Hauptinhalt
GEO.de Seite 1 von 1


Island: Im Herzen des Gletschers

Auf Island wurde der zweitgrößte Gletscher aufgebohrt, um Touristen ein unvergessliches Erlebnis im Eis zu bieten und sie dabei für den Klimawandel zu sensibilisieren. Wie das funktioniert, haben wir uns vor Ort angesehen

Text von

Mehrere kleine Räume, wie diese Kapelle, sind in dem Tunnelgeflecht von 550 Metern zu finden. Die erste Hochzeit im Eis findet in wenigen Monaten statt (Foto von: Skarpi)
© Skarpi
Foto vergrößern
Mehrere kleine Räume, wie diese Kapelle, sind in dem Tunnelgeflecht von 550 Metern zu finden. Die erste Hochzeit im Eis findet in wenigen Monaten statt

Da sitzen wir nun in einer Kapelle aus Eis. Rund 30 Besucher aus allen Ecken der Welt drängen sich in den kleinen Raum, 40 Meter unter der Erdoberfläche. Guide Eirikur wählt seine Worte bedächtig. "Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird es diesen Gletscher in 150 Jahren nicht mehr geben." Niemand sagt etwas. Nicht die Amerikaner, nicht die Japaner und auch nicht die Europäer, die in ihrer bunten Thermokleidung aussehen wie Paradiesvögel. Für einen kurzen Moment ruhen Kamera und Smartphone, ein jeder versucht die Information zu verdauen. Und das ist gar nicht so einfach, denn wir sitzen nicht irgendwo, sondern mitten im zweitgrößten Gletscher Europas – dem Langjökull auf Island. Auf einer Länge von 50 Kilometern und einer Breite zwischen 15 und 20 Kilometern erreicht er eine Tiefe von bis zu 548 Metern. Schlicht, er ist gewaltig. Und 150 Jahre sind im Gegenzug nicht lang.

Während manche Offiziellen der anwesenden Nationen die Erderwärmung bis zum heutigen Tag als Hirngespinst der Umweltschützer abtun, bildet der Gletscher für die Isländer hingegen eine Lebensgrundlage, über deren Endlichkeit sie sich durchaus bewusst sind. Der Gletscher versorgt fast 80 Prozent der Haushalte mit Wasser. "Wenn Ihr heute zurück nach Reykjavik fahrt, werdet ihr mit Gletscherwasser duschen und es trinken. Ich wünsche mir, dass meine Urenkel das auch noch tun können", erklärt Eirikur, der selbst gerade erst Mitte dreißig ist. Es ist weiterhin still. Nur ein leises Tropfen hallt passenderweise durch die Gänge. Wir befinden uns auf keiner Bildungsreise, sondern in Westislands neuester Touristenattraktion "Into the Glacier". Ein 550 Meter langer Tunnel im Herzen des Gletschers – mit kleinen Räumen, Lichtinstallationen, Informationstafeln sowie Aussichtspunkte in eine 40 Meter tiefe Gletscherspalte.


Lediglich der Vatnajökull im Süden Islands ist noch größer als der Langjökull, was übersetzt so viel heißt wie "langer Gletscher" (Foto von: Roman Gerasymenko)
© Roman Gerasymenko
Foto vergrößern
Lediglich der Vatnajökull im Süden Islands ist noch größer als der Langjökull, was übersetzt so viel heißt wie "langer Gletscher"

Niemand zweifelte am Erfolg

Zu verdanken haben wir all das Arngrimur Hermannsson. Vor sechs Jahren kaufte er der NATO zwei alte Raketenträger ab und ließ Passagierkabinen auf ihren Rücken schrauben. Anders wäre das unwegsame Gelände aus Eis, Schnee und Lavageröll kaum passierbar. Seitdem chauffiert er Touristen auf den Gletscher. Doch Hermannsson hatte eine größere Vision und erinnerte sich an einen lokalen Bauern, der vor 20 Jahren eigenhändig eine Höhle in den Gletscher gegraben hatte, um Besucher in die verlassene Gegend zu locken. Allerdings lag diese am Fuße des Gletschers und schmolz mit den Träumen des Bauern im darauffolgenden Sommer dahin. Hermannsson wollte es besser machen. Entstehen sollte ein Tunnel, der die Besucher ins Herz des Gletschers führt, ihnen einen Einblick verschafft und sie für die rasante Gletscherschmelze sensibilisiert.

Das Briefing lag kurze Zeit später auf dem Tisch von Ingenieur Reynir Sævarsson. "Die Zeit war einfach reif. Dass es möglich ist, so etwas zu bauen, haben kleinere Projekte in den Alpen gezeigt. Niemand auf Island zweifelte also an dem Erfolg", erklärt Sævarsson seine sofortige Begeisterung für die Idee. Auch der Geldgeber war schnell gefunden: der Iceland Tourism Fund - ein Konsortium aus Landesbank, nationaler Fluglinie und Pensionsfonds war bereit, 2,5 Millionen Euro zu investieren. Sævarsson vermaß daraufhin die 925 Quadratkilometer des Gletschers, um die perfekte Einstiegsstelle zu finden. "Wir mussten oberhalb der Gleichgewichtslinie rein, denn dort wird mehr Eis gebildet, als wegschmilzt. Es besteht also keine Gefahr, dass der Tunnel einstürzt", erklärt der blondgelockte Isländer gewissenhaft. Er fand die perfekte Stelle auf 1260 Höhenmetern. Seit März 2014 wurde nach Sævarssons Skizzen gegraben und ausgehöhlt. Vier bis fünf Männer tagein, tagaus bis zur Fertigstellung im Juni 2015.


Aber ist es nicht widersinnig, einen Gletscher aufzubohren, um Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen? frage ich Eirikur, als sich die Besucher bereits wieder im Tunnelgeflecht verteilen. "Nein", sagt Eirikur. "Wir haben die Hoffnung, dass wir langfristig etwas in den Köpfen der Menschen bewegen und sie nach ihrem Besuch nachhaltiger handeln. Da hat dann auch der Gletscher etwas von." Immerhin 15.000 Touristen waren in den ersten vier Monaten bereits im Langjökull. Auch der isländische Geologe Ari Trausti Guðmundsson, der das Projekt von Anfang an begleitete, sieht keine Gefahr für das Ökosystem Gletscher durch die Bohrungen: "Für ,Into the Glacier’ wurden 6000 Kubikmeter Eis aus dem Gletscher geholt. Er besteht allerdings aus 180 Kubikkilometern." Der Eingriff ist also so minimal, dass der Tunnel innerhalb von zehn Jahren auf natürliche Weise verschwunden wäre, würde man ihn nicht in Stand halten.


Im Hintergrund rechts öffnet sich das erste Fenster in die Gletscherspalte, die sich 40 Meter durch den Gletscher zieht und mit dem Boden des Tunnels schließt (Foto von: Roman Gerasymenko)
© Roman Gerasymenko
Foto vergrößern
Im Hintergrund rechts öffnet sich das erste Fenster in die Gletscherspalte, die sich 40 Meter durch den Gletscher zieht und mit dem Boden des Tunnels schließt

Zufallsfund Gletscherspalte

Speckig schimmern die Eiswände. Ihre Strukturen ermöglichen einen Blick in Islands Wetter-Vergangenheit. Jede Schicht ein Jahr. Es lässt sich genau nachvollziehen, welche Winter schneereich und frostig waren und in welchen Sommern der Gletscher besonders viel verloren hat. Eirikur zeigt nach oben. An einigen Stellen sieht es rußig aus. Die Decke des Tunnels spiegelt das Jahr 2010 und den Ausbruch des Eyjafjallajökull. Die Asche des fast 300 Kilometer entfernt liegenden Vulkans hat sich im Eis des Gletschers verewigt. Wir erreichen eine Kreuzung und damit das Highlight der Gletscherstunde: die 40 Meter tiefe Spalte, die mit dem Boden des Tunnels schließt. Ein Zufallsfund. Die Männer rund um Sævarsson hatten unbemerkt für ein paar Tage in die falsche Richtung gebohrt und stießen so auf das gletschergeformte Wunderwerk. Wie ein Tor zu einer anderen Welt präsentiert sie sich den staunenden Besuchern. Lockt mit schimmernden Eiszapfen, die von der Decke hängen wie Diamantenketten und mit Wänden, die wattig-weich aussehen wie gefrorene Wolkenbetten. Wir stehen auf einer Holzbrücke mittendrin. Die Spalte windet und wendet sich rechts und links von uns, ihr Ende ist für uns nicht erkennbar. Doch ein beunruhigender Gedanke drängt sich trotz der Schönheit auf. Was wenn die Spalte entscheidet, sie benötige mehr Tiefe und uns alle mitnimmt?


"Das wird so nicht passieren, da sich der Gletscher nicht ruckartig, sondern stetig um wenige Zentimeter im Jahr gen Tal bewegt", beschwichtigt Eirikur. Die Gletscherspalte und der Tunnel bewegen sich mit, würden von der Masse getragen. Wir glauben ihm. Auch wenn es hier und da tropft und knackt, fühlen sich die meisten Besucher auf wundersame Weise geborgen. "Unwohl hat sich hier noch niemand gefühlt, auch die mit Platzangst nicht", sagt Eirikur. Wir erreichen den Ausgangspunkt unserer Wanderung durch die Gletscher-Tunnellandschaft. Ein paar Lichterketten weisen den Weg nach draußen. Als ich die dunkelblaue Plane beiseiteschiebe, fallen die ersten Augenblicke im grellen Tageslicht schwer. Doch dann zeichnet sich immer klarer das Weiß des Gletschers gegen das Blau des Himmels ab. Wie eine Haube stülpt er sich über die Landschaft. Er ist gewaltig, dieser Langjökull, von innen sowie von außen. Nur noch 150 Jahre lang?


Acht Reifen mit verstellbarem Reifendruck sind nötig, um den Gletscher zu befahren (Foto von: Roman Gerasymenko)
© Roman Gerasymenko
Foto vergrößern
Acht Reifen mit verstellbarem Reifendruck sind nötig, um den Gletscher zu befahren

Infos zu Into the glacier


Die Tour
Bester Ausgangsort für die Tour ist das Mini-Dorf Húsafell direkt am Ufer des Hvítá-Flusses. Von hier aus startet der Pick-up-Dienst in das Basecamp am Fuße des Gletschers. Die klassische Tour dauert zwischen zwei und drei Stunden. In den Sommermonaten Juni bis August werden vier Abfahrtszeiten täglich angeboten, zwischen Mai und Oktober drei wöchentlich. Die Tour kostet 118 Euro pro Person, Kinder bis 15 Jahre zahlen die Hälfte. Zudem gibt es eine Tagestour ab Reykjavik mit Stopps auf dem Weg zum Gletscher beispielsweise an der Hraunfossar-Wasserfällen (184 Euro pro Person) www.intotheglacier.is.

Übernachten
Wer nicht nur den Gletscher, sondern auch die umliegende Natur auf sich wirken lassen möchte, bleibt ein oder zwei Nächte in Húsafell. Seit Sommer 2015 gibt es in dem Dorf, das sonst aus Tankstelle, Bistro und Thermalbad besteht, nun auch ein Hotel. Holz und Erdtöne bestimmen das Design, bodentiefe Fenster sorgen dafür, dass man auch aus dem Bett heraus nichts von dem Naturspektakel vor der Tür verpasst. Zum Hotel gehört noch ein Campingplatz, Familien können sich in eins der Sommerhäuser einmieten, die auf dem weitläufigen Gelände liegen. www.hotelhusafell.com

Informationen
Mehr Informationen über Island hat www.inspiredbyiceland.com und zu weiteren Sehenswürdigkeiten in Westisland: www.west.is.


Die Recherche wurde unterstützt von Iceland Tourism und WOW Air. Dies hat keinen Einfluss auf den Inhalt der Berichterstattung.



Wetter & Klima: Island

Aktuelles Wetter



» Wetter Island

Klimadaten im

 
  • 9,1 °C max/ 2,3 °C min
  • 73 mm
  • 15 Regentage
  • 25% Sonne

» Klima Island



Mehr zu den Themen: Island, Gletscher, Klimawandel

Kommentar verfassen

Ja, ich möchte eine Benachrichtigung per Mail erhalten, wenn es neue Kommentare zu diesem Artikel gibt.
* Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine gültige Mailadresse ein. Diese wird später nicht auf unseren Seiten zu sehen sein. Um Missbrauch zu vermeiden, senden wir Ihnen jedoch eine Mail mit einem Aktivierungslink - einfach anklicken und schon ist Ihr Beitrag online!

Mit der Abgabe eines Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Kommentare zu "Im Herzen des Gletschers"

Bernd Döbler | 01.11.2015 14:17

Ein recht eigentümlicher Bericht, der mir eher aus einem der Prospekte für diese Tour abgeschrieben erscheint.
Die Sinnhaftigkeit (außer damit ‚ne ganze Menge Geld zu machen) bleibt leider verborgen.

„…aufgebohrt, um Touristen ein unvergessliches Erlebnis im Eis zu bieten und sie dabei für den Klimawandel zu sensibilisieren.“ Kann man besser, einfacher, ebenfalls unvergesslich aber (leider) deutlich preisgünstiger und auch weniger umweltschädigend mit einer Wanderung über einen der Gletscher erleben.

„Mehrere kleine Räume, wie diese Kapelle“ Ja und?!? So sieht ein Gletscher „in echt“ aber nicht aus. Das ist ein sehr, sehr großer Kühlraum. Sicher eine technische Meisterleistung, aber kein Gletschererlebnis.

„Acht Reifen mit verstellbarem Reifendruck sind nötig, um den Gletscher zu befahren“. Stimmt, aber warum sollte man einen Gletscher per Auto/LKW befahren?! Im Auto ist das gesuchte Naturerlebnis so stark relativiert und abgeschwächt, dass man es sich auch gleich ganz sparen kann.

„Die Tour kostet 118 Euro pro Person“. Ach so, deswegen. „Für den Klimawandel zu sensibilisieren“ klingt aber schöner ;-)

„Die Recherche wurde unterstützt von Iceland Tourism und WOW Air. Dies hat keinen Einfluss auf den Inhalt der Berichterstattung.“ Ja nee, is klar. Für so eine Extrem-Recherche braucht man unbedingt Unterstützung.
Bin ja echt froh, dass ich mein Geo-Abo schon vor ein paar Jahren gekündigt habe und solche Journalismus-Versuche nicht unterstütze.

Island ist wirklich schön – absolut richtig. Aber solche Touren?! Eher zweifelhaft. Aber dafür noch Werbung als Reportage zu kaschieren geht m.E. echt gar nicht.
Beitrag melden!


Daten werden gesendet ...


Bitte geben Sie Ihren Namen an!


Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ung�ltig!


Bitte geben Sie eine Empf�nger-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ung�ltig!




* Pflichtfeld

» E-Mail versenden «
Hinweis: Ihre E-Mail-Adresse und die E-Mail-Adresse des Empf�ngers werden ausschlie�lich zu �bertragungszwecken verwendet und nicht gespeichert oder an Dritte weitergeben!