Zum Polarkreis - Allein mit dem Fahrrad durch Skandinavien

Reisebericht

Zum Polarkreis - Allein mit dem Fahrrad durch Skandinavien

Reisebericht: Zum Polarkreis - Allein mit dem Fahrrad durch Skandinavien

Spätabends am 24. Juni 2002 fahre ich mit meinem Rad in Rostock auf die Fähre nach Trelleborg . Am 04. August verlasse ich an gleicher Stelle die Fähre aus Tallinn. Dazwischen liegen 3240 Radlkilometer, wunderbare Landschaften, viele schöne Erlebnisse und eine Begegnung, die mein Leben veränderte. Die Details findet ihr auf den folgenden Seiten in meinem Reisetagebuch.

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24.06.2002

1. Tag: Endlich unterwegs!

Abendstimmung am Fährhafen Rostock

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Wochenlang habe ich mich mit den Reisevorbereitungen beschäftigt, habe Reiseführer gelesen, Bleistiftlinien auf meine große Skandinavienkarte gezeichnet, Kilometer zusammengerechnet und meine Ausrüstung zusammengestellt - nun bin ich endlich unterwegs. Vor gut einem Monat habe ich mein Abiturzeugnis erhalten. Es ist meine erste große Reise ganz alleine. Angst habe ich nicht, aber ich bin gespannt, was mich erwartet.

Spät abends stehe ich am Rostocker Überseehafen und warte auf die Fähre, die mich über die Ostsee zu meinem eigentlichen Startpunkt - Trelleborg in Südschweden - bringen wird. Die Zugfahrt nach Rostock verlief einigermaßen reibungslos, auch wenn mir auf Grund von Verspätungen in Hamburg nur 6 Minuten Zeit zum Umsteigen blieben. Alleine mit Fahrrad und Gepäck ist das sehr knapp, doch freundliche Mitreisende halfen mir und so erreichte ich gerade noch den Zug nach Rostock. Die Fahrt vom Bahnhof zum Überseehafen glich einer kleinen Odyssee. Die Wegweiser schickten mich immer wieder auf die Autobahn, Passanten kannten auch nur diesen Weg. 'Mit dem Fahrrad zum Überseehafen? Keine Ahnung'. Und so schlängelte ich mich durch Plattenbausiedlungen, Schnellstraßen- und Autobahngewirr, über Feld- und Radwege immer der groben Himmelsrichtung folgend durch die Rostocker Randbezirke. Bis ich schließlich doch noch das Fährterminal erreichte.

Strecke: ca. 10 km



25.06.2002

2. Tag: Der erste Tag auf dem Rad - vorbei an Schwedens südlichstem Punkt

Landschaft in Südschweden

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100 km bin ich heute gefahren, obwohl ich eigentlich langsam anfangen wollte. Aber an die Siedlungsstruktur hier muss ich mich erst noch gewöhnen. Auf der ganzen Strecke heute bin ich an nur zwei Supermärkten vorbeigekommen und erst hier - auf einer einsamen Wiese am Waldrand kurz vor Långaröd - habe ich ein schönes Plätzchen für mein Zelt gefunden.
Von Trelleborg folgte ich den Schildern des Sverigeledens parallel zur Straße Nr. 9 entlag der Küste bis nach Smygehuk, dem südlichsten Ort Schwedens. Kurz danach verließ ich die Küste und fuhr durch eine zuerst recht flache, dann hügelige Landschaft, geprägt von Landwirtschaft und kleinen Ansammlungen von Häusern, teilweise mit hübschen Kirchen und äußerst ordentlichen Friedhöfen. Je weiter ich nach Norden kam, desto mehr Wald kam hinzu. In Öved machte in eine längere Pause am dortigen Kloster und spazierte ein wenig durch den schönen Klostergarten. In Vollsjö füllte ich meinen Wasservorrat auf und gönnte mir eine Rast in einem kleinen Café mit 50er-Jahre Einrichtung.
Das Wetter ist eigentlich ganz in Ordnung: nicht zu warm, viele Wolken, ab und zu ein kurzer Schauer, aber auch immer wieder Sonne und blauer Himmel; nur der teilweise recht kräftige und mitunter sogar richtig kalte Wind, der meist auch noch von vorne oder von der Seite bläst, könnte etwas schwächer sein. Die Autofahrer sind sehr rücksichtsvoll, aber ohnenhin ist auf den Straßen, die ich bisher gewählt habe, nie viel Verkehr gewesen - oder es gab einen extra Radweg.

Strecke: 100,53 km



26.02.2002

3. Tag: Über Åhus zum Ivösjön

Schloss Vittskövle

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Åhus, mittags
Mittagspause in Åhus – ein wirklich hübsches kleines Städtchen und zum ersten Mal hatte ich die Möglichkeit Postkarten zu kaufen, was ich natürlich auch gleich getan habe. Das Wetter ist ähnlich wie gestern, etwas mehr Sonne und bis jetzt noch keine Schauer; der Wind ist etwas schwächer, aber immer noch recht frisch.
Die Landschaft bis hier nach Åhus war wunderschön: auf kleinen Sträßchen leicht wellig bis hügelig ging es durch Wald immer wieder unterbrochen von Feldern und Wiesen; nur die letzten Kilometer waren völlig eben und etwas langweiliger. Vieles erinnert mich an New England (USA): die Briefkästen, die einfach nur an der Straße stehen, ohne dass man ein Haus dazu sieht, die einzeln stehenden Holzhäuser mit oft wunderschönen Gärten, häufig ohne Zaun, viele Antik- und Trödel-Läden; nur die Straßen sind wesentlich schmaler. Unterwegs bin ich am Schloss Vittskövle vorbeigekommen, ein hübscher Backsteinbau von Wasser umgeben, Privatbesitz.



EIin Elch - leider nur auf dem...

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Ivö, abends
Frisch geduscht und sattgegessen sitze ich auf dem Campingplatz von Ivö auf der Insel im Ivösjön und hoffe, dass aus den dunklen Wolken, die da gerade über den See gezogen kommen, nicht gleich der erste Regen dieses Tages fällt. Kristianstad habe ich umfahren, weil ich keine Lust auf Stadt hatte. Einen kurzen Stopp machte ich am Schloss Bäckaskog, das als Hotel genutzt wird und einen wunderschönen Park zwischen zwei Seen mit alten Buchen und anderen alten Bäumen zu bieten hat. Heute habe ich auch mein erstes Elchwarnschild gesehen. Ob ich auf meiner Tour gen Norden wohl noch einem echten Elch begegnen werde?

Strecke: 72,34km



27.06.2002

4. Tag: Im Regen durch 'Ronja-Räubertochter-Wälder'

Urshult, abends
Ich sitze in der Abendsonne auf dem kleinen schönen Campingplatz von Urshult, was ganz und gar untypisch für diesen Tag ist, denn es hat fast die ganze Zeit geregnet. Heute morgen bin ich zum Glück noch im Trockenen losgekommen, doch schon nach zwei Kilometern hat es angefangen wie aus Eimern zu schütten und bis mittags nicht mehr aufgehört. Dann klarte es mal auf, fing wieder an zu regnen, klarte wieder auf, .... Die Strecke war sehr hügelig – eine ständige Berg- und Talfahrt – meist auf sehr kleinen, teilweise auch ungeteerten Straßen durch Wald, der ab und zu von Wiesen oder Seen (die, wenn die Sonne sich mal blicken ließ, wunderschön blau leuchteten) unterbrochen wurde. Trotz des vielen Regens war ich nie schlecht gelaunt, was mich selbst ein wenig überrascht hat. In Ryd war ich kurz im einzigen Supermarkt des heutigen Tages einkaufen. Wenn es hier einen Supermarkt gibt, dann ist er gleich riesengroß und man bekommt dort wirklich alles, nicht nur Lebensmittel; auch die Post und die Bank waren im Supermarkt untergebracht. Obwohl die Strecke heute überwiegend durch Wald führte, habe ich allerdings noch keinen Elch gesehen. Der Wald ist ganz anders als in Deutschland – ein richtiger „Ronja-Räubertochter-Wald“ - ein Wald der Graugnomen und Dunkeltrolle. Der Hauptgrund für diese 'Ronja-Räubertochter-Atmosphäre' sind, glaube ich, die vielen mit Moos und Flechten bewachsenen Steine und Felsen, die Birken und Kiefern und der relativ hügelige, unebene Boden. Am Straßenrand begegneten mir heute viele wunderschöne Wiesenblumen, vor allem Glockenblumen, und leuchtend rote Walderdbeeren, doch der Dauerregen hielt mich sowohl vom Fotografieren als auch vom Essen ab.
Der Campingplatz hier liegt an einem schönen See, in dem man auch baden kann, aber nach Baden war mir bisher noch nicht zu Mute; wirklich warm ist es nämlich nicht, bewegt man sich nicht, muss man schon einen warmen Fleecepulli anziehen, wenn man nicht frieren will. Vor allem der Wind ist empfindlich kühl, die Sonne dagegen recht warm. Aber immerhin scheinen Wind oder Regen oder beide die Mücken fernzuhalten, denn nun bin ich schon ein paar Tage im berüchtigten „Mückenland“ Schweden unterwegs und habe noch keinen einzigen Stich.

Strecke: 69,83 km


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Kommentare

  • Michael.Thaler

    Ich werde sehnsüchtig Debby - sehnsüchtig nach Skandinavien, danach so aufs Geratewohl so lange unterwegs zu sein und natürlich bekomme ich Fernweh ganz allgemein... Ich habe diesen Reisebericht wirklich mit viel Freude gelesen und freue mich auf (hoffentlich) weitere von Dir hier in dieser community...

  • fjord

    Ein Reisebericht wie ein gutes Buch - erst dauert es ein paar Seiten, bis man den Rhythmus gefunden hat, und nach zwei Stunden stellt man fest, daß einem der Hintern wehtut, weil man immernoch auf derselben Stelle sitzt und liest...

    Debby, ich danke Dir für viele wieder aufgewühlte Erinnerungen an meine eigenen Touren! Die hab' ich zwar mit dem Auto gemacht, aber ich habe mich an vielen Stellen Deines Berichts selbst gesehen - auf einer Bank frühstückend, im Zelt über den Regen fluchend, ratlos vor finnischen Schildern stehend,... Eine Campinghütte kann paradiesisch sein, und die Amischlitten in Lappland sind sind mir auch aufgefallen. Und die minigolfenden Schweden. Auch die Freude über finnisches Brot kann ich gut nachvollziehen, wenn man gerade aus Schweden kommt. Und ja, es ist was besonderes, über den Polarkreis zu fahren, auch wenn's nur eine mehr oder weniger touristisch genutzte imaginäre Linie ist.

    Danke für die Arbeit, die Du Dir hier gemacht hast! Ich bin auf Deine anderen Reisen gespannt... Dann will ich aber noch ein paar mehr Bilder sehen ;-)

  • ghostwalker

    Man, da bekommt man echt Sehnsucht mal wieder nach Schweden zu reisen. In Stockholm habe ich Büroangestellte in der MIttagspause Lachse angeln sehen! Ich denke, nach dem ich das gelesen habe, auch daran längere Zeit mit dem Rad durch Schweden zu fahren. Man kann garnicht anders! Und das Du ausgerechnet am Polarkreis den Lebenspartner kennenlernst - bin sprachlos! Trotz des wohl überwiegend durchwachsenen Wetters so ein schöner Bericht! Aber fjord gebe ich recht: hast Du nicht noch mehr Bilder liegen? Also bis dann und hejdå

  • debby83

    Danke euch für die netten Kommentare! Ja, ich habe noch jede Menge mehr Bilder von dieser Reise. Allerdings sind es Dias und das Einscannen und anschließende Bearbeiten, damit sie zumindest einigermaßen vorzeigbar sind, dauert Ewigkeiten. Deshalb werdet ihr zu diesem Bericht erstmal keine weiteren Bilder zu sehen bekommen. Für meine nächsten Berichte, die gerade in Vorbereitung sind, habe ich aber Digitalfotos, so dass ich euch versprechen kann, dass ihr bei diesen mehr Fotos zu sehen bekommt.

  • kapitaensueswasser

    Das liest bestimmt kein Mensch mehr nach so langer Zeit zum letzten Kommentar. Der Reisebericht ist sehr lebendig geschrieben. Meine Bewunderung für diese lange Radtour. Ich habe heute lange gelesen und werde mir Morgen einen anderen Bericht von Dir vornehmen. Für den vielen Dank

  • fhaid

    Das ist ein Urlaub nach meinem Geschmack. Skandinavien mit dem Rad. Eine echte Herausforderung. Gratuliere und meine Hochachtung!

  • freeneck-farmer

    Ein sehr gut geschrieben Reisebericht. Viel Spaß kommt auf beim Lesen.
    Ich bewundere dich dass du dass alles gefahren bist auf dem Fahrrad.
    Hoffentlich machst du noch viele Touren und lässt uns teilhaben.

    Hut ab!! Anneken (Holländerin, leider ist schreibe ohne Fehler Schwierig)

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  • Bille

    Was für eine Tour. Ich habe deinen Bericht in drei Teilen gelesen und immer mehr gestaunt.
    Meine erste "Alleintour" war mit Freundin ganz luxeriös mit Interrail-Ticket nach und durch Griechenland. Jede hatte einen dieser Gestellrucksäcke mit. Geschlafen wurde in meist vorgebuchten Jugendherbergen.
    Aber so wie du alles ganz alleine per Rad und Zelt! Auf die Idee sind wir nicht mal gekommen.
    Phantastisch!

  • mamatembo

    Uff, was für eine Fleißarbeit! Hut ab vor Deiner sportlichen Leistung und Deinem gut geschriebenen und ausführlichen Reisetagebuch!
    Obwohl ... für die Nicht-Radfahrer und Nicht-nur-Skandinavien-Freaks der RC, zu denen auch ich mich zähle, hätte ich mir schon einen um mindestens die Hälfte reduzierten und zusammenfassenden Reisebericht gewünscht!
    Gruß Beate

  • mpics

    ... ich gestehe, ich habe noch nicht alles gelesen, aber ich weiss jetzt schon, dass deine Kinder und Kindes Kinder darüber noch reden werden. Das war eine ganz tolle Leistung von dir!!!!!! Kompliment! lg Michael

  • miatwelt

    Hallo Dabby,
    jetzt liegt deine Fahrt schon so lang zurück, aber ich möchte dennoch etwas zu deinem Reisebericht sagen: Er ist toll. So. Das wars. Nein =)
    Ich werde ab nächster Woche auch (allein) durch Skandinavien (allerdings für einige Monate) radeln und hatte ursprünglich sogar die selbe Route "rausgesucht" aber diese dann verworfen. Nun werde ich über Dänemark nach Schweden und weiter durch Norwegen fahren.
    Dein Reisebericht hat mich wirklich motiviert. Ich habe jetzt schon gemerkt wie schwierig es ist, eine solche Fahrt zu planen und dass es nicht immer Anklang findet. Gerade in meiner Familie, die sich, zurecht, sorgen machen.
    Ich danke dir für diesen Bericht. Es hat wirklich Spaß gemacht, darüber zu lesen.

    Im übrigen bin ich wirklich erstaunt wie wenig Gepäck du hattest. Von Seite zu Seite dachte ich: "Wie macht sie das bloß" ^^

  • RC-Redaktion

    Vielen Dank für diesen (schon etwas älteren) toll geschriebenen und spannenden Reisebericht. Besonders schön für alle "Nachahmer" ist auch die Packliste am Schluss. Hut ab vor der Leistung und dem Mut, der Bericht erscheint morgen als Lektüre für das Wochenende auf der Startseite.

  • AndreasChemnitz

    Hallo Debby,
    ich habe Deinen Bericht im Januar 2013 mit großem Vergnügen gelesen. Wir haben in diesem Jahr eine ähnliche Tour durchgeführt und sind gestern zurück gekommen. Es war großartig.
    http://radtourskandinavien2013.blogspot.de/
    Viele Grüße
    Andreas

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  • chrissi1848

    Hallo Debby,
    ein toller Bericht. Musste den Bericht in einem Rutsch runter lesen und habe jetzt ganz doll Fernweh.
    Ich plane im Moment eine Radtour zum Nordkap, leider wegen der Familie erst in 5 - 8 Jahren. Nachdem Lesen deines Berichtes könnte ich direkt schon morgen losfahren.
    Was hast Du sonst noch so für Radtouren unternommen???

    Liebe Grüße
    Christian

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