Taquile --- da wo Mann strickt

Reisebericht

Taquile --- da wo Mann strickt

Reisebericht: Taquile --- da wo Mann strickt

"Ama sua, ama llulla, ama quella" - nicht stehlen, nicht lügen, nicht faul sein – noch heute leben die Taquileños, die Bewohner der ca. 5,5 km x 1,6 km breiten Insel Taquile (Quechua: Intika) im peruanischen Teil des el Lago Titicaca nach dem aus der Inka- oder auch schon Prae-Inkazeit stammenden Gebot.

la Isla Taquile

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Täglich starten zwischen 07:30 und 08:30 Uhr für ca. 20 Nuevo Soles pro Person sog. Kollektiv-Boote von der Stadt Puno zu der kleinen Insel im 8.288 qkm großen und auf 3.810 m ü.NN höchstgelegenen kommerziell schiffbaren Gewässer der Erde.
Die Einwohner sagen, ihre Insel gleiche aus der Ferne einem Wal…bei näherer Betrachtung und mit viel Phantasie möchte man ihnen Recht geben.
Die kräftige Sonne überflutet das glasklare und mit ca.10° C meist gleich bleibend kalte Wasser und lässt den See fast unwirklich blau erscheinen. Wie reife geöffnete Baumwollkapseln schweben die weißen Wolken über das ruhige Wasser und bleiben später an den Gipfeln der Anden hängen. Die Luft ist so sauber, dass einem ganz schwindelig wird.
Taquile liegt ca. 40 km vom peruanischen Festland entfernt. Die Insel hat einige kleine Bootsanlegestellen, Hauptanlegeplatz ist der Puerto Chilkano.



"Bogen der Freundschaft"



la Isla Taquile (II)

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Viele kleine Pfade führen von Haus zu Haus und über die Felder.
Beginnt man die Erkundung der Insel von Chilkano aus, führt der Weg zum Plaza Principal, dem Hauptplatz und kulturellem Zentrum, über einen etwas steilen, mehrstufigen Weg zum mit 4.050 m ü.NN höchsten Punkt der Insel.
Das Boot setzt uns am Hafen Puerto Alsono ab und wird uns einige Stunden später in Chilkano wieder an Bord nehmen. So wählen wir den bequemeren Weg über das mediterran wirkende Eiland.



la Isla Taquile (I)

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Die ca. 2.000 Taquileños, die seit Jahrhunderten in kollektiven Genossenschaften zusammenleben, pflegen ein sehr traditionelles Leben und beziehen sich auf alte Bräuche und Regeln der Inkazeit. Die Einwohner dieser alten Gemeinde sind stolz auf ihre Vorfahren, ihre Überzeugungen und ihre Lebensart. Ihre Heimat ist umgeben von einem heiligen See und wird von Pachamama geschützt. Der Ältestenrat vereint von je her die gesamte Macht.
Man versorgt sich hauptsächlich selbst durch Fischfang und Feldanbau. Die typischen Terrassenfelder, auf denen vorwiegend Gemüse und Kartoffeln angebaut werden, ziehen sich über die ganze, leicht hügelige Insel.



fleißig und scheinbar leichtfüßig

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Es gibt keinen Strom und kein fließendes Wasser; gekocht und geheizt wird mit Feuerholz.
Motorangetriebene Fahruntersätze wie auch Hunde und Katzen sind auf der Insel nicht gestattet. Und so durchdringt lediglich das Gemecker der Ziegen oder Schafe die absolute Stille.
Die Kollektive betreibt mit Generatoren eine Radiostation. Der moderne Taquileño setzt inzwischen auf Solarzellen.
Es gibt eine Grundschule, eine Sekundarschule sowie eine Privatschule namens la Escuela Adventista de Huayrapata. Die Kinder lernen in der Schule Spanisch. In den Familien wird allerdings konsequent die indigene Sprache Quechua gepflegt, da man auf diese Weise besser mit Gott und der Natur kommunizieren kann.
Immer wieder begegnen wir farbenfroh gekleideten Einheimischen, die fleißig und scheinbar leichtfüßig schwere Bündel von A nach B tragen. Mädchen und junge Frauen verkaufen am Wegesrand gut sortiert gewebte bunte Bändchen und Strickwerk.



typische Handarbeit



Restaurante San Santiago y...

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Auf dem Hauptplatz herrscht geschäftiges Treiben. 10944 km bis Berlin zeigt der etwas in die Jahre gekommene „guia Taquile“ auf dem Platz an. Besucher können sich im Handicraft-Center informieren und selbstverständlich auch hier inseltypische Handarbeit erwerben.



Weibergeschwätz



Stolz sind die Taquileños vor allem auf ihre Textilkunst, welche im Jahr 2005 von der UNESCO zum „Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“ erklärt wurde.



traditionelles Weben



Mann strickt

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Ehrung und Respekt zeigt die Gemeinschaft u.a. auch darin, dass Frauen und Männer gegenseitig füreinander Kleidung herstellen. Frauen wie Männer beherrschen den Umgang mit dem Webstuhl und immer wieder trifft man auf die so typisch für die Insel „strickenden Männer“. Nicht selten sind sie mit ihren Stricknadeln und bunten Fäden auf der Insel unterwegs, man strickt wo man gerade geht oder steht.
Schon im frühen Kindesalter lernen die Inselbewohner das Stricken und – so heißt es – sie hören erst mit ihrem Tod damit auf.



strickender Mann



Taquileños

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Gewebt oder gestrickt wird in der Regel mit Lama-, Alpaka- oder Schafwolle; Farben werden z. B. aus den Pflanzen Zulina und Chillca sowie einem Stein namens Yanacuipa gewonnen. Die üblichen Farben sind rot, schwarz, grau, weiß und creme.
Einst zwangen die Konquistadoren die indigene Bevölkerung in „zivilisierte“
Bekleidung und so beruht die heute traditionelle Kleidung der Taquileños auf spanische Vorbilder. Frau trägt dunklen Rock und Pullover in oft leuchtend roten Farbtönen, ein schwarzes Tuch mit kunterbunten Bommeln über dem Kopf und Mann über dem weißen Hemd eine kurze schwarze Jacke kombiniert mit schwarzer Hose. Neben dem schwarzen Hut trägt Mann eine Chullo oder eine Strickmütze mit Ohrenklappen. Die Farben sowie die Art sie zu tragen geben Auskunft über seinen Rang bzw. seine Stellung in der Gemeinschaft. Die Mützen sind zum Teil so eng gestrickt, dass man mit ihnen sogar Wasser transportieren kann.



typische "chullo"



el hombre en traje típico

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Zur typischen Kleidung des Mannes kommt ein 10 bis 15 cm breiter Gürtel (chumpi) hinzu, auf dem Zöpfe gestrickt werden, Symbole, welche für ihr tägliches Leben und die Magie der Insel stehen; die sechs „suyos“, das landwirtschaftliche System, „chaska“ – der Stern, der das Wetter vorhersagt. Sie stricken ihre Hierarchien, ihren Glauben, ihre Gedanken und Gefühle.



portal de entrada

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Auch wenn auf der beschaulichen Insel inzwischen das Mobiltelefon Einzug gehalten hat, haben sich die Bewohner bis heute erfolgreich gegen westlichen Einfluss und die kommerzielle Nutzung ihrer Insel gewehrt. Trotzdem ist der Tourismus in den letzten Jahren zur wichtigen Einnahmequelle geworden. Es gibt ein paar wenige Restaurants mit einfachem aber sehr gutem Essen, keine Hotels. Wer sich einen tieferen Einblick in die traditionelle Lebensweise wie tägliche Aktivitäten, Landwirtschaft, Wasser holen, Feiern und Speisen der Taquileños verschaffen mag, kann auf der Insel eine Nacht traditionell bei einer einheimischen Familie verbringen. Die Gemeinschaft hat die Unterbringung von Touristen unter sich gut organisiert.



Männer in typischer Tracht


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Kommentare

  • agezur

    Danke für ein Wiedersehen mit bekannten (!!!) Leuten und einer wunderbaren Landschaft!
    LG Christina

  • Jabba

    :-) Ja, so etwas finde auch ich immer spannend: auf anderer Leute Fotos die selben Menschen wiedererkennen, oft nach Jahren!
    Danke Dir, Christina!
    LG, Kathrin

  • matulr

    Gratulation zur Veröffentlichung auf der STARTSEITE!
    LG ULI

  • Jabba

    Dank an Dich, Uli, und Dank an die Redaktion!

  • pleuro

    Liebe Kathrin, ich schwelge in Erinnerungen und find´ es ganz super, Dich hier noch mal auf dieser Reise begleiten zu können. Danke!
    LG Anne

  • Jabba

    Hab vielen Dank, liebe Anne!

  • trollbaby

    Liebe Kathrin!
    Ich muss gestehen, von den strickenden Taquilenos hatte ich zuvor noch nicht gehört. Umso interessanter war es nun, mehr von Dir über dieses Volk zu erfahren. Durch Deine vielen guten Fotos glaubt man auch, selbst mittendrin zu stehen. Ein wirklich toller Bericht!
    LG Susi

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  • Jabba

    danke Susi :-))

  • doubleegg

    Dank dieser wunderbaren Impressionen und gehaltvollen Beschreibung konnte ich die Insel nun endlich einmal in Ruhe besuchen. Bei unserer Überfahrt von Puno geriet unser manövrierunfähiges Boot in einen Sturm, die Passagiere konnten gerade noch in ein anderes umsteigen. Dann begann das Schlingern und Kreuzen gegen die Wellen, die Seekrankheit befiel jeden Zweiten und die Angst saß wohl allen im Nacken. Unser Aufenthalt auf Taquile war entsprechend kurz, aber unvergesslich. Danke und LG Elke

  • Jabba

    Das ist ja wirklich schade, Elke. Tut mir echt leid für Dich. :-(
    Aber danke, dass Du Dir die Zeit für diesen kleinen Bericht genommen hast. LG, Kathrin

  • Guido

    Liebe Kathrin,
    Vielen Dank dass du mich mitgenommen hast, auf eine Insel von der ich noch nie gehört habe. Du hast das Leben dieser Bewohner so toll beschrieben, dass auch ich jetzt etwas Ahnung davon habe. Toller Bericht mit tollen Bildern umrahmt.
    Liebe Grüsse
    Guido

  • Jabba

    Hab ganz lieben Dank, Guido! lg; Kathrin

  • Blula

    Liebe Kathrin! Du verstehst es sehr, Deine Leser zu begeistern, diejenigen, die schon einmal in diesem wunderschönen südamerikanischen Land waren, aber auch jene, die es noch nicht waren. Danke für diese fantastischen Eindrücke, die Du hier wiedergibst und die großartigen Fotografien.
    LG Ursula

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