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Den Menschen verstehen

Liebeskummer Der Schmerz nach der Trennung

Kaum ein Ereignis verändert das Leben von Menschen mit ähnlicher Wucht wie der Verlust eines Liebespartners. Der Psychiater Günter H. Seidler erläutert, warum das Ende einer Beziehung bei Betroffenen oft traumatische Krisen auslöst – und was sie tun können, um Depression und Hass zu überwinden
Depression

Einsamkeit, quälende Erinnerungen, Selbstzweifel - diese Gefühle verbinden viele mit Liebeskummer

Interview: Tilmann Botzenhart und Bertram Weiss

 

GEO WISSEN: Herr Professor Seidler, warum befassen Sie sich als Traumaforscher mit Liebeskummer?


PROF. DR. GÜNTER H. SEIDLER: Wer Trauma hört, denkt erst einmal an Opfer von Gewalt und Kriminalität, an Menschen, die Naturkatastrophen, Krieg oder Terroranschläge überlebt haben. In der von mir geleiteten Ambulanz begegnete ich aber immer häufiger Patienten, die unter den gleichen körperlichen und psychischen Problemen litten wie diese Personen, obwohl sie keine derartigen Ereignisse durchlebt hatten. Sie waren lediglich von ihren Partnern verlassen worden.

Was hat eine Trennung mit solchen Extremsituationen gemein?


Wer von seinem Partner verlassen wird, ohne das Ende der Beziehung selbst gewollt zu haben, fühlt sich von dem Geschehen oft völlig überwältigt: Da passiert etwas psychisch Gefährliches, und man ist dem absolut hilflos ausgesetzt, man kann es nicht verhindern oder steuern.

Wie reagieren die Betroffenen darauf?


Oft mit Übererregung: Sie kommen nicht zur Ruhe, leiden an Schlaf- nicht, manche entwickeln Kreislaufprobleme. Dazu kommt das seelische Leid – etwa belastende Erinnerungen, denen sich Verlassene machtlos ausgeliefert fühlen. Typisch ist auch ein Vermeidungsverhalten: Betroffene gehen Orten, Menschen und Dingen aus dem Weg, die an den Expartner erinnern. Und eine große Gruppe entwickelt depressive Symptome: Lustlosigkeit gegenüber schönen Dingen, Rückzug – nicht selten gar Suizidgedanken.

Wird Liebeskummer zu wenig ernst genommen?


Wenn wir über diese schweren Fälle sprechen: ja. Schon die Bezeichnung ist im Grunde bagatellisierend: Liebeskummer, das klingt nach einem Teenagerproblem, das sich auf dem Schulhof abspielt. Dabei sprechen wir von einem seelischen Leiden, das auch viele Erwachsene aus der Bahn wirft.

Wie gehen Menschen normalerweise mit einer Trennung um?


Liebeskummer verläuft in vier Phasen. Die erste beginnt mit der eigentlichen Trennung. Unmittelbar nach dem Ereignis verleugnen die Betroffenen das Geschehen: Sie wollen nicht wahrhaben, dass ihr Partner sie verlässt, sie appellieren an dessen Liebe und versuchen, um ihre Beziehung zu kämpfen. Die zweite Phase kennzeichnen Protest und Hadern. Betroffene fühlen sich falsch behandelt, entwickeln Groll und zuweilen Rachefantasien. Dann folgt die Phase der Selbstreflexion, in der die Beziehung und die eigene Rolle darin stärker infrage gestellt werden. Und schließlich eine Phase der Neuorientierung, des Neuanfangs.

Wie lange dauert es, bis dieser Punkt erreicht ist?


Nach ein bis zwei Jahren sollte die vierte Phase erreicht sein – auch nach einer tiefen Beziehung zu einem Partner, mit dem man sein Leben lange geteilt hat und weiter teilen wollte. Aber es gibt Menschen, die länger brauchen. Und manche kommen über eine Trennung gar nicht hinweg. Ihre Wunden heilt auch nicht die Zeit. Ich kenne Betroffene, die sich vier Jahre nach einer Trennung so schlecht fühlten, als hätte ihr Partner sie gerade eben verlassen.

Wovon hängt es ab, ob eine Trennung derart schmerzt?


Da gibt es mehrere Faktoren. Etwa die Persönlichkeit des Verlassenen: Wer ein eher geringes Selbstwertgefühl hat, den erschüttert eine Trennung stärker als andere. Wer darüber hinaus die Person, die er verloren hat, für besonders wichtig hielt, sich in der Beziehung an sie geklammert hat – für den wird die Trennung ebenfalls schwieriger. Auch die Umstände des Abschieds sind relevant: Problematisch wird es etwa, wenn Betroffene ihr Leben ganz auf die Partnerschaft ausgerichtet hatten und Pläne für die Zukunft hegten, dann aber völlig unvorbereitet verlassen wurden.

Welche Rolle spielt die Persönlichkeit des Partners?


Es gibt Konstellationen, die eine Trennung sehr erschweren. Gefährlich in dieser Hinsicht sind vor allem Partner, die einem jeden Wunsch von den Augen ablesen, sich gleichsam schützend um den Geliebten herumstülpen. Diese Menschen bringen oft wenig Eigenes in die Partnerschaft ein und richten sich voll und ganz darauf aus, die Bedürfnisse des Partners zu befriedigen oder dessen Wunden zu heilen.

Das klingt doch eigentlich ganz positiv.


Leider spricht dieser Typ Partner aber oft Menschen an, die in der Liebe nach Heilung suchen: Männer und Frauen, die als Kinder Gewalt durch die Eltern oder Geschwister erlebt haben oder deren Vertrauen missbraucht wurde. Wenn die erwachsen werden, suchen sie häufig einen Partner, der diese Probleme verschwinden lassen soll. Und dann treffen sie mitunter auf jemanden, der darin aufgeht, ihre Wünsche zu erfüllen, der sich wie ein Verband um die Verletzungen von früher legt und ihren Schmerz stillt. Wenn dieser Mensch sich dann aber trennt, reißt der Verband ab – und die alten Wunden liegen wieder bloß. Dann hat der Verlassene nicht nur den Partner verloren, sondern kämpft zusätzlich mit den Verletzungen vergangener Tage.

Wer den Partner zum Therapeuten macht, riskiert also eine traumatisierende Trennung?


Ja, denn solche Beziehungen gehen nur selten gut aus. Wer die eigene seelische Not durch den Partner heilen lassen will, der wird abhängig und zwingt sein Gegenüber in die Rolle des Helfers. So eine Beziehung kann den Ansprüchen des Partners auf Dauer kaum gerecht werden. Irgendwann wenden die meisten sich ab – weil sie etwas Besseres entdecken oder aus Erschöpfung, weil sie nicht mehr helfen können. Für die Person, die in der Beziehung ihr Heil gesucht hat, kann das verheerend sein: Sie verliert ihre Medizin.

Wie verhalten sich Menschen, die an starkem Liebeskummer leiden?


Typisch sind übertriebene Handlungen. Manche ziehen sich völlig zurück und verbringen den ganzen Tag hinter geschlossenen Gardinen. Andere treiben exzessiv Sport oder stürzen sich in sexuelle Abenteuer.

Spielt Alkohol eine Rolle?


Ja, und er ist ein großes Problem, weil er Betroffene zunächst tatsächlich entlasten kann. Sie werden unter dem Einfluss der Droge ruhiger, ihr Geist wird seltener von Erinnerungsbruchstücken heimgesucht. Aber wenn sich das Trinken verselbstständigt, können daraus natürlich erhebliche Schwierigkeiten erwachsen. Häufig kommt es auch zu Gewalttaten. Von den Extremfällen lesen wir dann in der Zeitung – wenn Menschen sich oder ihren Expartner, manchmal auch die gemeinsamen Kinder verletzen oder gar töten, weil sie die Trennung nicht verwinden.

Was genau treibt Liebeskranke zu solchen Taten?


Das sind Versuche, in einer Situation der Ohnmacht wieder Kontrolle auszuüben. Auch das kennen wir von Menschen, die traumatische Erlebnisse durchgemacht haben. Sie reagieren oft wütend und gereizt, wenn sie in Situationen geraten, in denen sie vorübergehend etwas weniger Kontrolle haben. Das können alltägliche Momente sein; vielleicht kritisiert sie jemand im Job oder in der Familie. Und dann schlagen diese Personen um sich. Entweder gegen alle oder gegen die Person, von der ihr Elend ausgegangen ist. Schmerz macht böse – diese Erkenntnis bestätigt sich leider immer wieder.

Interviewpartner Prof. Dr. Günter H. Seidler leitete bis 2015 die Sektion Psychotraumatologie im Zentrum für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Heidelberg. Das ganze Interview mit dem Experten finden Sie in der aktuellen Ausgabe von GEO Wissen: Heft bestellen.