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Fake-Studien Warum es viel zu leicht ist, Unsinn als Wissenschaft zu maskieren

GEO-Redakteur Martin Schlak geht in der Rubrik "Nachgedacht" der Frage auf den Grund, ob sich Nasen beim Lügen in die Länge ziehen. Als Physiker ist er mit der Relativität von Forschungsergebnissen vertraut.
Lügner

Menschen mit einem solchen Riechorgan würden wir nur ungern den Salzstreuer reichen. Das ist bewiesen!

Wie schnell wir einer Person Salz oder Pfeffer über den Tisch reichen, hängt laut einer Studie von der Länge ihrer Nase ab. Einem Menschen mit kurzer Nase geben wir den Salzstreuer schneller als einem Gegenüber mit langer Nase. Das wollen Forscher herausgefunden haben, die Minér Patrick und Léon Le Néz heißen.

Nez ist das französische Wort für "Nase" – und ein erster Hinweis darauf, dass hier irgendetwas nicht stimmen kann. Nachzulesen ist die Nasen-Studie im Internet, in der wissenschaftlichen Zeitschrift "Dual Diagnosis". In Ergebnissen von Suchmaschinen erscheinen deren Artikel neben solchen aus renommierten Journalen. Die Algorithmen machen wenig Unterschied zwischen guter und schlechter
Forschung.

Wer Minér Patrick fragt, was er mit seinem Experiment herausfinden wollte, erhält per E-Mail eine erstaunliche Antwort: Die Studie, schreibt er, sei erfunden, bis hin zu den Namen der Autoren. Seinen echten möchte er nicht nennen.

Veröffentlichungen von Studien gegen Geld

Bevor ein wissenschaftlicher Artikel veröffentlicht wird, prüfen ihn in der Regel mehrere Forscher, die selbst nicht daran mitgeschrieben haben. Diese peer review soll die wissenschaftliche Qualität sichern. Es gibt jedoch Fachzeitschriften, die es mit der peer review nicht so ernst nehmen. Ein Bibliothekar aus den USA veröffentlichte bis vor Kurzem eine Liste solcher Journale. Am Ende zählte die "Beall’s List" weit über tausend Zeitschriften.

Um an Forschungsgelder zu kommen, sollten Wissenschaftler heutzutage möglichst viele Artikel publizieren. Doch der Platz in renommierten Journalen ist begrenzt. Die Magazine von Bealls Liste, auf der auch "Dual Diagnosis" steht, haben aus der Notlage der Forscher ein Geschäftsmodell gemacht: Sie veröffentlichen oft Studien jeder Art gegen Geld. Minér Patrick sagt, er habe das Magazin überführen wollen. Sein Experiment ist gelungen.

"Wissenschaftlich bewiesen" nicht mehr vertrauenswürdig?

Das ist bedenklich, denn oft verlassen wir uns auf die Behauptung "wissenschaftlich bewiesen". Wenn es jedoch so leicht ist, Unsinn als Wissenschaft zu maskieren, sollte uns zunächst grundsätzliches Misstrauen gegenüber frei verfügbaren Studien im Internet leiten – um uns dann Schritt für Schritt davon zu überzeugen, dass sie sauber durchgeführt worden sind.

Dazu genügt es, einfache Fragen zu stellen: Wie viele Teilnehmer hatte eine Studie? Wie wurden sie ausgewählt und wie lange beobachtet? Sind die Autoren an Projekten mit der Industrie beteiligt und an welcher Hochschule forschen sie? Spätestens an dieser Stelle wäre auch die Pinocchio-Studie von Minér Patrick aufgeflogen. Denn wer die angegebene katholische Hochschule "English Roussilon" sucht, der findet – nichts.