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Giftgas Wie Fritz Haber den Tod aus dem Labor erfand

Im April 1915 kommt es zum ersten Großeinsatz von Chlorgas. Die Deutschen töten damit 1200 gegnerische Soldaten im belgischen Nordwesten. Erfinder der teuflischen Waffe: Fritz Haber
Fritz Haber

Fritz Haber in seinem Labor in Karlsruhe

Es ist der 22. April 1915. Ein Zischen durchdringt an der Front nördlich des belgischen Städtchens Ypern die Morgenstille. Gelblichgrüne Schwaden kriechen über den Boden, vereinigen sich zu einem Nebel – im ersten großen Chemieangriff der Geschichte. Deutsche Offiziere haben aus Tausenden Stahlflaschen etwa 150 Tonnen Chlor abblasen lassen. Panik breitet sich unter den französischen Truppen in den Schützengräben aus. 1200 Soldaten sterben, 3000 werden verletzt. Erfunden hat die Waffe der deutsche Chemiker Fritz Haber.

Eigentlich hat der 1868 geborene Chemiker nach einem Kunstdünger geforscht – und 1909 tatsächlich zeigen können, wie sich der in der Luft enthaltene Stickstoff in einem Hochdruckverfahren binden lässt. Nach jahrelanger Experimentierarbeit war es ihm und seinem Kollegen Carl Bosch gelungen, die sogenannte katalytische Ammoniak-Synthese für die Massenproduktion tauglich zu machen (Ammoniak ist ein Grundstoff für Kunstdünger).

Moralische Bedenken hat Fritz Haber nicht

Doch mithilfe der Ammoniak-Synthese lässt sich auch Salpetersäure produzieren – eine Grundsubstanz für die Herstellung von Schießpulver und Sprengstoff. Als sich in den ersten Kriegsmonaten Salpetermangel abzeichnet, organisiert Fritz Haber den Nachschub.

Der Chemiker drängt sich den Militärs regelrecht auf. Von Ehrgeiz und Patriotismus getrieben, forscht er wie ein Besessener an der „Gassache“. Moralische Bedenken hat er nicht. Er ist davon überzeugt, dass er dem Vaterland so zum schnellen Sieg verhelfen kann.

Zwar arbeiten auch andere Forscher im Auftrag der Heeresleitung. Doch Haber ist der erste Wissenschaftler, dem eine eigene Abteilung im Kriegsministerium unterstellt wird. Er hat gute Kontakte zu deutschen Chemiefirmen und kann kriegsrelevante Forschungsergebnisse sofort großtechnisch umsetzen lassen. So wird er zum Organisator des chemischen Kriegs – zum Verbindungsmann zwischen Wissenschaft, Militär und Industrie.

GEO Epoche, Weltkrieg

Dieser Beitrag stammt aus GEO Epoche Kollektion

Während des Krieges strukturiert Haber das Kaiser- Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrohemie in Berlin um, dessen Leiter er seit 1911 ist. Ende 1918 sind dort 1450 Mitarbeiter mit der Entwicklung von Gaskampfstoffen und Gasschutz beschäftigt. Für das heikle Abblasen von Chlor an der Front werden unter Habers Regie eigens geschulte Gaspionierregimenter aufgestellt.

Fünf Monate nach dem ersten Gasangriff der Deutschen schlagen die Briten zurück: Am 25. September 1915 greifen ihre Soldaten mit Chlorgas an. Daraufhin erhält Haber den Auftrag, eine sichere Gasmaske zu entwickeln.

Ab Januar 1916 werden die neuen Gummimasken mit abschraubbarem Dreischichtenfilter in Serie produziert. Doch die Rüstungsspirale dreht sich immer schneller: Gaswerfer und Gasgranaten ersetzen das wetterabhängige Blasverfahren – womit die bis dahin mögliche Vorwarnzeit wegfällt. Als Reaktion auf verbesserte Masken des Gegners erfinden Haber und seine Mitarbeiter die Taktik des „Buntschießens“: Ein erster Angriff mit extrem reizenden „Blaukreuz“-Kampfstoffen, die auch Gasmasken durchdringen können, soll den Gegner zum Herunterreißen der Masken verleiten; im zweiten Beschuss werden die tödlichen „Grünkreuz“-Geschosse eingesetzt.

Fritz Haber muss aus Deutschland fliehen

Doch kriegsentscheidend ist das Gas nicht. Zwar sterben insgesamt etwa 80.000 Soldaten im Gaskrieg, werden mehr als eine Million verwundet, aber der Wettlauf um immer tödlichere Kampfstoffe führt zu einem Patt.

Nach der deutschen Niederlage flüchtet Haber in die Schweiz. Er soll auf einer Gesuchtenliste der Alliierten stehen, weil er gegen das Völkerrecht verstoßen habe, doch zu einer Anklage durch die Siegermächte kommt es nicht.

In den 1920er Jahren forscht er an neuen Giften zur Schädlingsbekämpfung. Eines davon ist Zyklon B. Dessen Verwendung in den Gaskammern der Nationalsozialisten erlebt Fritz Haber aber nicht mehr: Er verliert 1933 als Jude seine Stellung als Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts, geht nach England und stirbt acht Monate später.

Zu den Millionen von Deutschen ermordeten Juden gehören später auch enge Verwandte jenes Chemikers, der Patriot sein wollte und zum Kriegsverbrecher wurde.

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