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The Freezer: Ein Theaterprojekt im isländischen Nirgendwo

Kári Viðarsson hat aus einer alten Fischfabrik in seinem Heimatdorf Rif ein Theater mit angeschlossenem Hostel gemacht. Damit hat er so viel Erfolg, dass selbst die kulturverwöhnten Hauptstädter zwei Stunden fahren, um ein Stück von ihm zu sehen. Ein Interview

Interview:

Alle Stücke, die Kári Viðarsson im The Freezer aufführt, sind inspiriert von Sagen und Märchen aus der Umgebung (Foto von: The Freezer)
© The Freezer
Alle Stücke, die Kári Viðarsson im The Freezer aufführt, sind inspiriert von Sagen und Märchen aus der Umgebung
Kári Viðarsson hatte zum richtigen Zeitpunkt, die richtige Idee. Gerade als Island bei Touristen anfing beliebt zu werden, eröffnete er "The Freezer" (Foto von: The Freezer)
© The Freezer
Kári Viðarsson hatte zum richtigen Zeitpunkt, die richtige Idee. Gerade als Island bei Touristen anfing beliebt zu werden, eröffnete er "The Freezer"

Kári Viðarsson besitzt Talent, Wagemut und ein wenig Verrücktheit – nichts Besonderes für einen Isländer, findet er. Und dennoch hat er etwas Besonderes geschaffen. In dem kleinen Ort Rif im Westen des Atlantikstaates verwandelte er eine leer stehende Fischfabrik in ein Theater mit angeschlossenem Hostel. Wer meint, dass so etwas in einem Ort mit 535 Einwohnern übertrieben sei, der irrt. Káris Konzept funktioniert so gut, dass er mit dem höchsten Kulturpreis der isländischen Regierung ausgezeichnet wurde. Selbst die kulturverwöhnten Hauptstädter nehmen die zweistündige Fahrt von Reykjavik nach Rif auf sich, um eine seiner Shows zu sehen. Wer das rot gestrichene Haus am Wegesrand betritt, möchte sich instinktiv in eins der Sofas im Aufenthaltsraum lümmeln, Tee trinken und kreativ sein. Wir haben uns stattdessen mit Kári über sein Projekt unterhalten.

Wie bist Du darauf gekommen "The Freezer" ins Leben zu rufen?
Kári Viðarsson: Ich habe bis 2010 darstellende Kunst in London studiert, und als ich dann nach Island zurückkehrte, wollte ich ein Theaterstück inszenieren. Ich suchte also nach einem geeigneten Aufführungsort, der mich wenig kosten würde und an dem ich mich ausprobieren konnte. Alles, was ich fand, war die verlassene Fischfabrik in meinem Heimatort Rif, wo ich als Teenager mal selbst gejobbt hatte. Inzwischen stand sie über 10 Jahre leer und wurde von niemandem so richtig gebraucht. Ich fragte also die Besitzer, ob ich den ehemaligen Kühlraum, den Freezer eben, für mein Theaterprojekt nutzen könne und sie stimmten zu. Meine erste Show in Island performte ich also vor 60 Leuten, in einem einstiegen Kühlraum. So begann die ganze Geschichte. Ein Fond der EU ermöglichte es mir das Projekt aufrechtzuerhalten sowie die gesamte Fischfabrik 2014 zu kaufen und es zu dem umzubauen, was es heute ist, ein Social Hostel und ein Ort für darstellende Kunst. Ich hatte also nicht die ursprüngliche Idee zu "The Freezer". Es war eine lange Reise, die mir viel Arbeit abverlangt hat, mich aber am Ende genau dahin gebracht hat, wo ich jetzt bin und womit ich mich sehr wohlfühle.

Welche Art von Theaterstücken zeigst Du?
Kári Viðarsson: Ich stehe meistens allein auf der Bühne und lasse mich durchweg von Geschichten und Märchen aus der Region inspirieren und davon haben wir in West Island genug. In meinem nächsten Stück geht es beispielsweise um einen Geist aus einer Saga, die sich rund um Rif zugetragen haben soll. So haben wir die Möglichkeit die Einheimischen ebenso abzuholen wie die Touristen. Erstere kennen im Zweifel die Geschichte und können sich damit identifizieren und die Besucher aus aller Welt lernen etwas über den Ort an dem sie sich gerade befinden.


Einladend: Der weitläufige Aufenthaltsraum ist das Herzstück von "The Freezer" (Foto von: The Freezer)
© The Freezer
Einladend: Der weitläufige Aufenthaltsraum ist das Herzstück von "The Freezer"

Und wie kam dann das Hostel zum Theater?
Kári Viðarsson: Island wurde bei Touristen immer beliebter und einer der schönsten Nationalparks, der Snæfellsnes, liegt gleich um die Ecke. Eine günstige Übernachtungsmöglichkeit gab es hier allerdings nicht und ich fand, dass Kultur und Tourismus sehr gut Hand in Hand funktionieren. Also habe ich es ausprobiert. Ich muss allerdings gestehen, dass ich an die ganze Sache sehr sorgenfrei ran gegangen bin – das ist einfach mein Gemüt. Auch das dritte Standbein ist relativ instinktiv entstanden. Wir bieten nun Künstlerresidenzen an. Junge Kunstschaffende aus der ganzen Welt können für eine Zeit lang im Freezer leben und an ihren Projekten arbeiten, im Gegenzug helfen sie im Hostelalltag. Natürlich bin ich an dem Projekt insgesamt gewachsen. Als die Besitzer mir sagten, dass sie das Haus verkaufen möchten, war mir klar, dass ich es halten will und die einzige Lösung war es zu kaufen. Nur mit Theater war es leider nicht finanzierbar und mit dem inzwischen sehr gut gebuchten Hostel schon.

Kannst Du dir erklären, warum "The Freezer" trotz der abgeschiedenen Lage so erfolgreich ist?
Kári Viðarsson: Rif ist mein Heimatort und ich habe einfach miterlebt, wie es ist, wenn es kein einziges kulturelles Angebot in der Nähe gibt. Und das ist eigentlich in ganz Island so. Ich habe nie verstanden, warum Kunst und Kultur nur in Reykjavik stattfinden können. Rif hat es mir ermöglicht, etwas das ich liebe an einem Ort zu machen, den ich liebe. Die Gemeinschaft hat das Projekt ganz wunderbar aufgenommen, denn auch wenn wir in Rif nicht viele sind, mögen wir es auszugehen und teilzuhaben. Da es diese Möglichkeit vorher nicht gab, wird „The Freezer“ lokal sehr gut angenommen. Inzwischen habe ich auch ein paar Shows auf Englisch für die Touristen, die auf einer Reise durch West Island sind und das wird auch immer besser angenommen.



Was erwartet mich als Gast von "The Freezer"?
Kári Viðarsson: Wir haben das ganze Jahr über geöffnet. Immer wieder finden Konzerte oder Theaterstücke statt. In unserem großen Aufenthaltsraum mit Bar ist zudem genügend Platz für Begegnungen zwischen Künstlern, Touristen und Einheimischen. Bei den Shows versuche ich, so oft es finanziell möglich ist, keine festen Preise zu machen, sondern jeden einzelnen Besucher entscheiden zu lassen, wie viel ihm der Abend wert war. Aus all diesen Gründen betiteln wir „The Freezer“ auch als Social Hostel. Wir freuen uns über jeden Gast, ob er nun über Nacht bleibt oder nur ein Bier trinken kommt, denn sie machen das Gesamterlebnis von "The Freezer" aus.

Und wenn Du mal einen Tag frei hast, wo hältst Du dich in der Gegend am liebsten auf?
Kári Viðarsson: Das ist ganz klar der schwarze Strand Djúpalónssandur, auch wenn es ein relativ bekannter Ort innerhalb des Snæfellsnes Nationalparks ist, bin ich dort so oft ich kann. Aber es gibt viele schöne Plätze in der Region, sodass es auch mir manchmal schwerfällt zu wählen.




Mehr zu den Themen: Island, Hostel, Theater

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