe ich diesen Einsatz jedoch nicht. Ich sehe ihn ohnehin mehr als kulturellen Austausch denn als Entwicklungshilfe. Mal ehrlich, wir kommen direkt von der Schule und können gar keine wirkliche Entwicklungshilfe leisten. Aber der Freiwilligendienst lässt auf jeden Fall Verbindungen entstehen, die viel bewirken können.
23. September
Zwei Jungs wollten sich prügeln, ich musste den einen mit aller Kraft zurückhalten. Es ging um ein Kruzifix, das sich von einer Kette gelöst hatte. Beide behaupteten, es gehöre ihnen. Da die Jungs nicht viel besitzen und Religion eine große Rolle spielt, ging es hoch her. Einen Jungen hat Mama Douce 30 Minuten auf Knien sitzen lassen. Hart mit anzusehen, doch er ist oft vorlaut.
24. September
Schon wieder Stromausfall, wir hocken im Dunkeln. Als ich abends im Wohnzimmer einen Film gucke, sehe ich plötzlich, wie etwas über meinen Laptop läuft - eine riesige Kakerlake mit glänzendem Panzer. Bah, wie eklig! Ich hab eine Tasse über das Vieh gestülpt. Ich weiß, das ist Tierquälerei, aber ich fasse die nicht an.
26. September
Habe im Internet eine Sendung über Astronomie geschaut. Überlege, das zu studieren. Aber ich bin total unsicher: Politik oder Astronomie? Ich habe noch viel Zeit, aber es bringt nichts, die Entscheidung aufzuschieben.
27. September
War mit Domingo und einer Freundin von ihm in einer Bar. Das Mädchen hat mir gesagt, dass sie mich total toll findet. Ob ich denn eine Freundin hätte? Ob meine Freundin schöner sei als sie? Da ich das Mädchen nicht verletzen wollte, habe ich gesagt: "Für mich ist Hania das schönste Mädchen auf der ganzen Welt." Als sie hörte, dass Hania nicht schwarz ist, meinte sie, ich müsste doch unbedingt einmal eine Schwarze ausprobieren. Ich habe natürlich Nein gesagt. Aber sie ließ nicht locker, das war echt anstrengend. Domingo hat sich kaputtgelacht.
28. September
Heute habe ich Mathe-Nachhilfe gegeben. Einige Jungs haben ziemlich miserable Tests geschrieben, einer hatte 0 von 100 Punkten. Ich kam mir endlich mal richtig nützlich vor, ein gutes Gefühl.
1. Oktober
Ich war auf einer Party in einem der besseren Viertel; so viele Weiße wie dort hatte ich in Ruanda noch nie auf einem Fleck gesehen. Es wäre mir extrem peinlich, wenn ich hier in so einem riesigen Haus leben würde. Ich war wirklich sprachlos. Das war eine Schicht, zu der ich auf gar keinen Fall gehören möchte. So viel Luxus kenne ich selbst aus Deutschland nicht.
5. Oktober
Nachmittags konnte ich dann endlich mein lange geplantes Geographie-Quiz machen. Wir haben drei Gruppen gebildet, ihnen die Aufgaben und eine Stunde Zeit gegeben. Es war ein voller Erfolg.
22. Oktober
Mein Geburtstag! Beim Skypen mit meinen Eltern habe ich das Paket aufgemacht, das sie mir geschickt hatten. Ich hatte mir ein Weißbier gewünscht. Aber es war ausgelaufen, und alles war verschimmelt. Gott sei Dank haben die Bücher nichts abbekommen.
Zum Glück konnte ich dann mit Hania skypen. Sie hatte mir über Sally sogar eine Torte organisiert, auf der stand: Liebe geht durch den Magen. Da habe ich angefangen zu heulen: Ich weiß nicht genau, warum, vielleicht aus Sehnsucht nach meinem Zuhause und nach Hania.
5. November
Heute war es endlich so weit: Das von mir organisierte Fußballspiel zwischen meinem Projekt und zusammengetrommelten Freunden fand statt. Das hat allen großen Spaß gemacht, nur meinem Rücken ist es nicht gut bekommen. Ich hatte mir das T-Shirt ausgezogen - und nachher eine richtige Verbrennung. Ich kann nachts nur auf dem Bauch schlafen. Der Preis der Dummheit.
23. Dezember
Bin ins Institut Français gefahren und habe mich wegen der DELF-Sprachprüfung informiert. Die will ich hier machen, damit ich mich auch in Frankreich und in der Schweiz für einen Studienplatz bewerben kann. Habe mich jetzt definitiv für Politik und Internationale Beziehungen entschieden.
Endlich konnte ich mal mein Jackett anziehen. Heute werden wir mit vielen Freiwilligen in Weihnachten reinfeiern. Im China-Restaurant haben wir zwar keinen einzigen Asiaten gesehen, aber die Kellnerinnen hatten blinkende Weihnachtsmützen auf! Dann sind wir ins Kasino von Kigali; dort waren fast ausschließlich Asiaten. Beim Pokerspiel waren mir die Einsätze viel zu hoch.
24. Dezember
Wollte eigentlich morgens zur Post, um nach meinen Weihnachtspaketen zu gucken. Bin aber so spät aufgewacht, dass die Post schon geschlossen war. Weihnachtsstimmung kommt hier sowieso nicht auf, wir wohnen ja im muslimischen Viertel.
13. Januar 2012
Wir haben den kleinen Djuma in der Schule angemeldet. Er wohnt neben dem Straßenkinderzentrum und ist jetzt ins Schulalter gekommen; mein Vorgänger hatte Geld für seine Anmeldung dagelassen. Auf dem Weg zurück wurden wir auf ein paar Weiße aufmerksam, die ruandische Kinder auf dem Arm hatten und sich mit ihnen fotografieren ließen. Das sah mir sehr nach Elendstourismus aus, nach Fotos, die belegen sollen, was sie alles Gutes getan haben. Eine der jungen Frauen kam mit zwei kleinen Kindern an der Hand auf mich zu. Ich habe gefragt, was sie denn da machen. Sie antwortete: "Hiii, well, we're from California and we're helping some different NGO's here." Also anderen Hilfsorganisationen. Ich fand es dennoch abstoßend, die Kinder einfach so abzufotografieren.
20. Januar
Habe bis tief in die Nacht Filme auf dem Laptop geschaut. Um 0.58 Uhr dann zwei Schüsse. Mein Verstand sagte mir, dass das nur ein Polizist oder Soldat war, der in die Luft geschossen hat. Aber wenn nicht? Auf einen Freund von uns wurde schon mal geschossen. Versteckt sich da jetzt jemand im Compound? Ich habe ein wenig Angst bekommen, bin noch nicht mal mehr auf die Toilette gegangen. Es waren die ersten richtigen Schüsse überhaupt für mich.
Erzählt man so etwas den Eltern? Habe mich dagegen entschieden, ich muss ihnen ja keine unnötigen Sorgen machen. Viele Menschen haben ohnehin ein eindimensionales Bild von Afrika. Dass es nur gefährlich ist hier, dass es nur Konflikte und Gewalt gibt. Gerade Kigali ist ganz anders. Hier kann man sich wirklich sicher fühlen.
29. Januar
Unser Zwischenseminar, das am Kiwu-See stattgefunden hat, ist zu Ende. Wir haben über unser Leben in Ruanda gesprochen, über das Freunde-Finden in der Fremde, über das Weiß-Sein, über Privilegien, über Ängste, über unsere Arbeitssituation. Meiner Motivation und dem Engagement hat das sehr geholfen.
30. Januar
Heute kommt endlich Hania! Die sechs Monate Trennung waren plötzlich weg, es war alles wie früher.
7. Februar
Hania und ich sind zum Nyungwe-Park gefahren, haben dort gezeltet und am nächsten Tag eine Trekking-Tour gemacht, allein mit einem Führer zu einem 30 Meter hohen Wasserfall.
9. Februar
Klasse, ich habe eine Zusage für die schottische Uni Aberdeen bekommen, für den Studiengang "Politics and International Relations". Das war zwar "nur" meine Zweitwahl, aber ich bin trotzdem unglaublich froh.
10. Februar
Im Akagera-Park standen plötzlich zwei kleine Antilopen vor dem Fahrzeug unseres Führers. Und hinter einer Biegung tauchten einige Büffel auf und später auch Zebras. An einer Wasserstelle konnten wir uns bis auf zehn Meter einem Nilpferd nähern. Sehr beeindruckend, die Natur!
13. Februar
Nach Hanias Abflug hatte ich erst einmal ein paar Tage lang keine Motivation mehr. Ich denke jetzt oft an zu Hause.
8. April
Inzwischen habe ich mich wieder aufgerappelt und neue Motivation gefunden. Wir haben ein paar neue Jungs im Zentrum, es ist schön, eine neue Gruppe kennenzulernen. Die, die uns verlassen haben, gehen jetzt auf weiterführende Schulen in verschiedenen Teilen Ruandas.
Mit den Neuen spiele ich meistens Fußball, das mögen wirklich alle.
In einem Monat werde ich Hania in Laos besuchen. Ich bin schon sehr gespannt auf ihr Leben dort. Meine Entscheidung, nach Ruanda zu gehen, habe ich zwischenzeitlich zwar mal angezweifelt, aber bislang keinesfalls bereut. Denn die Erlebnisse hier haben meine Sicht auf viele Dinge verändert - und ich bin mir sicher, dass ich an der Uni und auch später im Leben sehr davon profitieren werde.
12. April
Es sind jetzt noch genau drei Wochen bis ich nach Laos aufbreche. Ich werde Hania überraschen, indem ich zwei Tage früher komme als ich ihr gesagt habe. Habe mich dafür schon mit ihrer Mitbewohnerin in Verbindung gesetzt, Hania ahnt nichts davon. Mir fällt es gerade schwer, alle Dinge zu ordnen, die ich vor meiner Abreise noch erledigen muss. Besonders, weil mir immer noch kein Geburtstagsgeschenk für Hania eingefallen ist.
17. April
Habe heute gesehen, wie unsere Nachbarin eine Plastiktüte gewaschen hat. Für uns in Deutschland ist das total ungewöhnlich, da die Tüten aber hier verboten sind, sind sie auch entsprechend wertvoll. Meiner Meinung nach genau die richtige Art, sie zu behandeln.
23. April
Für diese Woche wird eine Freiwillige aus einem anderebn Projekt mich in mein Projekt begleiten. Nach meinem Laos-Urlaub werde ich dann im Gegenzug an einem anderen Projekt für eine Woche teilnehmen. Ich habe endlich einen Weg gefunden, mir die ganzen Namen der Jugendlichen zu merken, ohne immer nachfragen zu müssen: Ich habe Steckbriefe vorbereitet, auf die jeder seinen Namen, was er mag und nicht mag, Lieblingssänger und andere Dinge schreiben soll. Außerdem habe ich Fotos gemacht. Die werde ich dann dazu kleben und dann hängen wir das alles an unsere große Wand.
25. April
Ich bin seit gestern krank, habe mir einen fiesen Magen-Darm-Virus eingefangen. Meine Mitbewohnerin und unser Nachbar sind seit heute Nacht auch krank. Bilanz: 10 Rollen Klopapier in drei Tagen verbraucht und eine neue olympiawürdige Sportart entdeckt: Toilettenmarathon bei Nacht. Erkenntnis: Hocktoiletten sind in manchen Situationen echt ätzend.
3. Mai
Der Flug nach Laos fühlt sich für mich so an, wie eine Generalprobe für den endgültigen Abschied von Ruanda. Auf dem Weg zum Flughafen präge ich mir noch einmal intensiv die wunderschönen Hügel Kigalis ein, die kleinen Läden, die Menschen, die Natur. All das werde ich für zweieinhalb Wochen nicht mehr sehen. Danach habe ich dann noch drei Monate in Ruanda, die letzte Woche ist dann schon Seminar. Daher ist dieser Urlaub für mich so etwas wie ein Eintritt in die letzte Phase meines Auslandsjahres. Gleichzeitig freue ich mich natürlich sehr auf Hania und auf Laos. Insbesondere, weil ich Hania überraschen werde. Und auch die Flugroute über Doha und Bangkok finde ich super spannend. Wie das wohl sein wird, wenn ich wirklich nach Hause fliege?
4. Mai 2012
Der Flug nach Laos war total schön. Ich bin von Kigali über Entebbe nach Doha geflogen und von dort nach Bangkok und weiter nach Vientiane. Als ich dort bin, dachte ich, mich trifft der Schlag. Eine unglaubliche Hitze schlug mir entgegen. Ich rief dann eine Mitbewohnerin von Hania an, die einem Tuk-Tuk-Fahrer sagen konnte, wo ich hin muss. Dort angekommen erwartete mich dann eine andere Mitbewohnerin von ihr sehr herzlich, ich konnte sogar duschen und mich frisch machen. Hania wohnt definitiv luxuriöser als ich, alle dort haben ein großes Zimmer mit Ventilator (auch dringend nötig) und eigenem Bad, mit einer Toilette zum Hinsetzen, dazu eine Dusche mit warmem Wasser!
Ich konnte dann eine total überraschte Hania in ihrem Zimmer empfangen. Sie war wirklich total perplex. Ich hätte gedacht, sie fällt mir sofort um den Hals, stattdessen brachte sie nur immer wieder ein "Häh" heraus und machte ein extrem irritiertes Gesicht. War aber kein Problem, nach einiger Zeit fiel bei ihr der Groschen und es war wieder alles wie früher.
Abends musste mich schon an die ersten kulturellen Veränderungen gewöhnen. Da wir erst in ein Restaurant und danach noch in einen Club wollten, war für mich klar, dass ich (trotz der Hitze) eine lange Jeans und feste Schuhe anziehe. So laufe ich in Ruanda immer rum, das ist dort ein Zeichen von Höflichkeit den anderen gegenüber. Hier wurde mir geraten, doch eine kurze Hose und Flip-Flops anzuziehen. Das machen hier wirklich alle und besonders tagsüber ist es auch Wahnsinn, eine Jeans zu tragen.
6. Mai 2012
Unsere Stadttouren haben wir auf Hanias Roller unternommen. Dass eine Frau fährt und der Mann hinten drauf sitzt, geht für die Laoten zwar eigentlich gar nicht, aber wir sind ja Weiße. Sehr angenehm ist es im Vergleich zu Ruanda, dass einem hier nicht auf offener Straße hinterher gerufen wird, dass die Leute zwar über einen reden, man das aber nicht mitbekommt.
Hania spricht total gut Lao. Ich bin beeindruckt, dass sie sich scheinbar mühelos über fast alles mit den Laoten unterhalten kann, während meine Kinyarwanda-Kenntnisse doch eher bescheiden sind.
Am Abend sind wir dann zu der Busstation gefahren, um in den Süden des Landes zu den 4000 Inseln aufzubrechen. Ich war schon total gespannt auf die tollen Nachtbusse, in denen man doch tatsächlich im kleinen Doppelbett schlafen kann. Zwar haben wir wohl einen recht engen Bus erwischt, aber trotzdem fand ich es erstaunlich, dass man einfach während der Fahrt schlafen kann. Eine geniale Erfindung!
10. Mai 2012
Die 4000 Inseln sind wirklich die schönste Gegend, in der ich jemals war. Wir waren uns beide einig, dass diese Region uns für die nächsten Urlaube etwas verdorben hat. Die Beschreibung Paradies sollte exklusiv für diesen Ort gebraucht werden dürfen. Es waren zwar viele Touristen dort, aber alle waren sehr entspannt. Unsere Hütte hat pro Person 1,50 Euro pro Nacht gekostet, das war schon die teurere Kategorie. Dafür gab es einen kleinen Raum mit geflochtenen Bambuswänden, durch deren Ritzen morgens die Sonne angenehm warm herein schien. Dazu ein Ventilator und ein Moskitonetz, was will man mehr. Unser kleiner Balkon befand sich auf Stelzen direkt über dem Wasser, außerdem luden zwei Hängematten und ein Panoramablick über den Mekong dazu ein, den Tag einfach zu verbummeln. Das Wasser war so warm wie in einer lauwarmem Badewanne, trotzdem verschaffte es Abkühlung.
Seit ich in Laos bin, bin ich jeden Tag glücklich. Ich habe Ruanda in der Regenzeit verlassen und komme jetzt hier in ein absolutes Tropenparadies im Hochsommer. Vor allem aber kann ich jeden Tag Hania sehen, ich glaube, ich habe sie mehr vermisst, als mir klar war. Dann noch dieser Urlaub... das sind bisher wirklich einige der schönsten Momente meines Lebens.
14. Mai 2012
Heute war ich das erste Mal mit Hania bei ihrer Arbeit. Die ist wirklich ganz anders als meine, sie arbeitet im Kindergarten, es ist alles sehr viel größer und vor allem strukturierter - genau das, was mir oft fehlt. Die Kinder sind total süß, und es ist toll zu sehen, wie Hania mit ihnen umgeht.
15. Mai 2012
Hanias Geburtstag.
Es gab zur großen Überraschung gleich zwei Geburtstagstorten und dazu ganz viele Kinder, die Happy Birthday sangen. Außerdem kamen sogar Mütter von Kindergartenkindern vorbei und haben Hania Sachen geschenkt. Ich möchte die Ruander jetzt nicht schlecht reden, aber ich habe zu meinem Geburtstag nur einzelne Glückwünsche bekommen, gesungen hat keiner, geschweige denn, dass mir jemand etwas geschenkt hätte. Natürlich, die Kultur ist dort einfach anders, aber für mich fühlt es sich so an, als sei die laotische Kultur wesentlich herzlicher als die ruandische.
20. Mai 2012
Heute musste ich schon wieder nach Hause. Leider! Ich muss auch zugeben, dass ich viele Eigenschaften der Laoten mehr mag als die der Ruander. In Laos wird beispielsweise viel weniger geklaut als in Ruanda. Ich möchte die Ruander nicht als Diebe darstellen, aber das ist einfach mein Eindruck. So konnten wir immer unsere Helme am Roller hängen lassen und auch auf dem Markt mussten wir uns keine Sorgen machen, dass jemand uns in die Tasche greift. Das habe ich in Ruanda leider anders erlebt. Warum es diese starken Unterschiede gibt, verstehe ich immer noch nicht, auch wenn ich schon oft darüber nachgedacht habe.
Als das Flugzeug abhob, ich die Lichter der Stadt und des Flughafens sehen konnte und dazu noch Adeles "Set Fire To The Rain" hörte, liefen mir schon ein paar Tränen über die Wangen. Es sind zwar nur noch zweieinhalb Monate, aber trotzdem fällt es mir schwer, so eine schöne Zeit einfach hinter mir zu lassen. Vor allem, wenn man gerade aus dem Paradies in die normale Welt zurückkehrt.
21. Mai
Ankunft in Ruanda, wir hatten gleich ein Seminar zu Entwicklungspolitik, das war echt interessant. Vermisse Hania und Laos schon jetzt.
4. Juni
Der Weg zur Arbeit macht mich echt fertig. Es nervt mich einfach immer wieder, wenn mich alle Leute blöd von der Seite anquatschen, obwohl die mich schon längst kennen müssten. Was habe ich getan, dass ich diese Aufmerksamkeit verdiene? Wenn ich gerade die Welt gerettet hätte, dann könnte ich das ja verstehen. Aber ich bin nur irgendein Freiwilliger, der zufällig eine weiße Hautfarbe hat. Und trotzdem rufen mir alle Menschen hinterher und sagen ihren Kindern "Guck mal, da läuft ein Muzungu". Ich möchte einfach mal wieder ein Niemand sein.
5. Juni
Auf der Arbeit war heute fast nichts zu tun, bin daher auch früher gegangen. Allerdings durfte ich mir ein Fahrrad ausleihen. Wir verkaufen hier seit einiger Zeit Fahrräder, die sind extra aus Luxemburg hergeschafft worden. Außerdem soll den Jungs beigebracht werden, Fahrräder zu reparieren. Der Weg nach Hause war wirklich unglaublich anstrengend! Es ging fast nur bergauf und mir ist zwei mal die Kette rausgesprungen. Hach, da werden Erinnerungen an Deutschland wach...
10. Juni
Heute war ich mit einigen Freunden im Stadion, Fußball gucken. Ruanda gegen Benin, WM-Qualifikation. Ruanda hat die meiste Zeit besser gespielt, aber dann hat Benin das erste Tor gemacht. Kurz vor Schluss dann eine Elfmeterentscheidung gegen Benin. Als der Foulspieler auch noch Rot bekam, wollte sich die halbe Mannschaft Benins auf den Schiedsrichter stürzen, so dass der nur noch durch ein massives Polizeiaufgebot geschützt werden konnte. Nach dem Abpfiff sind dann alle Polizisten zu dem Schiedsrichter gerannt, um ihn gegen die Beniner Mannschaft zu verteidigen. Auf dem Weg aus dem Stadion gab es aber immer wieder Rangeleien und die Beniner wurden mit allem Möglichen aus dem Publikum beworfen. Draußen war die Lage dann auch noch etwas unruhig, mit Schlagstockeinsatz. Das war ein Fußballspiel, dass ich nicht so schnell vergessen werde.
Danach sind wir in eine Bar gegangen und haben EM-Spiele mit Spanien und Italien geguckt. Auf dem Weg nach Hause wollten wir dann noch kleine Fleischspieße essen. Ein Freund meinte, das wären Spieße für die richtig Armen, das seien Kuh-Hoden. Haben dann trotzdem zwei bestellt, kurz probiert, und ich muss sagen, der erste Geschmack ist wie normales Fleisch. Aber danach war es irgendwie nicht so lecker.
11. Juni
Ich glaube, ich werde Ruanda ziemlich vermissen, die Art der Leute, meine Freunde, die Stadt. Einen großen Teil der Musik, die ich momentan höre, habe ich hier kennengelernt. Ich will auf jeden Fall später im Leben noch mal herkommen. Was mich riesig freut: Es wird demnächst einigen Ruandern möglich sein, einen Gegenaustausch nach Deutschland zu machen. Realisiert hat das ein Verein aus ehemaligen Freiwilligen.
14. Juni
Verdammt, in der Nacht beim Film gucken kommt da plötzlich so eine Riesen-Kakerlake aus einem Spalt an der Decke und läuft quer durchs Zimmer. Hab erstmal geprüft, ob das Moskitonetz auch wirklich fest unter meiner Matratze steckte. Außerdem habe ich enorme Geräusche über der Decke, wo die Viecher anscheinend leben, gehört. Kam mir vor wie im Inneren einer riesigen Cockroach-Brutkammer. Ich freu mich wirklich wieder auf den kalten Norden, so schön insektenfrei... Da sollte man sich wirklich glücklich schätzen!
15. Juni
Heute Abend ist das Unglaubliche passiert! Als ich eine Bierflasche mit einem Löffelstiel aufmachen will, springt der Kronkorken mit lautem Knall ab und trifft eine große Kakerlake, die hinter mir oben an der Wand sitzt. Die Kakerlake liegt jetzt tot und in drei Teilen vor meiner Zimmertür, vielleicht ist es die von gestern.
Ich genieße gerade jede Sekunde hier, weil ich spüre, dass gerade eine ganz tolle Zeit vergeht, an die ich mich noch lange erinnern werde!
27. Juni
Ich denke schon viel an zu Hause. Muss zugeben, dass ich mich schon auf echt viele Dinge freue, alleine schon, dass die Toilette und Dusche nicht draußen sind. Aber ich frage mich, wie ich mich fühlen werde, wenn ich wieder in meinem Zimmer in Deutschland sitze. Meine Freunde hier und die spezielle ruandische Lebensart werde ich vermissen.
09. Juli
Habe diese Woche Praktikum bei einem Mitarbeiter der giz bei Transparency International Ruanda gemacht. Das war sehr interessant, ich habe viel über Entwicklungshilfe und das Thema Korruption gelernt.
31. Juli
Jetzt sind es nur noch neun Tage... das ist echt wenig! Bin dabei, die ganzen Souvenirs zu besorgen und bald ist auch noch unsere Abschiedsparty. Außerdem ist heute mein Nachfolger bei uns eingezogen, ein netter Kerl, mal sehen, wie das Jahr für ihn wird.
4. August
Unsere Abschiedsparty, die richtig gut war, ist schon Vergangenheit. Nun ist noch ein großes Fußballspiel geplant, mit den Jugendlichen, uns Freiwilligen und unseren Freunden.
9. August
Gegen Abend geht es dann zum Flughafen, viele unserer Freunde begleiten uns und sogar zwei Jungs aus meinem Projekt sind gekommen. Der Abschied war doch weniger hart als ich dachte, trtzdem ist er mir schwer gefallen. Ich habe mir aber schon fest vorgenommen, innerhalb der nächsten zwei Jahre wiederzukommen.
10. August
Ankunft in Hamburg. Die Wiedersehensfreude ist groß. Deutschland erscheint mir sehr strukturiert. Hier ist alles klar voneinander abgetrennt, sogar die Wälder sind quadratisch, was ich aus dem Flugzeug gut sehen konnte. Bin mal gespannt, wie ich mich wieder einleben werde. Allerdings bin ich sowieso nur übergangsweise hier, in etwa einem Monat geht es ja schon weiter nach Schottland.
13. August
Heute hole ich Hania zusammen mit ihrer Schwester und Mutter vom Bahnhof ab. Es war sehr schön und noch sehr ungewohnt. In ein paar Tagen geht es mit Hania, ihrer Schwester und ihrer Mutter nach Süden, erst zu einer Hochzeit, dann zu ihrer Oma an den Bodensee. Ich habe mich noch nicht wirklich eingelebt, zu viele Dinge sind einfach zu anders als in Ruanda. Ich habe das Jahr auf jeden Fall genossen, auch wenn ich Höhen und Tiefen hatte. Ich würde es auf jeden Fall wieder machen und glaube, dass ich viel dabei gelernt habe: im Umgang mit Kindern, bei der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, beim ändern von Sichtweisen und Einstellungen. Künftig möchte ich mich gerne während meines Studiums ehrenamtlich mehr engagieren, besonders für kulturellen Austausch.