Ostafrikas Malawisee: Das geheimnisvolle Blau

Ostafrikas Malawisee ist fast so groß wie Belgien - ein Süßwassermeer, auf dem nur wenige Schiffe fahren. Wer mit Howard, dem leidenschaftlichen Skipper, auf Segeltour geht, entdeckt nicht nur entlegene Küsten und Inseln. Er kann auch damit rechnen, dass aus den Tiefen hilfreiche Geister auftauchen
In diesem Artikel
Sprechstunde bei Doktor Kumpalotta
Das Geheimnis des Sees
Schaukelwoche auf dem Meer
Kurs auf Mosambik
Der Mann im See

Sprechstunde bei Doktor Kumpalotta

Doktor Kumpalotta springt vom Hockerauf, schwingt seinen präparierten Pferdeschweif und stimmt einen heiseren Gesang an: "Makora, makora" - es wird gut, es wird gut. Nur eine Kerze spendet Licht in der Lehmhütte. Der Doktor ist ganz in Schwarz gekleidet. Rastazöpfe winden sich um seinen Kopf wie pelzige Schlangen. "Es hat mit dem Meer zu tun", höre ich mich sagen. "Ich meine, mit dem See; ich bin sicher, der See ist schuld." Doktor Kumpalotta öffnet seinen Lederkoffer: Tierkrallen, Wurzeln, Fellbeutelchen. Er bröselt ein Pulver zusammen und reibt mein Gesicht, Brust und Hände damit ein. Sofort brennt die Haut wie Feuer. Worauf habe ich mich hier eingelassen? Wie bin ich in dieser Hütte gelandet, auf der Insel Chisumulu im Malawisee?

Sprechstunde bei Doktor Kumpalotta

Zehn Tage vor der Sprechstunde bei Doktor Kumpalotta bin ich an Bord des Katamarans "Mufasa" gegangen. Kurz darauf gleitet das Boot über den südlichen Malawisee, strahlend weiß, den Doppelrumpf wie Flügel ausgebreitet. Im Kielwasser des Katamarans wird der Heimathafen Cape Maclear stetig kleiner, während der Südwind uns hinausträgt. Afrikas drittgrößter See ist fast so groß wie Belgien, ein Süßwassermeer mit leicht gekrümmten Horizonten, ein aquatisches Mysterium, das ich auf dieser Reise zu den abgelegensten Inseln und Küstenstrichen Ostafrikas ergründen möchte. Über mir blähen sich Großsegel und Fock, die "Mufasa" schlingert kräftig in den Wellen. Mein Magen meldet sich, mich fröstelt, und auch ohne Spiegel weiß ich, wie blass mein Gesicht jetzt aussehen dürfte.

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Heiler und Kräuterärzte wie Doktor Kumpalotta rufen den "Mann im See", um Kranke zu behandeln

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Das Boot gleitet dahin, vom Südwind getrieben

"Sieh dir diesen reizenden Wind an", freut sich Howard, der Skipper. Ansehen? Ich bin irritiert. Doch der gebürtige Südafrikaner spricht oft vom Wind wie von einem vertrauten Menschen und blickt dabei auf seltsame Weise, als könne er in der Luftströmung etwas erkennen. 1992 kam der gelernte Elektroingenieur erstmals nach Malawi, sah den See und wusste: Hier würde er ganz neu anfangen. Sein Traum: ein Leben unter Segeln, auf einem eigenen Boot, mit Gästen aus aller Welt. Howard verkaufte seine Beratungsfirma und ließ in Südafrika nach eigenen Plänen die Mufasa bauen. Mit dem luxuriösen 38-Fuß-Katamaran hat er seither mehr Meilen zurückgelegt, als der Äquator misst. 300 Nächte im Jahr verbringen Howard und seine dreiköpfige Besatzung mit ihren Passagieren an Bord.

Wir legen in Chiofu an, einem Fischerdorf mit verstreut stehenden Lehmhütten am Südostufer des Sees. Wenig später sitzen wir, umringt von einer Schar neugieriger Kinder, im Schatten eines Cashewbaumes. Auf langen Schilfrosten trocknen silberblaue "Usipa", Malawisee-Sardellen. "Der See ist alles, was wir haben", erzählt Chitenje, der älteste Fischer des Ortes, und lässt mit einem Lachen seine perfekten weißen Zähne aufleuchten. "Wir trinken aus dem See, wir baden darin, die Frauen machen am Ufer die Wäsche, wir gießen unsere Gärten und Felder mit dem Wasser - und normalerweise gibt uns der See genügend Fisch." Chitenjes Lächeln erlöscht unvermittelt, er presst die Lippen zusammen, Falten graben sich in seine Stirn. "Es kommen mehr und mehr Fischer", fügt er leise hinzu. "Immer öfter bleiben unsere Netze leer."

Das Geheimnis des Sees

Malawi zählt zu den ärmsten Ländern der Erde. Es hat praktisch keine Bodenschätze, bei Dürre oder Überschwemmungen herrscht Hunger. Angelockt vom Wasser hat sich die Bevölkerung an den Ufern des Sees in den letzten Jahrzehnten vervielfacht. Auf dem Markt ist Fisch heute teurer als Fleisch. "Seit ein paar Jahren ist er zornig", sagt Chitenje plötzlich. "Er schließt die Fische weg, er schickt uns Krokodile." Ich verstehe nicht, wer "er" sein soll. "Der Mann im See", flüstert der Alte. Wieder an Bord der Mufasa, pfeift Howard durch die Zähne - es klingt wie eine Bö, die in die Fock fährt. Wie schließt der "Mann im See" die Fische weg? Und die Krokodile: Hat er sie abgerichtet wie scharfe Hunde? "Der See ist voller Geheimnisse", sagt Howard und streckt beide Hände nach dem Wind aus, als nehme er etwas von ihm entgegen. "Einem dieser Geheimnisse sind wir auf der Spur."

Das Geheimnis des Sees

Die Mufasa ankert in einer einsamen Bucht. Der Wind ist abgeflaut, das Wasser glatt. Wir springen kopfüber ins Meer, Verzeihung: in den See. Es muss an der Ähnlichkeit des Malawisees mit einem Ozean liegen, an der Weite und dem Blau. Egal wie oft wir im See baden, jedes Mal staunen wir darüber, dass das tropisch warme Wasser nicht salzig schmeckt, sondern süß. Erst dann fällt uns ein, dass im Malawisee auch Krokodile schwimmen. Doch wir vertrauen auf Howards Theorie: Krokodile brauchen zum Jagen trübes Wasser. In der kristallklaren Bucht, in der wir baden, würden wir die räuberischen Reptilien von weitem sehen. Immerhin knabbern Fische an unseren Beinen. Durch die Taucherbrille sehen wir Schwärme von Buntbarschen - gelb, rot, blau, gestreift, gefleckt, gepunktet. Wegen der isolierten Lage des Malawisees im Afrikanischen Grabenbruch haben sich hunderte Arten entwickelt, die es nur hier gibt. Wir paddeln durch ein riesiges Aquarium.

Nach dem Mittagessen bewegt sich ein tiefdunkles Blau auf uns zu. Schaumkronen vor sich hertreibend kommt es näher; dann wirft sich der Südost gegen die Mufasa, mit einem lauten Schlag straffen sich die Segel, und wir spüren einen Schub, als habe Howard ein Gaspedal durchgetreten. Das Wasser beginnt von unten heftig gegen die Bootswände zu schlagen, Wellen explodieren unter dem Doppelrumpf, Fontänen schießen durch die grob geflochtenen Matten auf, in denen wir sonst faul in der Sonne liegen. "Dieser Wind ist ein Geschenk", jauchzt Howard und umfängt die Böen mit weit geöffneten Armen, während die Gischt von allen Seiten über ihn spritzt. "Hier spürst du den ganzen See", ruft er wie in Trance und legt meine Hand auf das Ruder. "Hier spürst du die Kraft des Windes." Für mein Empfinden ist Howards Wind eher ein Sturm. Er jault in den Ohren, dreht ständig und treibt die Wellen aufeinander zu - die für den Malawisee typischen kurzen, steilen Wellen, die aus allen Richtungen gleichzeitig kommen. Die ungleichmäßigen Schiffsbewegungen fühlen sich nicht gut an, gar nicht gut. Ich muss ständig gähnen. Kalter Schweiß tritt mir auf die Stirn. Mein Herz klopft laut, der Magen drückt, das Mittagessen kündigt den Rückweg an. Ich teste diverse Rezepte: Salzbrezeln mit lauwarmer Cola, progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, Ohrenstopfen - mit der rechten Hand ins linke Ohr und umgekehrt. Als alles nichts hilft, lege ich mich auf den Rücken und zähle Sternchen.

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Der Malawisee bietet prächtige Landschaftsbilder und großen Fischreichtum. Die Alten sagen, dass sie nur an seinen Ufern glücklich und gesund leben können - sobald sie weggehen, befällt sie ein rätselhaftes "Fieber"

Schaukelwoche auf dem Meer

Der bis zu 700 Meter tiefe Malawisee kennt keine Gezeiten und kaum Strömungen, und er gehört Howard fast ganz allein. Auf der immensen Wasserfläche, vierundfünfzig Mal so groß wie der Bodensee, fährt nur noch ein einziges motorgetriebenes Linienschiff. Wir begegnen ihm in dieser Nacht. Der Wind hat sich gelegt, das Wasser ist dick und schwarz wie Öl. Sterne spiegeln sich schimmernd darin wie fluoreszierende Tierchen, als in der Ferne ein Lichtbündel aus der Dunkelheit wächst. "Sieh dir die ,Ilala‘ an", sagt Howard, und es klingt, als spreche er von einer Göttin. Seit 1948 transportiert das Dampfschiff Fracht und Passagiere. Für viele Dörfer und Inseln ist die Ilala die Seele des Sees: der einzige Kontakt zur Außenwelt. Doch wir sehen von ihr nur Lichter, die aus der Nacht wachsen und wieder in ihr verglühen, irgendwo zwischen Metangula und Nkhotakota.

Schaukelwoche auf dem Meer

Nach einer Schaukelwoche auf dem Meer - ich meine: auf dem See - kommt "Kaya Mawa" wie gerufen. Die Lodge zählt zu den schönsten in Ostafrika; sie erwartet uns an einem verträumten Strand im Südwesten der Insel Likoma. Nach permanenter Schräglage bringe ich meinen Körper wieder in eine aufrechte Position, genieße die Ruhe meines luxuriösen Chalets aus Naturstein, das auf einer winzigen Insel liegt und über einen Steg mit Likoma verbunden ist. Von meiner privaten Terrasse gleite ich ins Wasser, kraule durch die türkisfarbene Bucht, paddle im Kanu um glattgewaschene Felsen oder liege einfach nur in der Hängematte unter einem Mangobaum und zwicke mich von Zeit zu Zeit, um mir zuzuflüstern: "Hey, welch ein Leben." Beim Abendessen am Pool, hoch über dem See, erzählt Andrew Came, der Besitzer von Kaya Mawa, wie er Ende der 1980er Jahre mit dem Rucksack nach Malawi einreiste: "Ich versteckte meine langen Haare unter einem riesigen Verband und legte den Arm in eine Schlinge."

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Auf einem mächtigen Baobab hat sich eine Kolonie Kormorane niedergelassen. In Trockenperioden trägt der Baum kein Laub, erst zur Regenzeit treibt er aus. Eine afrikanische Legende besagt, der Teufel habe ihn verkehrtherum wachsen lassen - weil das Geäst wie Wurzelgeflecht aussieht

Nur das Geräusch der Wellen

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Mumbo Island ist eine unbewohnte kleine Insel im Süden des Malawisees, auf der Reisende das verträumte Camp von "Kayak Africa" finden. Sie besteht aus einer Handvoll überdachter Luxuszelte, rundherum nichts als kristallklares Wasser, zum Schnorcheln und Schwimmen bestens geeignet

Die Tarnung war notwendig, denn Hastings Kamuzu Banda, der Diktator, der Malawi von der Unabhängigkeit 1964 bis 1994 regierte, ließ langhaarigen Männern bei der Einreise die Köpfe rasieren. Andrew mogelte sich als Kranker durch. Unter Banda waren auch Fernsehgeräte verboten und Hosen für Frauen. Eine halbe Million Menschen fiel seinem Staatsterror zum Opfer, so wird geschätzt. 1994 ging Malawi friedlich in eine Demokratie über. Seither lebt Andrew auf Likoma. "Wenn ich verreise, beschleicht mich oft das Gefühl, dass etwas nicht stimmt", sagt er, den Blick auf den Horizont gerichtet. "Dann merke ich, dass mir der See fehlt, nicht nur das Geräusch der Wellen, sondern seine Anwesenheit, seine Energie." Skipper Howard sagt dazu: "Seefieber" und behauptet, jeder, der am Malawisee lebt, werde früher oder später davon befallen.

Kurs auf Mosambik

Auf Likoma existiert nur eine einzige Piste. Nur wenige Häuser auf der acht Kilometer langen und 6000 Einwohner zählenden Insel verfügen über Strom. Im quirligen Markt brutzeln Utaka-Buntbarsche auf runden Blechen. Mädchen balancieren Feuerholz auf den Köpfen, Frauen in bunten Gewändern handeln mit Tomaten und Maniokwurzeln. Unten am Strand entlädt João Bernardo seine Dhau.

Kurs auf Mosambik

Jeden Morgen schließt sich der muskulöse Mann mit dem Jungengesicht einer kleinen Flotte von Schiffen an, deren Segel aus alten Kleidern und Maissäcken zusammengeflickt sind. Mit den traditionellen Booten bewältigen die Seeleute, vom Ostwind angetrieben, die Strecke aus Mosambik herüber nach Likoma. Ein großer Teil des Ostufers gehört zu Mosambik. Während der See in Malawi ein Fünftel des Staatsgebietes ausmacht und als Wahrzeichen des Landes gilt, ist er für Mosambik nur eine entlegene Grenzregion, von der Hauptstadt Maputo erst nach tagelangen Pistenfahrten oder im Buschflugzeug zu erreichen.

"Drüben gibt es keine Läden", erzählt João, auf das Ruder gestützt, "alle Waren kommen und gehen per Boot über Likoma." Aus Mosambik bringen die Dhaus vor allem Mais, Bambus, Feuerholz und Planken für den Möbelbau zurück. Joãos Arbeit ist hart, manchmal auch gefährlich. "Der Mann im See kann grausam sein", flüstert er und beißt sich sogleich auf die Zunge. Es bringe Unglück, über ihn zu sprechen, nur die Heiler und Zauberer wüssten über ihn Bescheid. Der mächtigste sei Doktor Kumpalotta. Er lebe auf Chisumulu. Dann dreht der Wind, wie immer gegen Mittag, und João hisst sein Flickensegel, um Kurs auf Mosambik zu nehmen, schwer beladen mit frisch gezimmerten Betten, Zuckersäcken, Speiseöl, Kleidern, Seifen, Shampoos.

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Die kleine Kriche bei der "Nkwichi Lodge" liegt auf der mosambikanischen Seite des Sees

Tief eintauchen

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Schwimmen mit Aussicht: Pool der "Kaya Mawa Lodge", hinten ankert die "Mufasa"

Doktor Kumpalottas Insel ist bei gutem Wind nur zwei Segelstunden von Likoma entfernt, doch das Meer, pardon: der See meint es nicht gut mit mir. Während Howard die Mufasa steuert, den Blick lächelnd in den Wind gerichtet, wechselt meine Blässe langsam ins Grünliche. Ich kaue frischen Ingwer, versuche es mit Akupressur und Atemübungen - alles ohne Erfolg. Es soll Seekranke gegeben haben, die aus Verzweiflung über Bord gesprungen sind. Oder sich wünschten, dass ihr Schiff sänke. Während der Katamaran durch die Wellen pflügt, gelange ich zur Überzeugung, dass diese Geschichten auf jeden Fall wahr sind. Doktor Kumpalotta lebt unter einem gewaltigen Baobab und betrachtet mich mit durchdringendem Blick. Ich beschreibe meine Symptome. "Es hat mit dem Meer zu tun", höre ich mich schließlich sagen. "Ich meine, mit dem See; ich bin sicher, der See ist schuld." Makora, makora; das geheimnisvolle Pulver; meine Haut, die wie Feuer brennt. "Du tauchst jetzt in den See", sagt der Doktor. "Tief, sehr tief, tiefer, als ein Mensch tauchen kann."

Der Mann im See

Ich schließe die Augen und halte die Luft an. Es wird eigenartig kühl. Ich öffne die Augen wieder - und blicke in ein Gesicht. Das Gesicht eines Mannes. Weiße Haut. Lange Haare, die unter Wasser in alle Richtungen stehen. Er schenkt mir ein Lächeln. Dann ist das Gesicht verschwunden. "Der Mann im See hat dir zugelächelt", sagt Doktor Kumpalotta, nachdem ich wieder aufgetaucht bin. "Der See wird dich nie mehr krank machen, er ist jetzt dein Freund, dein Bruder."

Der Mann im See

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Die Gäste der "Kaya Mawa Lodge" auf der Insel Likoma genießen die abendliche Ruhe. Die Bungalows bieten allen Komfort und viel Einsamkeit - besonders jener, der auf dem vorgelagerten Felsen steht

Der Malawisee ist ein lebendiges Wesen. Er spricht eine eigene Sprache, in der die Menschen an seinen Ufern mit ihm kommunizieren. An einem guten Tag werfen die Fischer einen Teil ihres Fangs zurück - für den Mann im See. Bauern bringen ihm die ersten Feldfrüchte einer Ernte dar. An ihn wendet sich, wer Hilfe braucht. Die Heiler tauchen in ihren Ritualen in die Tiefe, um den Mann im See um Medizin zu bitten. Er sagt ihnen auch, in welchem Dorf Kranke behandelt werden müssen.

Um zwei Uhr früh lichtet die Mufasa die Anker. Wir wollen vom mosambikanischen Ufer zum malawischen. Bei Chisumulu erreicht der See seine maximale Breite von fast 80 Kilometern. Am Morgen zündet die Sonne den Himmel an. Wolken wie Lava. Nirgendwo ist mehr Land zu sehen. Wir ziehen den Spinnaker auf, und das Schiff jagt mit 18 Knoten über den brodelnden See. "Flieg, mein Engel, flieg!", schreit Howard, wie verrückt geworden; er springt in die Luft und greift in den Wind, als ernte er die Früchte eines unsichtbaren Baums.

Ich schaukle im Freisitz auf einer der Bugspitzen und koste jede Woge aus. Kein Zucken mehr in der Magengegend. Ich bin geheilt, tatsächlich geheilt. Die Wellen, die mir gestern noch zusetzten, lösen jetzt euphorische Zustände aus. Und plötzlich, zwischen zwei heftigen Böen, weiß ich auch, was Howard bei seinen rätselhaften Gesten empfängt. Der Wind ist es, der dem Skipper den See erschließt, ihn mal hierhin, mal dorthin treibt. Der Wind steckt Howard mit dem Seefieber an. Erst wenn sich die Segel blähen, beginnt der Traum dieses äolisch geleiteten Wanderers Wirklichkeit zu werden - die Welt des Malawisees. Es ist nicht wichtig, wie Doktor Kumpalotta mir den Mann im See gezeigt, wie er mich geheilt hat. Ob es das Pulver war oder eine Art Hypnose. Die Mufasa surft auf kräftigen Wellen - auf, ab, auf, ab. Die Gedanken setzen aus, alles verliert seine Bedeutung: Fragen, Antworten, das ferne Ufer, der Himmel, sogar der Wind. Wir kommen von einem Horizont und fahren dem nächsten entgegen. Der See ist ein Meer ist ein See, die Stimme aus der Tiefe, sie spricht zu uns - und wir lauschen ihr voller Aufmerksamkeit.

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