Reportage Das Baltikum wehrt sich

An den Rändern Europas herrscht wieder kalter Krieg. In Estland, Lettland und Litauen bereiten sich Tausende Zivilisten auf das Schlimmste vor: einen Angriff der Russen.
Reportage: Die estnische Studentin war Turniertänzerin, jetzt dient sie als Gefreite im estnischen Heimatschutz. Darin bereiten sich Tausende Zivilisten auf einen Angriff Russlands vor
Die estnische Studentin war Turniertänzerin, jetzt dient sie als Gefreite im estnischen Heimatschutz. Darin bereiten sich Tausende Zivilisten auf einen Angriff Russlands vor
© Fabian Weiss/GEO

Estland und die Kaitseliit

Das Gewehr im Anschlag. Tarnklamotten, blonder Zopf unter der Filzmütze: In einem Straßengraben in Estland hockt die Gefreite Maria, sehr junges, sehr harmloses Gesicht. Ihre Eltern glauben ihr nicht, wenn sie sagt, sie sei bereit, für ihr Land zu sterben. Autos rauschen vorbei. Die Gefreite duckt sich ins Gras.

Maria soll mit ihrer Gruppe einen Kilometer nach Süden marschieren. Und dabei nicht gesehen werden. Dort hinten rückt der Feind vor. Wichtigste Regel der Landesverteidigung: den Feind stoppen. Maria gibt Handzeichen an die Männer hinter ihr. Vorwärts marsch durch das Gebüsch, Formation wie bei einer Pfeilspitze, fünf Meter Abstand zueinander. Maria, 21, sagt, sie sei der Sohn, den ihr Vater niemals hatte.

Der Feind greift an diesem Tag nicht wirklich an. Maria und die anderen sind auch keine regulären estnischen Soldaten. Sie sind Mitglieder der Kaitseliit, der militärischen Freiwilligenliga. Dies sind die letzten Tage des Offizierslehrgangs. Die große Übung im Feld. 800 Teilnehmer zwischen Pferdekoppeln und ungepflügten Kartoffelackern.

Der Feind in diesem Szenario greift mit Panzern an. Natürlich tut er das: Jeder weiß, dass der Feind der Russe ist. Und der kommt immer mit Panzern. Die estnische Armee hat keine Kampfpanzer. "Wir sind wie eine Guerilla", sagt Erik Reinhold, Marias Kommandant. Reinhold hat mit den Amerikanern im Irak gekämpft. "Damals waren wir die Besatzer und wurden von jedem Baum aus beschossen."

So soll es den Russen in Estland ergehen. Maria möchte wie die meisten Männer und Frauen der Reservetruppe ihren Nachnamen nicht nennen. "Die russische Aufklärung schläft nicht." Eigentlich, so viel darf verraten werden, studiert die Gefreite Maria im sechsten Semester Business Management.

Dmitri Medwedew spricht vom kalten Krieg

Wenn Russlands Panzer morgen ins Baltikum einfallen würden, stünden sie 36 bis 60 Stunden später vor den Hauptstädten Tallinn und Riga. Die baltischen Staaten würden einfach überrannt. Das ist das Ergebnis einer amerikanischen Militärstudie. Und darum geht es bei der Übung der Kaitseliit: Man muss es den Russen zumindest schwerer machen.

25 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatten sich die Balten eigentlich in einem friedlichen Leben eingerichtet. Eingebettet in die Europäische Union, geschützt durch den NATO-Artikel 5, die Verteidigungshilfe im Bündnisfall.

Der gilt immer noch, doch der Glaube an die Sicherheit ist erschüttert. Der Einmarsch der Russen in die Ukraine, die Annexion der Krim, all das hat alte Wunden aufgerissen. Nicht nur Russlands Premierminister Dmitri Medwedew spricht von einem neuen kalten Krieg.

In diesem Krieg sind die baltischen Staaten die Frontstaaten. Die Bürger greifen zu den Waffen. Bei den freiwilligen Volksverteidigern in Estland und auch in Lettland und Litauen. Furcht treibt diese Menschen an. Und Furcht zieht sie immer weiter in den kalten Krieg hinein.

GEO Magazin 07/2016

Reportage: Das Baltikum wehrt sich

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