Hauptinhalt
GEO Magazin Nr. 07/13 Seite 1 von 2


Neue Ökonomie: Es reicht!

Ausgerechnet aus dem Wirtschaftswunderland China kam das Alarmsignal: Wer auf ungezügeltes Wachstum setzt, muss mit dem Kollaps rechnen. Dabei gibt es längst Modelle einer nachhaltigen Ökonomie - auf lokaler Ebene

Text von Hanne Tügel

Vielleicht wird der 12. Januar 2013 als der Tag in den Kalendern der Zukunft stehen, an dem der globale Wertewandel begann. Oder als Meilenstein in der Endzeit einer einst blühenden Kultur. Es war jener Samstag, an dem Beijing die Luft ausging. Apokalyptische TV-Bilder von Hochhaus-Silhouetten im Dunst vor einer verfinsterten Sonne flimmerten um die Welt. Feinstaubwerte unter 50 Mikrogramm pro Kubikmeter gelten als gute Luft, 150 Mikrogramm als problematisch für Kinder und Herzkranke, 300 als so ungesund, dass man längere Aktivitäten im Freien vermeiden sollte. Einen Höchstwert von 522 hatte die US-Botschaft in Beijing im Vorjahr schon einmal gemessen. Nun aber waren es bis zu 993 Mikrogramm.


Länger nutzen, reparieren, teilen sind die Schlagworte des neuen Wirtschaftens (Foto von: Ocean/Corbis)
© Ocean/Corbis
Foto vergrößern
Länger nutzen, reparieren, teilen sind die Schlagworte des neuen Wirtschaftens

Die Ursache: keine Naturkatastrophe. Kein Chemieunfall. Nur das ganz normale Wirtschaften. Die Natur wies plakativ darauf hin, dass die "Grenzen des Wachstums" real sind, auf die der Club of Rome 1972 aufmerksam gemacht hat. Über 20 Millionen Einwohner unter der Smogglocke hofften nur auf eines: Wind. Im Abgasnebel um Luft zu ringen, zermürbt Reiche und Arme, Müllmänner wie Minister.


Mehr zum Thema
  • › "Wir fahren auf einem falschen Gleis"

    Während der Klimawandel ungebremst voranschreitet, gilt wirtschaftliches Wachstum immer noch als heilige Kuh. Der Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech fordert ein radikales Umdenken. Von allen

  • › "Erfreulich wird es nicht"

    Mehr Hitzetage, Stürme, Regenfälle: Wie gut ist Deutschland auf die Folgen der Erderwärmung vorbereitet? Ein Interview mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer

  • › Effizienzkiller Rebound

    Die Geschichte der technologischen Entwicklungen ist auch eine Geschichte der steigenden Energieeffizienz. Trotzdem nimmt unser Energie- und Ressourcenverbrauch ständig zu. Verantwortlich dafür ist der Rebound-Effekt

Kurz darauf kündigte Beijings Bürgermeister Maßnahmen an, darunter den Plan, das "übermäßige Wachstum" beim Autoabsatz stärker zu kontrollieren. In seiner Rede vor dem Volkskongress einige Wochen später übte der scheidende Premierminister Wen Jiabao Selbstkritik. Das chinesische Wirtschaftswachstum sei "unausgewogen, instabil und nicht nachhaltig". Die Umweltverschmutzung zehrt nach Berechnungen chinesischer Umweltplaner inzwischen 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf. Saurer Regen aus Chinas Schwefelabgasen vergiftet dabei nicht nur das eigene Land; er regnet auch über Korea und Japan ab. Und giftige Quecksilberpartikel wehen bis in die USA.

Die Folgen des "Immer Mehr"
Ein Anlass, sehr grundsätzlich über Wirtschaft, Wachstum und Wertschöpfung nachzudenken. Über die Folgen des "Immer mehr" bei Produktion und Konsum. Über die leise innere Stimme, die sagt, dass es nicht ewig so weitergehen kann: Auf der einen Seite die Übersättigung in den Gesellschaften der Wohlhabenden; allein in Deutschland landen pro Jahr elf Millionen Tonnen Lebensmittel und 400 000 Tonnen Schuhe und Textilien auf dem Müll. Auf der anderen Seite die Not der Armen, bei denen etwas Wachstum ankommen müsste, damit sie sich wenigstens das Lebensnotwendigste leisten könnten. Und über allem der ökologische Imperativ: Schützt eure Lebensgrundlagen, oder ihr werdet es bereuen!

Rohstoffvorkommen sind endlich; Umweltgüter wie Luft und Gewässer tolerieren Übernutzung und Verschmutzung eine Weile, aber nicht auf Dauer. Heute wissen wir ziemlich genau, wie weit wir jene Begrenzungen überschreiten, die uns die Natur vorgibt. Die Organisation "Global Footprint Network" kalkuliert alljährlich den "ökologischen Fußabdruck" der Menschheit. "2012 hat die Weltbevölkerung das 1,4-Fache dessen verbraucht, das die Biosphäre regenerieren kann", schreibt ihr Präsident, der Schweizer Mathis Wackernagel. Das heißt: Wir zehren das Naturkapital auf: Wälder, Böden, Gewässer.

Wir verhalten uns wie trotzige Kinder
Warum tun das eigentlich auch und gerade wir in den Industrienationen? Warum verhalten wir uns wie trotzige Kinder und opfern für kurzfristigen Genuss langfristige Lebensqualität? Warum ist es so attraktiv, zu kaufen und zu besitzen, auch Dinge, die man "eigentlich" gar nicht braucht? Warum lieben wir das "Schneller, höher, weiter" über den Wolken, auch wenn die Vernunft weiß, dass Fliegen besonders klimaschädlich ist? Die jährlichen Flugpassagierzahlen in Deutschland sind zwischen 2000 und 2011 von 143 Millionen auf 200 Millionen gestiegen, und die Luftfracht hat sich, mit Rosen aus Kenia und Hummer aus Kanada im Gepäck, im selben Zeitraum von 2,6 Millionen Tonnen auf 4,4 Millionen erhöht.

Eine nüchterne und bittere Erklärung gibt der Sozialpsychologe Harald Welzer. Er sagt: "Die Konzepte von Wachstum, Mobilität, Fortschritt sind in unserem emotionalen Haushalt verankert. Von Appellen bleiben sie völlig unberührt, denn die erreichen nur die kognitive Ebene." Seine Folgerung: Gegen lieb gewonnene Gewohnheiten und Verlockungen der Konsumgesellschaft kämen "Es ist fünf nach zwölf"-Botschaften nicht an.



Seite 1 von 2

Kommentar verfassen

Ja, ich möchte eine Benachrichtigung per Mail erhalten, wenn es neue Kommentare zu diesem Artikel gibt.
* Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine gültige Mailadresse ein. Diese wird später nicht auf unseren Seiten zu sehen sein. Um Missbrauch zu vermeiden, senden wir Ihnen jedoch eine Mail mit einem Aktivierungslink - einfach anklicken und schon ist Ihr Beitrag online!

Mit der Abgabe eines Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Momentan sind zu dem Artikel "Es reicht!" keine Kommentare vorhanden.


Daten werden gesendet ...


Bitte geben Sie Ihren Namen an!


Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ung�ltig!


Bitte geben Sie eine Empf�nger-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ung�ltig!




* Pflichtfeld

» E-Mail versenden «
Hinweis: Ihre E-Mail-Adresse und die E-Mail-Adresse des Empf�ngers werden ausschlie�lich zu �bertragungszwecken verwendet und nicht gespeichert oder an Dritte weitergeben!