Santander - Ein Spanien, das seine Gäste noch adoptiert

Reisebericht

Santander - Ein Spanien, das seine Gäste noch adoptiert

Reisebericht: Santander - Ein Spanien, das seine Gäste noch adoptiert

Nicht weit von Mitteleuropa gibt es eine Stadt, die so gar nichts mit dem typischen Bild Spaniens zu tun hat. Oder doch, aber dann doch wieder nicht auf die Art, wie man es von Málaga, Palma oder Playa del Inglés gewohnt ist. Hier wird der Gast aufgenommen und wie einer ihrer Bewohner behandelt. Hier ist Spanien noch Spanien.

Häuserfront



Metropole, die keine ist

Santander ist die Haupstadt Kantabriens. Ein kleines Stückchen Land zwischen schneebedeckten Bergen und dem weiten Atlantik. Ein Stück Land mit schroffer Felsküste, flachen feinsandigen Stränden und Watt. Dazwischen weites grünes Land, Milchkühe, Wald.
Dieses Land hebt sich ab vom dürren Rest Spaniens. Die satten Regengüsse formen Täler, die an die Alpen erinnern. Die Flüsse ergießen sich ins Meer, in Buchten, die von feinsandigen Nehrungen gegen die Wucht des Atlantiks geschützt werden. Dünen erstrecken sich über Kilometer bevor sie abrupt an hoch in den Himmel ragenden Felswänden enden. Über allem der Wind, der jede Spur im Sand nur einen Moment verweilen lässt. Hier kann man noch allein die Füße ins Wasser strecken, nicht immer und überall, aber doch kann hier jeder "seinen" Privatstrand finden.
Und inmitten dieser grünen Küste liegt auf einer Halbinsel zwischen dem Atlantik und einer gewaltigen Bucht die Stadt Santander, die Hauptstadt Kantabriens. Eine quirlige kleine Großstadt. Boulevards, die an Straßen in Paris erinnern, wären da nicht auf der Südseite die Bahía de Santander und der Hafen, der diese Stadt an die Welt anschließt. Ein Hafen öffnet traditionell den Charakter der Menschen, die dort leben, und diese Offenheit begegnet dem Besucher überall in Santander.
Santander ist aber auch ein Urlaubsort. Die Menschen aus der sommerlich überhitzten und staubigen Meseta Spaniens kommen hier her, um sich zu erfrischen, um die unglaublichen Stadtstrände zu genießen, die sich flach an die Bahía de Santander oder an den offenen Atlantik schmiegen.
Hinter der Häuserfront an der Bucht ersteckt sich die Altstadt an den steilen Hängen. Ein Schachbrett aus engen Straßen wird unterbrochen von kleinen und großen Plätzen, wird belebt durch die Menschen, die hier leben und durch die Gäste, die hier so willkommen sind und sich in die Stadt fügen, als wären sie nie woanders gewesen.
Diese Stadt ist eine Metropole, sie ist Hauptstadt dieses grünen Spaniens, sie ist Nordspaniens Tor zur Welt, sie ist selbstbewusst und einzigartig.



Fenster





Altstadt: Fenster, Pinchos und Picoteo

Banco de Santander

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Die Altstadt ist oft vom Schicksal geprüft worden. 1941 explodierte ein Gastanker im Hafen, ganze Straßenzüge verbrannten, und wurden vernichtet. Und doch hat man wieder aufgebaut. Nicht wie in so vielen Städten Mitteleuropas neu erfunden, sondern behutsam die alten Strukturen erhalten und das alte Stadtbild fortgeführt. Natürlich gibt es auch hier Zweckbauten. Aber sie reihen sich in die Häuserfronten ein, anstatt sie zu dominieren.
Typisch in dieser Altstadt sind enge Straßen, deren Fassaden von gläsernen Balkonen gebildet werden. Annähernd jedes Haus hat diese Balkone, die verleihen den Straßenschluchten bisweilen eine kristallene Transparenz, lösen die Grenze zwischen Luft und Haus optisch auf.
Die Erdgeschosse sind natürlich größtenteils Geschäfte und: Bars! Spanier treffen sich im öffentlichen Raum, wenn sie sich verabreden. In einer Bar den Aperitiv zum Beginn der Mittagspause nehmen, nach der Arbeit ein kleines Bier oder ein Glas Wein, und dazu immer kleine Häppchen. Im Süden heißen sie Tapas und sind weltberühmt. Hier im Norden heißen sie Pinchos und sind wahrscheinlich das weltbeste, was man essen kann. In einigen Bars steht die ganze Theke voll mit kleinen Brotscheiben mit Tortilla, Schinken, Käse, Algen, Wurst... Was die verschiedenen Landschaften Spaniens hergeben, das bekommt man hier mundgerecht serviert. Man sollte sich wahrlich nicht schämen, in ein überfülltes Lokal an die Theke zu gehen, sich eine Caña (kleines Bier) und einen Pincho de WAS DAS HERZ BEGEHRT zu bestellen. Man wird nicht angeglotzt, selbst nicht in der kleinen Eckkneipe, in die sich wohl nie ein Tourist verirrt. Man ist da, man ist Gast, man wird genau so freundlich bedient, als wäre man Stammgast. Und wenn man mal nicht weiß, was das da auf der Theke ist, dann fragt man nach. Santanderinos sind stolz auf ihre Küche und mehr als dankbar, wenn Ausländer sich interessieren und probieren wollen.
Eigentlich muss man nicht mal "richtig essen" gehen. Der Picoteo (das ewig lange Ausprobieren der verschiedenen kleinen Pinchos) kann sättigend sein. Zwei Pinchos hier, einen Pincho da... so wandert man spätabends durch die Altstadt, und lernt unzählige Bars und Spezialitäten kennen, und gibt nicht mal ein Vermögen aus.
Frisch gesättigt geht es dann vom Abend in die Nacht über. Und da bietet Santander ebenfalls unzählige Bars, in denen die Musik lauter und das Volk beweglicher ist. Ein guter Startpunkt ist die Plaza de Cañadío. Von hier aus geht es dann durch die Gassen in östlicher Richtung in immer neue Bars. Einfach mit dem Strom schwimmen, sich Gegenden aussuchen, in denen das jeweils passende Publikum unterwegs ist und eine schöne Nacht verbringen. Dabei sein ist alles!



Irland? Spanien!



Immer am Wasser

Die Lage Santanders auf einer Halbinsel ist dafür verantwortlich, dass man eigentlich nie mehr als eine halbe Stunde zu Fuß vom Wasser entfernt ist. Ein schöner Spaziergang führt entlang der Bahía de Santander zur Península de la Magdalena mit dem Schloss, das die Stadt Santander dem König Alfonso XIII baute, damit er hier seinen Sommerurlaub verbringen kann. Damit begann der Aufstieg der Stadt zum mondänen Seebad. Auf der Landseite des Boulevards stehen die prachtvollen Gebäude in Reih und Glied: Die Banco de Santander mit ihrem gewaltigen Bogen, der eine Straße überspannt, Konsulate, Cafés, noble Geschäfte... Auf der Wasserseite die Bahía de Santander mit Blick auf das gebirgige Hinterland und den Hafen, mit Bootsanlegern und schließlich dem Yachthafen Puertochico.
Die Halbinsel Magdalena beherbergt einen schönen Park mit wundervollen Aussichten auf die Bucht und die Atlantikküste. Auf der Südseite die Strände zur Bucht: Playa de la Magdalena, Playa de los Peligros, Playa de los Biquinis (Ja, hier durften die ersten Bikinis Spaniens getragen werden!) mit ruhigem Wasser und meist gut gegen den Atlantikwind geschützt. Auf der Nordseite, gut vom kleinen Zoo aus zu sehen, der Playa del Camello, der seinen Namen von einem kamelförmigen Felsen im Wasser hat. Hier rauscht oft die Brandung des Atlantiks zwischen den Felsen gegen den feinen Sandstrand.
Weiter nördlich liegen die Strände des Sardinero, wo früher die Fischer Sardinen anlandeten. Primera Playa und Segunda Playa sind durch einen Felsvorsprung getrennt, auf dem sich ein kleiner Park befindet. Die gesamte Länge des Strandes ist durch eine Promenade gekrönt, wo Abends die Santanderinos aus den angrenzenden Wohngebieten flanieren. Im Sommer ist diese Zone das Epizentrum Santanders, wenigstens tagsüber. Das ganze Jahr über aber kann man hier die frische Luft inhalieren, das grünblaue Meer gegen den rötlich gelben Strand auflaufen sehen, im Hintergrund das Cabo de Mataleñas und das Cabo Mayor mit dem Leuchtturm sehen. Urlaub für die Augen und die Seele!
Die Promenade führt dann weiter in Richtung der Klippen, einige Treppenstufen hoch und man befindet sich auf einem Weg, der um das Cabo de Mataleñas zur gleichnamigen Bucht führt. Ein weiterer Strand! Dann wieder hoch zum Cabo Mayor, wo man sich eher in Irland als in Spanien wähnt, vom Atlantik umspült, immer den weißen Leuchtturm im Blick. Ein Ende der Welt, den offenen Atlantik vor Augen.



Bootsanleger am Paseo de la Pereda



Über das Wasser

Direkt vom Paseo de la Pereda kann man ein Boot besteigen, mit dem man dann über die Bahía de Santander nach Pedreña, Somo und zum Playa del Puntal übersetzen kann. Allein wegen der Aussicht auf die Stadt lohnt sich die Fahrt. Es ist mitnichten eine Touristenattraktion, sondern alltägliches Nahverkehrsmittel, was die beiden Seiten der Bucht für Pendler miteinander verbindet. Die Orte auf der anderen Seite sind im Sommer quirlige Strandquartiere. Im Winter natürlich etwas ruhiger, aber immer noch einen Ausflug wert. Hier kann man mittags ein Menú del día genießen, was seinesgleichen sucht. Und das zu Preisen, die jede Fast Food-Kette ihrer Raffgier überführt! Zum Teil gibt es drei Gänge inklusive einer Flasche Wein für unter 10 €! Und dabei reicht dann oft schon die Vorspeise (Paella, Bohnen mit Herzmuscheln, Kichererbseneintopf...) als vollwertiges Gericht. Die Meeresfrüchteeinlage ist nicht nur Garnitur, sondern spielt die Hauptrolle. Unglaublich!
Der Strand El Puntal ist eine Nehrung, die sich vor den Ausgang der Bucht schiebt. Ein langer Streifen aus flachem, feinen Sand mit Dünen auf der ganzen Länge. Er geht ostwärts über in den Playa de Somo und endet bei dem Dorf Loredo an wunderschönen Klippen. An diesen kilometerlangen Sandgestaden rollt der Atlantik heran, sehr zur Freude der Surfer und der Badenden im Sommer. Hier erfrischt im Sommer der Atlantikwind die sonnenbadende Haut, und bläst im Winterhalbjahr den Kopf frei, bei einer atemberaubenden Aussicht auf die Stadt Santander und die Küsten der Umgebung.



Warum Santander?

Als ich vor mehr als acht Jahren für ein Auslandssemester nach Santander kam, fühlte ich mich sofort wohl. Die Stadt nimmt den Ankömmling in sich auf, umarmt ihn förmlich. Es ist das Flair einer schönen Großstadt, in der Menschen noch wahrlich leben können. Die Umgebung ist atemberaubend, die Stände, die Berge, die grünen Täler, kleine Dörfer... Die Gastfreundschaft ist sprichwörtlich. Santander hat eine lange Tradition als Hafen und Urlaubsort, Fremde ist man gewohnt, und behandelt sie wie selbstverständlich. Als Urlauber hat man nie das Gefühl, ein "Geldbringer" zu sein, wie es einem in so vielen anderen Urlaubsorten bisweilen passieren kann. Das mag daran liegen, dass Santander eben kein typisches Touristenziel à la Mallorca ist, sondern eher Sommerresidenz für tausende vom Staub geplagte Inlandsspanier. Wer hier seinen Sommer verbringt, lebt für diese Monate in Santander. Man ist kein Besucher, sondern Einwohner auf Zeit.
Man lernt in Santander ein anderes, aufregend erfrischendes Spanien kennen. Alles ist sauberer als anderswo, alles ist irgendwie unverfälschter, ursprünglich aber emporstrebend. Moderne und Tradition gehen hier Hand in Hand, bedingen einander. Alte Markthallen funktionieren noch, und wo sie überflüssig wurden, werden Sie in Gastronomie-Tempel umgewidmet und in dieser neuen Bestimmung sofort vom Publikum angenommen. Riesige Neubauviertel wie überall in Spanien werden an den Stadtrand gebaut, fügen sich aber wie selbstverständlich an die Stadt, werden einbezogen und nicht einfach angeklebt. Die Santanderinos genießen ihre Stadt, flanieren entlang der Boulevards und Strände, bleiben für einen Plausch stehen, gönnen sich eine Auszeit in einem Café oder einer Bar. Und sie starren Fremde in ihrer Eckkneipe nicht an wie einen Fremdkörper sondern nehmen sie als etwas an, was schon immer da gewesen sein könnte.
In Santander kann man leben, man kann hier ein paar schöne Tage verbringen und in kurzer Zeit unglaublich viel sehen. Man kann eintauchen in eine andere Kultur, die so europäisch ist, und so spanisch zugleich. Und man will bleiben. Santander ist wie ein Versprechen an den Gast: Man verspricht sich, zurückzukommen. Denn wenn man sich das nicht verspricht, dann wird der Abschied unerträglich!




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Kommentare

  • Aries

    Lieber Thomas,
    du hast deine ganze Liebe zu dieser Stadt in diesen wundervoll geschriebenen Reisebericht hineingelegt.
    Er muss unbedingt an jedes Reiseherz rühren, und wenn im Sommer die community verwaist erscheinen sollte, dann weiß ich, warum...
    Dein Bericht trifft jeden Nerv, besonders den Geschmacksnerv!
    Ich glaube, ich setze Santander mal nach ganz oben auf meine Reiseliste!
    LG Hedi

  • tfk78

    Danke für den lieben Kommentar! Wenn du ne Reisebegleitung brauchst, dann setz mich doch einfach ganz oben auf DIE Liste :)

  • hape35

    Glückwunsch zu Deinem liebevoll geschriebenen Bericht.
    Im letzten Frühjahr haben auch wir Santander, die leckeren Pinchos (z.B. auch in der Bodega Mazon) und die wunderschöne Küste lieben gelernt. Auch wir waren sicher nicht das letzte Mal dort :-)
    Gruß aus Köln, Gudrun

  • emhaeu

    Ach, Santander! Dein Reisebericht hat bei mir die Vorfreude steigen lassen, denn im April fliege ich wieder einmal nach Santander - es stimmt alles, tatsächlich ist Santander besonders in der Vorsaison oder sogar im Winter ein wunderschönes Reiseziel! Nur das mit den Vorstädten, das scheint mir doch etwas zu rosarot gefärbt, denn der Baumboom des letzten Jahrzehnts hat doch auch rund um Santander heftig zugeschlagen ....
    Beste Grüße!
    Martin

  • tfk78

    Es stimmt sicherlich, dass dort auch viel gebaut wurde. Wir waren nur zu Fuß unterwegs, bzw, mit dem Boot auf die andere Seite der Bucht. Alles, was ich in unmittelbarer Nähe der Stadt gesehen habe, also das Stadtgebiet selber, nicht die Vorstädte, schien mit angenehm neu bebaut zu sein. Sicher wird es auch in Kantabrien Bauruinen und hässliche Vorstädte geben.

  • ascorpioh (RP)

    Hi Thomas,
    ich war schon an sehr vielen Orten dieser Welt, aber Spanien, dazu hatte es bei mir noch nicht gereicht. Du hast mich mit Deinem sehr zeitnahem und recht detaillierten Bericht mit der Nase auf Nordspanien (Kantabrien) gestoßen! Will heißen, das wird wohl in Europa mein mittelfristiges Reiseziel werden. Wenn ich noch mal einige Tipps benötigen sollte, werde ich mich vertrauensvoll an Dich wenden, wenn es Dir recht ist!
    Best wishes Andreas

  • tfk78

    Hi Andreas!
    Es freut mich sehr, dass mein Bericht dich veranlasst, über eine Reise nach Kantabrien nachzudenken. Frag gerne, was du wissen willst, ich freu mich, zu helfen!

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  • Blula

    Hallo Thomas! Bin vorhin auf diesen wunderbaren Bericht von Dir gestoßen, der mich schon insofern interessiert hat, als ich vor Jahren mal im Zuge einer Studienreise (Mittel- und Nordspanien) in Santander übernachtet habe. ABER.... leider haben wir da nicht allzu viel von dieser Stadt, die Du hier so liebevoll beschreibst, zu sehen bekommen. Schade. Durch Deinen Bericht weiß ich nun, dass sich hier ein längerer Aufenthalt absolut lohnen würde. Vielen Dank, dass Du mich auf diesen wirklich interessanten Stadtrundgang mitgenommen hast.
    Viele Grüße! Ursula

  • Grasfrosch

    Ich bin begeistert von diesem Reisebericht. Ein Buch könnte nicht mehr aussagen. Wir werden Santander im Juli/2014 begegnen und ich freue mich jetzt schon riesig darauf was diesem Bericht zuzuordnen ist. Danke ...

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